Schräge Vögel - Nationaltheater Mannheim
Garstiges Geflügel
21. März 2025. Drüben geht die antike Demokratie zu Bruch, hüben krakeelt der eitle Pfau und manch anderes Federvieh von den Belangen der zeitgenössischen Mittelschichtsmenschen. Melanie Schmidt kombiniert für ihren Abend "Schräge Vögel" zwei Stoffe, von Aristophanes und Caren Jeß. Mit frappierenden Déjà-vus.
Von Steffen Becker
"Schräge Vögel" von Melanie Schmidt nach Aristophanes und Caren Jess in Mannheim © Natalie Grebe
21. März 2025. Jeder, der mal prokrastiniert hat (also wirklich jeder) kennt die Angry Birds. Jeder, der in Mannheim eine Vorführung von "Schräge Vögel" besucht, wird sie auf der Bühne wiederkennen: neonschrille fiese Krähen (im übertragenen Sinne; tatsächlich stellen sie Pfau, Pute, Flamingos und Taube dar). Sie führen durch einen Remix, in dem Regisseurin Melanie Schmidt Elemente aus "Die Vögel" von Aristophanes und der Parabel-Sammlung "Bookpink" (plattdeutsch für Buchfink) von Caren Jeß kombiniert.
Geschwister im Geiste: Aristophanes und Caren Jess
In einer der Bookpink-Miniaturen fantasiert sich eine Campingplatz-Taube in eine barocke Fantasiewelt – mit den Klängen aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten", während um sie herum das vulgäre Ballermann-Leben mit den Charts der 90er tobt. Oberflächlich verhält es sich so auch mit dem Stück und Schmidts Inszenierung: "Schräge Vögel" bringt harte Brüche zwischen scheinbar unvereinbaren Genres auf die Bühne – der antiken Komödie und dem Zeitgeist-Stück. Doch bald wird klar: Der Sound ist anders, der Song ist der gleiche.
Im antiken Athen verlassen zwei Bürger frustriert das bürokratisch-demokratische Gemeinwesen, um im Himmel ein Wolkenkuckucksheim mit Vögeln als neuen Göttern zu errichten. In den poppigen Erzählungen der Gegenwart suchen zwar die Vögel selbst nach Ausbrüchen und Utopien. Die Parallelen sind dennoch frappierend: Aristophanes' Exilanten wollen Athen nicht einfach nur verlassen, sondern vernichten. Der "Dreckspfau" aus "Bookpink" will nicht nur gesehen werden (und eine aufgemotzte Biografie auf den Markt bringen), sondern dem spöttischen Spatzen auch den Hals umdrehen. Der Wunsch nach Veränderung ist epochenübergreifend destruktiv.
Wolkenkuckucksheim zum Greifen nah: Sandro Šutalo und Patrick Schnicke reisen ins Land der Vögel © Natalie Grebe
Die Déjà-vus pflanzen sich auch in die unmittelbare Gegenwart fort. "Bookpink" erschien 2018. Doch die esoterische Pute, die mit "Namaste bitches" ihr Shakra beschwört und im glitzernden Asbest-Tempel über "Krebs ist eine Lüge" predigt, ruft gruselige Erinnerungen an Corona-Verschwörungsgläubige wach.
Eine Portion Chicken Wings
Regisseurin Schmidt setzt das knallig und kunterbunt in Szene – vor beplüschten Quadern und mit zwei Schauspielern, die man in Angry Birds nicht als Gegner würde haben wollen. In der Auftaktszene beschreiben sich Dreckspfau und Spatz in jeweils drei Worten. Auf Patrick Schnicke und Sandro Šutalo angewendet: Šutalo ist bad ass, bitchy und bäm. Schnicke ist sardonisch, sarkastisch und sassy. Ein Duo, das die beiden Ebenen des Abends traumwandlerisch verbindet, zusammen mit einer Musikauswahl, die Klassiker von Abbas "Dancing Queen" bis Strauss' "Also sprach Zarathustra" kongenial zur Gestaltung der Szenen einsetzt.
Die Leistung von Schauspiel und Musik gibt auch manch flachen Witzen noch Auftrieb, wie etwa der Idee, Abweichler zu KFC-Chicken-Wings zu verarbeiten – als Illustration fürs autoritäre Abdriften der antiken Vogelstadt. Insgesamt funktioniert "Schräge Vögel" als sehr unterhaltsame Desillusionierung: Geschichte ist eine Farce und deshalb wiederholt sie sich auch als solche.
Schräge Vögel
nach Aristophanes und Caren Jeß
Regie: Melanie Schmidt, Bühne und Kostüm: Oktavia Herbst, Licht: Marcel Lemmert, Musik: Jeremy Heiß, Dramaturgie: Franziska Betz.
Mit: Patrick Schnicke, Sandro Šutalo, Erzählerin (Audioeinspielung): Maria Munkert.
Premiere am 20. März 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Stunden, keine Pause
www.nationaltheater-mannheim.de
Kritikenrundschau
Für Susanne Kaulich vom Mannheimer Morgen (22.3.2025) ist dies "ein munter komischer Abend, der auf den zweiten Blick viel mehr Tiefgang aufweist, als man in seiner schrillen Ästhetik (Bühne und Kostüme: Oktavia Herbst) zunächst vermutet." Die beiden Akteure Patrick Schnicke und Sandro Sutalo zelebrieren "in grünem Lack beim Aufstieg und Fall der utopischen Vogelstadt so manches Kabinettstückchen. Mit großer Spielfreude und Augenzwinkern, jedoch ohne zu klamauken, schlüpfen sie in Mensch- und Vogelrollen, singen manch lustiges Lied."
Stefan Otto von der Rheinpfalz (22.3.2025) würdigt die Schauspieler und insbesondere den klassischen Stoff von Aristophanes, sieht aber auch die Kombination der Stücke positiv: "Aus dem klaffenden Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit ziehen 'Die Vögel' und 'Bookpink' wie 'Schräge Vögel' ihr originelles komisches Potenzial. Die Vögel verheddern sich in gesellschaftlichen Problemlagen, die ihrem Traum vom Fliegen entgegenstehen. Melanie Schmidt stattet sie mit zahlreichen popkulturellen, besonders musikalischen Verweisen aus, die auch Aristophanes als Zeitgenossen erscheinen lassen."
Monika Frank lobt in der Rhein-Neckar-Zeitung (26.3.2025) die beiden Hauptdarsteller Patrick Schnicke und Sandro Šutalo für ihren Einsatz im komödiantischen Parforceritt. "Die Demokratie in Gefahr, zerstrittene Bürger, Parteiengezänk" – bei Aristophanes das alles schon da. Vier Miniaturen aus Jeß' "Bookpink" seien hinzugefügt, um "zu zeigen, dass die Misere nicht nur machtgierigen Potentaten und gleisnerischen Schönrednern, sondern auch allzu menschliche Schwächendes Selbstbetrugs anzulasten ist". Witzig und gewitzt, findet Monika Frank.
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