Aus den Rollen treten

von Michael Laages

26. August 2017. Wem die Jungfrau gehört? Den Franzosen natürlich. Schon Friedrich Schiller hatte sie den Nachbarn ja kunstvoll entwendet und seinen Landsleuten zugänglich gemacht – damit sie wenigstens auf der Bühne wahrnehmen konnten, was das ist: ein Mythos der Freiheit. Ihr eigener Cherusker Herrmann taugte dafür nur bedingt, was bald darauf Kollege Kleist belegte. Eine Sehnsuchtsfigur wie das zwischen Berufung und eigenem Selbst zerrissene Bauernmädchen Jeanne lebt aber auch in der kollektiven Erinnerung Afghanistans; "Malalai" heißt sie, und in der Schlacht gegen die englischen Kolonialherren 1880 bei Maiwand führte diese Sanitäterin (so erzählt es jedenfalls die Legende) die bereits zu Aufgabe, Flucht und Unterwerfung bereiten Befreiungskrieger gegen jede Vernunft zum Sieg. Die transnationale Begegnung der Jungfrauen ist der Ausgangspunkt des Theaterprojekts, das jetzt beim "Kunstfest" in Weimar Premiere hat.

Im Spiegelkabinett der Seele

von Sascha Westphal

Weimar, 19. August 2017. Der Holzcontainer, der direkt am Stern, einem zentralen Punkt im Park an der Ilm, steht, fällt auf. Schon von weitem zieht er die Blicke der Flaneure auf sich. Er passt nicht so recht ins idyllische Bild, und das soll er auch gar nicht. Aber das wird mir so richtig erst später bewusst. Dann ist dieser jeweils für einen einzelnen Besucher konzipierte Gang durch das historische Weimar, der auch eine Reise ins Innere des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz ist, längst schon wieder vorbei, und ich bin zurück auf dem Weg in mein Hotelzimmer. Während der kurzen, nicht einmal eine Stunde währenden Vorstellung bleibt für Reflexionen dieser Art kaum Zeit. Dafür sind die Eindrücke, die auf einen einprasseln, zu überwältigend.

Wir sind Fake-News

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 11. Mai 2017. Dem Zeitungsjournalismus geht es schlecht. Besonders im Osten. Zeitungen werden fusioniert wie Orchester und Theater. Allenfalls Sensationsmeldungen könnten der Auflage (oder der Auslastungsquote) noch etwas aufhelfen. Nachrichten über Terroranschläge, neue Untaten der Despoten bräuchte man, aber auch da sind Twitter oder Spiegel-Online schneller. Da hilft nur das Do-it-yourself-Prinzip. Jeder ist sein eigener Faktenschaffer. Das vereinfacht die Recherche, und man hat das Monopol der Berichterstattung.

Die Luft, sie ist vergiftet (oder: Die Jugend ist wütend)

von Henryk Goldberg

Weimar, 26. Februar 2017. Doch, hier muss was faul sein im Staate. Mindestens die Luft ist vergiftet. Die Männer, die hier die Wache haben, tragen rote Overalls, schließlich, Dänemark ist ein Gefängnis und sie schützen sich mit Gasmasken. Das macht, was sie sagen, dumpf und schwer verständlich, aber was sind unverstandene Worte, wenn die Welt im Ganzen nicht verständlich ist. Einer der Männer schält einen anderen aus dem roten Anzug, der ist sehr blond und eine Frau. Der mit dem Muskel-Shirt spricht schnell und glatt, wir werden ihn nicht mögen. Die blonde Frau nimmt einem anderen die Maske ab. Der ist darunter weiß geschminkt, seine Hose ist zur einen Hälfte, an einem Bein, ganz weiß. Der Mann hat etwas von einem Harlekin, nur, dass er nicht lustig ist. Sein Name ist Hamlet.

Fünf leere Stühle

von Henryk Goldberg

Weimar, 1. September 2016. Der Mann vorne schwärmt, träumt: Wie es wäre, wenn die Menschen Nomaden wären, grenzenlos, ortlos, zwanglos. Hinten die Gruppe bewegt die Hände in den Eimern mit Wasser; das Geräusch, das sie dabei erzeugen, umspült den Raum und die Sinne, Vögel schreien dazu. Und beinahe ist es, als sänge Achim Reichel von den fernen Inseln der Glückseligkeit. Jenen Inseln, auf denen der Brauch des Kula gepflegt wird, der rituelle Gabentausch, wo die Gaben mit einer Geschichte versehen sind und wandern zwischen den Menschen. Ein Band aus Geschichten, das die Menschen umschlingt mit einer sanften, herrschaftsfreien Bindungskraft. So träumen sie einen Traum von Einigkeit und Recht und Freiheit.

Abschied vom Ich

von Sascha Westphal

Weimar, 25. August 2016. Der erste Eindruck ist schier überwältigend. Im großen Festsaal des Schießhauses fällt mein Blick sofort auf die weiße Tür, die mitten im hinteren Drittel des riesigen Raums steht. Es ist fast so, als trete man in ein Gemälde René Magrittes. Und mit jedem Schritt, mit dem ich mich angeleitet von einer der Begleitpersonen dieser Tür nähere, wird die Wirklichkeit brüchiger, bis da nur noch diese Tür ist. Sie löscht den Saal aus und mit ihm alles Vertraute. Es bleibt nur eins, sie öffnen und in das kleine Sperrholz-Kabuff eintreten, das sich hinter ihr verbirgt.

Faust ist auch nur ein Popstar

von Christian Rakow

Weimar, 27. Februar 2016. Im Grunde ist dieser Satz einem jeden Regisseur mit auf den Weg gegeben, der sich an "Faust II" wagt: "Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt." Goethes Alterswerk ist wahrlich ein Bühnenunding. Wer sich als Leser einmal durch die "klassische Walpurgisnacht" geackert hat – oder wohl eher durch den Anmerkungsapparat dazu – ahnt, dass die Spuren dieser Mythenspiele nicht in Äonen abgeschritten werden können.