Propaganda - Theater Heidelberg
Ich bin dann mal rechts, Ihr Vögelchen!
4. Oktober 2025. Sprachcodes, die Zugehörigkeit herstellen: So verbreitet sich rechte Ideologie in sozialen Medien. In ihrem Stück greifen Juan Pablo Troncoso und Björn SC Deigner diese Propagandamechanismen auf. Als chilenisch-deutsche Koproduktion inszeniert Ana Luz Ormazábal die Uraufführung, im Rahmen des Theaterwochenendes, welches das iberoamerikanische Festival ¡Adelante! weiterführt.
Von Steffen Becker
"Propaganda" von Juan Pablo Troncoso und Björn SC Deigner, uraufgeführt am Theater Heidelberg © Susanne Reichardt
4. Oktober 2025. Chile ist weit entfernt. Luftlinie von Süddeutschland: über 12.000 Kilometer. Für ein gemeinsames Stück über "Propaganda", geschrieben von Juan Pablo Troncoso und Björn SC Deigner, inszeniert von Ana Luz Ormazábal am Theater Heidelberg, ist das Land dennoch ein naheliegender Kandidat. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen liegt dort ein ultrarechter Kandidat in den Umfragen vorne, der als Sohn eines nach 1945 emigrierten Wehrmachtsoffiziers geboren wurde. In Deutschland nehmen Vertreter der AfD positiven Bezug auf die Diktatur Augusto Pinochets. Ein parlamentarischer Mitarbeiter in Baden-Württemberg kommentierte die Feststellung, dass der Gewaltherrscher politische Gegner aus Hubschraubern werfen ließ, mit dem Ausspruch "So muß das!" [sic].
Internationale Gerüchteküche
Regisseurin Ana Luz Ormazábal weitet in der Einführung vor der Uraufführung den Blick noch ins Internationale. Weltweit verschiebe sich die Ausrichtung vieler demokratischer Länder nach extrem rechts – befördert von sozialen Medien, die polarisierenden Content belohnen. Stück und Inszenierung finden für diese Ausgangsbeobachtung ganz verschiedene Zugänge. Roter Faden sind Gerüchte-Sequenzen. Die Schauspieler*innen scheinen etwa im Dialog zu sein, dass in Chile die Kriminalität steigt (wegen der kolumbianischen Zuwanderer), wechseln aber von Spanisch zu Englisch und Französisch – ein simpler wie anschaulicher Move, um die Austauschbarkeit (und Effektivität) rechter Propaganda greifbar zu machen. Funktioniert halt leider überall.
Von Progapanda verführt: Josefa Cavada, Ignacia Agüero, Leon Maria Spiegelberg, Nicole Averkamp und Mariela Mignot © Susanne Reichardt
Visuell entscheidet sich die Bühnenbildnerin Maria Walter für eine erwartbar düstere Komposition. Ineinander verschachtelte Quader und Trapeze im Betonlook, auf denen Social-Media-Streams und Reizworte nur in Bruchstücken zu lesen sind. Videoprojektionen (Pablo Mois) dienen aber auch dazu, Ungesagtes auszudrücken. Phasenweise werden die Schauspieler*innen als digitale Avatare im Look antiker Statuen verdoppelt – Sinnbild der Rückwärtssehnsucht, die rechte Propaganda wechselseitig entfacht oder bedient.
Von einer Filterblase in die nächste
Über weite Strecken konzentriert sich das Stück nicht auf explizit politische Botschaften, sondern auf den im Vorfeld des Politischen ausgetragenen Kulturkampf. Im Mittelpunkt der Textcollage steht Nicole Averkamp als Tradwife Ramona. Die verkündet im Netz ihren „süßen Vögelchen“, den toxischen Ehemann verlassen zu haben. Die Sogkraft des alternativen Rechts-Universums führt sie allerdings gleich in die nächste abhängig machende Filterblase – ins Retro-Leben auf einer Farm der völkischen Anastasia-Bewegung. Lässt sich ja auch gut streamen.
Ab ins Netz mit dem schönen rechten Leben: Mariela Mignot, Nicole Averkamp, Josefa Cavada und Ignacia Agüero © Susanne Reichardt
Averkamp verkörpert Ramona als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Getrieben vom digitalen Erfolg, gefangen im Weltbild, auf dem dieser ruht. Zugleich strahlt sie einen robusten Charme aus, der das Publikum daran erinnert, nicht die Menschen zu verurteilen, sondern die Manipulationsmechanismen, deren Opfer sie wurden – selbst, wenn sie sich den ideologischen Bewegungen anschließen.
Mitgefühl für einen Incel?
Einen zweiten Strang verfolgt "Propaganda" mit einem Incel, als Rolle aufgeteilt auf Leon Maria Spiegelberg und Josefa Cavada. Die beiden flehen via Webcam „Elon“ um Rat an: Wie es den Frauen heimzahlen, dass sie in der Genetik-Lotterie verloren haben, vulgo sexuell nicht beachtet werden? Hier kommt der deutsch-chilenische Moment der Inszenierung am stärksten zum Tragen. Beide Typen klagen ihr Leid aus unterschiedlichen Perspektiven. In der chilenischen Version spielt der Aspekt des sozialen Status im Angesicht krasser Armut eine dominantere Rolle. In beiden Fällen führt Regisseurin Ormazábal auch hier die Figuren nicht vor, man kann fast ein bisschen Mitgefühl entwickeln (aber nur fast).
Den übrigen Schauspieler*innen bleiben in der Collage nur Unterstützerrollen, in denen man lärmen, aber nicht in die Tiefe gehen kann. Ein Umstand, an dem auch das Gesamtwerk etwas krankt. Einerseits logisch, dass die in der Inszenierung gezeigte Realität zum Ende hin abdriftet – ins immer Krassere, wie von Algorithmen vorgegeben. Andererseits verliert das Stück "Propaganda" an mahnendem Schrecken, je mehr es sich von realen rechten Narrativen, die es aufgreift, wie dem Bevölkerungsaustausch, entfernt – hin zu einem absurden Asyl-Verfahren an der chilenischen Grenze, nachdem Europa in einem Bürgerkrieg versunken ist.
Propaganda oder: Sind das wirklich meine Gedanken, die ich denke?
Von Juan Pablo Troncoso und Björn SC Deigner
Regie: Ana Luz Ormazábal, Komposition: José Manuel Gatica Eguiguren, Bühne und Kostüme: Maria Walter, Video: Pablo Mois, Lichtdesign: Ralph Schanz, Dramaturgie: Deborah Raulin.
Mit: Ignacia Agüero, Nicole Averkamp, Josefa Cavada, Mariela Mignot, Leon Maria Spiegelberg.
In Koproduktion mit dem Kulturzentrum Gabriela Mistral und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Santiago de Chile
Premiere am 3. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.theaterheidelberg.de
Kritikenrundschau
Eine "einer schlüssigen, symbolisch aufgeladenen Collage" wohnte Volker Oesterreich für die Rhein-Neckar-Zeitung (3./4..10.2025) bei. Er sah "'Propaganda'-Szenen, die gut 100 Minuten lang mit Influencer-Trash, Parolen einer Marine Le Pen oder rassistischer Hetze einer deutschen Rechtsaußen-Parlamentarierin über 'Kopftuchmädchen' und 'Messermänner' arbeitet. Klar, jeder weiß, wer hinter den letztgenannten Anspielungen biederfraubrandstifterlich weidelt."
Kritisch sieht Björn Hayer für die Deutsche Bühne (4.10.2025) diese Produktion: "Auch wenn das Stück hier und da mit amüsanter Situationskomik aufwartet, handelt es sich doch letztlich um Botschaftstheater. Es gibt ein Statement gegen Kräfte wie die AfD oder andere neurechte Gruppierungen, um das herum man einen Text verfasst hat. Weder vermag er durch eine nennenswerte Metapher noch durch gefeilte Dialoge zu brillieren. Stattdessen setzt er auf plakative Slogans und Wendungen wie etwa den Krieg als dystopische Zuspitzung."
"Theater aus Lateinamerika ist drastisch und immer politisch", sagt Susanne Burkhardt in ihrem "¡Adelante!"-Festivalbericht für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (5.10.2025) und stellt darin auch diesen Abend vor, "der die Macht rechtsnationaler Erzählungen in den sozialen Netzwerken untersucht“ in Stimmen der Macher*innen vor".
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