Superwomen - Theater Ramba Zamba Berlin
Verhaltet Euch attraktiv!
5. Mai 2025. Mit #Motherfuckinghood produzierten die Regisseurin Jorinde Dröse und die Schauspielerin und Autorin Claude de Demo am Berliner Ensemble einen feministischen Theaterhit zum Thema Mutterschaft. Jetzt gehen sie das Thema Frauenrollen zusammen mit dem RambaZamba-Ensemble inklusiv an – und der Diskurs kriegt einen goldenen Boden.
Von Elena Philipp
"Superwomen" am RambaZamba Theater © Phillip Zwanzig
5. Mai 2025. "Der Weg ist mit Blumen und Sternen gesät, ich spür, mein Held wird kommen!" Hingebungsvoll lipsynct Shirly den Schlager, den Ella Endlich auf den Titelsong des Märchenfilms "Drei Nüsse für Aschenbrödel" getextet hat. Im Brautkleid und mit seligem Lächeln lehnt sie sich in den Kitsch: "Ein Prinz, der sein Leben, sein Herz für mich gibt…" Shirly hat ihren Traummann gefunden, der ihr auch schon einen Antrag gemacht hat, erzählt sie. "Ich will nicht heiraten", ist hingegen Hieu entschieden. Mit Lioba hat sie im Hintergrund zwar Ambiente geschaffen, mit flatternden Stoffflügeln und wehenden Schleppen. Aber diese Hochzeiten: viel zu viel Arbeit. Und Rebecca kann zwar mit dem Heiraten etwas anfangen, aber Schlager? "Oh nö, nicht schon wieder."
Achterbahn-Dramaturgie
So unterschiedlich sind die individuellen Vorstellungen vom Glück. Für Frauen mit Behinderung sehen die gesellschaftlichen Stereotype aber oft immer noch ein Leben ohne Sex, ohne Kinder, ohne Selbstbestimmung vor. "Wer von euch stimmt der Aussage zu: Menschen mit Behinderung sind nicht begehrenswert?", fragt Hieu hart, aber herzlich ins Publikum, das in der Studiobühne des Theaters RambaZamba ganz dicht dran ist am Geschehen. Natürlich meldet sich niemand. Aber dann erwischen die Vier, die hier souverän durch eine Achterbahn-Dramaturgie leiten, ihre Zuschauer*innen doch noch an einem wunden Punkt: "Ich hab' gehört, dass Menschen ohne Behinderung den Schönheitsbegriff auf rein äußerliche Merkmale reduzieren", raunt Shirly ihren mittlerweile bunt statt weiß gekleideten Kolleginnen zu. "Kann doch nicht sein", entgegnet Rebecca mit großen Augen – und die eigene Reaktion wie die der Umsitzenden macht deutlich: ertappt.
Drei der vier Superwomen: Shirly Klengel, Lioba Breitsprecher, Hieu Pham © Phillip Zwanzig
In Interviews hat sich das "Superwoman"-Ensemble des RambaZamba – Hieu Pham, Lioba Breitsprecher, Rebecca Sickmüller und Shirly Klengel – mit der Regisseurin Jorinde Dröse und der Autorin und Schauspielerin Claude De Demo ausgetauscht. Ihre Ansichten und Erfahrungen sind in den Text eingeflossen. Schön finden die Vier, dass Rebecca eine gute Freundin ist oder Hieu so auf zack. Hässlich ist Gewalt, wie manche Männer mit Frauen umgehen. "Attraktiv" ist also eine Verhaltensweise. Ist dieser Schönheitsbegriff nicht viel erstrebenswerter?
Feministische Facts & Figures
Mit "Superwoman" drehen die Regisseurin Jorinde Dröse und die Schauspielerin Claude De Demo ihren gemeinsamen Abend "#Motherfuckinghood" weiter – raus aus der Bubble aufgeklärt kämpferischer (Bühnen-)Mütter, um Feminismus inklusiver zu machen. Denn der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit ist meist akademisch geprägt. In einem Talkshow-Setting feuern Hieu Pham, Lioba Breitsprecher, Rebecca Sickmüller und Shirly Klengel Fakten und Formulierungen ab. "In Deutschland gab es 2023 938 Tötungsversuche an Frauen, 360 endeten tödlich", kennt Shirly eine Statistik. "Uns muss bewusst sein: Wir sind im Widerstand", agitiert Hieu. "Sozialer Fortschritt ist immer gegen eine Mehrheitsgesellschaft durchgesetzt worden", doziert Rebecca. Der Diskurs besteht eben auch nur aus Phrasen.
Und die vierte: Rebecca Sickmüller © Philipp Zwanzig
Eisern kämpfen sich die vier Superfrauen durch diesen sperrigen Text, der sich weit vom autobiographisch grundierten Material des Anfangs entfernt hat. Hart geskriptet wirkend, liegt dem Austausch zwischen "Autorin", "Geschlechterforscherin" und "Speakerin", als die Shirly Klengel, Hieu Pham und Rebecca Sickmüller in der von Lioba Breitsprecher moderierten fiktiven Show auftreten, tatsächlich eine Paneldiskussion zugrunde, die das Team für die Stückentwicklung verschriftlicht hat. Und an der Stelle packt die Inszenierung normgeprägte Zuschauer*innen wie mich erneut geschickt bei den Sehgewohnheiten: Hat den Vieren etwa die Regisseurin den Text übergestülpt?, denke ich. Müssen sie diese komplizierten Wörter aufsagen? Geht das nicht einfacher?
Akt der Selbstermächtigung
Ja, das ist eine gute Frage, ob wir uns über Teilhabe nicht auch in leichterer Sprache verständigen könnten. Hieu Pham, Lioba Breitsprecher, Rebecca Sickmüller und Shirly Klengel, mit denen Jorinde Dröse und Claude De Demo die notierte Diskussion Fremdwort für Fachbegriff durchgegangen sind, wollten sich, so übermittelt es das Team der Inszenierung, der Herausforderung stellen. Ein Akt der Selbstermächtigung: Jetzt rede ich mit!
Steifes Herumgesitze aber ist ihre Sache nicht. Zwischen Glitzervorhang und goldenem Boden schwingen die vier "Ladies" immer wieder lustvoll Beine und Hüften, etwa zu Peaches' "Fuck the Pain Away". Sexy strecken sie uns ihre Hinterteile entgegen. "My Body" steht auf Phams Trikot, "My Choice" auf dem von Klengel. Es braucht eben eine Revolution, zu der man tanzen kann!
Superwomen
Ein Projekt von Jorinde Dröse, Claude De Demo und dem RambaZamba-Ensemble
Regie: Jorinde Dröse, Autorin, Stückentwicklung, Coaching: Claude De Demo, Bühne: Jacob Höhne, Kostüme: Tabea Braun, Musik: Jörg Kleemann, Choreografie: Suzan Demircan, Dramaturgie: Juliane Koepp, Regieassistenz: Vicki Steinmüller.
Von und mit: Hieu Pham, Lioba Breitsprecher, Rebecca Sickmüller, Shirly Klengel.
Premiere am 4. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
rambazamba-theater.de
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