Wash your dirty hands

von Sarah Waterfeld

5. November 2020. Neuerdings beharren Kulturschaffende auf der Systemrelevanz der Kunst. Die Systemrelevanz der Theater wollen nicht wenige im löblichen Engagement gegen Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungsformen oder gar kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse sehen, denn Theater sind dezidiert keine reinen Unterhaltungstempel, sondern Diskursstätten, in denen aufgeklärt, analysiert, historisiert wird.

Vom Hammer und der Freundlichkeit

4. November 2020. Theaterkritiker*innen sind eine vom Aussterben bedrohte Art. Der Grund dafür: eine dramatisch veränderte Medienlandschaft. Jobs und Plätze für Theaterkritik werden seit Jahren knapper. Die einstigen Großkritker*innen haben längst ihre Hochsitze in den Feuilletons geräumt. Die Rolle der Kritiker*innen als Stellvertreter*innen des Publikums ist fragwürdig geworden, denn "das" Publikum gibt es nicht mehr. Unterschiedliche Zielgruppen tauschen sich über eigene Kanäle in den sozialen Medien aus. Für Literaturkritikerin Sigrid Löffler ist dieses "elektronische Stammtischgeschnatter" eine "unerwünschte Konkurrenz" zum professionellen Kultur-Urteil.

Mehr als Genderfragen

von Falk Schreiber

Hamburg, 2. November 2020. Sympathisch, wie Amelie Deuflhard der Fauxpas gleich bei den einleitenden Worten unterläuft. Die Intendantin des Hamburger Produktionshauses Kampnagel begrüßt die Besucher*innen des vom Ensemble Netzwerk initiierten Geschlechtergerechtigkeits-Arbeitswochenendes "Burning Issues", erwähnt kurz den bevorstehenden Lockdown, bedauert "Wozu sollen unsere Theaterräume gut sein, wenn wir sie nicht live bespielen dürfen?", freut sich, dass die mittlerweile dritte "Burning Issues"-Ausgabe trotz Lockdown und Pandemiebeschränkungen vor Ort (und im Livestream) stattfinden kann. Und erklärt "Das Festiv… die Konferenz!“ für eröffnet.

Nicht spalten, sondern solidarisieren

von Monika Gintersdorfer
in Zusammenarbeit mit Dalel Bacre, Madhusree Dutta, Hauke Heumann, Sarah Israel, Octopus, Schellhammer/Mukenge, Felizitas Stilleke und Gregor Zoch

29. Oktober 2020. Dieser Text ist eine Reaktion auf Veröffentlichungen der letzten Monate zum Thema Klimaschutz und Reisen beziehungsweise NICHT-REISEN von Künstler*innen. Für mich sehr aufwühlend und bedrohlich, aber ich versuchs mit einer kühleren Bestandsaufnahme, bei der mir Künstler:innen und Kollektive in Gesprächen und E-Mails geholfen haben.

"Es braucht ganzheitliche Lösungen"

Christopher Rüping, Katinka Deecke und Timo Raddatz im Interview mit Christian Rakow

28. Oktober 2020. Mit "Dekalog" schuf das Schauspielhaus Zürich im April und Mai dieses Jahres eine mehrteilige Netztheater-Serie über moralische Dilemmata und existenzielle Handlungszwänge (hier die Nachtkritik vom Aufktakt). Angelehnt an die gleichnamige Filmreihe von Krzysztof Kieślowski wurden zeitgenössische Erzählungen im Lichte der biblischen Gebote entfaltet: von "Du sollst keine Götter haben neben mir" bis zu "Du sollst nicht neidisch sein". Die Erzählungen wurden als Monologe im Bühnenraum des Zürcher Schiffbaus live aufgeführt, abgefilmt und parallel über die Website des Schauspielhauses einmalig live ausgestrahlt. Bis zu 1000 Zuschauer*innen schalteten sich pro Episode ein.

Bildet Banden!

von Georg Kasch

28. Oktober 2020. Es ist ein bitteres Déjà-vu: Theater, Opern- und Konzerthäuser müssen schließen. Montag geht's los in Deutschland. Besonders schmerzhaft ist diesmal das Label, unter das die Kulturbetriebe zumindest in Deutschland fallen: nicht Bildung, sondern Unterhaltung. Deren Besuch ist nämlich ab dem 2. November in Deutschland verboten, jedenfalls außerhalb der eigenen vier Wände. Im Entwurf zu den heutigen Beschlüssen der Bundeskanzlerin und der Landeschef*innen werden Theater in einem Atemzug mit Messen, Kinos, Freizeitparks, Vereinssport und Fitnessstudios genannt, aber ebenso mit Wettbüros und Bordellen.

Die performative Parallelwelt von TikTok

von Konstantin Küspert

22. Oktober 2020. Das komische Gefühl verschwindet schnell. Das komische Gefühl auf einem Schulhof zu sein. Als über 30jähriger 14jährige bei eitlem Verhalten zu beobachten. Das hört auf, sobald die Algorithmen trainiert sind, und mir mehr und mehr gut gemachte, überraschende, witzige und vor allem sprühend kreative Kurzvideos gezeigt werden, auf der "fyp", der "for you page" von TikTok.

Netztheater. Positionen | Praxis | Produktionen

Berlin, 21. Oktober 2020. Seit 2013 veranstalten die Heinrich Böll Stiftung und nachtkritik.de gemeinsam die Konferenz "Theater und Netz" in Berlin. In diesem Jahr musste die Zusammenkunft ausfallen. Coronabedingt. Aber Corona brachte nicht nur Einbußen, sondern auch einen Schub für die Themen der Netz-Konferenz.

Piratinnen und Komplizen

von Sophie Diesselhorst und Christian Rakow

Berlin, 21. Oktober 2020. "Es ist immer das Volkstheater, das den Karren aus dem Dreck zieht. Im Laufe der Jahrhunderte hat es viele Formen angenommen, und es gibt nur einen Faktor, den sie gemeinsam haben – eine Rauheit. Salz, Schweiß, Lärm, Geruch: das Theater, das nicht in einem Theater ist, das Theater auf Karren, auf Wagen, auf Böcken, das Publikum steht, trinkt, sitzt an runden Tischen, das Publikum macht mit, antwortet zurück; Theater in Hinterzimmern, in Zimmern im Obergeschoss, in Scheunen (...)."

Theater ohne Theater

von Anne Aschenbrenner und Sebastian Huber

Wien, Herbst 2020. Als die Content-Managerin am 10. März 2020 an ihrem Schreibtisch im vierten Stock des Burgtheaters ihre Sachen packte, um im Home Office den kürzlich zugezogenen Bänderriss zu kurieren und die digitalen Agenden des Theaters remote von der Wohnzimmercouch aus zu dirigieren, ahnte sie nicht, dass sie erst in knapp einem halben Jahr dieses Haus wieder betreten würde. Laptop und Ladekabel umgehängt, verließ sie das Haus, vom Corona-Virus wusste man zu diesem Zeitpunkt, dass es aus China in Italien angekommen war. Pandemien waren noch Stoffe, aus denen Netflix-Filme sind.