Der Sandmann - Staatstheater Cottbus
Brainfuck und Budenzauber
1. Dezember 2024. Spukgeschichten haben den armen Nathanael kirre gemacht. Und der frühe Tod des Vaters. Jetzt irrt der traumatisierte Junge durch die Welt und entdeckt überall den sinistren Sandmann. Philipp Rosendahl hat sich E.T.A. Hoffmanns berühmte Erzählung vorgenommen. Und verwandelt sie in ein bezauberndes Gesamtkunst-Event.
Von Sylvia Belka-Lorenz
Philipp Rosendahl zeigt E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" in Cottbus © Bernd Schönberger
1. Dezember 2024. Ein Theaterabend wie ein Rausch. An dessen Ende entlädt sich alle Beklemmung, alle Traurigkeit in einem psychedelischen Trip, einem Fest aus Farben, Körpern, Klang. Wo endet das Ich, wo beginnt die Außenwelt – und weshalb müsste man da überhaupt unterscheiden?
Die schlechte Nachricht ist die gute Nachricht: Regisseur Philipp Rosendahl setzt auch in seiner planmäßig letzten Arbeit in Cottbus auf konsequente Überforderung des Publikums. Er setzt auf Kunst.
Alchemie und böser Spuk
Gar Seltsames trägt sich zu in der Welt des jungen Nathanael. Sein Vater experimentiert gemeinsam mit einem sinistren Gefährten in Alchemie und stirbt bei seinen Versuchen. Dem Jungen bleiben das Trauma und die Wut auf Vaters Mittäter, den er für den mythischen Sandmann hält. Bald schwirren Spukbilder durch Nathanaels Kopf.
Des Vaters Schweigen, der Mutter Traurigkeit geben viel Raum für schlimmste kindliche Ängste. Ein Elternhaus wie ein Guckkasten, mit Wänden, die erst nach nach oben etwas weiter werden. Jede Tür hat zugleich das Zeug zur Fallgrube.
E.T.A. Hoffmanns Gebräu aus Grusel, Gewalt und Groteske ist 200 Jahre alt und wird speziell in Krisenzeiten regelmäßig für das Theater wiederentdeckt. Kunst, der letzte Zufluchtsort der Verrückten und Verwundbaren. Nichts, absolut gar nichts hätte ans Ende dieser wegweisenden Theaterwoche im beschaulichen Südosten Brandenburgs besser passen können. Doch dazu später mehr.
Stellen sich der Angst: Nyla Tollasepp, Manolo Bertling und Taro Yamada © Bernd Schönberger
Regisseur Rosendahl erzählt erstmal fein säuberlich und in herrlichster Stummfilmoptik: von Nathanaels Kindheit in der biedermeierlichen Umhausung, an der nicht nur die Enge und die schiefen Wände verstörend sind. Und dann dieser Sandmann: Nachtmahr, Mörder, personifiziertes Trauma. Am Ende des ersten Teils kniet Nathanael neben dem leblosen Körper des Vaters. Er weint, er flennt, er heult ein Lied aus Schmerz. Cello und Bassgitarre klagen mit ihm, der Verstärker zerrt. Plötzlich ist die Bühne voller dunkler Gestalten, die mit dem jungen Nathanael tanzen wie in einem mystischen Opferkult. Reales und Phantasmen, Genuss und Gräuel: Man müsste schon völlig verblödet sein, wollte man da nicht durchdrehen.
Kolossales Mehrspartentheater
Es gibt mehrere sehr schlaue Grundideen, die diesem Abend das Gerüst für großes Theater geben. Da ist die firlefanzfreie Bühne samt Lichtdesign von Mara-Madeleine Pieler. Da ist eine fantastische Liveband mit der eigens für die Inszenierung komponierten Musik der McDaniel Brothers. Und der beinahe genialische Kniff, jede der Figuren durch ein tänzerisches Pendant zu spiegeln (Choreografie und Co-Regie: Alessia Ruffolo). Wo es für die Angst keine Worte mehr gibt, da sprechen Körper und Klänge. Es ist die erste in dieser Form spartenübergreifende Produktion von Schauspiel und Ballett in Cottbus – und sie gelingt, dass es eine Art hat.
Des Abends zweiter Teil: Showtime! Kein Schwarz-Weiß mehr, Nathanael hat seine Nöte durch Kunst kompensiert. Er singt, er schreibt, er tanzt, und wir sind mittendrin in seinem grell erleuchteten Gehirnkasten. Wahnsinn, Liebe und Gewalt, Genres und Geschlechter, alles verschmilzt. Die beiden Nathanaels tanzen ein Pas de deux von Gewalt und Verzweiflung.
Reise ins Unterbewusste: das Ensemble im Bühnenbild von Mara-Madeleine Pieler © Bernd Schönberger
Philipp Rosendahl hat hier den düsteren Gegenentwurf zu seiner grandiosen und bis heute permanent ausverkauften "Alice" erschaffen. Noch eine Reise ins Unterbewusste, noch einmal nichts weniger als der Anspruch, sämtliche ästhetischen Grenzen zu verschieben.
Manolo Bertling ist ein großartig durchgeknallter Nathanael: Vom staunenden Kind in die wachsende Verzweiflung bis zum Irrsinn eines Jokers führt er die Figur. Markus Paul spielt erst den alchemistischen Vater und später den attraktiven und irren Maschinenbauer Spalanzani. Bratsche und Klavier spielt er nebenbei auch. Spalanzani erschafft die perfekte – obschon seelenlose – Puppe Olimpia, in die Nathanael sich verhängnisvoll verliebt. 200 Jahre vor jedem Gedanken an Künstliche Intelligenz und High-End-Robotik schreibt E.T.A. Hoffmann das, zeichnet er das Bild einer Welt, die sich so rasant verändert, dass Herz und Verstand nicht mithalten können. Die letzte Szene im Stück ist überschrieben mit "Brainfuck!".
Verwandelt Angst in Wunder
Und apropos Brainfuck: Diese "Sandmann"-Premiere findet statt am Ende der Woche, in der die zweijährige Suche nach einem Intendanz-Nachfolger für den scheidenden Stephan Märki zu Ende ging. In der zugehörigen Pressemitteilung der Brandenburgischen Kulturstiftung findet sich der kleine Scherz, man erhoffe sich, dass mit der Ernennung (eines Opernmannes!) das Cottbuser Schauspiel doch wieder erstarken möge. Genau das Schauspiel, das aktuell (noch) das beste ist seit der Ära von Regielegende Christoph Schroth und von dem nach Märkis Abgang kaum etwas übrig bleiben dürfte. Das ist mal Humor. Diese Stiftung hätte auch Schiller und Shakespeare abtreten lassen.
"Getting into the fear again and again – and making a miracle out of this." So lautet Rosendahls Mantra für diesen Trip in die Abgründe. Macht ein Wunder aus der Angst! Und das machen sie. Ein fantastischer Theaterabend – der vom größten Teil des Publikums begeistert gefeiert wird.
Der Sandmann
nach E.T.A. Hoffmann
Regie: Philipp Rosendahl, Choreografie und Co-Regie: Alessia Ruffolo, Bühne und Licht: Mara-Madeleine Pieler, Kostüm: Johann Brigitte Schima, Komposition: The McDaniel Brothers, Dramaturgie: Franziska Benack.
Mit: Manolo Bertling, Taro Yamada, Ariadne Pabst, Laura Oakley, Markus Paul, Nathalie Schörken, Leigh Alderson, Jorge Concepción, Allessandro Giachetti, Kate Farley, Nyla Tollasepp. Live Musik: Lu Schulz, Dan Baron, Heiko Liebmann, Nassib Amadieh.
Premiere am 30. November 2024
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause
www.staatstheater-cottbus.de
Kritikenrundschau
Thomas Klatt von der Lausitzer Rundschau (3.12.2024) schreibt: "Das elfköpfige Ensemble spielt sich formidabel durch diese Horror-Geschichte, es wird gespielt, getanzt und gesungen, dass die Bühne kracht." Die Kostüme seien so fantastisch wie das Stück. "Das Schauspielerische und Tänzerische an diesem Abend bleibt, wie oft in Cottbus, als herausragende Kollektivleistung im Gedächtnis."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht
-
Bluets, Berlin Multifunktionsroboter
-
Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





P. Hansen