Alles muss raus

30. Oktober 2024. Die Performance-Gruppe She She Pop ist Meister darin, alte Gewissheiten auf den Prüfstand zu stellen. In ihrer neuen Gegenwarts-Befragung konstatieren sie, was eigentlich weg kann und was bleibt – samt stimmungsvollem Ausverkauf. 

Von Christine Wahl

She She Pops neuer Abend "Bullshit" am Berliner Hebbel am Ufer © Ben Krieg

30. Oktober 2024. Zuerst geht die Stabilität über den Verkaufstresen. Mag ja sein, dass sie über 116 Jahre zuverlässig dastand, die gute alte Theatersäule, die den Bühnenraum im Berliner HAU 1 vom Zuschauersaal trennt. Aber – wer wüsste es nicht – "der Laden wackelt, das ganze Theater wackelt", sagt Sebastian Bark, während er ein letztes Mal über die Säulenoberfläche streicht. Er glaube einfach nicht mehr an diese wunderbare Illusion der Statik und wolle sie hiermit feilbieten.

Die Stabilität ist nur eine von vielen vermeintlichen Gewissheiten, die ihre Funktionsfähigkeit offenkundig eingebüßt haben und deshalb von She She Pop in ihrer neuen Produktion "Bullshit" verramscht werden – als liebgewonnene, aber nutzlos gewordene Vintage-Teile, die im Zweifel nur den Blick verstellen und bei anstehenden Neu-Aufbrüchen stören. Echtheit in der Blütezeit von Photoshop und Fake News? Die Zentralperspektive? Der rote Faden? Der sichere Boden unter den Füßen? Kann alles weg, zum Einheitspreis von 4,99.

Kassensturz

Kein Wunder, dass das Premierenpublikum beherzt zugreift – und dass diese aparten Retro-Modelle auch mental für eine deutlich entfesseltere Stimmung sorgen als die Triangeln und Klanghölzer, die in She She Pops letzter Show "High" zum Zweck des kollektiven Rausches im Zuschauerraum verteilt wurden. Wem säße nicht sogar das Doppelte oder Dreifache eines Fünfers locker, wenn die Gegenwart so originell und luzide auf den Punkt gebracht wird?

Bullshit 1 CBen Krieg uEchtheit? Steht hier wie manch anderes zum Verkauf: Ilia Papatheodorou, Johanna Freiburg, Berit Stumpf, Mieke Matzke in "Bullshit" © Ben Krieg  

Wie sie da so stehen, die Performerinnen Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou und der Performer Sebastian Bark – ausgestattet mit Schürzen, die vorn fast bis auf den Boden reichen und qua Aufdruck großspurige Konsum- und Erlebnisversprechen machen ("4,99", "Freier Fall" oder "I do what I can"), während sie von hinten den Blick aufs halb oder ganz nackte Fleisch freigeben –, kommt neben der globalen Weltbilderschütterung und dem Gedanken an die Berufsimmanenz des Fakens im performenden Gewerbe noch eine weitere Assoziation ins Spiel.

Spätestens, wenn She She Pop nach dem Ausverkauf zum Kassensturz schreiten – "Was ist denn jetzt eigentlich noch da?" – und vorzugsweise Immaterielles zur Sprache kommt wie Barks Ironie oder abgehalfterte Metaphern und Lisa Lucassen noch mal unmissverständlich zusammenfasst: "Aber das Geld ist weg", stehen natürlich auch die aktuellen Kulturspardebatten im Raum: kleiner Nachtrag in eigener Sache zum Thema "fester Boden unter den Füßen".

Kampf um Deutungshoheit

Dass es allerdings eine wesentlich leichtere Übung ist, dessen Verlust zu konstatieren als eine Idee davon zu entwickeln, wohin man unter diesen Umständen den nächsten Schritt setzt, zeigt sich leider auch an diesem She-She-Pop-Abend deutlich. Zumal sich die Performerinnen in "Bullshit" für einen Weg entscheiden, der zwar unbedingt verfolgenswert ist, gerade im Theater aber auch schon mehrfach beschritten wurde. Und dies im Zweifel konsequenter und unterhaltsamer, wenn man zum Beispiel an Yael Ronens und Itai Reichers "Planet B" im Berliner Maxim Gorki Theater denkt. She She Pop stoßen nämlich den Homo sapiens als vermeintliche Krone der Schöpfung vom Thron und lassen von videotechnisch eingespielten Zecken, Bibern und Schafen ihre Deutungshoheit infrage stellen, bis sie selbst unter Fledermausflügeln oder Eselsköpfen stecken.

Bullshit 3 CBen Krieg uUntermalt von "Everybody knows": She She Pop in Bühnen-action © Ben Krieg

"Ich will nicht aufhören, mit dir zu reden, aber vielleicht ist meine Stimme wichtiger als das, was ich sage", heißt es in diesem (End-)Stadium der Performance. Und gesagt wird in der Tat nicht viel. "Everybody knows nicht mehr wo oben und unten ist" zum Beispiel. Oder: "Everybody knows, neue Worte sind schwer zu finden, everybody knows, Veränderung dauert lange": Feststellungen, die gern mit einer Reverenz an Leonard Cohen beginnen, dessen "Everybody Knows" so etwas wie Leitmotiv und Taktgeber des Abends ist.

Mit Gewissheiten aufräumen

Doch so unbefriedigend sich das auch gestalten mag – eines kann man She She Pop nicht vorwerfen. Und zwar mangelnde Konsequenz. Immerhin haben sie ihr eigenes Programm, mit alten Pseudo-Gewissheiten aufzuräumen und wirklich alles auf den Prüfstand zu stellen, so ernst genommen, dass sie sich unterwegs offenbar selbst vom ursprünglichen Thema ihres Abends getrennt haben. "Bullshit" – oder zumindest das, was man sich seit Harry G. Frankfurts verdienstvollem gleichnamigen Aufsatz aus dem Jahr 1985 darunter vorstellt – konnte auf der Bühne jedenfalls nicht unmittelbar als Verhandlungsgegenstand entdeckt werden.

Der Bullshitter sei der größte Feind der Wahrheit, schreibt Frankfurt in seinem Text; gefährlicher als der Lügner. Denn: "Er weist die Autorität der Wahrheit nicht ab und widersetzt sich ihr nicht, wie es der Lügner tut. Er beachtet sie einfach gar nicht." Das wäre eine Spur gewesen, die zu verfolgen in der anfangs beschworenen Zeit von Fake News und KI – zumal wenige Tage vor den US-amerikanischen Wahlen – wahrlich nicht allzu fern gelegen hätte.

Bei She She Pop bleibt vom "Bullshitter" indes – wenn überhaupt – lediglich eine andere Konnotation aus Frankfurts Aufsatz: Die des mehr oder weniger charmanten Durchmogelns qua Produktion von heißer Luft, wenn man selbst nicht weiter weiß. Immerhin: Auch ein Statement.

Bullshit
Idee und Konzept: She She Pop
Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf.
Künstlerische Mitarbeit: Rodrigo Zorzanelli, Director of Photography, Videoinstallation: Benjamin Krieg, Technische Beratung Videodesign: L Wilson-Spiro, Mitarbeit Video: Guillaume Cailleau, Raum: Philine Rinnert, Kostüme: Lea Søvsø, Mitarbeit Kostüme: Margarita Rozhkova, Anfertigung Kostüme: Emma Cattell, Simon Kernen, Musik, Sounddesign, Klanginstallation: Santiago Blaum, Ton, Mitarbeit Sounddesign: Manuel Louis Horstmann, Live-Sound-Mix: Santiago Blaum, Manuel Louis Horstmann, Lichtdesign: Michael Lentner, Technische Leitung: Claes Schwennen, Dramaturgische Beratung: Lidiia Golovanova, Hospitanz: Neïtah Janzing, Englische Live-Übersetzung: PANTHEA, Audiodeskription: Pingpong Translation & Subtitling, Martina Reuter, PR & Kommunikation: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro, Kommunikation: Tina Ebert, Produktion: Tina Ebert, Aminata Oelßner, Elke Weber, Company Management: Aminata Oelßner, Elke Weber.
Premiere am 29. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Jenni Zylka von der taz (31.10.2024) zeigt sich von den "dialogischen Begegnungen mit Tieren" angetan: "Man hört nicht nur zu, man meint auch noch, sie zu verstehen. Anthromorphismus hin oder her." Die Kritikerin freut sich, wie "Schäfchen Schlau" das Prinzip des egoistischen Individualismus infragestelle. "Dass es am Herdenverhalten von Menschen genauso viel auszusetzen gibt, wird dann in der nächsten, bestimmt ebenso großartigen Vorstellung eruiert."

"Die Kunst hat einer zerbröselnden Wirklichkeit keine poetische Kraft mehr entgegenzusetzen, das ist eine der Prämissen dieses Abends", notiert Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (31.10.2024). "'Bullshit' braucht keine expliziten tagespolitischen Bezüge, das Grundrauschen einer Zeit, in der Fakten und gesichertes Wissen keine harte Währung mehr sind, zieht sich auch so hörbar genug durch den Abend, noch dazu kurz vor den US-Wahlen." Die Performance zähle zu den stärkeren Arbeiten von She She Pop, "weil hier tatsächlich etwas auf dem Spiel steht: die Möglichkeit einer gemeinsamen Verständigung".

"Hier pulsiert sie, die Sehnsucht des Abends, ihre Utopie, die sie aus den Netzwerken der Tierwelt zieht: Dass wir eine neue gemeinsame Wirklichkeit entwickeln müssen, damit der Dialog nicht abreißt. Weil sonst unsere Welt wirklich den Bach runtergeht", schreibt Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (31.10.2024). Leichtfüßig und melancholisch komme die Arbeit daher. Doch bleibe auch vieles unklar.

"Die Kombination von netter Clownerie und Gesellschaftskritik ist so etwas wie der Markenkern der Gruppe", seufzt Wolfgang Höbel im Spiegel (2.11.2024) über einen "an interessanter Action und an Gedankenschärfe gruselig armen" Theaterabend. "Es gibt Momente, in denen die Berliner 'Bullshit'-Show dem Ideal eines von Substanz und Inspiration vollständig entleerten Theaterspiels schmerzhaft nahekommt."

Kommentare  
Bullshit, Berlin: Sarkastische Ausverkaufs-Show
Zum Einheits-Tiefpreis von nur 4,99 € gehen alle Werte über die Bühnenrampe: egal ob symbolische Gegenstände oder ganz Handfestes, im Konsumrausch hat die Gesellschaft den Blick fürs Wesentliche verloren und das Theater, insbesondere die Freie Szene, gerät in den Spardebatten unter die Räder. Die drohenden Einschnitte im Haushalt des Bundes für das Bündnis Freier Produktionshäuser, dessen Etat auf 0 € heruntergekürzt werden soll, und im Landeshaushalt für Berlin, in dem 10 % weniger für Kultur ausgegeben werden soll, sind der offensichtliche Hintergrund dieser sarkastischen Ausverkaufs-Show, aus der die erste Hälfte des „Bullshit“-Abends von She She Pop besteht.

Einen Ohrwurm gibt es noch gratis dazu: Der melancholisch-schöne Leonard Cohen-Hit „Everybody knows“ wird leitmotivisch angestimmt und das Publikum zum Mitsingen animiert. Dramaturgisch wird die zweite Hälfte des weniger als 90 Minuten kurzen Abends dann doch recht dünn. Hinter Tiermasken verschwindet das Quartett und tanzt durch das von Stroboskop-Blitzen aufgehellte Halbdunkel. Das ist zwar hübsch anzusehen, hat aber kaum noch einen erkennbaren Bezug zu den Ausgangs-Ideen des Abends.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/10/30/bullshit-she-she-pop-kritik/
Bullshit, Berlin: Schön anzusehen
Mir hat das Stück gefallen, aber weder berührt noch angeregt. Gefallen hat mir die souveräne Nutzung des Raumes auf und außerhalb der Bühne, durch die eine schöne Leichtigkeit während der ganzen Inszenierung bestand. Die Verteilung und Bewegung der Perfomer:innen im Raum, die reduzierte Nutzung von Requisiten, dem gezielten Einsatz verschiedener Techniken wie z.B. AI gesteuerte Stimmausgabe und den schönen Kostümen gefiel meinen Augen und Ohren. Auch der Umgang der Perfomer:innen untereinander, dem man das 30jährige Zusammenspiel jederzeit anmerkte, unterstütze die angenehme Leichtigkeit. Insgesamt schafften sie so eine heitere, manchmal sogar zauberhafte Atmosphäre, in der viel gelacht wurde (im ersten Abschnitt während der Verkaufsshow).
Emotional berührt hat mich dagegen nichts, was bei SSP für mich auch nicht ungewöhnlich ist (das haben sie nur mit Testament geschafft, was für mich deshalb auch ihr mit Abstand bestes Stück ist). Nirgends war emotionale Tiefe und wenn es dazu vielleicht mal die Chance gegeben hat – insbesondere bei den Gesprächen mit den Tieren oder auch beim Singen von Everybody knows – wurde diese nicht genutzt oder durch ironische Brechung nicht zugelassen. Ich glaube aber auch, dass diese Dimension für die Perfomer:innen keine große Bedeutung hat. Insofern ist das Fehlen einer Berührung durch das Stück eine Feststellung, aber keine Kritik.

Anders sieht es mit dem Diskursbeitrag aus, der für ein feministisches Kollektiv notwendigerweise eine erhebliche Rolle spielt. Und hier liegt dann bei allem Gefallen, den Bullshit bei mir auslöste, die größte Enttäuschung. Schon mit dem Ausverkauf der Gewissheiten als Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen haben die Perfomer:innen einen wenig überzeugenden Ansatz gewählt. Ich habe noch gelernt, dass die prinzipielle Ungewissheit ein wesentliches Element kritischer Erkenntnistheorie und eine Grundlage für die Sicherung individueller Freiheiten ist. Man muss dazu den Mut haben, dieser Freiheit, dieser Ungewissheit ins Auge zu blicken und sich von liebgewonnenen Sicherheiten zu lösen. Insofern hätte der Verkauf von Gewissheiten ein emanzipativer Akt sein müssen, der mit schmerzhaften Verlusten einhergehen kann. Stattdessen werden die naiven Gewissheiten kapitalismuskritisch zum sozialistischen Einheitspreis belustigend verhökert. Es fehlt die intellektuelle Durchdringung, eine Genealogie von Gewissheit und Ungewissheit. Diese Naivität zieht sich dann in den nächsten Abschnitt, in dem verschiedene Tiere interviewt werden. Das ist trotz der kratzbürstigen Zecke in der Summe – sorry für das harsche Urteil – Kindertheater, in dem liebe Tiere den Kindern richtig und falsch erklären. Es war aber schön anzuschauen, die Schildkröte hätte ich gern gehört, aber vielleicht war diese auch weise genug, nicht zu reden.

Den letzten Teil habe ich dann nicht mehr verstanden. Die Perfomer:innen kostümieren sich als Tiere, bewegen sich auf der dunklen Bühne, an dessen Vorderfront ein Großbildschirm in verschlierten schwarz-weiß Bildern in etwa das zeigte, was auf der Bühne passierte (vielleicht, war nicht erkennbar). Zum Schluss tanzen die Perfomer:innen Ringelreihe um die Drehkamera, was durch die Kostüme und die Dunkelheit eine schamanische Anmutung bekommt. Leider aber ohne die dazugehörige Ekstase und Wildheit. Ich wünsche den Perfomer:innen für ihre nächsten Vorhaben ein mehr an „break on through to the other side“, auf dass sie fauchend, heulend und wütend sich und den Zuschauer:innen zeigen, was das Andere der Vernunft bewirken kann.
Bullshit, Berlin: Wir sehen nicht
Es ist leider ein eher ärgerlicher Abend - da werden im ersten Teil die Grundfeste unserer Gewissheiten verramscht, der feste Boden, auf dem wir stehen, die tragende Säule des Bühnenportals, die Zentralperspektive. Doch warum werden sie verramscht!? Sie sind uns abhanden gekommen, sie sind immer weniger tragfähig, sie entpuppen sich als Phantasmen - da führt der Akt des Verramschens m.E. eher an der Sache vorbei, verhindert das Erkennen dessen, was tatsächlich auf dem Spiel steht (insofern Zustimmung zu #2). Problematischer ist aber, dass die Konsequenzen dieses Verkaufs nicht ernstgenommen werden: Der Bühnenboden gehört nun einer/m Zuschauer*in. Diesem Machtwechsel, diesem Souveränitätsverlust hätten sich die Performer*innen stellen sollen, anstatt risikoverhindernd die Zügel des Geschehens weiter in der Hand zu behalten. Es folgen charmant synchronisierte Tierfiguren und der Versuch, die Wahrnehmung bsplw. von Fledermäusen in der Dunkelheit zu adapieren, zugunsten eines neuen Sehens, Hörens und In-der-Welt-Seins. Aber auch hier kommt die Inszenierung nicht über eine Illustration der Dinge hinaus: Was heißt es denn, als Mensch Tieren zuzuhören, was heißt es, die erlernte Wahrnehmung zu verabschieden!? Doch wahrlich mehr als diese denkbar konventionellen, durch und durch anthropozentrisch bleibenden Vorstellungswelten, auf die der Abend hier zurückgreift, die das Sehen und Hören über den Tellerrand hinaus eher verstellen als ermöglichen.
Bullshit, Berlin: Widerspruch
Gestern waren sie in Frankfurt, ohne Sebastian Bark z.B., der oben erwähnt wird. Da die Performerinnen keine „Rollen“ spielen, ist es auch „egal“, wer auf der Bühne steht, ja weiss ich: Konzept … die Kommentare #2 und #3 und die Spiegelkritik sind treffend … was sollte die Anmerkung über Pirandello‘s „Parteibuch“, das er nie abgegeben haben soll? … die (technische?) Crew, die zum Applaus kam, war (zumindest optisch) komplett männlich. Einfach so eine Anmerkung …
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