Medienschau: Deutschlandfunk Kultur – Streitgespräch zum Hinrichs-Abend
Epochenwechsel-Drama oder epigonaler Nachklapp?
Epochenwechsel-Drama oder epigonaler Nachklapp?
20. Februar 2026. Das Theatermagazin "Rang 1" auf Deutschlandfunk Kultur hat angesichts auseinanderklaffenden Meinungen über Fabian Hinrichs' neuen Volksbühnenabend "Irgendetwas ist passiert" ein Streitgespräch anberaumt.
Die Berliner Kritikerinnen Barbara Behrendt (rbb) und Christine Wahl (nachtkritik.de) sind zu Gast bei Moderator Janis El-Bira in "Rang 1" auf Deutschlandfunk Kultur (14.2.2026) und fechten ihren Dissens aus. Für Wahl bearbeitet Hinrichs' Abend den "Epochenwechsel, in dem wir gerade stecken" und markiert den Zusammenfall der Grenze zwischen "der Welt" (draußen) und "unserer Welt" (den heimischen vier Wänden); das postmoderne Spiel der Zeichen werde verabschiedet. Für Behrendt fügt der Abend dem, was Hinrichs mit René Pollesch in "Geht es dir gut" geschaffen hat, "nichts hinzu": "Es wird dasselbe Thema verhandelt, aber auf einem niedrigeren intellektuellen Niveau, mit geringerer Textqualität und mit weniger ausgereiften ästhetischen Mitteln, dafür aber mit mehr Larmoyanz und auch mit einem moralischen Gestus."
Das komplette Gespräch hören Sie in der Mediathek von Deutschlandfunk Kultur.
(deutschlandfunkkultur.de / chr)
Anm. Redaktion: In einer ersten Fassung dieser Medienschau hieß es fälschlicherweise, Barbara Behrendt würde den neuen Abend mit "ja nichts ist ok" vergleichen. Der Vergleich bezieht sich aber auf den Vorgängerabend von Pollesch/Hinrichs "Geht es dir gut". Wir haben die Stelle berichtigt.
Hier lesen Sie die Nachtkritiken zu den verhandelten Abenden:
- Nachtkritik: Irgendetwas ist passiert von Esther Slevogt (1/2026)
- Nachtkritik: Geht es dir gut von Christian Rakow (3/2022)
- Nachtkritik: ja nichts ist ok von Christian Rakow (2/2024)
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Doch zunächst einmal möchte ich der Grundannahme des Gesprächs widersprechen. Nach Durchsicht der Kritiken muss konstatiert werden: es gibt die angenommen ausgewogene Polarität nicht. Bis auf Frau Behrendt und noch jemanden kann tatsächlich nur Begeisterung erkannt werden. Eine Frage, die deswegen in mir aufgekommen ist: Tritt Frau Behrendt als Repräsentantin nicht vorhandener Vieler auf, weil sie auch beim Deutschlandfunk arbeitet?
Was mir aber noch viel mehr als das mediale Scheinriesentum aufstösst, ist die fast peinliche intellektuelle Schludrigkeit in der Analyse. Während Frau Wahl überzeugend darlegt, warum beispielsweise der Einsatz der Bilder und der Töne in der Inszenierung von sowohl dialektischer Tiefe als auch von einer bestechenden künstlerischen Weiterentwicklung des Bisherigen zeugt, kann Frau Behrendt sich nicht entscheiden, was ihr denn eigentlich nicht gefällt und warum nicht: einmal ist es der Text, ein anderes Mal die Art der Darstellung, am Ende das alles eher doch nicht, sondern vielmehr die (fehlenden) Mittel der Regie. Leider versäumt Herr El-Bira es, im Laufe des Gesprächs auf ein interessantes Detail hinzuweisen, das mir bei der Kritikenrecherche aufgefallen ist: Frau Behrendt spricht der Inszenierung den „intellektuellen Überbau“ ab, für den in ihren Augen ehedem dann René Pollesch zuständig war. Schaut man sich ihre Rezensionen insbesondere des letzten großen Pollesch-Hinrichs-Dramas „ja nichts ist ok“ an, erfährt man bestürzt, dass sie auch hier schon der Inszenierung jeglichen tieferen intellektuellen Gehalt abspricht und auch dort Düsternis ablehnt. Wie passt dieses Durcheinander gedanklich zusammen? Wie kann Frau Behrendt etwas vermissen, das (für sie) vorher doch schon nie da war?
Es scheint so, dass nicht Hinrichs und die Inszenierung ursächlich für Frau Behrendts hilflosen Analyseversuch sind. Vielmehr drängen sich zwei Deutungsvokalbeln auf, die zu Anne Hinrichs und ihrem Beruf führen: Verneinung und Verleugnung. Denn wenn Frau Behrendt die Bilder, die irgendwann jeden Winkel des Hauses und der Menschen auf der Bühne ausfüllen, „nichts sagen“, nicht „zu ihr sprechen“, wird das so sein. Aber warum tun sie das nicht? Und hier scheint dann die Möglichkeit einer ganz persönlichen Weiterentwicklung als Kritikerin und auch als Mensch auf: aus dem unreflektierten, von Deutungstiefe freien Ressentiment hinaus, in reiche Gedanken und Gefühle hinein. Auch wenn es wehtut, es lohnt sich.
Vor vielen Jahren sah ich etwas ähnliches im HAU. Da erklärten Hinrichs und Kamerun den Kapitalismus. Erkenntnisgewinn null. Die Kritiken für die aktuelle Veranstaltung, ob so oder so, versuchen dem Abend eine Bedeutung zu verleihen, die er nicht hat. Dass Kritiker für ihr "Bauchgefühl" immer rationale Argumente finden, auch klar, ist ja ihr Beruf.
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Mein Lieblingskritikermoment neulich auf dem Vorplatz nach der Premiere eines anderen "umstrittenen Stücks" - Pinguinversammlung im Schneematsch, sagt die eine "ich schreibe schlecht" - die anderen nicken grinsend, außer einem SZ-Journalisten mit überdimensionalen Kopfhörern (Kälteschutz), der den Distinktionsmoment erkennt, ebenfalls nickt beim Schlechtschreibeschwur - und dann gut schreibt und seine Kolleg*innen in der Kritik als "Streber" abkanzelt. Wirkt alles pubertär und hermetisch.
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Begreift endlich: Pollesch ist tot. Ein bisschen lebt er in den Stücken weiter, natürlich. Und auch in Hinrichs. Aber Kritiker müssen sich schon entscheiden, entweder Groupie oder Pinguin. Bitte bei Hensel nachschlagen, Analyse statt Befindlichkeiten.
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ich würde hier die These aufstellen, dass Sie die Inszenierung nicht gesehen haben.
Sie gehen ja auf die Struktur des Abends, seine Ästhetik(en), seine Komplexität nicht ein. Also das, was Sie fordern, lese ich bei Ihnen selbst überhaupt nicht. Christine Wahl hingegen argumentiert in dem Gespräch ausführlich anhand von dem, was auf der Bühne gesagt und getan und gezeigt wird.
Lassen Sie uns doch die einzelnen Akte/Teile der Aufführung zusammen durchgehen und analysieren, diskutieren. Ich fange mit dem Prolog an: was haben Sie da gesehen, gedacht? Was passiert da und wie? Und was glauben Sie warum es passiert?
Akt Zwei: Was passiert, bevor die Werbefläche erlischt? Warum erlischt sie in genau diesem Moment? Was wurde vorher gezeigt und zwar genau vorher? Was macht Hinrichs, wenn auf dem Rundhorizont etwas erscheint? Wo erscheint noch etwas auf der Bühne, zur selben Zeit? Warum erscheint es dort? In welchem Bezug steht es zum Text nach dem Dialog in der Küche?
Akt Drei:
Wie ordnen Sie das Ende ein, sowohl was den Ton als auch die Vorgänge betrifft?
Ich freue mich auf konstruktiven Austausch fern von Daumen rauf und Daumen runter, sondern anhand des Gesehenen und Gehörten. Sie sprechen ja Allen und so auch mir, dem die Arbeit außerordentlich gefällt, die hermeneutische Kompetenz ab. Ich bin übrigens kein Pinguin, kein Groupie, sondern Lektor.
"Am Anfang ist da ein Dialog. Aber es fehlt der Partner. Fabian Hinrichs wechselt die Positionen. Mal spricht er die Rolle des Paul, mal die der Claudia. Dabei schaut er in die Richtung der jeweils anderen Person, doch da ist nur Leere. Dieser erste Streit, eine von voielen Eskalationen einer vollkommen zerrütteten Beziehung, wird zum Monolog, zum Selbstgespräch. Das Gegenüber, der*die Andere, der Gegenpol und zuweilen Feind – er muss ihn in sich selbst finden, beschwichtigen, verletzen, bekämpfen, sich mit ihr*ihm versöhnen. Diese Lücke, diese Abwesenheit durchzieht den Abend.
Irgendwann nach dem ersten Streit, der bis ins Mark ging und weiter, der vom „Paar“ nichts übrig ließ als die Asche einer versuchten Liebe, hebt sich der eiserne Vorhang. Ein hübsches Häuschen erscheint, das sich vergrößert und wieder schrumpft und sich bald schon fragmentiert (Bühne: Nina von Mechow). Das Dach hebt sich, später fällt eine Fassade, wie auch die Fassaden von Claudia und Paul lägst gefallen sind. Das Haus öffnet sich, wie ein offen gelegtes Herz auf dem OP-Tisch. Und eine Operation am offenen Herzen ist dieser Abend – zunächst im Privaten, dann im ganz Universellen. Denn aus dem Beziehungskrieg wird bald ein echter, einer, der die ganze Welt erfasst hat, der alles in Schutt und Asche legt: Menschlichkeit, Empathie, Menschenrechte, das leben als solches. Der Abend knüpft an die letzten Arbeiten mit René Pollesch an. In Geht es dir gut? ließ sich die Außenwelt angesichts der Corona-Verwerfungen nicht mehr fernhalten, in ja nichts ist ok brach sie vollends ein ins Private und verwüstete es unwiederbringlich. Hier ist im ersten Moment schon alles verloren, der Haustürschlüssel, das Vertrauen, die Liebe.Die einst Liebenden trippeln im Joggingschritt auf der Stelle, später hasten sie durchs Haus – wohin? wovon weg? – raspeln manisch Gemüse, graben sich ein in Bett oder Schlafsack.
Denn heraushalten lässt sich hier nichts mehr. An einer Stelle befiehlt Claudia, den gerade geschauten Horrorfilm auszuschalten, weil sie ihn nicht mehr aushalte. Doch er lässt sich nicht stummschalten. Kaum verschwindet er auf dem Schlafzimmer-Fernseher, verdrängt er auf der Werbestele vor dem Haus die zuvor dort laufende Reklame für Luxusprodukte. Gleich darauf erscheinen Kriegslandschaften auf dieser riesigen Bühnenrückwand. Schon zuvor, in der Küche, waren wiederholt Sirenen und Schussgeräuschen eingedrungen in das geschützte Heim. Doch das Dach ist lägst weg, die Fassade löchrig – Schutz gibt es hier keinen mehr und in einer Privatheit, die selbst schon längst Schlachtfeld ist, erst recht nicht. Und so gesellt sich zum Blitz, von dem Paul erzählt, dass er ihn metaphorisch getroffen habe, als er Claudia traf, der Donner, jener des Krieges, des Artilleriefeuers und Bomben, den lauten und sichtbaren wie des stillen und verborgenen Sterbens. Die Zeit löst sich auf, Erinnerungen weichen der Gegenwart, verschmelzen mit ihr, das private kollidiert mit der Grausamkeit dieser Welt. Das Leben als dunkle Materie. Auch das ein Bild, das Hinrichs in den Saal wirft und gegen Ende bebildert. Da tigert er ruhelos über die Bühne, im Dämmerlicht, rätselhafte Symbole auf der Jacke gespenstisch schimmernd. Er irrt durch die Düsternis einer vom Menschen zerstörten Welt, durch die dystopische Gegenwart, die ihre Zukunft verschlingt. Das leiden der anderen, es ist, wie es einmal heißt, in die welt der Privilegierten „hineingetropft“ und hat sie überflutet. „Das einzig Unglaubliche in meiner Welt warst du“, sagt der Erschöpfte Paul gegen ende zu Claudia. Nicht mehr. Unglaublich ist jeder Tag (...) Ein erschütternder, bewegender, großer Abend."
Nichts gegen Sascha Krieger (Prospero), aber könnte hier eine Verwechslung von Sascha Westphal und Sascha Krieger vorliegen hinsichtlich der Funktion als TT-Juror ??
Auch ich habe die Essays von Hinrichs in der FAZ gelesen und fand seine Ausführungen schon immer naiv, konservativ und erschreckend einfältig. Ich verachte im Übrigen auch inbrünstig lokalpatriotische Tatorte oder überhaupt das deutsche Fernsehen. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.
Spätestens als Simon Strauß 2020 an der Volksbühne in Kooperation mit der FAZ wirkte und dieses Ereignis (...) auch noch von Hinrichs mit einem Video beworben wurde (Folge 6 der FAZ-Reihe: Theater und die Kunst zu Leben. „Sardanapal“), hatte ich gehofft, dass Pollesch nie wieder mit Hinrichs zusammenarbeiten würde. Doch leider, leider kam es anders und die Stücke wurden mit jedem Mal schlechter. Diese peinliche Einlage der Flying Steps, die in den 90ern vielleicht mal krass waren und Street Credibility hatten aber allerspätestens seit ihrer Kooperation mit Red Bull und Jeep 2015 nur noch als Mainstreamkecks galten. Da bin ich schon sehr tief in meinen Sitz gesunken vor Fremdscham. Pollesch hat sich meines Erachtens künstlerisch in einer Sackgasse befunden, in einer Double-Bind-Situation, und den Schmerz darüber hat er in seinem letzten Stück verarbeitet. So jedenfalls habe ich es interpretiert. Über Hinrichs Sardanapal kann ich leider nicht ausführlich schreiben, ohne mich strafbar zu machen. Einfach: Nein.
Vielleicht war es der größte Fehler Polleschs, seine Ein-Personen-Stücke (mit Chor) überhaupt jemals mit einer „weißen, männlichen Hete“ besetzt zu haben, wenn auch in „markiert“. Denn selbstverständlich hätte auch eine Frau den Text von "Kill your Darlings" durch den Abend tragen können und es wäre richtiger gewesen. Aber es bringt nichts im Nachhinein ergründen zu wollen, wann die ganze Sache einen Knacks bekommen hat.
In Polleschs Antirepräsentationstheater hatten wir es eben nicht mit Figuren zu tun, sondern mit Text, der von Spieler*innen gesprochen wurde. Schonungslos hat Pollesch über Jahrzehnte die Perversionen menschlichen Zusammenlebens im Kapitalismus analysiert und seziert und sich dabei von unzähligen Theoretiker*innen inspirieren lassen, nur um die Geste der großen Erkenntnis mit einem leichten Witz wieder ins Lächerliche zu ziehen. Wie ich diesen Schalk vermisse!
Wirklich überhaupt kein Interesse hatte Pollesch an bürgerlichen, heteronormativen Kleinfamilien bzw. Paarbeziehungen. Er wollte wirklich überhaupt nicht wissen, was da am Küchentisch vor sich ging, wenn er von außen in ein Fenster sah. Und auch kein Interesse hatte er an der Perspektive der weißen, männlichen Hete. Da hilft es auch nichts, eine Ehefrau alibimäßig zu vorzuschieben. Das macht es schlimmer.
(...)
Pollesch hatte schon vor über zwanzig Jahren begriffen, das Hetero-Beziehungen im Patriarchat ein gewaltvolles Ausbeutungs- und Unterdrückungs-Konstrukt sind. In etlichen Stücken hat er das thematisiert. Aber ich glaube sofort, dass bestimmte Herren dies bei dem ganzen „Diskurspogo“, den sie bei Pollesch groteskerweise erkannt haben wollten, überhört haben. (...)
_____
(Anm. Redaktion. Polemiken, die übers Ziel hinausschießen, sind aus diesem Kommentar entfernt worden.)
Sie schreiben: "Themen von Pollesch und Hinrichs in „Geht es dir gut?“, „ja nichts ist ok“ und auch nun von „Irgendetwas ist passiert“ sind nicht Gender, Patriarchat und Repräsentation, sondern ein existentielles Einsamkeits- und Ohnmachtsgefühl, das immer und überall da ist." - und eben genau da liegt Ihr Irrtum. Gender, Patriarchat und Repräsentation (und einiges mehr) sind immer Themen im Theater und auch überall da, ob sie nun expliziert werden oder nicht. Es geht immer auch um Ideologien, die vertreten oder verworfen werden, denn Ideologiefreiheit ist eine Illusion. Im Interview mit der Berliner Zeitung vom 25. Januar 2026 sagte Fabian Hinrichs: "Wenn man die antike griechische Zivilisation betrachtet: die hatten Zeit und Raum, miteinander spazieren zu gehen und öffentlich zu denken. Diese öffentliche Dimension des eigenen Lebens fehlt heute bei vielen Menschen oder sie wird simuliert und versilbert durch die Anbieter von Social-Media-Plattformen." Und es tut mir wirklich leid, aber das ist nunmal einfältig und genau genommen (meinetwegen sogar unfreiwillig) reaktionär. Es ist doch so, dass bisher Uneinigkeit darüber "herrscht", ob Frauen überhaupt an Theateraufführungen in antiken Stadtstaaten teilnehmen durften, da sie aus dem öffentlichen Leben weitestgehend ausgeschlossen waren. Wenn überhaupt kann es sich nur um vereinzelte Frauen gehandelt haben. Auf der Bühne standen sie jedenfalls nie. Hinzu kommt, dass mindestens 30-40% der Bevölkerung im antiken Griechenland Sklav*innen waren, in einigen Staaten waren es bis zu 80% oder gar 90% Prozent der Gesamtbevölkerung. Die hatten selbstverständlich auch nix vom tollen Theater, von Philosophieschulen, Bohnengerichten usw. Neben den "bürgerlichen" Frauen war also eine nicht insignifikante Anzahl der Bevölkerung der absoluten Willkür ihrer Besitzer ausgesetzt inklusive sexualisierter Gewalt, Mord, Folter usw. Krieg fand natürlich auch die ganze Zeit statt und war ebenfalls grausam, auch ohne Drohnen. Wer also ist denn da so friedlich öffentlich denkend umherspaziert in dieser ach so wundervollen antiken Zeit?
Was also wird mir mit Hinrichs in der Volksbühne geboten? Ich sehe zunächst einen strukturell überprivilegierten weißen hetero Cis-Mann, der über eine Hetero-Paarbeziehung sinniert und dabei die Rolle der Frau auch gleich mitspielt. Mitgeschrieben hat seine Ehefrau, die sich strukturell in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Protagonisten befindet. Plötzlich ist es auch gar nicht mehr so wichtig, ob irgendwer professionelle Künstlerin ist oder nicht - da der Ehemann hier zum Privileg verhilft. Damit können wir umgehen, das erscheint uns vertraut. Dann diese pauschale Verunglimpfung sozialer Medien als Simulation. Wie wäre es denn, sich mit den Personen zu beschäftigen, die sich bis zur totalen Erschöpfung daran machen, soziale Non-Profit-Gegenöffentlichkeiten zu kreieren und zu verwalten - im Fediverse z.B. Wie wäre es, über solidarische Strukturen an Theatern nachzudenken, wie sie ja nun mittlerweile gefordert werden? Doch eigentlich ist nichtmal das denkbar, sich neben den ganz doll Vertrauten eben einfach auch mal mit anderen Menschen auseinanderzusetzen und mit ihnen Kunst und Strukturen auszuhandeln. Nee, dafür ist Man zu feinfühlig. Es ist eben einfacher, über den eigenen Weltschmerz, die eigene Unzulänglichkeit zu lamentieren. Niemand findet mehr zueinander? Doch, Menschen organisieren sich und brennen aus, weil sie in der Minderheit sind, weil sie gegen Ignoranz und soziale Kälte einstehen und eben nicht im Eigenheim über Marmorplatten streiten. Es gäbe so vieles, was auf dieser Volksbühne gezeigt werden müsste an Emanzipatorischem, denn Sie sagen ja richtig, es kann auch darum gehen, eine Zuflucht zu finden. Doch Sie müssten doch wissen - die Heimat der Unterdrückten ist der Aufstand und nicht etwa der Abgesang. Und wenn weite Teile der konservativen Presse begeistert sind, sich abgeholt fühlen, dann läuft etwas gewaltig schief.
Ich fand diesen neuen, anderen Pollesch mit Hinrichs an der Seite damals eher befremdlich, allzu "menschelnd" und larmoyant mit einem seltsamen Existenzialismus-Pathos, die Texte bereits da recht banal und die Art des Schauspiels, dieses leiernd Deklamatorische, kaum zu ertragen. Manchmal blitzte etwas auf in der Theatermaschine, aber für mich war das zu wenig. Und ich habe wirklich mehrere Abende gesehen.
Und nun? Kommen Sie jetzt mit Kritiken von früher? Was ich sagen will: Nicht alle mögen und schätzen Hinrichs so sehr wie Sie, seinen Beitrag nicht, seine Sicht nicht, seine Art nicht, ob mit oder ohne Pollesch. Eher kommt es mir inzwischen so vor, als ob sich hier ein Schauspieler zum begnadeten Theatermacher aufzuschwingen berufen fühlt, weil er mit einem solchen eng zusammengearbeitet hat und ihm nun sein eigener Beitrag daran rückblickend immer größer gerät. Das ging schon mit seinen vereinnahmenden Texten nach Polleschs Tod los und stieß unangenehm auf.
Dass Sie nun sogar den anderen, den diskursiveren und vielleicht queereren Pollesch desavouieren als das Uneigentliche mit "Überflüssigem" und "Aufgesetztem" und mithin die "Diskurspuppen" von Kaube tanzen lassen, lässt tief blicken und selbst etwas pietätlos sein, je nach dem, von wo aus Sie sprechen. Ich möchte Claudia T., deren polemische Stellen ich gerne gelesen hätte, in ihrer Bewertung zustimmen. Für mich zeichnete sich da früh eine Sackgasse ab, und nun gräbt Hinrichs lautstark in ihr herum und kommt kein Stück weiter.
Wie zu lesen ist, ist Anne Hinrichs Psychoanalytikerin. Das Durchschnittsgehalt in diesem Berufsfeld liegt laut Google bei 150.000 Eur. Wo da eine strukturelle Abhängigkeit vom Ehemann liegen soll, weiß ich nicht, erschließt sich mir nicht. Und warum soll Anne Hinrichs keine Künstlerin sein? Man sieht doch, dass sie eine ist. Haben die großen Romane und Dramen Literaturwissenschaftlerinnen geschrieben oder nicht eher Drucker (Genet), Juristen (Kleist) oder Matrosen (Melville)?
Ein Stück zu schreiben ist natürlich kein demokratischer, kein partizipatorischer Akt, sondern muss alleine oder mit einer/einem engen Vertrauten geschehen. Es ist ja keine Hausarbeit.
Du schreibst, ein „Cis-Mann sinniert über Beziehungen“ zu Beginn des Stückes. Das ist vielfach falsch. Es ist in ästhetischer und gedanklicher Hinsicht ein radikaler Anfang, was Stimme, Ort (Eiserner Vorhang) und auch den Repräsentationskritik betrifft. Es hat eine solche Brachialität im Ausdruck, ähnlich der Hardcore-Musik, das von „Sinnieren“ nun wirklich nicht die Rede sein kann. Auch wird nicht über „Beziehungen“ geredet, sondern auf der Stelle tretend geht es um die Abbruchkanten sozialer Beziehungen, um unter Dialogmüll verborgene psychische Zerstörungslandschaften, die später mit den gesellschaftlichen Zerstörungen verzahnt werden. Das ist großartig. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob das zwei Menschen sein sollen, die da vor uns erscheinen oder auch nur ein Mensch. Denn es kann gut sein, dass das ganze Stück nur von den schizoiden Abspaltungen EINES Menschen (Paul) handelt, ähnlich wie in „ja nichts ist ok“. Claudias Text ist um Einiges reflektierter als Pauls. Sie vertritt eine feministische, dominante, handelnde und gestaltende Position, er hingegen ist gefangen in Hilflosigkeits- und Abhängigkeitsgefühlen. Es ist genau andersherum! Haben Sie dem Dialog denn beigewohnt? Ich bin eine Frau und war dankbar, genau diese selbstbewusste Position Claudias so abgebildet zu sehen und das von einem Mann! Fantastisch!
Nächster Punkt: soziale Medien werden in dem Stück überhaupt nicht behandelt. Zu keinem Zeitpunkt spielt ein Smartphone oder ein Laptop eine Rolle.
Weiter:die Bilder in dem Stück werden gerade nicht als „Simulation“ verunglimpft! Da hast Du vielleicht zu schnell Baudrillard gegoogelt? Das Grandiose an der Inszenierung ist unter vielem Anderen der Einsatz der Bilder in Verbindung mit der inhaltlichen Grundarchitektur des Abends von „Privatem“ und „Öffentlichem“. Die „öffentlichen Bilder“ werden gerade nicht als Simulation kritisiert, sondern als „Tatsachen“, es sind „Bilder von Taten, die wirklich geschehen sind“. Auch hier kommt die Frage auf, ob das Stück überhaupt gesehen wurde, oder einfach Inhaltsangaben im Netz gelesen wurden? Denn gerade die Einordnung von Medien und Bilder als rein virtuelle Realität, die Menschen nichts mehr angehen und keinen Bezug zum Realen mehr haben wird in der Inszenierung abgelehnt!
Paul sagt an einer Stelle, dass er manchmal denke beim Anblick seiner Tastatur, dass „alles Zeichen geworden sei, auch das Morden mit Faßbomben“. Und dann aber folgt der Satz: „Aber das kann doch nicht sein. Denn es sind doch Tatsachen.“ . Es sind eben nicht Signifikanten wie die auf der Hochglanzbildsäule von Hermes und Prada, längst Subjektsubstitut gewordene Zeichen globaler Verwüstung von Subjekt und dessen Lebenswelt. Es sind Bilder realer Verwüstungen auf dem Laptop, auf dem Fernseher, die durch tägliche Reproduktion auf den Bildschirmen eben durch diese alltägliche Präsenz im Alltag paradoxerweise unsichtbar gemacht werden. Aber dennoch, und hier kommt die furchtbare Dialektik dieses Abends wunderbar zum Tragen, „tropfen sie in dieses Leben hier hinein“, in den Alltag. Indem anschließend die Bilder auf das Rund hinten UND die Wohnung projiziert werden, auf eine Garage, auf alles, was den Alltag des Menschen/der Menschen hier physisch repräsentiert, werden die Bilder durch Hinrichs und Hinrichs wieder sichtbar gemacht: jeder sieht sie riesengroß im Theater, sieht die Zerstörungen im Öffentlichen und im Privaten riesengroß und kann nicht umschalten. Mann und Frau sehen die Zerstörungen im Theater (im öffentlichen Raum!) und eben nicht mehr Zuhause. Dieser geniale inszenatorische Effekt entbirgt die Bilder wieder, sie werden Teil der Realität in diesem Moment, für alle Zuschauer. Und all das geschieht in deutlicher Opposition zu Baudrillards veralteter Medientheorie. Und es ist eben kein Eigenheim, sondern eine Mietswohnung, an einer befahrenen Straße, deutlich durch Straße, Plakatwand und E-Roller markiert. Die Position als Mieterinnen wird in dem Stück wie in dem Stück mehrfach thematisiert.
Aber auch dafür muss man das Stück wirklich gesehen haben. Die Plakatwand zeigt übrigens Plakate gegen Gewalt gegen Frauen. Endlich!
Wenn Du schreibst, das Stück sei „kein Aufstand, sondern ein Abgesang“, kann ich auch diese Einschätzung nicht teilen und sie widerspricht auch dem Ende. Falls Sie das Stück gesehen haben, ist das Ende ja so: Paul und Claudia oder vielleicht auch nur Paul (?) verkriechen sich im Schlafsack. Sie hören dadurch nicht die Explosion, sie sehen auch nicht, dass ein militarisiert gekleideter Mensch (eben kein Soldat, es könnte auch jd von ICE sein) irgendwohin läuft. Das ist also eine KRITIK am Abgesang. Es ist eine Kritik am Nicht-mehr-Hinschauen. Für all dies müßte man selbst aber tatsächlich hinschauen (und nicht nur den eigenen Text aufsagen und vielleicht gar kein Ticket….?). Ein Letztes: seit wann ist „nd“ ein konservatives Medium? Und die „Berliner Zeitung“ oder die „SZ“? Ungleiches gleich behandeln reproduziert Ungleichheit. Müssen wir Frauen immer bedenken.
Der Kampf um Deutungshoheit über die eigene Arbeit von vielen Theaterleuten auf nachtkritik ist nachvollziehbar, ab einem gewissen Punkt aber zuviel. Diese Überdeutung der Zeichen und der penetrante Verweis auf die eigene Einzigartigkeit ist übergriffig und überflüssig und scheinbar auch nicht an Austausch, sondern nur an autoritärer Belehrung und Kontrolle interessiert. .
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(Anm. Redaktion. Wir lassen das mal als klar markierte Überinterpretation und vermessene Spekulation stehen. Und bitten, zur Sache des Abends zurückzukehren.)