Die Katze auf dem heißen Blechdach - Theater Heidelberg
Wir brauchen mehr Zuckerguss
14. Dezember 2025. "Die Katze auf dem heißen Blechdach" spielt in einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Also versieht Holger Schultze das Tennessee-Williams-Familiendrama in seiner Heidelberger Inszenierung mit reichlich kontraintuitivem Glitter und betont das Künstliche. Eine Figur ragt in die Gegenwart, eine andere kommt einem nahe.
Von Steffen Becker
"Die Katze auf dem heißen Blechdach" in Heidelberg © Susanne Reichardt
14. Dezember 2025. Big daddy hat Innenausstatter mit morbidem Geschmack. Da hat man sich hochgearbeitet zum größten Farmer diesseits des Mississippi, feiert seinen 65. Geburtstag – und im Hintergrund stehen riesige Stängel, die aussehen, als wären Baumwollspindeln zu Eiszapfen erstarrt.
Passt einerseits zu dem, was Big Daddy (im Gegensatz zum Großteil seiner Angehörigen) noch nicht weiß: Er hat Krebs, die Herrschaft über Farm und Familie ist bald Vergangenheit. Andererseits passt es auch zum Stück selbst. Das handelt von Geschlechterrollen in den USA den 50ern. Die Zeiten haben sich geändert, der Klassiker hat Patina angesetzt. Regisseur Holger Schultze, auf seiner Abschiedsrunde als Intendant in Heidelberg, hübscht diese mehr auf, als dass er sie runterkratzt.
Aus der Zeit gefallen
Er kleidet seine Schauspieler ein, als hätte der Innenausstatter des Trump Tower die Kostüme entworfen (in Wahrheit: Annabelle Gotha) – gold-glanz, bling-bling. Es geht schließlich um ein großes Erbe. Er rückt die Homosexualität des von Big Daddy geliebten Sohnes Brick stärker in den Vordergrund. Im Vergleich zur Vorlage wird deutlich ausgesprochen, dass Brick über die verlorene Liebe zu seinem Jugendfreund Skipper dem Alkohol verfällt – von seiner Frau Margaret, von (einem erstaunlich verständnisvollen) Big Daddy.
Big Daddy und seine kaputten Verwandten: Hans Fleischmann, Andreas Seifert, Steffen Gangloff, Beteiligte des Kinderchors, Lisa Förster, Nicole Averkamp, Marco Albrecht © Susanne Reichardt
Trotzdem wirken die Konflikte des Originals etwas aus der Zeit gefallen. Das zeigt sich in Heidelberg deutlich an den Hauptfiguren. Hans Fleischmann gibt als Big Daddy den Morgenmantel-Patriarchen, der seinen kranken Sohn wieder geradebiegen will. Dröhnend wie man sich einen Südstaaten-Boss so vorstellt – aber damit auch einen zeitlosen Aspekt des Stückes übertönend. Der in der Analyse läge, warum es Männern unmöglich zu sein scheint, ein Gespräch über ihre innersten Gefühle zu führen.
Giftspritze im Maga-Look
Daran ändern ein zeitlos-surrealer Bühnenaufbau in eisigen Farben ebenso wenig wie ein geisterhafter Kinderchor, der mit Gedichten (ebenfalls von Tennessee Williams) Big Daddy dessen Schwächen vorhält. Henriette Blumenau müht sich sichtlich, ihrer "Katze auf dem heißen Blechdach" die Züge einer modernen Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs zu verleihen. Aber das überdeckt nicht die eher historisch anmutende Konvention, als Frau unbedingt Mutter werden zu müssen oder an einen Mann gebunden zu sein, der keine Beziehung mehr will.
Familiendrama im Glitzerlook: Henriette Blumenau, Thorsten Hierse © Susanne Reichardt
So kommt es, dass die fast schon parodistisch anmutende Darstellung von Lisa Förster als Mae noch am meisten vom Heute erzählt. Als gierige Giftspritze im Maga-Look - die ihre Kinder als Asset benutzt, um Big Daddy zu beeindrucken – ätzt sie als lebendiger Kommentar zur (politischen) US-Kultur durch den Abend. Überhaupt hätte die Gesellschaftskritik eines Tennessee Williams mehr Raum verdient gehabt unter der Perspektive eines eskalierenden Raubtierkapitalismus mit Big-Tech-Daddys im Mittelpunkt.
Kapitulation
So fühlt man sich im Publikum manchmal wie Thorsten Hierse als Brick – dem das Leben da draußen (auf der Bühne) mal so richtig am Arsch vorbeigeht. Seine (schauspielerisch) nüchterne Darstellung eines Säufers, der sich Allem durch Aufgeben entzieht, gehört gerade deswegen zu den Highlights des Abends.
Die Katze auf dem heißen Blechdach
von Tennessee Williams, Übersetzung: Jörn van Dyck
Regie: Holger Schultze, Bühne: Florence Schreiber, Kostüme: Annabelle Gotha, Licht: Ralf Kabrhel, Dramaturgie: Deborah Raulin.
Mit: Henriette Blumenau, Thorsten Hierse, Nicole Averkamp, Hans Fleischmann, Lisa Förster, Steffen Gangloff, Marco Albrecht, Andreas Seifert, Emily Arundel, Liam Brinkmann, David Kesternich, Live-Musik: Paul Pötsch, Tobias Nessel, Kinderchor: Emily Arundel, Michael Beilmann, Anton Berger, Liam Brinkmann, Jonathan Dittmar, Alma Celia Drayton, Gina Gramlich, David Kesternich, Samuel Sendler, Charlotte Thil.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.theater-heidelberg.de
Kritikenrundschau
In Schultzes Inszenierung greife dieser Aspekt der Homosexualität Bricks "mit emotionaler Intensität Raum", schreibt Martin Vögele im Mannheimer Morgen (15.12.2025). "Thorsten Hierse spielt den jüngeren Pollitt-Sohn mit differenziertem Fingerspitzengefühl. (...) Hans Fleischmanns Vaterfigur hingegen poltere patriarchisch "und entblößt doch konzis die Narben und Verhärtungen, die das Leben mit all seinen Lügen hinterlassen haben. Dieser Moment disruptiver Wahrhaftigkeit zwischen beiden ist schlichtweg glänzendes Schauspiel, glänzendes Theater." Vögele lobt auch die anderen Schauspieler*innen und die "feingesponnene Livemusik".
Wie gut, dass dieses Stück wieder auf der Bühne zu sehen ist. Viel zu lange herrschte in unseren Theatern eine Tennessee-Williams-Abstinenz, schreibt Volker Österreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (15.12.2025). "Der ironisch bewusst etwas überkandidelte Ästhetizismus der güldenen Festtags-Kostüme (gestaltet von Annabella Gotha) und die vom Bühnenbildner angedeutete Noblesse des Südstaaten-Anwesens tragen dazu bei, aus der Produktion eine runde Sache zu machen. (...) Die Darsteller, allesamt Routiniers ihres Fachs, setzen dem Ganzen ein Krönchen auf."
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