Die ersten hundert Tage - Deutsches Theater Göttingen
Was wird, wenn ...
8. März 2025. Am Beispiel vierer ehemaliger Freund*innen fragt Lars Werner, wie sich eine radikale Regierung auf deren Lebenswege auswirken könnte. Ebru Tartıcı Borchers inszeniert die Uraufführung des letztes Jahr zum Heidelberger Stückemarkt eingeladenen Textes. Verrät man zu viel, wenn man schreibt, dass es nicht gut aussieht für das Quartett?
Von Simon Gottwald
Lars Werners "Die ersten hundert Tage" am Deutschen Theater Göttingen © Anton Säckl
8. März 2025. Kahl ist das Bühnenbild – und kalt. Betonstufen schließen eine kleine, nackte Fläche ein, auf der es schon bald um Verrat und Verletzungen gehen wird …
Zehn Kilometer hinter der deutsch-tschechischen Grenze treffen sich vier Freunde am ersten Weihnachtsfeiertag in einer Shell-Tankstelle. Damit setzen sie eine Tradition fort, die im vergangenen Jahr wegen der Hochzeitsreise von Silvio, weißer Mittdreißiger (ersteres Attribut wird bald wichtig), unterbrochen wurde. Inzwischen regiert in Deutschland eine Partei, die nur an einer Stelle im Stück explizit genannt wird, die aber auch ohne diese Hilfestellung klar zu erkennen wäre. Die drei anderen Freunde, nichtweiß, nonbinär und dann auch noch politisch engagiert, haben das Land verlassen, weil sie um ihr Leben oder zumindest ihre Freiheit fürchten.
Ab- und Aufsteiger im neuen System
Da ist Lou, nun ohne Möglichkeit, in Gender Studies zu promovieren. Da ist Roya, engagierte Journalistin, die die Verbindungen der Regierungspartei zu Russland aufgedeckt hat und dafür bedroht wird. Und da ist Marin, der wohl irgendwie ein bisschen politisch aktiv war, während er am Theater arbeitete.
Verrat und Verletzungen: Christoph Türkay, Florian Eppinger und Nathalie Thiede auf Sam Bekliks Bühne © Anton Säckl
Es wird Gin Tonic aus Dosen getrunken, Bier, vermutlich auch aus Dosen, und über die bedrohliche Lage in Deutschland wie über alte Verfehlungen gesprochen. Die Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers hat die mutige Entscheidung getroffen, bis auf sehr wenige Ausnahmen auf Requisiten zu verzichten, so dass Getränke, Croissants und anderes nur durch die Wörter der Figuren entstehen. In Zeiten von ChatGPT und ähnlichen Gedankenräubern ist es erfreulich, die Macht des Wortes einmal so deutlich vor Augen geführt zu bekommen – wenngleich sie natürlich auch missbraucht werden kann, wie in dem Stück deutlich wird: Silvio hat sich in der regierungsfreundlichen Presse einen Namen gemacht, hat Einfluss gewonnen. Und hat die Freunde an diesem Abend versammelt, um sie um etwas zu bitten.
Austausch von Parteiparolen?
Silvios linke Vergangenheit droht, ausgegraben zu werden, und also sollen seine Freunde ihn vergessen und verleugnen. Im Gegenzug will er seinen Einfluss für sie geltend machen – um die Transkinder aus Lous Online-Beratungen mit Medikamenten zu versorgen, um Roya den Abschied von ihrer sterbenden Mutter zu ermöglichen. Ist es schon Kollaboration, wenn man diese Dinge annimmt? Roya und Lou entscheiden sich trotzdem dafür, denn manches ist wichtiger als man selbst.
Starke Spieler*innen: Moritz Schulze, Christoph Türkay, Mariann Yar, Nathalie Thiede und Yve Grieser in Lars Werners Stück © Anton Säckl
Die Truppe spielt stark, insbesondere Mariann Yar als Roya ist hier hervorzuheben, die es schafft, auch eher farblose Momente ganz plötzlich mit Leben zu füllen, und Christoph Türkay, der den janusköpfigen Silvio mit vollem Einsatz spielt. Aber irgendetwas fehlt. Da stehen diese Figuren, schreien sich an und erzählen, welche grausamen Gesetzesänderungen die Regierung durchgesetzt hat. Das ist zwar kein bloßer Alarmismus (die Position der AfD zu Gender Studies etwa dürfte bekannt sein), aber von einem Theaterstück sollte man mehr erwarten dürfen als das bloße Weiterdenken von Parteiprogrammen, das auf Figuren verteilt wird, damit mehr als ein Schauspieler spricht.
Belehrender Ansatz
Theater ist stets ein Raum des Was-wäre-Wenn; das heißt nicht, dass alles ins Extreme gesteigert werden müsste, aber an diesem Abend stellt sich das Gefühl ein, man solle belehrt, über die gesellschaftlichen Entwicklungen aufgeklärt werden.
Der Begeisterung des Publikums tut das jedoch keinen Abbruch – die Uraufführung wird gefeiert, und Lob ist dem Stück sicher: Es spricht eine der großen Fragen der westlichen Gesellschaft an, bezieht Stellung und gibt dem Zuschauer genügend Möglichkeiten, sich selber zu positionieren. Indes hofft der Rezensent, dass das Theater seine Fähigkeit, als hochpolitischer Raum zu fungieren, nicht auf das Offensichtliche zu beschränken beginnt, sondern Raum lässt für Interferenzen, Inferenzen und, nicht zuletzt: Unterhaltung. Das eine muss das andere nämlich nicht ausschließen.
Die ersten hundert Tage
von Lars Werner
Regie: Ebru Tartıcı Borchers, Bühne und Kostüme: Sam Beklik, Musik: Dani Catalán Dávila, Dramaturgie: Theresa Leopold.
Mit: Florian Eppinger, Yve Grieser, Moritz Schulze, Nathalie Thiede, Christoph Türkay, Mariann Yar.
Uraufführung am 7. März 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
www.dt-goettingen.de
Kritikenrundschau
"Ungewöhnliches ist Lars Werner in seinem Stück gelungen", so Peter Krüger-Lenz im Göttinger Tageblatt (10.3.2025). "Er spürt der Psychologie dieser Freundschaft nach... Er zeigt die Konflikte dieser Konstellationen und die Nähe der Freunde trotz ihrer Unterschiedlichkeiten." So weit, so Theater-üblich. Doch diesen emotionalen Plot hat er ausgebreitet vor der Folie einer sehr konkreten politischen Lage, die bald auch in der Realität bedrohlich werden könnte. "Tartıcı Borchers setzt in ihrer konzentrierten Inszenierung auf die Kraft des Wortes und der Vorstellung und verzichtet komplett auf Requisiten. Doch das irritiert nur kurz." Die sehr überzeugend agierenden Akteure prallen in dem Raum, der von kalten betonfarbenen Kästen dominiert wird, heftig aufeinander. "Eine Inszenierung, die bewegt."
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