Tesla, die Spree und der Kirschgarten - Staatstheater Cottbus
Wo kein Tschechow mehr wächst
25. Mai 2025. Zum Abschied noch einmal aufs Ganze: Cottbus' scheidender Co-Schauspielchef Armin Petras nimmt sich den "Kirschgarten" vor, fortgeschrieben von seinem Alter Ego Fritz Kater. Und alles ist drin an diesem Abend, der bis ins Weltall reist – und als Liebeserklärung an den Osten zurückfindet.
Von Sylvia Belka-Lorenz
"Tesla, die Spree und der Kirschgarten" am Staatstheater Cottbus © Bernd Schönberger
25. Mai 2025. Ein feister Mann mit Legofrisur und dem gewinnenden Lächeln einer Hyäne plaudert über die Verlockungen der Apokalypse: "Der Homo Sapiens gehört gefeuert, Baby", sagt er, und da kann man ihm ja noch nicht mal widersprechen. Die Erde liegt in Schutt und Asche, irgendwas ist passiert, Krieg, Klima, KI, irgendeine Katastrophe eben. Die Hyäne, die Leon Mask heißt, ist unterwegs durchs Weltall, sich einen neuen, wenn möglich bewohnbaren, Planeten zu suchen. Außer Gott kann ihn jetzt keiner mehr aufhalten. Und der wird sich hüten.
Ein letztes Mal "all in"
Armin Petras hat sich den "Kirschgarten" zur Brust genommen, Tschechows traurige Komödie über die Gutsbesitzerin Ranjewskaja nebst Anhang, die nach Jahren in der Ferne nach Hause zurückkehrt. Nach Hause, auf das alte Landgut mit dem herrlichen Kirschgarten, wo die Welt noch in Ordnung ist- wenngleich nur in ihrer Erinnerung. Die Zurückgekehrten treffen auf die, die nie weg waren, dazu ein Schuldenberg, ein paar Lebenslügen und eine Welt, die sich verwegen weitergedreht hat.
Es ist die letzte Premiere des Cottbuser Schauspiels unter der Leitung Petras / Rosendahl / Benack und sie gehen mit dieser Uraufführung noch einmal all in: Als wäre Petras alleine nicht Überforderung genug konnte für das Unterfangen noch der Dramatiker Fritz Kater gewonnen werden. Fritz Kater, die schreibende zweite Seele in der Petras-Brust.
Blick auf Fabrik? Ariadne Pabst, Gunnar Golkowski, Susann Thiede, Ferdinand Lehmann © Bernd Schönberger
Fritz Kater hat den Kirschgarten ins Brandenburg der Gegenwart verpflanzt, nur wenige Kilometer von der Tesla Fabrik entfernt, die, Zitat Petras, allgegenwärtig ihre Energien abschießt. Frau Ranjewskaja, die Diva (Susann Thiede), bei Fritz Kater wie bei Tschechow katastrophenresistent dank erfrischender Weltfremdheit. Tochter Anja (Charlie Schülke) hat von ihr Lebenshunger (und Lautstärke) geerbt, und ist entschlossen, der Mutter einen neuen Kirschgarten zu pflanzen, und sei es auf irgendeinem anderen Planeten, aber das kommt erst später. In einer Anwandlung feministischer Selbstermächtigung hat die ältere der Töchter, Charlotta (Ariadne Pabst), vorsorglich ihre Eizellen einfrieren lassen, weil die Typen hier so trostlos sind wie der alte Linoleumfußboden. Während Charlotta sich unter dem Sternendach ein bißchen volllaufen lässt schenkt Fritz Kater ihr so schöne Sätze wie "Wird die Seele betrunken?" oder "Glaubst du an das Leben hinter dem Tod?".
Mit ein bisschen Alufolie um die Mütze
Philosophen sind alle sieben, die sie hier im Kirschgarten zusammengekommen sind. So klein der ganz persönliche Aktionsradius, so groß die Fragen an die Welt. Der alte Firs (Kai Börner), Rentner und ehemaliger Soldat, der noch die alten NVA-Buxen trägt, und manchmal, nur vorsichtshalber, auch ein bisschen Alufolie um die Mütze. Zwei Gesellschaften erlebt, zweimal gescheitert, aber stramm überzeugt, dass der Sozialismus nur schläft. Ranjewskajas Bruder (Gunnar Golkowski), ein netter Kerl, feinsinnig, freundlich, aber grundsätzlich bewaffnet. Lopachin (Ferdinand Lehmann), der bei Tschechow noch der ehemalige Leibeigene der Familie war, macht jetzt Karriere bei Tesla. Schließlich der ewige Student Peter (ebenfalls Kai Börner), der die Welt mit Wissen retten will – oder mit Kunst. Er lässt sich nackt ans Kreuz schlagen; eine Performance gegen die Vergehen der Welt, nachdem alle versagt haben: die Faschisten, die Kommunisten, die Boomer. Vehementer indes der Sirenenruf der großen Tech-Fabrik. Tesla!, ein Name wie ein Heilsversprechen – und Fritz Kater dekliniert durch, was der Menschheit alles blühen könnte. Kirschbäume sind das nicht.
Wo sind hier die Kirschbäume? Ferdinand Lehmann, Charlie Schülke © Bernd Schönberger
Große Gefallsucht wird Armin Petras auch zum Grande Finale hier keiner vorwerfen können. Der Abend ist lang, laut und nervtötend. Er ist kompliziert, poetisch, dystopisch und komisch. Es knallt und kracht. Türen fliegen, Stroboskoplichter zucken. Doppelbödigkeiten, Gags, auch platte. Videos, Projektionen, Livekamera, gerne alles gleichzeitig. Immer gut, wenn Regisseur und Autor miteinander können.
Liebeserklärung an die Menschen im Osten
Der zweite Teil spielt viele Jahre später. Die Post-Apokalypse. Die übrig gebliebenen Menschen haben sich in Bunker tief unter der Erde gerettet. Fritz Kater liefert die exakten Koordinaten dazu; dort oben muss er früher gewesen sein, der Kirschgarten. Hier unten geht es nur noch ums Überleben. Überdimensional große Gesichter, per Livekamera auf einen Screen übertragen. Ihre wenigen Worte asynchron, und doch scheinen sie nahbarer geworden, in ihrer Not, dem Schmutz, der Enge. Das Stück ist eine Liebeserklärung an die Menschen hier im Osten, auch wenn zu vermuten ist, dass die das nicht merken werden. Wer mit Petras' brachialer Poesie noch nie etwas anfangen konnte, der wird ihn hier eher nicht ins Herz schließen.
Aber nun ist es ja auch vorbei, die Intendanz von Stephan Märki, der das Haus durch diverse Krisen gesteuert hat. Vorbei auch der große künstlerische Aufschlag, den Märki mit diesem Schauspiel geschafft hat. Mit den Worten des Dichters Fritz Kater: Es ist alles im Arsch.
Nicht alles. Zwar ist Leon irgendwo im All abhanden gekommen, aber unten auf der Erde kommen die Überlebenden aus dem Bunker gekrabbelt und schicken sich an, einmal mehr neu anzufangen. Die einzige, die jetzt noch Eier hat, ist eine Frau. Die eingefrosteten, sie erinnern sich. Ein fabelhaftes Ensemble, eine großartige ästhetische Überforderung, ein Abschied der passender kaum hätte sein können und der vom Premierenpublikum trampelnd und jubilierend gefeiert wird.
Tesla, die Spree und der Kirschgarten
von Fritz Kater nach Motiven von Anton Tschechows "Der Kirschgarten"
Uraufführung
Regie: Armin Petras, Dramaturgie Franziska Benack, Bühne und Kostüme Patricia Talacko, Video und Kamera Rafael Ossami Saidy, Lichtdesign Václav Hruska, Musik Kelle.
Mit Kai Börner, Gunnar Golkowski, Ferdinand Lehmann, Ariadne Pabst, Charlie Schülke, Susann Thiede.
Premiere am 24. Mai 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.staatstheater-cottbus.de
Kritikenrundschau
Armin Petras habe nichts gegen "Radikalismus-Gesten, aber ganz ernst nehmen kann er sie offenbar nicht", berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (€ | 26.5.2025) über diese "maximal unsentimental" in die Gegenwart fortgeschriebene Tschechow-Aneignung. "Im Kapitalismus hängt ja immer alles irgendwie mit allem zusammen, genau wie im assoziationsfreudigen Regietheater und in empfindlichen Ökosystemen. Auf der Bühne ist das vor allem verspielt und gezielt naiv, fast wie im Kindertheater." Der Machart kann Laudenbach aber einiges abgewinnen: "Petras traut dem Theater in seiner einfachsten, direktesten, gänzlich unprätentiösen Form, fast als wollte er zurück zu seinen Anfängen im halblegalen DDR-Off-Underground."
Einen "sehr nachdenklichen" Abend sah Thomas Klatt für die Märkische Oderzeitung (26.5.2025). "Die spielerischen Leistungen (Susann Thiede, Gunnar Golkowski, Ariadne Pabst, Charlie Schülke, Ferdinand Lehmann als Gast, Kai Börner, Piero Echeverriaga Garrido) bringen das Thema so intensiv an das Publikum heran, dass die Beklemmung nicht vergehen will. Live-Kamera und Video wirkten am Cottbuser Staatstheater bislang zuweilen experimentell. Hier nun stimmt alles. Das Ausharren im Bunker kommt per Live-Cam und wird zum großen Kino."
"Das handlungsarme Geplänkel zwischen Nostalgie und Utopie wird in kurzen Szenen angerissen und mit wenigen Sätzen auf die lebenspraktisch-poetische Höhe getrieben, die Kater auszeichnet", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (26.5.2025). "Man liest das gern und ergänzt das Fehlende mit Eigenem, das einem Tschechow in die Seele geschrieben hat. Die szenische und spielerische Umsetzung will aber nicht gelingen. Die Sätze hängen abgerissen in der Luft, die Schauspieler behelfen sich mit Überzeichnung und Chargen, es holpert und bricht ständig ab. Zwischen den Figuren passiert so gut wie nichts."
Die Tschechow-Überschreibung in der ersten Hälfte des Abends gefällt Frank Dietschreit auf radiodrei des rbb (26.5.2025) noch gut. Die zweite Hälfte mit Auftritt des Raumfahrtfans Elon Musk werde dann "läppischer". Der Sprung vom "Heute ins Morgen", von der Klimakrise zum Atomkrieg, habe "überhaupt keine Logik". Es sei "ein schauerlich verquaster Ausflug in die Zukunft" und im Ganzen "einer der flauesten Abende, die ich jemals von Petras gesehen habe".
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