Zukunftsmusik - Maxim Gorki Theater Berlin
An einem Tag im März
25. Januar 2026. Mit dem "Kirschgarten" in der Regie von Nurkan Erpulat startete vor 13 Jahren die postmigrantische Ära des Berliner Gorki Theaters unter Intendantin Shermin Langhoff. Jetzt geht sie zu Ende. Wieder mit Nurkan Erpulat – und einer Schlusspunkt-Inszenierung, die mit der Vergangenheit in die Zukunft schaut.
Von Sophie Diesselhorst
"Zukunftsmusik" in der Regie von Nurkan Erpulat am Gorki Berlin © Ute Langkafel Maifoto
25 Januar 2026. Das neue Jahr hat gerade erst angefangen, und schon geht's ans Verabschieden. "Zukunftsmusik" war die letzte Ensemblepremiere am Berliner Maxim Gorki Theater unter der Intendanz Shermin Langhoffs, die im Sommer endet. Und wie im November 2013, als ebendiese Intendanz, nein: Ära eröffnet wurde, führt Regie Nurkan Erpulat.
Damals gab's Tschechows "Kirschgarten", manifesthaft. Jetzt gibt es zum Abschied "Zukunftsmusik", die sehr viel zurückgenommenere Uraufführung des Romans von Katerina Poladjan, der an einem Märztag im Jahr 1985 die Bewohner*innen einer Kommunalka im ländlichen Russland unter die Lupe nimmt. Mit einem Trauermarsch im Radio kündigt sich die Gorbatschow-Zeit an, und Poladjan sucht in den Alltags-Biografien der Zwangs-WG nach Zeichen für die Zeitenwende.
Tauwetterbedingte Innerlichkeit
Nurkan Erpulat hat sich in den Gorki-Jahren als feinfühliger Roman-Adaptierer einen Ruf erarbeitet, dem er im Endeffekt hier auch wieder gerecht wird – obwohl der Abend schon erst einmal in Schwung kommen muss. Die Zimmer der Kommunalka fahren für den schnellen Überblick ein paarmal auf der Drehbühne im Kreis, und es beginnt ganz romangetreu, wobei sich die Monologszenen wohltuend abheben. Hier kommt die tauwetterbedingte Innerlichkeit der Figuren am besten heraus, die der Motor der sparsamen Romanhandlung ist.
Mütter und Töchter: Via Jikeli als Janka, Ursula Werner als Warwara und Çiğdem Teke als Maria (v.l.) © David Baltzer
Es ist ein Tag im Leben der drei Mütter und Töchter Janka (Via Jikeli), Maria (Çiğdem Teke) und Warwara (Ursula Werner), die mit (Ur-)Enkelin/Tochter Koshka in einem Zimmer der Kommunalka leben und die Hauptpersonen der Geschichten sind, die vom 11. März erzählt werden. Die Älteste, Warwara, arbeitet als Hebamme, wobei die Inszenierung diesen Strang weglässt und nur ihre heimliche Affäre mit Schlafwagenschaffner Hippolyt zeigt (auch er ein Bewohner der Kommunalka).
Warwaras Tochter Maria, die Çiğdem Teke als geerdete Träumerin mit blonder Lockenmähne unvergesslich macht, kümmert sich um die kleine Tochter ihrer Tochter Janka, die wiederum am Abend des Tages, um den es geht, ein Konzert in der Kommunalka-Küche spielen will. Sie träumt im Schichtdienst in der Glühbirnenfabrik von einem Leben als Künstlerin. Dass der Tag dann ganz abrupt mit der Nachricht endet, dass das Wohnhaus der Kommunalka – symbolisch fürs Staatssystem – abgerissen wird, heißt, dass Janka ihr Konzert an diesem Abend nicht spielen wird. Aber eigentlich öffnen sich dadurch wahrscheinlich neue Türen für sie. Durch die sie dann nur noch gehen muss.
Ein Zimmer voller Schubladen
Der dauerüberdrüssigen Janka glaubt man noch am ehesten, dass sie in der Lage ist, sich in neue Lebensträume zu befreien. In die Zimmer auf der Drehbühne schaut das Publikum übrigens durch einen auffallend kleinen Rahmen, der die Enge der Kommunalka gleichsam noch einmal betont. Ans Herz geht neben den drei Frauen noch die Figur des Matwej (Doğa Gürer), ein liebenswerter Bürokrat, der im Bühnenbild in einem Zimmer voller Schubladen wohnt, in die er alles, was ihm begegnet, einsortiert, auch seine Liebe zu Maria, von der er sich gar nicht vorstellen kann, dass sie jemals erwidert werden könnte.
Alltags-Biografien einer Zwangs-WG: Doğa Gürer, Çiğdem Teke, Marc Benner, Ursula Werner, Aysima Ergün und Via Jikeli auf Magda Willis Bühne © Ute Langkafel Maifoto
Die liebevoll gestalteten, aber gleichzeitig nicht zu aufdringlich symbolischen Kostüme im leicht verfremdeten Retro-Look (Miriam Marto) helfen den Spieler*innen dabei, ihre Figuren plastisch zu machen, beinahe zu plastisch. Außer Aysima Ergün und Marc Benner, die gekonnt komödiantisch zwischen verschiedenen Nebenrollen hin und herspringen, fallen sie immer tiefer in ihre Schicksale hinein, so dass sie am Ende weniger uneindeutig daherkommen als im Roman, was ein bisschen schade ist, aber nun mal eben auch ein Merkmal des Theaters der Gorki-Ära, von dem wir uns hier gerade verabschieden.
Es gilt in diesem postmigrantischen Volkstheater die maximale Verständlichkeit der Erzählungen. Deutsche Schauspieler*innen mit überwiegend türkischen Namen spielen Figuren mit russischen Namen aus dem Roman einer Autorin, die in der Sowjetunion geboren wurde und auf Deutsch schreibt. Programmatischer geht's nicht für diese Schlusspunkt-Inszenierung, in der sich das Ensemble – übrigens absolut romangetreu – am Ende wehmütig, aber kurz von seinem Haus verabschiedet und entschlossen ins Unbekannte zieht.
41 Jahre später
Es folgt als Überraschungs-Act doch noch ein Konzert, sogar ein echtes – von der russischen Kombo Stoptime (Naoko und Alexandr Orlow), die am 15. Oktober 2025 verhaftet und zu 13 Tagen Gefängnis verurteilt wurden, "weil sie auf den Straßen von Sankt Petersburg verbotene, gegen das Russische Regime und den Krieg in der Ukraine gerichtete Lieder gesungen hatten", wie ein Programmflyer informiert.
Mittlerweile leben sie im Exil. Und werden nach jeder Vorstellung von "Zukunftsmusik" fünf Lieder spielen. So clean ihre melodiöse Popmusik sich anhört, die Liedtexte werden auf Deutsch und Englisch projiziert, so dass man eine Ahnung bekommt von den Verhältnissen 41 Jahre später in dem Land, das die Inszenierung gerade noch hoffnungsvoll untergehen ließ.
Zukunftsmusik
von Katerina Poladjan
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Miriam Marto, Musik: Tobias Schwencke, Lichtdesign: Connor Dreibelbis, Dramaturgie: Johannes Kirsten, Clara Probst, Dramaturgische Mitarbeit: Paula Rave.
Mit: Marc Benner, Aysima Ergün, Doğa Gürer, Via Jikeli, Çiğdem Teke, Ursula Werner.
Uraufführung am 24. Januar 2026
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
www.gorki.de
Kritikenrundschau
"Viel Wehmut" erlebte Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (25.1.2025) in der letzten großen Gorki-Premiere der Intendanz-Ära Shermin Langhoffs. In dem "Kehraus", mit dem die Inszenierung endet, stecke "eine schöne Anspielung auf Tschechows 'Kirschgarten', die Regisseur Erpulat dankbar aufnimmt", so der Kritiker: "Mit dem 'Kirschgarten' hat er 2103 die Intendanz von Shermin Langhoff am Gorki eröffnet. Mit einer humorvollen, toll gespielten und klug verdichteten 'Zukunftsmusik' endet nun auch seine Zeit am Gorki."
Nurkan Erpulat tauche seinen Geschichtsnukleus aus Katerina Poladjans Roman zwar "in grellere Farben und muntere Parodie", vergleicht Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (25.1.2026) die Aufführung mit Alexander Eisenachs Inszenierung "Heimsuchung" am DT Berlin in ihrer Doppelrezension der beiden Abende. Doch bleibe Erpulats Inszenierung letztlich ähnlich "papieren", so die Kritikerin. "Die pittoreske Runde kleiner Kofferzimmer, die Magda Willi (…) auf die Drehbühne gebaut hat, und die grotesk überzeichneten 80er-Jahre-Klamotten animieren alle schnell zum kafkaesken Retroklamauk, der allerdings irgendwann nur noch gefällig dahinplätschert." Erst nach dem Schlussapplaus wache man wieder auf. "Denn plötzlich betreten die beiden Petersburger Straßenmusiker Naoko und Alexander Orlow die Bühne und singen poetische Popsongs, für die sie in Russland von der Straße weg verhaftet wurden."
"Besten Bühnenstoff" und "geniale Dialoge" halte Poladjans Roman bereit, sagt Barbara Behrendt in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (24.1.2026). Nurkan Erpulat hat den Roman "in einer anderen Atmosphäre" inszeniert, "surreal überspitzt", mit "magischem Realismus", sodass "beinahe Karikaturen" entstehen. Musikalisch wirke der Abend "ein bisschen weichgespült". Im Ganzen gerate die Inszenierung "ein bisschen zu putzig, zu nett, zu märchenhaft".
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Am offenkundigsten sind die Tschechow-Anklänge in der Schluss-Szene, als alle aufbrechen und melancholisch Abschied nehmen müssen. Natürlich ein Sinnbild für die Stimmung am Haus zum unfreiwilligen, bald nahende Ende von Shermin Langhoffs Amtszeit.
Ganz zum Schluss gibt es nach jeder „Zukunftsmusik“-Vorstellung noch ein Konzert des Duos „Stoptime“: Straßen-Musiker*innen, die in St. Petersburg wegen Songs gegen Putin und den Angriffskrieg in der Ukraine verhaftet wurden und nach Berlin geflohen sind.
Sie sind ähnlich jung wie der Großteil der Besetzung dieses Abends. Angeleitet vom erfahrenen Hausregisseur Nurkan Erpulat und der Gorki-Legende Ursula Werner sollten sich an diesem „Zukunftsmusik“-Abend vor allem die jüngeren, noch nicht so etablierten Spieler*innen von ihrem Publikum verabschieden.
Komplette Kritik: https://www.daskulturblog.com/2026/01/24/zukunftsmusik-gorki-theater-kritik