War nur'n Witz

1. Dezember 2024. Wo die Neurosen blühen … hilft auch kein Landschaftsgärtner weiter. Und schon gar kein hochstapelnder Revisor. FX Mayr zeigt Nikolai Gogols Satire einer korrupten Stadtgesellschaft. Selber schuld, wer sich gemeint fühlt!

Von Verena Großkreutz

FX Mayr zeigt Nikolai Gogols "Der Revisor" in Mannheim © Christian Kleiner

1. Dezember 2024. Diese Komödie hat's in sich: Eine durch und durch korrupte und heuchlerische Stadtverwaltungsmischpoke trifft auf einen Blender, Bluffer und Betrüger – und geht ihm auf den Leim. Kein Wunder, dass Nikolai Gogols 1836 in Sankt Petersburg uraufgeführte Gesellschaftssatire nach wie vor funktioniert – heutigen Korruptions- und Betrugsfällen sei Dank. Das zeigte auch wieder die Premiere von "Der Revisor" am Nationaltheater Mannheim. FX Mayr hat inszeniert und den Text gemeinsam mit der Dramaturgin Franziska Betz komprimiert und ins Heute geholt.

Dreck am Stecken

Ob sie Subventionen für Pflegeheime kassieren, die nie gebaut werden, oder Schmiergelder für Budenlizenzen einstreichen: Jeder, der's kann, bereichert sich hier, in dieser Verwaltung irgendeiner Provinzstadt. Und alle wissen's voneinander. "Ich weiß, dass du, wie jeder von uns, Dreck am Stecken hast, denn du bist ein intelligenter Mensch", sagt einer zum stets aufgedreht agierenden Bürgermeister der Stadt (Jessica Higgins). Jetzt, da ihnen der vermeintliche Revisor, also Wirtschaftsprüfer, auf den Leib zu rücken scheint, droht das Boot, in dem man gemeinsam sitzt, zu kentern. Aber sei's drum. Aus dem, was nicht eh schon verjährt sei, werde man sich locker herausreden können. Und mal schauen, wie es "die anderen" so machen. "Da würde ich halt ein bisschen eine Recherche machen, ChatGPT fragen", rät Ulrich Schwalinsky (Patrick Schnicke), zuständig für die öffentliche Sicherheit.

Her mit den Moneten: das Ensemble in Kostümen von Korbinian Schmidt © Christian Kleiner

Durch den hinteren Bereich der Bühne führen Glastrennwände, die vielleicht Transparenz in der Stadtpolitik vorgaukeln wollen. Darüber die Balustrade einer Dachterrasse, auf der später ein Whirlpool dampfen wird. Auf dem Hintergrundprospekt zeigt sich das Ineinander dröger Bürohäuser, drüber ein bemondeter Nachthimmel. Ansonsten Leere auf der Bühne. Requisiten wie Mobiltelefone bleiben unsichtbar, werden pantomimisch bespielt.

Energie aus Elektrobeats

Mayr hat den Stoff nicht weiter konkretisiert, verlässt sich aufs Allgemeine. Der Haufen korrupter Provinzpolitiker:innen offenbart etwaige Individualitäten bestenfalls durch Verhaltensoriginalitäten. Wie auch die beiden Deppen vom Dienst, der gleichsam unterwürfige wie aufmüpfige Bobtschinsky (Shirin Ali) und der linkische Doptschinsky (Sandro Šutalo mit Topffrisur): halten kindlich Händchen wie Geschwister und kommunizieren, als hätten sie gerade eine Paartherapie hinter sich: "Du hast ein rhetorisches Narrationsproblem" oder "Ich fühle mich gehört".

Skurrile Choreos zu Elektrobeats und -klängen pumpen Energie in den Abend: Die zehnköpfige Personage geriert sich rhythmisch stampfend, die Arme hochwerfend, die Handgelenke grazil schlenkernd, Silbennonsens skandierend, chorisch summend (sehr schön!). Die gemeinsame synchrone Ekstase scheint der Maskierung der eigenen Verkommenheit zu dienen. Bloß nicht authentisch sein! Lieber geschmeidig anpassen, im Kollektiv verschwinden. So kommt man am besten durch mit seinen Vergehen. Redet man, blubbern Worthülsen: "Hätte, hätte, Fahrradkette", "Tschüssi, Bussi, tschau". Oder man sagt nach jedem zweiten Satz: "War nur'n Witz." Alle stecken in edlem Tuch: in ähnlichen pastellenen Schlabbergewändern aus weichen Glitzerstoffen – wohl Zeichen eines Lebens über die eigenen Verhältnisse hinaus. Bloß in den Farben unterscheiden sie sich. Und sie tragen hippe Plateausneaker.

Geliebter Hochstapler

Die ständige Verstellung und die Angst vor der Demaskierung lassen die Neurosen blühen. Der eine verfällt in hüpfende und zackige Bewegungsmuster, wenn er nicht mehr weiterweiß. Ilona Meyer-Wölden (Maria Munkert), zuständig für Bildung, Gesundheit, Soziales, gerät beim bloßen Aussprechen des Wortes "Geld" in eine plötzliche Schockstarre – nur weil der Revisor seine Kreditkarte erwähnt hat – und verfällt dann in einen länglichen Wortschwall über dienstliche Pflichten, Werte, Kennzahlen und Bilanzen.

Das alles ist flott gespielt und unterhält. Mayr hat genderfluid besetzt. Annemarie Brüntjen spielt den Revisor: einen eleganten Hochstapler und Betrüger, der vorgibt, ein gefragter Schauspieler, großer Dichter und Liebling der politischen Elite zu sein. Man glaubt's ihm, wanzt sich ran an ihn, lässt sich ausnehmen und denkt am Ende, da er verschwunden ist, man habe gewonnen. Was sich natürlich auch in Mannheim als Trugschluss herausstellt. Aufs freudige Zünden von Glitzerbomben folgt die Ernüchterung: Die echte Wirtschaftsprüfungskommission ist da.

 

Der Revisor
von Nikolai Gogol
Deutsch von Ulrike Zemme
Mit Aktualisierungen von FX Mayr und Franziska Betz
Regie: FX Mayr, Bühne: Anna Wohlgemuth, Kostüme: Korbinian Schmidt, Licht: Bernard Häusermann, Musik: Martina Berther, Dramaturgie: Franziska Betz.
Mit: Shirin Ali, Matthias Breitenbach, Annemarie Brüntjen, Jessica Higgins, Maria Munkert, Patrick Schnicke, Paul Simon, David Smith, Sandro Šutalo, Sarah Zastrau.
Premiere: 30. November 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

In den furiosen Tanzeinlagen agierten alle gleichermaßen triebgesteuert, "oft martialisch in den Bewegungen und bestialisch in den unartikulierten Lauten, die sie von sich geben". "Das wirkt stark und überzeugt mehr als die gesprochenen Szenen, die bei allem Wort- und Spielwitz des insgesamt überaus lobenswerten Ensembles kaum Raum für mehr als oberflächliche Karikaturenzeichnung lassen", schreibt Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (3.12.2024).

"Gogols zeitloses Verwirrspiel um Schein ohne Sein, um Lüge, Heuchelei und Schauspielerei setzt die sehr flotte, mit Tanz und Gesang aufgepeppte Inszenierung die Krone auf, indem sie auch noch die Geschlechteridentitäten aufhebt", bemerkt Hans-Ulrich Fechler von der Rheinpfalz (1.12.2024). "FX Mayr hat sich insgesamt nicht an Gogols Anweisung gehalten, keine Karikaturen auf die Bühne zu bringen. Dass er sich über die Forderung hinweggesetzt hat, war nicht zum Schaden seiner mit langem, starkem Applaus aufgenommenen Inszenierung."

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