Neun Lorenzos und ein Denkmal

von Matthias Schmidt

Weimar, 1. Februar 2020. Das erste Wort des Abends lautet: "Arschloch". Erst leise, dann lauter, schließlich vielstimmig wird es wiederholt. Die Capulets sind mit den Montagues im Gespräch. Sie hassen sich. Sie sagen es sich. Sie schreien es sich ins Gesicht. Schließlich prügeln sie sich. Willkommen in der Welt von Romeo und Julia. In der Zeitung stünde wahrscheinlich, es habe sich um eine Auseinandersetzung zweier rivalisierender Großfamilien gehandelt. Willkommen in einer rasanten Inszenierung voller sublimer Andeutungen.

Familenbande im Gezeitenwechsel

von Harald Raab

Weimar, 10. November 2019. Der Ort könnte nicht passender sein, um Abwicklung in Szene zu setzen: das alte E-Werk Weimars, heute Spielstätte des Deutschen Nationaltheaters. Es riecht immer noch nach Schmieröl. Leitungsrohre ohne Zweck laufen von irgendwoher nach nirgendwo, museale Eisensaurier des Industriezeitalters. Auf der Bühne eine Arena, begrenzt von einem Mauerhalbrund. In der Mitte, wolkig ausfransend die deutschen Farben Schwarz, Rot, Gold aufgetragen. Links ein Monumentalgemälde zu Ehren 40 Jahre DDR-Sozialismus mit Gottvater Marx, einem Held der Arbeit und einer Genossin. Rechts ein Bild der hedonistischen Bauhausgesellschaft beim Maskenball mit Altmeister Gropius als Mephisto. Der Maler Dieter M. Weidenbach, einst Meisterschüler bei Willi Sitte, trägt live noch letzte Pinselstriche auf. Und die Parole "Fuck the Wall". Vom Bühnengeschehen lässt er sich kaum beeindrucken.

So furchtbar richtig

von Henryk Goldberg

Weimar, 4. Oktober 2019. Was sagt er da? "Der letzte Trunk sei nun…"? Und wer redet ihm da dazwischen? Die jungen Frauen verteilen weiße Blüten und er verkündet nun "die Träne quillt, die Erde hat mich wieder". Was ist das nun wieder?

Enge Räume

von Henryk Goldberg

Weimar, 30. Mai 2019. "Bonjour Tristesse" sagt die Dame im blassblauen Badedress, sie heißt Natalija. Eigentlich hat sie keinen Grund, irgendetwas zu sagen, doch irgendjemand muss schließlich etwas sagen. Kann aber sein, sie will uns sagen, was das, was wir nun sehen werden, uns sagen will. Obwohl, wir hätten es wohl auch so verstanden, zumal, es dauert ziemlich lang.

Make Schwyz Great Again

von Kornelius Friz

Weimar, 1. Februar 2019. Wer in Weimar "Wilhelm Tell" inszeniert, droht zweifach zu scheitern. Zunächst darf man dem Herrn Schiller nicht zu untreu werden, was Jan Neumann seinem Tell vorsichtshalber sogleich voranstellt, indem er zwei Karikaturschweizern die Meta-Ebene sowie Äpfel aus Esspapier und Pappe umlegt. Und zugleich sollte man sich hüten, nicht nur in Weimar, den vollbesetzten Saal mit Schillers Versen in den Schlaf zu leiern, wie es den meisten im Publikum als Pennäler womöglich schon einmal passiert ist. Siehe da, Neumann wagt den Balanceakt und gewinnt.

Aus einem bürgerkriegszerrissenen Land

von Tobias Prüwer

Weimar, 3. November 2018. Mensch und Masse: Auf diese Formel könnte man das monumentale Erzählwerk "November 1918" herunterbrechen. Am Deutschen Nationaltheater Weimar unternimmt nun André Bücker nichts Geringeres, als Alfred Döblins vierbändiges, in der Emigration entstandenes Revolutionsepos auf die Bühne zu bringen. Die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Masse, des Menschen in der Revolte, kleidet Bücker in ein Spektakel mit Chor und Orchester.

Fuck you, Pantoffeltierchen!

von Henryk Goldberg

Weimar, 8. Februar 2018. Eine frei gehängte Leinwand, ein Overhead-Projektor. Zurüstung für eine Unterrichtsstunde und eine üble Vorahnung. Und dann kommt sie. Hübsches Kleid, Brille. Und referiert, übel gelaunt und resigniert, über die Schönheit des Pantoffeltierchens und der übrigen Welt, die zum Teufel geht, weil wir uns den Teufel um sie scheren. Verliert die Nerven wegen der genervten, "scheiß-dummen Kinder", deren Gedanken wir zu hören glauben: "Fuck you, Pantoffeltierchen!" Und fragt verzweifelt "Was ist an einem After lustig?" Lustig, saulustig ist die komische Verzweiflung, die sanfte Parodie dieser Biologie-Lehrerin, die Nadja Robiné so lustvoll schmiert. Ökologisch engagiert und praktisch hilflos. Wie wir.