Zurück auf Werk

1. Februar 2026. Emre Akal, als Regisseur längst renommiert, ist zurzeit Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Dort hat er jetzt ein Stück über KI im Pflegebereich geschrieben. Dennis Duszczak arbeitet in seiner Uraufführung einen Aspekt der Vorlage besonders intensiv heraus. 

Von Falk Schreiber

"Es sagt, es liebt uns" von Emre Akal am Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

1. Februar 2026. Der Name ist MO-NI. MO-NI, nicht Moni, "Modular-Organische-Neuro-Intelligenz": ein Roboter, der den Haushalt führen soll, einfache Pflegetätigkeiten erledigen, Nähe simulieren, 68 Gigabyte persönlicher Daten. Natürlich sagen alle trotzdem schnell Moni. Weil: Künstliche Intelligenz, gute Sache, aber am Ende baut man eine persönliche Beziehung auf. Also: Moni wird bestellt von Lara, die das Gerät für die Pflege ihres Vaters Erich braucht, der um seine verstorbene Frau trauert. Geliefert wird es von der Firma MR01, die die Entwicklungskosten dadurch amortisiert, dass Moni in Erichs Haushalt Werbebotschaften platziert. Bloß entwickelt Moni ziemlich schnell ein Bewusstsein.

Fremdeln mit dem Roboter

Emre Akal, als Regisseur längst durchgesetzt, ist aktuell Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Die Uraufführung seines Stücks "Es sagt, es liebt uns" auf der Nebenbühne Studio Werkhaus verantwortet Dennis Duszczak. Der hat den umfangreichen Text deutlich eingekürzt, bleibt aber ansonsten nahe an der Vorlage: MR01-Mitarbeiter Lenz (Fabian Dott) stellt die wichtigsten Funktionen des Roboters vor, Vater Erich (Boris Koneczny) fremdelt mit dem Wesen, das jetzt mit ihm den Alltag teilen soll, Tochter Lara (Elodie Theres Toschek) versucht, ihm die Situation schmackhaft zu machen (und kompensiert dabei ein bisschen, dass sie die tote Mutter selbst vermisst). Und Moni (Sarah Zastrau) lernt. Nimmt jede Aktion ihres Gegenübers als Information, die verarbeitet werden will. Wenn gerade niemand mit ihr redet, schaut sie fern und trainiert so ihre Reaktionen, und wenn ihre Schaltkreise rechnen, gibt es kleine Verzögerungen.

Es sagt es liebt 01 1200 Christian KleinerFamilienidylle mit KI-Pflegekraft: Elodie Theres Toschek, Fabian Dott, Sarah Zastrau und Boris Koneczny in Thilo Ullrichs Bühnenbild © Christian Kleiner

Akal also hat ganz gut beobachtet, wie Künstliche Intelligenz funktioniert. Und er hat diese Beobachtung in ein Stück gegossen, das die Probleme, die sich aus der Grundsituation ergeben, klug auf den Punkt bringt, das seine Figuren ernst nimmt und das nicht zuletzt auf eine leise, zurückgenommene Weise Spaß macht – eine Künstliche Intelligenz als Mitbewohnerin, das ist tatsächlich auch lustig. Vielleicht ist es bei der Uraufführung ein bisschen schwierig, dass durch die umfangreichen Kürzungen das Stück arg schnell in Fahrt kommen muss, dass beispielsweise die Schleichwerbung, die Moni in den Haushalt schmuggelt, zu früh kommt und dann auch noch in Form grober, clipartiger Einschübe, die nicht zur Raffinesse des Arrangements passen.

Nostalgie als Premiumprodukt

Problematischer ist, dass Duszczak nicht wirklich Bilder für die Beunruhigung findet, die man spürt, wenn die Grenzen zwischen digitaler und analoger Emotion verschwimmen. In seinen eigenen Regiearbeiten lotet Akal das aus, in "Katzelmacher" an den Münchner Kammerspielen etwa oder in "Barrrbie ein Puppenheim" am Hamburger Thalia: Da bildet eine Welt aus Zuckerguss, Comic und Steampunk-Mechanik das Uncanny Valley, das sich zwischen Daten und Bewusstsein auftut. Hier dagegen: Thilo Ullrich hat einen riesigen Sessel gebaut, auf dessen Sitzfläche sich Erich von virtueller Realität berieseln lässt ("Nostalgie als Premiumprodukt: Mannheim Classics"), während Lara im Erdgeschoss ihr Stofftier-bevölkertes Kinderzimmer eingerichtet hat. Das ist eine ins Absurde vergrößerte Version von Erichs Haushalt, aber kein Gedankengebäude, in dem man sich verlaufen kann. Und so menschenähnlich, dass sie Angst oder Ekel auslösen würde, ist Moni auch nicht, wie sie adrett mit Lautsprechern auf den Brüsten (Kostüme: Frederike Marsha Coors) durch die Szenerie stolziert.

Es sagt es liebt 02 1200 Christian KleinerMensch und Maschine: Fabian Dott, Boris Koneczny und Sarah Zastrau in Dennis Duszczaks Inszenierung © Christian Kleiner

Dabei hat Duszczak die Vorlage an anderer Stelle durchaus im Griff. Die Spieler*innenführung zeigt, wie sehr sich die Inszenierung für ihre Figuren interessiert, wie genau hier an den Sorgen von Erich und Lara gearbeitet wurde (und dass Herr Lenz in diesem Zugriff eine Schießbudenfigur bleibt, mehr Roboter als es Androiden je sein könnten, ist lässlich). Außerdem arbeitet Duszczak einen Aspekt aus Akals Vorlage heraus, der das Stück interessanter macht als vergleichbare Mensch-Maschine-Utopien wie etwa die schwedische Fernsehserie "Real Humans" oder der deutsche Spielfilm "Ich bin dein Mensch": Moni ist die perfekte Arbeiterin, die man gerne bei sich behält, solange sich ihre Existenz auf die Verwertbarkeit ihrer Arbeit beschränkt. Dabei nimmt sie eine ähnliche Rolle ein wie Arbeitsmigrant*innen, die gern gesehen sind, solange sie ihren Job machen – Herr Lenz betont zu Beginn, dass man ihr einen polnischen oder einen türkischen Namen geben könne, weil das Namen seien, die mit Care-Arbeit verbunden seien.

Kluge Parallelführung

Wenn allerdings der Androide mehr sein will als nur eine Arbeiterin, wenn Moni richtig dazugehören will, als Familienmitglied etwa, dann erzeugt das eine Irritation, die behoben werden muss. In diesem Fall per Abschaltung und Zurücksetzen auf Werkseinstellungen. Bei Migrant*innen dagegen lautet die Lösung: Ausgrenzung, Abschiebung. Und wie Duszczak diese Parallelführung inszeniert, das zeigt, wie gut der Regisseur die Vorlage gelesen hat. Der Rest ist Quellcode.

Es sagt, es liebt uns
von Emre Akal
Uraufführung
Regie: Dennis Duszczak, Bühne: Thilo Ullrich, Kostüm: Frederike Marsha Coors, Musik: Jan Preißler, Produktionsdramaturgie: Franziska Betz, Dramaturgie Hausautorschaft: Olivia Ebert.
Mit: Boris Koneczny, Elodie Theres Toschek, Sarah Zastrau, Fabian Dott.
Premiere am 31. Januar 2026
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

"Eine Komödie mit nachdenklichen Untertönen" sah Marie-Dominique Wetzel und sagt im SWR (2.2.2026): "Leider wirken viele der Dialoge eher platt und pädagogisch, doch die Spielfreude der Schauspieler konnte das nicht bremsen."

"Obwohl Dennis Duszczaks Inszenierung auch ob der immensen Textlänge streckenweise etwas zäh anmutet, gelingt die Uraufführung nicht zuletzt durch die kluge Figurenanlage, insbesondere von MO-NI, schreibt Björn Hayer in der Deutschen Bühne (1.2.2026). Akals Text beweise ein feines Gespür für Ambivalenzen. Das Stück treffe den Nerv der Zeit, so Hayer. "Sowohl Melancholie als auch reichlich Witz durchziehen die stimmig durchkomponierte Bühnenrealisierung."

Die Regie habe den Text auf die Hälfte verknappt, aber sei mehr auf Verdichtung als Ausdünnung bedacht, so Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (5.2.2026). "Die Komödie kippt, wird zur Tragödie des Roboters." Der Bruch gelinge dank der hervorragenden schauspielerischen Leistung von Sarah Zastrau glaubhaft. Das Publikum werde mit der Frage entlassen, ob es solche Roboter wirklich haben will. 

Kommentare  
Es sagt, es liebt uns, Mannheim: Wo war die Zumutung?
Den Text habe ich zuvor nicht gelesen oder kenne die Details der Bearbeitung nicht … vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Akal selbst inszeniert hätte … haben die im Foyer rumliegenden Textausdrücke (Titel: MO-NIs Geheime Gedanken) etwas mit den gekürzten Stellen zu tun? Abdruck als Ersatz für die Nicht-Aufführung? Dann hätte man besser darauf aufmerksam machen müssen … überhaupt: dass es eine bearbeitete Fassung ist, erfahre ich durch die Kritik … am Anfang ging mir der Conférencier auf die Nerven. Ich glaube, er soll die Betriebsanleitung mitteilen, also hat eine dramaturgische Funktion, aber wirkt selbst wie „programmiert“. Wobei MO-NI sehr „natürlich“ agiert, nichts irritierendes an sich hat; die Pannen haben nichts Unheimliches … ein leider nichtssagendes Bühnenbild erschwert das Imaginieren einer dystrophischen Welt … zum Schluss wird es hektischer und unübersichtlich, - als Folge der Kürzungen? - irgendwie versandet das Ganze … „Goldie“ (Schauspiel Leipzig), ähnlicher Themenkreis, hatte mehr Witz, wenn das der richtige Begriff ist … und schliesslich: wenn MO-NI das Stück geschrieben hätte, nachdem es mit der „zeitgenössischen Dramenliteratur“ oder die Reflexionen über die KI gefüttert worden ist, dann hätte der Stücktext genauso ausgesehen, wie jetzt mit / ohne (?) Kürzungen (da irrt sich der Autor), doch doch, mit genauso vielen Brüchen, Widerstand oder Zumutung, denn KI ist nicht blöd; genau darin wird es mal deren Ungeheuerlichkeit bestehen … wo war gestern Abend überhaupt „die Zumutung“?
Kommentar schreiben