Dummheit als Notwehr

9. November 2024. In Nürnberg versetzen Autor Philipp Löhle und Regisseur Christian Brey Washington Irvings zweihundert Jahre alte Gruselgeschichte vom kopflosen Reiter in ein fiktives Amerika, in dem Denken akute Lebensgefahr bedeutet.

Von Sabine Leucht 

"Sleepy Hollow" in der Regie von Christian Brey in Nürnberg © Konrad Ersterer

9. November 2024. Der Mietsoldat Hessi James hat laut nachgedacht. Beim "Worschdsupp-Esse" zwischen zwei Einsätzen im Dienst der Amerikanischen Revolution. Und das Nachdenken ging so: "Die Bridde haue die Amis, damit die Amis Bridde bleibe. Mir haue die Amis, weil die Bridde de hessische Könisch bezahle, damit mir die Amis haue, damit die Bridde bleibe. Wenn mir die Amis ned haue, haue die Bridde uns oder unsern Könisch und dann haut der uns. Die Amis selber haue aber die Leud, die hier schon vorher warn, damit se denne die Äcker wegnemme könne und e eischenes Land erfinde, was ned Britanien ist. Wemmas jetzt mal überlescht: Müsste mir ned eischentlisch zu denne halde?" Und noch bevor Hessi fertig war mit diesen länglichen Gedanken und dem Schlürfen der dünnen Suppe, pfiff eine Kanonenkugel über den Hudson River und schoss ihm den Kopf ab.

Achtung, rollende Köpfe

So beginnt "Die Legende von Sleepy Hollow" im Staatstheater Nürnberg, wo Hausautor Philipp Löhle eine ganz eigene Version von Washington Irvings gleichnamiger, 1820 erschienener Kurzgeschichte entworfen hat. Auf (Kunst-)Hessisch ist zum Glück nur ihr Prolog. Mit dem Original hat sie aber trotzdem nur die Namen der "schläfrigen Schlucht" und der meisten seiner abergläubischen Bewohner gemein – und die Gruselgestalt des kopflosen Reiters, der unter ihnen wütet.

Sleepy Hollow 3 Konrad FerstererKeinen Bock auf Bildung: Elina Schkolnik und und Maximilian Pulst spielen Katrina van Tassel und Lehrer Ichabod Crane © Konrad Fersterer

Doch anders als in Tim Burtons ebenfalls freier Verfilmung des Stoffes von 1999 rollen hier nur sehr wenige Köpfe. Denn die Bürger der kleinen Stadt haben sich eine eigene Strategie gegen den untoten Rächer ausgedacht und das Denken eingestellt. Blöd für den neuen Dorflehrer Ichabod Crane, der den Hinterwäldlern, die nicht auf vier zählen können und die Erde noch für eine Scheibe halten, die Naturgesetze näherbringen will. Nicht nur, weil der kopflose Hesse Hessi Begehrlichkeiten gegenüber jedem klugen Schädel entwickelt, sondern auch generell: Denn Schüler, die sich "die größte Mühe geben, vollkommen bescheuert zu sein", wie es die unter diesen Umständen geradezu weise Lady van Tassel formuliert, machen das Unterrichten zur Qual. Und auch der Witz des Theaterabends bleibt damit auf einer niedrigen Flughöhe. Allein, dass eine Figur hier Ickebin Niemand heißt, gibt bereits ein absehbares Gag-Feuerwerk vor. Aber Löhle hat auch sonst keine Scheu, Nichtigkeiten richtig dick auszupinseln.

Grusel-Effekt-Feuerwerk

Komödienspezialist Christian Brey ist aber keiner, der deswegen Trübsal bläst. Er hat sichtlich Lust auf Grusel-Effekte, die Anette Hachmanns Bühne nach Kräften unterstützt. In der schiefen Blockhütte, in der sich bis zur Pause das ganze Dorfleben zentriert, leuchtet, qualmt und wispert es gespenstisch durch die Ritzen, Arme greifen von unten durch die Matratzen – und nach unzähligen Blacks, in denen das Publikum mit einem wahren Lichtgewitter im Zuschauerraum geblendet wird, erscheinen oder verschwinden Figuren urplötzlich von der Bildfläche. Die Freude der sechs Schauspieler*innen an diesen simplen, gar nicht undurchschaubar sein wollenden Theatermitteln entschädigt ein wenig für den lahmen Plot, durch den Maximilian Pulst als Crane zunehmend aufgelöst hetzt und stolpert. Sein Vorname Ichabod allein löst bei den Schulkindern von Sleepy Hollow hysterische Lacher aus, ebenso wie die Idee vom Kreislauf des Wassers oder dass zwei Finger zahlenmäßig dasselbe sind wie zwei Pferde.

Sleepy Hollow 2 Konrad FerstererVerzweifelter Lehrer im Splatterlook: Maximilian Pulst als Crane © Konrad Fersterer

Diese Kinder werden von denselben Schauspieler*innen gespielt, die auch ihre Eltern darstellen. Nach einem Black tragen sie plötzlich weiße holländische Hauben oder eine Riesenschleife zu ihren historisierenden Kostümen und sprechen mit höheren Stimmen, in die sich plötzlich doch wieder die tieferen der Eltern mischen. Der Einsatz von Hall und Stimmenverzerrern ist auch so ein Grusel-Effekt, der gegen Ende ein wenig überstrapaziert wird. Und irgendwann bewegen Crane und Niemand (Sascha Tuxhorn) synchron die Lippen, während man immer nur einen der beiden sprechen hört. Cranes Albträume, der "echte" Horror und das, was die Dörfler dem Gast nur vorspielen, um sein Leben zu retten, werden zunehmend ununterscheidbar. 

Nicht zum Lachen

Die Blockhütte ist nach der Umbaupause einer riesigen, rußig-knorrigen, über dem leicht vor sich hin qualmenden Bühnenboden schwebenden Baumwurzel gewichen, die aussieht wie eine Riesenspinne und auch gut aus einem alten Sherlock Holmes-Film stammen könnte. Auch wenn jetzt im Wesentlichen nur noch die Enthüllungsstory und der Showdown mit kopflosem Reiter kommt, allein für dieses Bild hat sich die bei nur gut zwei Stunden Spieldauer eigentlich überflüssige Pause gelohnt. Zumal sich die Wurzel sogar noch schmatzend erhebt und alien-artige zähe Fäden unter sich aus dem Boden zieht. 

Sleepy Hollow 4 Konrad FerstererDumme Dorfgemeinschaft: das Nürnberger Ensemble in Kostümen von Anette Hachmann © Konrad Fersterer

Also könnte man jetzt mit den Schultern zucken und denken: Hat man sich halt mal unter Niveau leidlich amüsiert. Aber auf wessen Kosten? Man muss nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, aber dass man an die Wahlen in den USA denkt, ist gerade unvermeidlich und von Löhle sicher auch eingepreist: Ein Nest im (zwar noch demokratischen) Staate New York, dessen Bewohner keine Zeitung lesen und an Geister und anderen "rückwärtsgewandten Schwachsinn" glauben, glaubt vielleicht auch jemandem wie Trump. Auch wenn es sich seine Dummheit vorerst nur aus Notwehr angeschafft hat und den Bildungsnotstand schmiedet wie eine Waffe. Bloß ist das leider gar nicht zum Lachen. Das haben Politiker weltweit jetzt schon viel zu lange getan.

Die Legende von Sleepy Hollow
von Philipp Löhle nach einer Erzählung von Washington Irving
Regie: Christian Brey, Bühne, Kostüme: Anette Hachmann, Sounddesign: Thomas Esser, Dramaturgie: Brigitte Ostermann, Eva Bode, Animationen: Johanna Kaiser, Video: Martin Fürbringer, Licht: Frank Laubenheimer, Katharina Lehmann.
Mit: Maximilian Pulst (Ichabod Crane), Amadeus Köhli (Reverend Steenwyk und Benjamin Steenwyk), Elina Schkolnik (Lady van Tassel und Katrina van Tassel), Pius Maria Cüppers (Balt van Tassel), Pola Jane O' Mara (Hans van Ripper und Maitje van Ripper), Sascha Tuxhorn (Ickebin Niemand und Brom Bones), Statisterie des Staatstheater Nürnberg.
Premiere am 8. November 2024
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

Kritikenrundschau

"Löhle platziert seinen Text vorsichtig zwischen Schauder-Parodie und Lehrstück", schreibt Herbert Heinzelmann in den Nürnberger Nachrichten (11.11.2024). "Die Geisterbahn wird von Breys Inszenierung mit ihrem fröhlich chargierenden Ensemble heftig bedient." Dumpfe Rückständigkeit sei hochgefährlich. "Dass hier der Spaß aufhört, hätte die Produktion im Schauspielhaus ruhig klarer machen können."

"Christian Brey (...) will mit seinem übergreifenden Regieansatz das Gruselkabinett mit dem Nonsense-Slapstick vereinen", schreibt Wolfgang Reitzammer in der Deutschen Bühne (9.11.2024). "Das funktioniert aber nur bedingt, denn die beiden Genres neutralisieren sich gegenseitig." Für das Publikum sei es schwierig, ständig zwischen Schrecken und Schenkelklopfen zu wechseln, Horror und Heiterkeit gleichzeitig aufzunehmen. "Somit muss sich das Fazit irgendwo zwischen nice und nervig einpendeln."

 

Kommentar schreiben