Ein wenig Licht. Und diese Ruhe - Schauspiel Hannover
Am Ende brüllend
27. September 2025. Weltuntergang mit Untergrundgemurmel: Am Staatstheater Hannover inszeniert Lena Brasch die Uraufführung von Sibylle Bergs Text "Ein wenig Licht. Und diese Ruhe" als Kammerspiel im Bunker.
Von Jan Fischer
"Ein wenig Licht. Und diese Ruhe." von Sybille Berg am Schauspiel Hannover © Jörg Brüggemann
27. September 2025. Das Wesentliche, lässt Sibylle Berg das Publikum am Staatstheater Hannover wissen, läge unter der Oberfläche. Also, ganz klar: "Lasst uns mit der Erforschung des Untergrunds beginnen." In Bergs Text "Ein wenig Licht. Und diese Ruhe" gibt es viel Untergrund: Das Stück spielt in einem Bunker während eines Krieges zwischen Luxemburg und Liechtenstein. Oder zumindest einer medialen Dauerbeschallung zu diesem Krieg.
Die Schauspielerin Katja Riemann spielt in der Uraufführung von Lena Brasch einen Ingenieur, der darüber reflektiert, was das überhaupt für ein Krieg ist, dessen Geräuschkulisse hin und wieder die Bühne erschüttert, und wie es überhaupt zu diesem Krieg kommen konnte. Der Bunker ist dabei ein Oval aus Leuchtelementen. Dazu gibt es Live-Musik vom mit großzügigem Effektpedalbrett und E-Gitarre ausgestatten Pascal Ritter, der aber höchstwahrscheinlich nur eingebildet ist und nichts sagt.
Was Menschen sein könnten
Riemann monologisiert also in ihrem – bis auf die Kriegsbeben – stillen Kämmerlein und sagt Sätze, von denen man nicht weiß, ob man sie auf ein T-Shirt gedruckt haben will oder lieber nie wieder hören möchte: "Die Menschen sind gerührt, wenn es um Kinder geht. Sie sehen in ihnen den Mensch im vorkapitalistischen Zustand", heißt es einmal, oder: "Liebe könnte sie zu dem werden lassen, was Menschen sein könnten, wenn sie keine Menschen wären, leise, freundlich, ohne all die Widerwärtigkeiten dieser dauerausscheidenden, hasserfüllten Spezies".
Denn selbstverständlich geht es Berg nicht darum, ein Kammerspiel zu erzählen, irgendwas Klaustrophobisches darüber, wie der Krieg immer näher kommt und Wasser und Luft immer knapper werden. Das passiert auch, aber mehr als Nachgedanke. Der Text ist dabei eher so etwas wie Near-Future-Gegenwartsarchäologie, die versucht, uns etwas, das vielleicht passieren könnte, als Ausgrabung aus unserer Gegenwart zu erzählen.
Unter der Oberfläche des Permafrostbodens: Katja Riemann © Jörg Brüggemann
Riemann – die mit Sibylle Berg auch zuvor schon zusammengearbeitet hat – hat ihren Spaß mit diesem Text, trägt gut gelaunt und mit großer Bandbreite mal augenzwinkernd vor, mal ernst, gegen Ende auch brüllend, während sie gegen die Bühnenwände schlägt oder Wasserkanister durch die Gegend kickt. Oder ins Publikum geht, fragt: "Sind Sie Mensch? Gut gemacht." Währenddessen werden die Bunkerleuchtmittel Stück für Stück zu einem komplett geschlossenen Oval, das am Ende zeigt: Hier passiert nicht mehr viel, hier hat sich jemand eingerichtet und will nicht raus. Warum auch, da oben ist ja Krieg.
Dystopisches Bild
Es ist tatsächlich schwer zu sagen, was das alles soll. Eine Bestandsaufnahme der Welt, klar, Kritik am Kapitalismus, am System, an Wehrplicht, am hohlen Freiheitsbegriff, an unbefriedigender Lohnarbeit, an Lügen der Medien, an ständigen Katastrophenmeldungen und so weiter. Alles das ist viel, bleibt so vage, allgemein, wird so rausgerotzt. Und ist so angelegt, dass am Ende nichts herauskommen kann als ein dystopisches Welt- und Menschenbild, in dem der Bunker die einzig sinnvolle Alternative scheint. Das gute Ende gibt es erst, wenn es keine Menschen mehr gibt.
Dabei allerdings versprüht der Text einiges an Wut, an Sarkasmus und Ironie, hetzt von Witz zu Ernst, von Andeutung zu Andeutung, so sehr, dass er sich gar nicht so genau auf etwas festnageln lässt: Was für eine Figur ist das denn nun, dieser Ingenieur? Spricht hier eine Autorin, die die Welt nicht mehr versteht? Spricht hier eine Figur? Ist das Ganze eine Art eloquenter Ü50-Facebookkommentar, der sich parodistisch oder vielleicht auch nicht über Triggerwarnungen und die jungen Leute lustig macht und von früher schwärmt? Tatsächlich ernsthaft nach einem Sinn sucht, den er selbst dekonstruiert? Ist das alles ernst gemeint? Oder soll es sich selbst so weit durchironisieren, dass es gar nicht mehr möglich ist, eine Position zu bestimmen? Wem genau wird sich hier angedient?
Am Ende Standing Ovations
All das, vermutlich, und noch viel mehr. Rätsel, Reibungsfläche: Vielleicht geht es einfach nur darum. Zumindest – die langen Standing Ovations am Ende zeigen es – ist für alle etwas dabei. Und das Wesentliche bleibt, wo es ist: Unter der Oberfläche des Berg'schen Permafrostbodens.
Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.
Von Sibylle Berg
Uraufführung
Inszenierung: Lena Brasch, Bühne: studio dietrich&winter, Kostüm: Eleonore Carrière, Licht: Marie-Luise Fieker, Maren Zeiss, Dramaturgie: Yunus Ersoy.
Mit: Katja Riemann, Live-Musik: Pascal Ritter.
Premiere am 26. September 2025
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
https://staatstheater-hannover.de
Kritikenrundschau
Riemann lasse das Stück funkeln und glänzen, sie mache kleine Sätze groß und nimmt aus aufgeblasenen Passagen ein wenig Luft raus, schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (29.9.2025). Sibylle Bergs Sätze klängen oft nach politischem Kommentar, manchmal kippten sie ins Kabarettistische und gelegentlich wirkten sie auch befremdlich oder wie Kalenderblätter. "Aber das ist alles nicht schlimm. Und es fällt kaum weiter auf. Denn Katja Riemann im Zentrum macht ihr ganz eigenes Theater. Dass das so unterhaltsam ist, liegt auch an der klugen Regie von Lena Brasch. Ihr gelingt es, Bewegung in die Bunkergeschichte zu bringen."
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Der Text ist als 90minütiger Monolog angelegt, den in Berlin Gabriel Schneider vorträgt. Er setzt die wenigen Pointen, kostet aber vor allem die ruhigen Momente aus: Momente der Einsamkeit, der Verzweiflung, der Angst vor dem Krieg, der draußen tobt. Der ehemalige Rüstungsingenieur, der hier zu uns spricht, hat seinem Job quittiert und schüttelt nur den Kopf. Er versteht die Welt nicht mehr, in der der Verteidigungsminister zur Kriegstüchtigkeit aufruft, die Wehrpflicht wiedereingeführt wird und für Rüstung gegen die Bedrohung getrommelt wird.
Nach der Uraufführung fragte sich Nachtkritiker Jan Fischer: Meint Sibylle Berg das alles ernst? Oder spielt sie nur mit einem Ü50-Boomer-Facebook-Kommentar? Ich meine, es ist ihr sehr ernst damit. Die seit 2024 für Die Partei im Europaparlament sitzende Schriftstellerin macht hier einen tieftraurigen, wütenden Zwischenruf, der zur eigenen Ratlosigkeit steht und genauso scharf die Ratlosigkeit kritisiert, die hinter manchen Phrasen aus dem aktuellen Diskurs über die Sicherheitspolitik durchscheint.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/12/08/ein-wenig-licht-und-diese-ruhe-berliner-ensemble-kritik