Wie man Geld loswird

7. Juni 2024. Einen sonderbaren Schwärmer hatte Philipp Löhle vor 17 Jahren erfunden: Der Titelheld in "Genannt Gospodin" lehnt Besitz ab. Jetzt hat Nürnbergs Schauspielchef Jan Philipp Gloger sich den Stoff, mit dem er einst seine Regie-Karriere begann, erneut vorgenommen.

Von Andreas Thamm

"Genannt Gospodin" in Nürnberg © Konrad Fersterer

7. Juni 2024. Gospodin hat nicht viel. Auf der Bühne stehen ein kleiner Kühlschrank, eine Mikrowelle, ein Fernseher, ein Sofa. Den Overhead-Projektor auf dem Schränkchen gibt es, weil Gospodins Freundin Anette Grundschullehrerin ist, aber das versteht das Publikum erst später. Gospodin hat und will nicht viel, aber ständig will eine:r was von ihm: Erst Hermann, der sich Gospodins Anlage ausborgt, und dann die Scheiß-Spießer von Greenpeace, die ihm sein Lama wegnehmen, das diesem Gospodin, einem Mann im Schlabberlook mit dezent verwildertem Bart, so etwas wie wie seine Lebensgrundlage war. Der Keller, sagt er, ist noch voll mit Heu und Futter.

Einer, der die Fragen der Gegenwart zu Ende denkt

Das meiste über den Helden von Phillipp Löhles "Genannt Gospodin" in der Regie des Nürnberger Noch-Schauspieldirektors Jan-Philipp Gloger erfährt man aus dem Mund der ihm nahe Stehenden. Rasant geben sie wieder, wie dieser Mann offenbar rätselhaft durchs Leben rennt: Er vertritt Kumpel Andi, den Piloten, bei der Beerdigung von Leichenteilen nach einem Flugzeugabsturz. Andi, der das erzählt, nimmt dabei den Kühlschrank mit. Gospodin geht einkaufen. Mittels zwei Folien auf dem Overhead-Projektor fliegen Heißluftfritteuse, drei Sorten Milch und Kroketten in Fußballerform in den Einkaufswagen: 803,57 Euro, aber er hat gar kein Geld. "Er muss fast kotzen." Die stark aufgepeitscht wirkende Künstlerin Nadine nimmt ihm den Fernseher weg, und Silvia holt das Sofa und sein Bett, denn Anette ist ausgezogen. Er habe sich verändert, und alles wegen dieser neuen Lebensform.

Aus dem, was am Anfang wirr aneinandergeschraubt scheint, entblättert sich der Kern einer Erzählung über diesen Mann, der hier und jetzt an dem Punkt angekommen ist, seine Überzeugungen absolut zu setzen. Er schreibt sie mit Milch an die blanke, weiße Tapete: "Geld darf nicht nötig sein. Jedweder Besitz ist abzulehnen. Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen." Und so weiter. Löhles Gospodin ist eine absurde Figur, aber nur, weil er die kapitalismuskritischen Fragen der Gegenwart zu Ende denkt. Ein Totalverweigerer, würde man heute sagen, "ein Aussteiger, der im Land bleibt", sagt er selbst.

Den Kapitalismus bei den Eiern packen

"Genannt Gospodin" ist, so sehr es in die Bürgergeld-Debatten passt, kein neues Stück. Es markierte 2007/08 den Beginn von Jan Philipp Glogers Arbeit als Regisseur und führte zu seiner in Nürnberg über die Jahre sehr fruchtbaren Zusammenarbeit mit Hausautor Philipp Löhle. Am Ende seiner vorletzten Saison in Nürnberg hat Gloger sich den Text noch einmal vorgenommen.

Wie schon in München wird er mit nur drei Schauspieler:innen auf die Bühne gebracht. Nicolas Frederick Djuren bleibt immer der zwischen schlaffer Lethargie und verzweifelter Rage pendelnde Gospodin. Sasha Weis ist Anette und Nadine und Sylvia und der Händler von Kram, der sich von der Decke senkt, Engerling. Justus Pfannkuch taucht mal als Hermann auf, mal als Andi, mal als Supermarkt-Typ, der Gospodin einen Job aufdrängen will, mal als Gospodins Mutter, mal als Hajo, der Mann mit der Tasche voller Geld, die er bei Gospodin abstellt, zur Aufbewahrung. Gemeinsam brillieren sie als ultrakomisches Kommissarsduo.

Genannt Gospodin 3 C Konrad FerstererDa sind die Sachen noch da: Justus Pfannkuch, Nicolas Frederick Djuren © Konrad Fersterer

Das ist das eine, was so viel Spaß macht an der turbulenten, im besten Sinne quatschigen Nürnberger "Gospodin"-Inszenierung. Djuren kann sich vollends in diesen Charakter und dessen Windmühlen-Kampf fallen lassen. Er will den Kapitalismus bei den Eiern packen, sagt Gospodin, Geld bedeute ihm nichts. Er baut sich ein Nest aus dem Stroh des Lamas. Aber er überführt diese Figur nie vollends in die Lächerlichkeit. Weis und Pfannkuch hingegen können sich in den Karikaturen der Randfiguren verausgaben und Sprechweisen an- und ablegen wie Perücken und Schuhe, teils während der laufenden Szene.

Freiheit in engen Grenzen

Das andere sind die dezenten, aber feinen Einfälle der Regie, etwa der smarte Umgang mit dem angestaubten Requisit Projektor. Auf diesem liegen im weiteren Verlauf auch Bilder, die Hajo zeigen, aber immer nur angeschnitten und von hinten, so wie er auch zum Publikum stand, als er Gospodin die Tasche voller Geld zur Aufbewahrung brachte. Pfannkuch malt den Hajos auf den Folien-Bildern einen blauen Schal, damit man Bescheid weiß.

Es ist vielleicht minimal vorhersehbar, dass ausgerechnet der Geld-Abstinenzler zu Geld kommt – Hajo ist bei einem Autounfall verstorben – und dass nun alle mit ihren Träumen ums Eck kommen. Sylvia will heimlich ein E-Auto kaufen, ohne dass Hermann davon erfährt, und Gospodins Mutter auch mal alleine auf Kreuzfahrt gehen, ohne Männer, die sie aushalten. "Ich hab das Geld nicht!", schleudert Gospodin allen in blankem Zorn entgegen. Er versucht es loszuwerden – und scheitert. Das collagenhafte Rennen der Anderen nach dem Geld ist einer der platteren Momente des Stücks.

Die Pointe zum Schluss ist ein Paradoxon, aber logisch: Erst im Gefängnis kann dieses Leben gelingen. Hier braucht Gospodin kein Geld, hier muss er keine Entscheidungen treffen. "Das hier ist mein Zuhause", erklärt er seelenruhig. "Ich bin frei."

Genannt Gospodin
von Philipp Löhle
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Franziska Bornkamm, Kostüme: Karin Jud, Dramaturgie: Eva Bode, Musik: Jan Faszbender, Licht: Wolfgang Köper.
Mit: Nicolas Frederick Djuren, Sasha Weis, Justus Pfannkuch.
Premiere am 6. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

Kritikenrundschau

"Sind die Kulissen noch aus München?", fragt Wolf Ebersberger in den Nürnberger Nachrichten (8.6.2024). Schließlich habe Jan-Philipp Gloger seine Löhle-Inszenierung "aus dem Fundus gepackt und in den Kammerspielen des Staatstheaters generalüberholt: mit drei spielfreudigen Kräften des Nürnberger Ensembles und einer eigentlich gar nicht veralteten Agenda". Einen Käfig voller Narren halte  "Glogers ganz auf Typen-Satire konzentrierte Regie hier vor Augen". Freiheit ist Kopfsache? "Man darf es, routiniert unterhalten, bedenken und beschmunzeln."

Warum Jan Philipp Gloger das Stück wie Inszenierung wieder ausgebuddelt hat, bleibe rätselhaft, habe man sich doch, von Anspielungen wie auf die Flutkatastrophe im Ahrtal abgesehen, an der alten Residenztheater-Produktion orientiert, so Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (12.6.2024). Allerdings sei aus Gospodins verpeiltem Wutschlaf das dumpfe Gegröle der Wutbürger geworden. Vielleicht wollten Autor und Regisseur einfach nur auf ihre Anfänge zurückblicken? "So gesehen, kann man dem Abend etwas abgewinnen. Hier ist nämlich schon sehr vieles vorhanden, was spätere Stücke Philipp Löhles auszeichnet." Auch Jan Philipp Glogers Handschrift als Regisseur sei bereits unverkennbar: überbordender Spieltrieb, die scheinbar mühelose Verzahnung von Spaß und Ernst, das Anliegen, seinen Schauspielern stets eine Bühne zu bereiten, auf der sie glänzen können.

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