Trügerische Idylle

24. November 2023. 800 Seiten (Lebens-)Verfall: "Buddenbrooks" von Thomas Mann ist wohl einer der berühmtesten Familien-Romane überhaupt. Regisseur Bastian Kraft destilliert aus dem Epos einen konzentrierten Abend über die großen, universellen Generationenkonflikte.

Von Tobias Hell

"Buddenbrooks" in der Regie von Bastian Kraft am Münchner Residenztheater © Sandra Then

23. November 2023. Literaturadaptionen auf dem Theater sind oft eine zweischneidige Angelegenheit. Gerade, wenn es sich dabei um die ebenso wortgewaltigen wie umfangreichen Romane eines Thomas Mann handelt. Müssen beim Transfer auf die Leinwand doch immer Opfer gebracht, Handlungsstränge gerafft oder Themen auf das wesentliche reduziert werden.

Zwischen Pflichterfüllung und Gefühlen

Andererseits kann ein Abend, wie ihn Regisseur Bastian Kraft mit "Buddenbrooks" für das Bayerische Staatsschauspiel geschaffen hat, auch Einstiegsdroge für all jene sein, die bisher vor der Lektüre zurückschreckten. Oder ein willkommener Anlass, das gewichtige Epos über den "Verfall einer Familie" mal wieder aus dem Regal zu ziehen und mehr über den Lübecker Kaufmanns-Clan zu erfahren, in der sich Manns eigene Familie teils ziemlich unvorteilhaft portraitiert sah.

Bastian Kraft, der neulich erst Manns Zauberberg am Wiener Burgtheater inszenierte, hat aus den rund 800 Seiten eine knapp dreistündige und in sich überaus stimmige "Münchner Fassung" destilliert, mit Hanno Buddenbrook, dem jüngsten Spross, als Erzähler. Die Familienchronik fest umklammernd führt er das Publikum rückblickend durch die Jahrzehnte. Wobei Kraft direkte historische Bezüge vermeidet. Stattdessen erzählt er eine zeitlich nicht näher verortete und gerade dadurch überraschend zeitgemäß wirkende Geschichte über die Konflikte zwischen den Generationen und die Entscheidung zwischen Pflichterfüllung und persönlichen Gefühlen.

Buddenbrooks 2 Sandra Then.jpgo Sandra ThenDie Familie im Setzkasten: v.l. Michael Wächter, Liliane Amuat, Robert Dölle, Katja Jung, Thiemo Strutzenberger, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Die Wurzel allen Übels sind dabei immer wieder die von außen auferlegten Erwartungen. Sei es bei Tochter Tony, die mit den von ihr eingegangenen (und meist schnell wieder geschiedenen) Vernunftehen dem Willen ihrer Eltern gehorcht. Oder bei Mutter Bethsy, die angesichts des Unglücks ihrer Kinder zumindest kurzzeitig beginnt, das eigene Leben zu hinterfragen – während die Söhne Thomas und Christian aus dem übermächtigen Schatten des Vaters zu treten versuchen und letztlich daran scheitern. Frei nach dem berühmten Tolstoi-Zitat: "Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich."

Schnapschüsse, die zum Leben erwachen

Auf das Wesentliche konzentriert sind in Krafts Lesart dabei nicht nur die unterschwelligen Botschaften, sondern auch die szenischen Ausdrucksmittel. Peter Baur hat für das intime Ambiente des golden verschnörkelte Cuvilliéstheaters einen gleichermaßen nüchternen wie wandelbaren Bühnenraum entworfen, der von rund zwei Dutzend Bilderrahmen dominiert wird, auf denen Video-Designerin Sophie Lux vielsagende Portraits der Familie auftauchen lässt. Mit trügerischer Idylle inszenierte Schnappschüsse, die hin und wieder sogar zum Leben erwachen, um sich mit fordernden Blicken ins Geschehen zu mischen.

Scheinbar neutral bleibt dagegen zunächst Nicola Mastroberardino als Erzähler Hanno, dem seine beobachtende Position jedoch zunehmend schwerer fällt und gerade im zweiten Teil eine neue emotionale Komponente erhält. Darf der lang ersehnte Stammhalter nach der eigenen Geburt doch immer wieder mit seinem kindlichen Alter Ego interagieren und all das aussprechen, was er als Kind nicht in Worte fassen konnte.

Trockener Hanseat und bayerischer Bierdimpfl 

Große Präsenz zeigt neben ihm vor allem Liliane Amuat als Tony Buddenbrook, deren jugendlicher Idealismus und rebellischer Tonfall auch nach mehreren gescheiterten, beziehungsweise aktiv von außen sabotierten Beziehungen immer wieder kurz durchblitzt. Wobei gerade die Szenen zwischen Amuat und ihren beiden von der Regie skurril überzeichneten Ehemännern auch für Schmunzeln im Saal sorgen. Das geht vor allem aufs Konto von Thomas Reisinger, der als trockener Hanseat Bendix Grünlich und bayerischer Bierdimpfl Permaneder sein komisches Talent ausspielen darf.

Und dies mit einer ähnlichen Wandlungsfähigkeit wie Pujan Sadri, der mit teils aberwitzig schnellen Wechseln in gleich vier Nebenrollen schlüpft, unterstützt von Kostümbildnerin Jelena Miletić, die mit subtiler Hand die individuellen Charakterzüge in der Auswahl der Kleidung einfängt. So auch bei Michael Wächter und Thiemo Strutzenberger, die sich als ungleiches Brüderpaar zunächst mit kleinen Sticheleien und später mit immer heftigeren Wortwechseln fetzen dürfen. Oder bei den von Robert Dölle und Katja Jung verkörperten Eltern, in deren von Pflicht und Ordnung dominiertes Haus Schwiegertochter Nicola Kirsch einen Hauch von Individualismus und Menschlichkeit einkehren lässt.

Buddenbrooks 3 Sandra ThenSticheleien im ehrenwerten Hause: v.l. Katja Jung, Nicola Mastroberardino, Liliane Amuat, Thiemo Strutzenberger, Michael Wächter © Sandra Then

Ein hoch konzentrierter und überraschend kurzweiliger Abend, getragen von einem Ensemble, das Thomas Manns Figuren trotz zahlreicher Klischees, die von der Regie schonungslos ausgestellt werden, zu Menschen aus Fleisch und Blut werden lässt.

 

Buddenbrooks
Von Thomas Mann
Regie: Bastian Kraft, Bühne: Peter Baur, Kostüme: Jelena Miletić, Musik: Jonathan Emilian Heck, Video: Sophie Lux, Licht: Verena Mayr, Dramaturgie: Ilja Mirsky.
Mit: Nicola Mastroberardino, Robert Dölle, Katja Jung, Michael Wächter, Liliane Amuat, Thiemo Strutzenberger, Nicola Kirsch, Thomas Reisinger, Pujan Sadri, Joshua Lohmann, Elion Thaller.
Premiere am 23. November 2023 
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.residenztheater.de

 

 Kritikenrundschau

"Kraft verfolgt ein sehr minimalistisches Konzept aus Auftritt und Sprechen, sodass man glauben könnte, es gelte noch, Corona-Abstände einzuhalten", schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (24.11.23). Der Regisseur picke "für sein Konzentrat die entscheidenden Figuren heraus", verwebe die Hauptmotive, stelle "den Zusammenhang von pekuniärem und persönlichem Interesse her" und zeige "die Familientradition, aus der zu fliehen so schwer" sei. "Wer die Buddenbrooks nicht kennt", resümiert die Kritikerin, "bekommt eine gute Handreichung. Aber auch, wenn die Darstellenden in zeitloser Kleidung stecken (…), rückt der Abend nicht ins Heute oder ins Exemplarische. Es bleibt die Geschichte der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook."

Die Inszenierung fordere "arg viel Sitzfleisch ein für einen Bilderbogen, dem schon das Bühnenbild von Peter Baur eine gewisse Statik verpasst", schreibt Sabine Busch-Frank im Donaukurier (25.11.2023). "Wer nicht geschafft hat, die Buddenbrooks zu lesen, erhält in etwas mehr als drei Stunden eine durchaus korrekte, den Text brav zitierende Inhaltsangabe. Die Spielenden haben Klasse, Staatstheaterklasse. Wer das Buch gern hat, freut sich über die Wiederbegegnung. Wer aber Antwort auf die ewigen Theaterfragen sucht: 'Warum dies, warum jetzt, warum hier und für wen?', wird enttäuscht werden."

"In den stärksten Momenten ist das ein Abend, der Figuren zeigt, die erkennen, dass sie im falschen Leben stecken, aber dieses Leben so sehr verinnerlicht haben, dass sie nicht herauskommen", so Christoph Leibold auf Deutschlandfunk Kultur (23.11.2023). Dem Kritiker gehe es jedoch etwas zu reibungslos ab. "Das guckt sich gut weg." Aber wirklich fest verhaken würde sich in der Erinnerung nichts.

Kommentare  
Buddenbrooks, München: Zürich
Siehe auch: https://www.schauspielhaus.ch/de/archiv/15329/buddenbrooks

Die „Münchner Fassung“ folgt also auf Krafts ebenfalls bemerkenswerte Fassung in Zürich.
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