forecast : ödipus - Theater Konstanz
Blühende Landschaften versprechen
26. April 2025. In Thomas Köcks Ödipus-Überschreibung warnt das Orakel laut vor Kreons ehernem Gesetz, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Regisseurin Maike Bouschen hat "forecast : ödipus" in Konstanz mit Fokus auf den Systemwechsel und den Tanz am Abgrund inszeniert.
Von Julia Nehmiz
Thomas Köcks "forecast : ödipus" von Maike Bouschen in Konstanz inszeniert © Ilja Mess
26. April 2025. Sie hängen tanzend im überdimensionierten Autogerippe. Bumm bumm bumm. Stupide Technorhythmen drängen die Körper zu Bewegung. Jeder tanzt für sich allein. Party in Endzeitstimmung, die letzte aller Partys, aber wer weiß, vielleicht geht noch eine allerletzte. In dieses Setting packt Regisseurin Maike Bouschen am Theater Konstanz "forecast : ödipus" von Thomas Köck.
"Living on an damaged planet", hat Köck seine Neufassung des antiken Dramas im Untertitel genannt. Die Welt taumelt dem Abgrund entgegen. Kein Regen fällt, draußen gibt es keine Tiere mehr und keine Pflanzen, drinnen im Palast von Ödipus und Iokaste dafür Wasser, Smoothies und Trauben im Überfluss. Bei Sophokles musste Ödipus seinem Schicksal folgen, erkennen, dass er der Schuldige war, der den Vater tötete, die Mutter ehelichte und sie in den Tod trieb. Der antike Ödipus stach sich die Augen aus, ließ sich vertreiben, und erlöste so Theben von der Pest. Sein Schwager Kreon konnte übernehmen.
Tänzchen am Abgrund
Diese Erlösung gibt es bei Thomas Köck nicht. Ödipus kann sich schon die Augen ausstechen, doch das hilft nicht gegen den Untergang der Erde. Der ist kein von Göttern bestimmtes Schicksal, er ist menschengemacht. Bei Thomas Köck will das niemand wissen. Delphi-Orakel Pythia weiß es zwar, aber niemand hört auf sie. Und der blinde Seher Teiresias missinterpretiert ihre Weissagung wissentlich, um das System am Laufen zu halten. Ödipus und sein Schwager Kreon wollen also den Kriminalfall um den getöteten Laios lösen und so die Apokalypse aufhalten.
Ende der fossilen Verbrenner-Ära? Nein, immer noch nicht, aber um den Systemwechsel wird in "forecast : ödipus" gekämpft: Ulrich Hoppe als Kreon, Jasper Diedrichsen als Ödipus, Ruth Macke als Iokaste © Ilja Mess
Das klingt düster. Köck gilt als Chefapokalyptiker der deutschsprachigen Dramatik, bekannt wurde er mit der "Klimatrilogie". Doch der österreichische Autor hat in sein 2023 am Staatsschauspiel Stuttgart uraufgeführten Stück viel parodistischen Ton gepackt. Dem ist die Konstanzer Regisseurin Maike Bouschen immer wieder auf der Spur. Sie inszeniert "forecast : ödipus" als Pop-Techno-Revue und dramatisches Kammerspiel mit Anflügen von moralschwerem Diskurstheater. Ihre vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler beherrschen den Wechsel von lässiger Ironie zu sophokleischem Tiefgang.
Veränderung wohin?
Ausstatterin Franziska Isensee hat auf die leere Bühne das stählerne Gerippe eines riesigen Cybertrucks gebaut. Auf diesem turnen Ödipus, Iokaste, Kreon und Teiresias munter herum, feiern Party, hängen auch mal ratlos in den Stahlstangen. Doch im Mittelpunkt stehen Seher Teiresias und Orakel Pythia. Es ist der Kampf zwischen zwei Systemen – dem rückwärtsgewandten, alles soll bleiben wie es war, und dem wissenden, es muss sich etwas ändern, sonst folgt die Katastrophe. Teiresias ist bei Michaela Allendorf ein wendiger Spin-Doctor, knallharte und charmante Geschäftsfrau, deren Deals die Mächtigen folgen. Sie greift Köcks Worte wie klare Kristalle. Orakel Pythia (Anne Rohde) wird als verdruckte, verhärmte Frau gezeigt, die sich wie eine Drogenabhängige an ihrem Orakel-Nebel berauscht, die kleine Nebelmaschine trägt sie als eine Art Handtaschen-Flachmann immer bei sich.
Orakelbefragung: Lilian Prent und Anne Rohde © Ilja Mess
Kämpferisch fordert Rohdes Pythia, das System zu ändern. Ulrich Hoppe spielt Kreon (im samtblauen Onesie) als Angsthasen mit Anflügen einer Dramaqueen, Hoppe kostet den Humor voll aus und zelebriert Köcks poetisch-mächtige Sprache. Der greise Chor ist bei Lilian Prent eine lebensfroh-dümmliche Möchtegern-Influencerin, die natürlich auch nicht aktiv gegen das drohende Ende der Welt angeht.
Ehernes Gesetz
Franziska Isensees kräftige Kostümsprache überdeckt manche Figur. Pythia ist grün-versiffte Öko-Hexe. Ödipus und Iokaste tragen gesichtsbedeckenden Fetisch-Masken, die sie erst ablegen, wenn sie Ödipus' Taten erkannt haben. Doch auch wenn Jasper Diedrichsen und Ruth Macke allzulange hinter Ganzkopfmasken versteckt sind, ihr Spiel dringt durch.
Trotz Augen-Ausreißen, Suizid, Endzeitstimmung wollen die Figuren am alten festhalten. Da helfen auch die beherzten, etwas abgedroschenen Ausbrüche von Pythia und Iokaste nichts. Teils wird die große Moralkeule ausgepackt, man kann ja nicht oft genug darauf hinweisen, dass sich etwas ändern muss. Allein, es bleibt – wie in der Realität – ohne Folgen. Man wolle sich an das eherne Gesetz halten, das die Gesellschaft zusammenhält, sagt Kreon, die Straßen sollen wieder blühen, alles wird wieder so schön sein wie früher. Gelernt hat niemand was. Die Apokalypse kann kommen.
forecast : ödipus. living on a damaged planet (τύφλωσίς, II)
von Thomas Köck
Regie: Maike Bouschen, Ausstattung: Franziska Isensee, musikalische Leitung: Tim Thielemans, Licht: Thomas Eggers, Dramaturgie: Carola von Gradulewski.
Mit: Michaela Allendorf, Jasper Diedrichsen, Ulrich Hoppe, Thomas Fritz Jung, Ruth Macke, Mark Harvey Mühlemann, Lilian Prent, Anne Rohde.
Premiere: 25. April 2025
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause
www.theaterkonstanz.de
Kritikenrundschau
"Bei Sophokles tritt ja nicht nur ein König gegen seine eigene Vorsehung an. Vielmehr handelt dieser Klassiker auch von zwei konkurrierenden Prognoseinstituten: dem Orakel von Delphi und dem Seher Teiresias. Hier der akademische Olymp fernab der Macht, dort der wendige Politikberater vor Ort. In Konstanz liefern sich die beiden nun ein packendes Expertenduell", schreibt Johannes Bruggaier im Südkurier (28.4.2025). "Zu großartigem Theater wird dieser Abend in der Regie von Maike Bouschen nicht, weil er ermahnt und appelliert. Sondern weil er sein Publikum vor sich selbst gruseln lässt."
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