Warten auf heilende Wirkung

18. Januar 2025. "Was kann ich denn dafür?" Die Frage taucht in Svealena Kutschkes "no shame in hope" mehrmals auf. Drei Frauen treffen sich an einem Imbissstand. Frisch entlassen von Gruppensitzungen und anderen Heilmethoden. Die Frage nach Verantwortung und Transparenz stellt sich sehr konkret. Simone Geyer hat das Stück nun in Konstanz inszeniert.

Von Christa Dietrich

Svealena Kutschkes "no shame in hope (eine Jogginghose ist ja kein Schicksal)" von Simone Geyer am Theater Konstanz inszeniert © Ilja Mess

18. Januar 2025. Mag der zu Beginn auftretende Erzähler den Schauplatz noch so detailliert beschreiben, es ist keine Imbissbude zu sehen, auch keine Vorstadtkreuzung im Nieselregen, keine kaputte Ampel, kein trüber Ententeich zwischen den Hochhäusern und nicht einmal die Bushaltestelle. Vor der Visualisierung solcher Tristesse-Klischees verschont Ausstatterin Mona Marie Hartmann das Publikum. Stattdessen: Über der leeren Bühne hängen drei Frauen in den Seilen.

Zuerst berühren die langen Hosen den Boden, dann erst die Körper. Das ist nicht so trostlos, wie es die Autorin Svealena Kutschke vorgesehen hat, es wirkt bizarr. So wie die Glitzerdetails – und die vielen Augen und Gesichter im Gewebe der Kleider, die die Jogginghosen ersetzen. Wofür stehen sie? Was können sie anderes sein als Symbole für die Bedeutung der Wahrnehmung sowie für das nicht einfach abstreifbare familiäre Umfeld der Trägerinnen? All das wird bald zum Thema.

In the middle of nowhere

Luca, Carla und Linn wurden aus einer Nervenklinik entlassen und warten in der Imbissbude auf den Bus. Ein Burnout, vielleicht Depressionen oder gar Suzidgefährdung, aber auf jeden Fall Wunden sollten dort mittels Gruppentherapie und Schlammpackungen geheilt worden sein. Hat wohl nicht funktioniert. "Da kommt man aus der Klinik und denkt, man hat wirklich viel Fehlermanagement betrieben, jetzt wird doch alles anders werden und man breitet die Arme aus und dann - nichts", bemerkt Linn. "Die eigentliche Arbeit fängt doch jetzt erst an." Aufarbeitung ist es also, die Svealena Kutschke ins Zentrum ihres zweiten Bühnenstücks stellt. Und es kommt dick.

No Shame in Hope2 CIlja Mess uZwischen luftigen Höhen und dem harten Boden der Realität: Jana Alexia Rödiger, Sylvana Schneider, Sarah Siri Lee König, Anna Eger in "no shame in hope!" © Ilja Mess u

Nach den Romanen "Stadt aus Rauch" und "Gefährliche Arten" wurde ihr Erstling "Zu unseren Füßen, das Gold, aus dem Boden verschwunden" 2019 am Deutschen Theater Berlin präsentiert. "no shame in hope (eine Jogginghose ist ja kein Schicksal)" ist in Kooperation mit dem österreichischen Projekt Wiener Wortstätten, entstanden, war für den Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts nominiert und wurde 2023 am Theater Oberhausen uraufgeführt. Dass der Wortstätten-Mitbegründer Bernhard Studlar in "Lohn der Nacht", uraufgeführt 2021 bei den Bregenzer Festspielen, seine Figuren ebenfalls um einen Imbiss versammelt, mag Zufall sein.

Burnout oder Leiden am Kapitalismus?

Es ist ja auch ein praktisches Setting für ein Treffen von Menschen mit Problemen und es ermöglicht in beiden Stücken die Positionierung einer Würstelbraterin mit mehr oder weniger ausgeprägtem Hang zu einfachen Schlussfolgerungen. "Ihr leidet nicht an Burnout, ihr leidet am Kapitalismus", hält die offenbar seit 90 Jahren tätige Imbissverkäuferin fest. Anna Eger wirft diese und andere Feststellungen ("das Problem ist eine Gesellschaft, die Gewalt bagatellisiert") zwar nicht betont bestimmend in die Runde, aber doch so, dass sie selten Diskurs provoziert. Im Vergleich zu Studlars Mittellosen und Überforderten erfahren wir vom eigentlichen Lebensumfeld von Kutschkes Figuren wenig.

No Shame in Hope2 CIlja Mess u Von wegen Gruppentherapie deluxe, um Schuld in der eigenen Familiengeschichte geht es auch: "No Shame in Hope" am Theater Konstanz © Ilja Mess

Mit einem Team, das auch dann mit großer Lockerheit agiert, wenn es sich direkt ans Publikum richtet oder sich per filmischer Projektion meldet, erreicht Regisseurin Simone Geyer am Theater Konstanz dennoch viel. "Ich habe mich so lange über meine Defizite organisiert, ich weiß gar nicht, wo meine Stärken liegen", sagt Sarah Siri Lee König (Linn) und lässt es nicht zu, ihre Naivität als gespielt zu entlarven. Wenn Sylvana Schneider (Luca) hinter den Häusern zwar nicht das Meer sehen will, das ihr die Imbissverkäuferin vorgaukelt, aber doch etwas Wunderschönes, dann wirkt das genauso wenig überspannt wie wenn sich Jana Alexia Rödiger (Carla) angesichts unbeleuchteter Fenster fragt, ob sie in weichen Kliniktüchern die Apokalypse verpasst hat. 

Geschichts-Konfetti

Simone Geyer zeigt keine Frauen, die sich arg neben der Spur befinden. Dass dies mit dem Text korrelieren kann, hält das Interesse an der Inszenierung wach. Das ist auch notwendig, denn es ist nicht nur von der „leicht betrunkenen", verdrängenden BRD die Rede, da sind noch die echten Papierchen, die den Boden der zu imaginierenden Imbissbude bedecken. Wie große Konfetti flattern sie herein und entpuppen sich als Briefe aus der Zeit des Nationalsozialismus. Es sind Dokumente der Denunziation, getätigt auch von den Großeltern von Luca, Carla und Linn. Geahndet wurden die Taten nicht, weder die Verleumdung wegen angeblich homosexueller Handlungen, noch die Meldung, dass sich einer lieber verrückt stellen würde als in den Krieg zu ziehen.

"Transparenz ist nicht dasselbe wie Verantwortung", sagt die Imbissverkäuferin, von der mitgetragenen Vernichtung von Millionen ist die Rede. Buchstaben, die sich zum Wort "Horizont" gruppieren erscheinen am Bühnenhintergrund. Der Deutsche frage "was kann ich denn dafür?", behauptet der Chor, den die drei Frauen immer wieder bilden. Ist die Erkenntnis dieser drei, nämlich die Aufforderung, sich mit der Schuld in der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen, dennoch zu plakativ? Die Inszenierung vermeidet das, und ganz sanft schreitet die skurril für ein Reh oder einen Nazi gehaltene Person, die am Bühnenrand per Telefon vergeblich nach Kontakt mit ehemals Befreundeten gesucht hat, am Ende im Therapiejogginganzug davon: "no shame in hope".

no shame in hope (eine Jogginghose ist ja kein Schicksal)
von Svealena Kutschke
Regie: Simone Geyer, Bühne und Kostüme: Mona Marie Hartmann, Dramaturgie: Lea Seiz
Mit: Sylvana Schneider Jana Alexia Rödiger, Sarah Siri Lee König, Anna Eger und Jonas Pätzold.
Premiere am 17. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theaterkonstanz.de

Kritikenrundschau

"Es ist keine Geschichte, die Kutschke hier erzählt, sondern ein Collagenteppich aus sich immer wieder neu zusammenfügenden Versatzstücken", schreibt Johannes Bruggaier im Südkurier (20.1.2025). "Hat man das Prinzip einmal verstanden, also den angestrengten Nachvollzug einzelner Sprechakte aufgegeben und stattdessen die Textfläche auf sich wirken lassen wie ein Stück Musik: Dann schälen sich daraus geistige Hologramme, verborgene Wunden erhalten Kontur." Dass es ein "beklemmender, ja überwältigender Totentanz auf den Ruinen unserer Geschichte" werde, liege an "einer Regie, die keine Bühneneffekte scheut", so Bruggaier. "Aber natürlich auch an den Schauspielern (das Quintett vervollständigt Jonas Pätzold als fremder Passant mit intermezzohaft eingestreuten Telefongesprächen), die den musikalischen Gehalt dieses Textes voll erfassen."

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