Vibrierende Coolness

22. Februar 2025. Dieser Tage wäre Thomas Brasch achtzig Jahre alt geworden. Anlass für die Frage, wie heute die Energie anzuzapfen wäre, die Braschs Texte einmal ausstrahlten. Lena Brasch geht dem in einem kleinen Abend im Berliner Gorki Theater nach.

Von Gabi Hift

"Brasch - Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht" von Lena Brasch am Gorki Theater Berlin © Ute Langkafel | Maifoto

22. Februar 2025. Eine Liebeserklärung ist es, die Lena Brasch auf die Bühne brachte, und es ist erstaunlich zu sehen, was eine neue Generation jetzt an Thomas Brasch liebt. Es ist sehr anders als das, wofür meine Generation damals junger Theaterleute in den 1980er und 1990er Jahren im Westen die Werke von Brasch bewundert hat.

Thomas Brasch, Popstar der Rebellion und Individualanarchist, der an der Utopie des Sozialismus festhielt, auch als er die DDR längst verlassen hatte. Sein Text "Warum spielen" hing seinerzeit in hunderten Künstler-WGs an der Wand – und wunderbarerweise ist er nun auch auf dem Handzettel zu Lena Braschs Stück abgedruckt.

Verzweifelte Außenseiter

Den Rahmen dieser liebevollen Wiedererweckung bildet das Stück "Mercedes", das Thomas Brasch 1983 schrieb. Zwei junge Leute, Oi und Sakko, treiben sich irgendwo im Niemandsland zwischen grünlichen Plexiglaswänden herum. Darüber ein Schild mit der Aufschrift "Theater der UNZEIT". In einer Reihe von Versuchsanordnungen spielen sie Situationen durch, in denen sie sich vorstellen, sie hätten einen Mercedes.

Nach und nach beginnen sie, ein paar Geschichten zu erzählen: Sakko ist arbeitslos und will zum Bund, Oi geht klauen. "Für Leute mit Verstand gibt's nur zwei Möglichkeiten: Künstler oder Krimineller", sagt sie. In einem poetischen Berliner Kunstslang pöbeln sie sich an und versuchen so, Nähe herzustellen. Klara Deutschmann zeigt Oi als eine, die nicht aus ihrer obercoolen Schutzschicht herauskommt. Edgar Eckerts Sakko ist auf liebenswerte Art großspurig und schüchtern. Die beiden spielen das charmant und schnoddrig, man schaut ihnen gern zu. Verzweifelte Außenseiter, die kurz davor wären, unter die Räder zu kommen, sieht man in ihnen jedoch nicht.

Jubelnde Verzweiflung

Lena Brasch hat eine dritte Figur hinzugefügt. Jasna Fritzi Bauer mischt sich von außen mit Gedichten von Thomas Brasch ein, Ausschnitten aus "Domino" und "Lovely Rita" und einmal auch mit einem Text der Regisseurin selbst, die darin von ihrer Angst und Wut der heutigen politischen Situation gegenüber spricht. Wenn sie auftritt, verschwindet die konkrete Situation, die sich Oi und Sakko zusammenphantasieren, immer wieder im Nebel und das Ganze bekommt etwas beliebig Collagehaftes.

Ich erinnere mich noch lebhaft an verschiedene Aufführungen von Brasch-Stücken in den 1990er Jahren: an immense Aggression, Wut, die Freude an anarchischer Gewalt, an helle, fast jubelnde Verzweiflung. Dreißig Jahre später bedeuten diesen Dreien die Brasch Texte sicher viel, das spürt man. Aber sie gehen anders heran. Sie sprechen sie sanft und traurig. Was früher arrogant und scharf war, klingt jetzt tastend und unsicher. Die glühenden Energieströme, die früher aus Brasch-Texten flossen, werden nicht angezapft. Für mich, als eine "von damals", ist das eher enttäuschend.

Brasch3 1200 Ute Langkafel MAIFOTONeue Nüchternheit: Jasna Fritzi Bauer © Ute Langkafel | Maifoto

Aber es stimmt auch, dass die Haltung von Brasch rücksichtlos war, gegen sich selbst und gegen andere: arrogant, cocky, testosteronschwanger. Brecht, an dessen Vitalismus, etwa in "Baal", sich Brasch ein Vorbild nahm, hat später über sein eigenes Frühwerk gesagt, es fehle ihm Weisheit. Brasch konnte das Feuer kompromissloser Rebellion gegen alle Seiten entzünden, er war für uns wie Jimmy Hendrix, Jim Morrison oder Janis Joplin. Aber er hat sich auch genau wie sie zugrunde gerichtet. Dieser Gestus des wilden, verantwortungslosen Aufschreis ist wohl tatsächlich nicht mehr möglich. Geht nicht mehr. Aber das Neue eben auch nicht.

Bleibender Schmerz

Diesen Widerspruch erlebt man an diesem Abend weniger in den Texten als in den Musiknummern. Alle drei singen und musizieren hervorragend, es gibt interessant vertonte Brasch Texte. Aber was wirklich greift, sind zwei Fremdnummern. Jasna Fritzi Bauer singt "Twist in my sobriety". Das ist die neue Art von Coolness, "in my sobriety" – "in meiner Nüchternheit" – kann in Bezug auf Brasch aber auch wie Hohn wirken.

Aber dann beginnt Edgar Eckert zu Bauers wunderschön unterkühltem Gesang zu tanzen, es reißt ihn herum wie in einem furchtbaren, hässlichen Anfall. Das berührt. Am Ende singen Sakko und Oi den Song "Wicked game" – auch hier wieder die sanft vibrierende Coolness einer neuen Zeit. Aber nun brüllt Jasna Fritzi Bauer mit entfesselter Verzweiflung über sie drüber (in Anlehnung an die Cover-Version des Songs von Les Reines Prochaines): "No, I don't wanna fall in love again". An dieser Stelle wird die Aufführung zu dem, was Thomas Brasch war: virtuos im Zeigen und Aushalten von Widersprüchen. Er wollte, dass Kunst der bleibende Schmerz sein soll, "der spüren lässt, dass man am Leben ist". In Momenten ist es gelungen.

Brasch – Das Alte geht nicht und das Neue auch nicht
mit Texten von Thomas Brasch und Lena Brasch
Regie: Lena Brasch, Bühne: Karl Dietrich, Joel Winter, Kostüme: Marilena Büld, Musik: Paul Eisenach, Wenzel Krah, Choreografie: Greta Baumann, Lichtdesign: Arndt Sellentin, Dramaturgie: Mira Gebhardt, Simon Meienreis.
Mit: Jasna Fritzi Bauer, Klara Deutschmann, Edgar Eckert.
Premiere am 22. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

"Ohne die gewöhnlich gewordenen drastischen Brechungen, stattdessen mit sanfter Übertragungshoffnung inszeniert die Regisseurin Laura Brasch eine knapp siebzigminütige Hommage an ihren 2001 verstorbenen Onkel. Nicht das 'als ob' bestimmt das Geschehen, sondern das 'und wie'", lobt Simon Strauß in der FAZ (24.2.2025). 

"Beherzt vermengt die Regisseurin verschiedene Ebenen (...) Die verbindende mäandernde Figur ist dabei Jasna Fritzi Bauer, ein bisschen Thomas ist sie, ein bisschen Lena und noch ein bisschen mehr. Sie spielt verschmitzt, schlagfertig, einnehmend", schreibt Katrin Pauly in der Morgenpost (24.2.2025). Überhaupt agiere das Trio auf der Bühne hervorragend miteinander. "Auch in musikalischer und gesanglicher Hinsicht. (...) Ein schöner kleiner, frischer Theaterabend ist das geworden, unpathetisch und unmittelbar."

Lena Brasch benutze in ihrer Inszenierung das Werk Thomas Braschs wie einen Steinbruch. "Sie nimmt die Sätze und Szenen, die sie gebrauchen kann, um daraus etwas ziemlich Eigenes zu machen", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.2.2025). "Die Dekontextualisierung tut den gesampelten Brasch-Zeilen ausgesprochen gut. Die anstrengende Pose, mit der sich Brasch ein wenig zu penetrant zum Klassiker stilisiert, ist wie weggeblasen."

"Lena Brasch spielt klug mit all diesen Widersprüchen, die den Menschen und Dichter Thomas Brasch ausmachten. War das überhaupt zu trennen bei ihm: Dichtung und Realität?", schreibt Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (26.2.2025), würdigt die "famose" Jasna Fritzi Bauer und schließt: "Wenn man nach siebzig Minuten das 'Gorki' verlässt und durch die leeren Berliner Strassen geht, die so sehr Braschs Heimat und Fluchtpunkt gleichzeitig waren, denkt man, es wäre doch schön, den Sprachkünstler noch mal treffen zu können. (...) Die Aktualität Braschs ist das Zeitlose."

Kommentare  
Brasch, Berlin: Dichte Collage
„Brasch – Das Alte geht nicht und das Neue geht auch nicht“ ist um Szenen aus Thomas Braschs Stück „Mercedes“ gebaut, das Uli Khuons DT im September 2021 für die Box ausgegraben hat. Das Interessante an der Collage der Nichte ist, dass wir anders als beim wuchtigen DT-Abend „Halts Maul, Kassandra!“ vor allem die leiseren Töne von Brasch kennenlernen.

Als vorsichtig tastend beschrieb Nachtkritikerin Gabi Hift die Herangehensweise von Lena Brasch. Eine zentrale Rolle spielen die Songs, die das Trio aus Gorki-Neuzugang Edgar Eckert und den beiden Gästen Jasna Fritzi Bauer, die nach ihrem Burgtheater-Engagement (2012-2015) vor allem als Bremer Tatort-Kommissarin (seit 2021) und in TV-Serien präsent ist, und Klara Deutschmann, die ebenfalls mehr für das Fernsehen arbeitet, performt. Das sind zum einen Vertonungen von Braschs Lyrik, zum anderen Popsongs der späten 1980er wie „Wicked Game“ von Chris Isaac oder „Twist in Sobriety“ von Tanita Takaram, die sich in die melancholische Grundstimmung einfügen.

So entsteht eine atmosphärisch dichte Collage aus Brasch-O-Tönen und eigenständigen Zugängen/Weiterdichtungen. Kurz vor Schluss gibt es noch einen tagesaktuellen Aufschrei gegen Rechts der Regisseurin, den Jasna Fritzi Bauer, spricht: angesichts von verschmierten Stolpersteinen im Scheunenviertel erinnert sich Lena Brasch an die Demütigungen der jüdischen Großmutter in Wien und kommentiert, dass das „Nie wieder“ zur leeren Phrase verkommt, während rechte Gewalt auf dem Vormarsch ist.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/03/03/brasch-das-alte-geht-nicht-und-das-neue-geht-auch-nicht-gorki-theater-kritik/
Brasch, Berlin: Nett und klein
Wer wie ich keine Ahnung von Thomas Brasch hatte, bekommt in der Aufführung auch kein Schimmer von seiner Arbeit. Nette kleine Texte, die nett und leider auch klein gespielt werden. Das Ganze wirkt eher wie Amateurtheater, die Songs beliebig und musikalisch peinlich. Eine Hommage wirkt anders, warum nicht einfach ein Theatertext von Brasch neu inszenieren, für heute?
Brasch, Berlin: Großartige Wiederentdeckung
Spannend, wie unterschiedlich die Erinnerungen sind: Wann Braschs Texte „immense Aggression, Wut, die Freude an anarchischer Gewalt, (…) helle, fast jubelnde Verzweiflung“ Verzweiflung hatten, kann ich - weder fürs Theater und auch für seine Filme, als auch fürs eigene Lesen, überhaupt nicht nachvollziehen. Ich, auch „als einer von damals“ war von Lena Braschs Konstruktion, Tonalität und Inszenierung berührt und erreicht, gerade weil ich so viel wiedererkannt habe an Zeichen und Tönen und Ängsten der 80er und 90er - nicht nur, aber auch gerade in Brasch-Inszenierungen und -Filmen dieser Zeit. Die große Kraft dieses Abends liegt aber tatsächlich gar nicht darin, das irgendwie historisierend oder melancholisierend „nachzuempfinden“, auszugraben oder zu reenacten, sondern es wirklich neu zu empfinden und zu entwickeln. - und mich damit Verbindungen, Ähnlichkeiten zwischen den Zeiten entdecken zu lassen. Damit gelingt es wohl auch, je nach Lesart, Vorhersehungen, Vorwegnahmen oder Immerwährendes von Brasch kenntlich zu machen - zu Menschliches übernehmenden und verdrängenden Maschinen, zur allfälligen und um sich greifenden „Losigkeit“ und zum Ringen der Kunst um Freiheit und Bedeutung(slosigkeit). Das schließlich ausgerechnet zwei Popsongs aus den 80ern, Braschs und „unserer“ Zeit, für die Kritikerin „die neue Art von Coolness (…) einer neuen Zeit“ zeigen … zeigt für mich, wie gut und nahtlos und verwirrend Lena Brasch die Verschränkung von Damals und Heute, wie gut ihr dieser zeitliche Kurzschluss gelingt. Eine großartige, so liebevolle wie ernste Wiederentdeckung!
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