Alles fast wahr

8. Juli 2024. Oktoberfest, König Ludwig, Therese, Lola Montez und ein Laientrupp sind die Zutaten von "Oktoberfest The Musical. Beinah wahr…", das 2016 in Los Angeles Premiere hatte. Am Berliner Renaissance Theater hat Guntbert Warns das Spektakel mit hoher Betriebstemperatur auf Berliner Verhältnisse zugespitzt.

Von Georg Kasch

"Oktoberfest The Musical. Beinah wahr…" am Renaissance Theater Berlin © Ann-Marie Schwanke / Siegersbusch – RT

8. Juli 2024. Ausgerechnet das Oktoberfest! Braucht dieses Besäufnis-Ereignis wirklich theatrale Weihen, eine eigene Show, ein Musical gar? Nimmt es nicht schon viel zu viel Raum ein im kollektiven Bewusstsein als weltweiter Exportschlager made in Germany, das so gerne mit Bavaria verwechselt wird? Und dann auch noch in Berlin!

Passt schon. Denn "Oktoberfest The Musical. Beinah wahr…" von Texter Philip LaZebnik und Komponist Harold Faltermeyer (ein Bayer, der für Hollywood arbeitete, wo er die Titelmelodie des US-Blockbusters "Beverly Hills Cop" schuf) handelt nur bedingt vom Oktoberfest. In erster Linie ist es ein Meta-Musical: Da rauscht Produzentin Valerie mitten in die Vorstellung, nur um festzustellen, dass der Master of Ceremony hier statt der verabredeten Starschauspieler*innen eine Laientruppe zusammengetrommelt hat, um aus der historisch korrekten Abhandlung eine trashige Komödie zu machen.

Bayerische Königsgeschichte

Natürlich knickt sie ein, weil die Truppe doch irgendwie knuffig ist und fürs Theater brennt, achtet aber darauf, den Jux immer wieder auf die Geburt des Oktoberfests zurückführen, die eigentlich eine bayerische Königsgeschichte ist: Ludwig heiratet Therese mit einem Fest, das zum Prototyp für die Wiesn wird (selbst der Ort trägt den Namen der Königin). Es folgen viele Kinder, aber noch mehr Affären – bis Ludwig über Lola Montez und eine Bierpreiserhöhung stolpert.

Was davon wahr, was erfunden ist? "Almost true, almost true!", singen sie schon zu Beginn, und so schlawinert sich die Truppe durch Eifersuchtsszenen, die zwischen Fiktion und Theater-Realität nicht unterscheiden und den Kampf um den größten Auftritt. LaZebniks Buch funkelt insbesondere in den englischen Liedtexten schön "The Producer"-haft. Man merkt dem Text allerdings an, dass er für ein US-amerikanisches Publikum geschrieben wurde, das von Ludwig und Therese, von Sachsen-Hildburghausen und Mecklenburg-Strelitz noch nie etwas gehört hat – 2016 war die Uraufführung in Los Angeles.

Oktoberfest 1 1200 Ann Marie Schwanke Siegersbusch RT uDeutsche Gemütlichkeit goes Hollywood und Vaudeville: "Oktoberfest" am Berliner Renaissance Theater © Ann-Marie Schwanke / Siegersbusch – RT

In den ins Deutsche übertragenen Dialogen hätten sich Guntbert Warns und Karim Mezdour noch mehr Freiheiten nehmen können, als sie es mit ihren Anspielungen auf die Berliner Gegebenheiten ohnehin schon tun. Dazu hat Faltermeyer eine Musik geschrieben irgendwo zwischen Queen, Tom Waits und Musicalschmelz, mit Humpta-Ironie, aber wenig Ohrwurm. Den bietet vor allem der Oktoberfest-Pausenfüller "Ein Prosit der Gemütlichkeit", den das ganze Haus gemeinsam singt – und der später in Moll noch besser klingt als im Dur-Original.

Bigger than Reality

Dass Hausherr Warns zusammen mit Co-Regisseur Mezdour die deutschsprachige Erstaufführung am Berliner Renaissance Theater als Sommerspektakel inszeniert, merkt man schon vor dem Haus, wo ein Mini-Bierzelt und ein kleiner Biergarten aufgebaut sind. Auch im Foyer grüßt es Weißblau. Das Bühnengeschehen hat Momme Röhrbein in eine Art Vaudeville verlegt. Hinterm runden Rahmen voller Lichter öffnen sich zwei Ränge: Oben sitzen die vier Musiker, unten gibt's Auf- und Abtritte wie im Glockenspiel am Münchner Rathaus. Links und rechts verlassen die Spieler*innen die Bühne durch riesige Münder; dazu gibt’s Strohballen und Bierfässer. Angelika Riecks Kostüme wirken, als hätte die Gurkentruppe ohne Rücksicht auf historische Zusammenhänge den Fundus geplündert.

Oktoberfest 2 1200 Ann Marie Schwanke Siegersbusch RT uChristoph Marti und Ensemble © Ann-Marie Schwanke / Siegersbusch – RT

Der Ton ist gesetzt: Hier gilt's der Unterhaltung! Nicht jeder textliche oder szenische Witz sitzt, manches Privatgeplänkel der laienschauspielenden Gurkentruppe mit Hang zum Puppentheater wirkt eher retardierend, und gerade vor der Pause wünscht man sich zuweilen, man hätte sich schon mal eins dieser herzhaft besungenen Biere gegönnt.

Aber im zweiten Teil singt Winnie Böwes Valerie packend die tolle Ballade von der Weißen Dame, zu der auf der Galerie die Handpuppen tanzen. Als dann auch noch Manal Raga a Sabit ihrer Glutstimme Raum gibt, die fast zu groß ist für die Carmen-Karikatur ihrer Lola Montez und der Revolutionschor mit Rhythmus, Zungenbrecher und Herz punktet, erreicht der Abend endgültig Betriebstemperatur.

Mit Happy End

Überhaupt geben alle dem Affen Zucker: Christoph Marti (auch bekannt als Ursli von den Geschwistern Pfister) spreizt sich als M.C. wie ein abgehalfterter Zirkusdirektor, Tobias Bonn (alias Toni Pfister) beweist als hessisch babbelnder Daniel, der den Prinz Ludwig spielt, einmal mehr seine Verwandlungskunst. Marie Cécile Nest zeichnet ihre Königin Therese so naiv, wie sich ihre Laienschauspielerin Caroline das vorstellt. Moritz Carl Winklmayr singt als verrückte Prinzessin Alexandra hinreißend im Falsett, Heather Litteer macht als Showsternchen bella figura.

Das allgemeine Happy End (da will dann selbst die sonst so geschichtstreue Produzentin nicht auf der Wahrheit bestehen) wirkt ein wenig angeklebt. Dafür will man's hinterher dann doch wissen: Gab's Prinzessin Alexandra, die weiße Dame, die Bierrevolution wirklich? Außerdem wird man jetzt beim Stichwort Oktoberfest garantiert nicht mehr nur an Besäufnisse und peinliche Wiesnhits denken. Sondern an Ludwig, Therese, Lola Montez und all die anderen, die hier auch nur Menschen sind wie du und ich.

Oktoberfest The Musical. Beinah wahr...
von Harold Faltermeyer (Musik) und Philip LaZebnik (Text), übersetzt von Guntbert Warns und Karim Mezdour
Deutschprachige Erstaufführung
Regie: Guntbert Warns, Musikalische Leitung: Johannes Roloff, Bühne: Momme Röhrbein, Kostüm: Angelika Rieck, Co-Regie: Karim Mezdour, Choreographie: Julian Bender.
Mit: Christoph Marti, Winnie Böwe, Tobias Bonn, Marie Cécile Nest, Moritz Carl Winklmayr, Heather Litteer, Manal Raga a Sabit; Musiker: Gary Schmalzl, Jürgen Schäfer, Immo Hofmann, Ralf Kuendgen, Johannes Roloff.
Premiere am 7. Juli 2024
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.renaissance-theater.de

Kritikenrundschau

Er habe mit "zum Grinsen entgleisten Gesicht den Ort des Geschehens" verlassen, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (8.7.2024). Regisseut Guntbert Warns habe "auf das sehr nette und schlaue Kabinettstück geguckt, das seinen feuerfest-ironischen Twist daraus zieht, dass sich die Truppe so etwas Fernes, Abseitiges und Skurriles wie München als Thema ausgesucht hat, zugleich als Spiel-im-Spiel von sich erzählt – und dabei aus dem Zwinkern gar nicht mehr herauskommt", so Seidler.

Es sei eine "schrill schimmernde Perle, die Theaterchef Guntbert Warns gehoben hat, und ihr als Regisseur zusammen mit Teilen der Geschwister Pfister in der deutschsprachigen Erstaufführung einen angemessenen Camp-Faktor verleiht", freut sich Gunda Bartels im Tagesspiegel (8.7.2024). Viel Freude machten daran vor allem "originelle Inszenierungsspäßchen". Etwa die "Kasperletheater-Einlage, um krause Adelsverhältnisse zu klären, die Stoffpuppen im grotesk gefüllten Kinderwagen, die den Kindersegen der dauerschwangeren Königin Therese versinnbildchen oder die Wetterhäuschen-Figur-Ästhetik, in der Therese und Ludwig umeinanderkreisen".

Die Show spiele "permanent mit Sein und Schein", schreibt Peter Zander in der Berliner Morgenpost (8.7.2024). Zu erleben seien viele "hübsche Ideen", etwa wenn "Marti als kleiner Napoleon plötzlich auf Knien läuft, ein Theater-Gag, der immer funktioniert, oder wenn zur Hochzeit keine Schmetterlinge im Bauch, aber doch vom Orchesterbalkon aus flattern". Und für die Songs gelte, dass sie sich "sofort ins Ohr wurmen und da nicht mehr rauswollen".

Der Abend sei "von vorzüglicher Süffigkeit", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (12.7.2024). Das Renaissance-Theater, "zuständig für gepflegtes Bürger-Entertainment", habe das Musical "sehr beschwingt und gut gelaunt, unter Beimischung von jeder Menge Selbstironie und ohne die geringste Scheu vor offensiv aufgedrehtem Schmierantentum reanimiert". Die Aufführung dürfte, so Laudenbach, "zum Sommerhit des Berliner Amüsiertheaterbetriebs werden".

Kommentare  
Oktoberfest, Berlin: Netter Spaß
Ein netter Spaß, der oberflächlich unterhält und niemanden weh tut. Boulevard halt. Lediglich die Ballade von Winnie Böwe gleich nach der Pause zeigt, in welche Richtung das Stück hätte gehen können , aber leider nicht gegangen ist.
Oktoberfest, Berlin: Habe gefeiert
Ich hab Ensemble, Musik und Bühnenbild gefeiert - und oft herzlich gelacht. Dass Ludwig I . sich pfeilgrad' einen Aufstand eingefangen hat, weil er die Bierpreise erhöht hat, wusste ich als (ursprünglich mal) Münchnerin tatsächlich nicht. Während ich die Bildzitate erkannt habe (Wetterhäuschen? Hallo? Schon mal das Münchner Glockenspiel gesehen?). Egal. Witzig überraschende Szenen, spaßiger Abend, schön für den Sommer.
Oktoberfest, Berlin: Liebevoll-ironische Hommage
Renaissance Theater-Intendant Guntbert Warns hat sich mit 2/3 der Geschwister Pfister zusammengetan, um eine Sommer-Musik-Comedy für die Berliner Ferien zu schaffen. Hoher Camp-Faktor ist bei dieser Konstellation natürlich garantiert. Nur das Thema ist für das Haus im gutbürgerlichen Charlottenburg ungewöhnlich: „Oktoberfest The Musical“ befasst sich mit dem Massenbesäufnis, das alljährlich 500 km weiter südlich stattfindet und zum Magnet internationaler Touristenströme mutierte, die sich dort abzocken lassen, bis alle Tische und Bänke vollgereihert sind.

In einer liebevoll-ironischen Hommage spürt der zweistündige Abend den historischen Ursprüngen und Hintergründen des Brauchtumsfestes nach, das zum Kommerzspektakel mutierte. Dabei stoßen sie auf so schillernde Figuren wie König Ludwig und seine Mätresse, die Tänzerin Lola Montez, mit der er seine Gattin Theresia betrog. Die Handlung geht mit den historischen Fakten sehr frei um, so gönnt die Musical-Version Ludwig und Theresia ein Happy-End gönnen, das den historischen Quellen widerspricht, die von Eiseskälte zwischen den beiden berichten.

Vor allem in der zweiten Hälfte hatte das Publikum sichtlich und hörbar Spaß an dieser Oktoberfest-Comedy, die noch bis 11. August en suite am Renaissance Theater läuft.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/07/18/oktoberfest-the-musical-beinah-wahr-renaissance-theater-kritik/
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