Von innerem und äußerem Dunkel

12. November 2023. Kein Licht und nur Stimmen bietet das neue Stück von Stefan Kaegi: Neun Menschen, die erzählen, warum sie im Dunkeln ihr Leben leben, in freiwilliger oder erzwungener Illegalität. Oder warum ihre Seele ihnen die Welt verfinstert. Auch das Publikum wohnt allem im Dunkeln bei. 

Von Michael Laages

"Société Anonyme" von Stefan Kaegi imDeutsches Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin

12. November 2023. Woran es wohl gelegen haben mag, dass es vor sehr vielen Jahren mal dem heutigen Wiener Noch-Burgtheater-Direktor Martin Kusej gelang, das Publikum im Hamburger Thalia Theater zutiefst zu verstören (und gegen sich aufzubringen), als er eine Inszenierung in völliger Finsternis beginnen ließ? Auch die Beleuchtung der Notausgänge war quälend lange ausgeschaltet, was wiederum weitere Jahre zuvor bekanntlich mal zum Krach zwischen den Salzburger Festspielen und Thomas Bernhard sowie Claus Peymann geführt hatte.

Totales Dunkel ist immer spektakulär und beunruhigend. Der Alptraum vom plötzlichen Erblinden und viele andere Gruselgefühle seit der Kindheit sind darin versammelt. Die Versammlung der "Société Anonyme" im Malersaal vom Hamburger Schauspielhaus aber, deren zentraler Baustein das völlige Fehlen von Licht ist, bleibt im Vergleich zu all dem ziemlich gemütlich. Denn sie kommt völlig ohne Überraschung aus – erst die ist es ja, die Unruhe stiftet im Ich.

Mit Glöckchen und Klavier

Das Projekt von Stefan Kaegi, fleißiger Partner von Rimini Protokoll, lässt uns, das Publikum, im Dunkeln nie allein mit möglichen Ängsten. Der Abend ist vom Schauspielhaus-Team im übrigen derart zugepflastert worden mit Trigger-Warnungen, vor Erzählungen über Gewalt und Rassismus und sogar für Duft-Allergiker (weil irgendwann mal ein Parfüm versprüht wird und sich einige Leute die Schuhe ausziehen), dass sich wirklich niemand mehr ernstlich Sorgen machen muss.

Auf etwa 70 Stühlen in mehreren Ovalen umeinander gruppiert, driften wir langsam ins Dunkel. Die Musikerin Gül Pridat, die das Dunkel gut kennt, weil sie uns nicht sehen kann, hat uns zuvor letzte Tipps zur Entspannung gegeben und begleitet die knapp zwei Stunden mit Glöckchen, Perkussion, Klavier und anderem Instrumentarium. Sie ist immer da für uns – und wer sich tatsächlich irgendwann unwohl zu fühlen beginnt (nämlich eine Person während der Premiere), kann einen Knick-Leuchtstab aktivieren: dann kommt das Saal-Personal zum Abholen. So ist dem Projekt eigentlich aller Schrecken schon vor Beginn ausgetrieben. 

Stimmen im Kopf

Die neun Stimmen, deren Besitzerinnen und Besitzer wir uns nun vorzustellen beginnen, erzählen unterschiedlich starke Geschichten von innerem und äußerem Dunkel. Die Frau mit der Schizophrenie-Diagnose, der ihre "Stimmen im Kopf" schon einredeten, sich aus dem Fenster zu stürzen, beunruhigt sehr, natürlich auch der Mann aus Marokko, der illegal im Hafen arbeitet und unsichtbar bleiben muss im Alltag, um nicht ausgewiesen zu werden. Beiden folgt die Frau mit der schrecklichen Kindheitserinnerung an einen älteren Jungen, der dem fünfjährigen Mädchen Gewalt antat. Diese drei zum Beispiel bleiben aus blanker Not im Dunkeln.

Die Musikerin Gül Pridat © Thomas Aurin

Andere eher aus halbwegs freiem Willen: der Mitarbeiter einer Steuerberatungsfirma, der den Unternehmerinnen und Unternehmern im Publikum handliche Tipps zur Steuerhinterziehung gibt und so ein bisschen zu schrauben vorgibt am ungerechten System. Dann die "Aktivistin"aus dem "Schwarzen Block“, die sich "Kommunistin" nennt, aber wenig zu wissen scheint von politischer Theorie und vor allem gewaltbereiten Widerstand gegen "den Staat"und "die Politik" für das Wichtigste im eigenen Leben hält.

Immer etwas angestrengt

Dann wird’s wirklich wunderlich – die Mitarbeiterin einer Samenbank wirbt (mit lieblichem Sound von Gül Pridat) um anonyme Spender, ein Orchestermusiker berichtet von schwulem Sex im "Darkroom" und beschreibt dabei die Wirkung von muskelentspannenden Poppers-Drogen mit Strawinskys "Sacre du Printemps“; sehr amüsant. Ein Immobilien-Makler meldet sich, der auch Scientologe ist und aus beiden Gründen eher unbeliebt; er muss im Schutz von Stroh-Männern und -Frauen arbeiten. Und schließlich bittet ein katholischer Priester zur Beichte im Dunkeln.

Etwa angestrengt immersiv geht’s zu – Knien bei der Beichte, Luftballons aufblasen statt Samenspende, Luft in den Raum fächern, oder eben Parfüm-Duft beim Immobilien-Manager und Schuhe (oder mehr) ausziehen für den "Darkroom“. Für den illegalen Hafenarbeiter ist ein heimatlich-marokkanischer Keks unter dem Sitz platziert – und der Mann mit der traurigen Geschichte des unsichtbaren Migranten wünscht sich zum Schluss, dass wir alle gemeinsam und miteinander eine warme Suppe essen sollten. Sie steht bereit, wenn das Licht langsam wieder zurückkehrt in den Malersaal und zu uns.

Nicht durchgängig zwingend

Der Authentizität von allen Geschichten aus der Dunkelheit müssen wir notgedrungen vertrauen; auch weil ja Kaegi und die anderen Strategen von Rimini Protokoll auf Authentizität spezialisiert sind. Manche von Kaegis Lebenszeugnissen berühren sehr, andere weniger. Einiges, wie Beichte und Samenspende, hat über den anonymen Service hinaus gar keine richtige Geschichte. Einige der Stimmen würden wir sogar gern besser kennenlernen und verstehen, andere lieber nicht. Manches Lebenszeugnis ist wirklich auf Dunkelheit und Nicht-gesehen-Werden angewiesen, andere nicht mal das. So bleibt das Konzept merkwürdig unspezifisch, unpräzise und eben nicht durchgängig zwingend.

Ach ja – und eine "Société Anonyme" ist im Französischen eigentlich einfach nur eine Aktiengesellschaft mit anonymen Anlegern. Deshalb tragen viele Unternehmen das "SA" hinter dem Namen. Aber wenn das so ist: Fehlte dann nicht ein Banker oder Börsianer, der von sehr geheimen Geschäften berichtet, ein moderner Mackie Messer von Heute und Hier? Zum Thema hätte er gut gepasst – denn die im Dunkeln sieht man halt wirklich nicht.

Société Anonyme
von Stefan Kaegi | Rimini Protokoll
Konzept / Recherche / Regie: Stefan Kaegi, Raum: Aljoscha Begrich, Musik / Soundkonzept: Arvid Baud, Dramaturgie: Ludwig Haugk, Aljoscha Begrich.
Mit neun anonymen Stimmen und Gül Pridat
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Premiere am 11. November 2023

www.schauspielhaus.de

Kritikenrundschau

"Stefan Kaegi und seinem Team ist mit "Société Anonyme" ein sehr sinnlicher, intensiver und kluger Abend gelungen", findet Katja Weise im NDR (12.11.2023). Er beleuchte "die verschiedensten Aspekte von Anonymität und bezieht ganz unverkrampft das Publikum mit ein". 

"Ausgerechnet die Dunkelheit wirkt augenöffnend, wirft ein Licht in die düsteren Winkel der Seele," schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (13.11.2023). In Momenten wirke der Abend wie eine Beichte ,"mal beklemmend, anfangs beunruhigend, verstärkt durch das Soundkonzept von Arvild Baud. Menschen erzählen, was sie sonst für sich behalten. Sind sie anwesend oder kommen ihre Stimmen vom Band? Oder beides...? Es hätte voyeuristische Züge, würde man etwas sehen können. Vor allem aber ist der Abend ungemein konzentriert. Nichts lenkt ab, außer die Produktion will es so. Wenn Gül Pridat Männerparfum versprüht, " Cool Water" von Davidoff, weil der Scientologe, der zu Wort kommt, so riecht. Oder wenn man unter seinen Stuhl greifen darf, wo eine marokkanische Süßigkeit wartet."

"Société Anonyme" ist ein insgesamt faszinierende Theater-Erfahrung," resümiert unter dem Kürzel KAM die Hamburger Morgenpost (13.11.2023).

Kommentare  
Société Anonyme, Hamburg/Berlin: Ungewohnte Erfahrung
Mit Triggerwarnungen ist der Weg zu diesem ATT-Gastspiel zwar gepflastert, zuletzt wiederholt auch Gül Pridat, blinde türkischstämmige Musikerin und Lotsin durch den zweistündigen Abend, im Foyer, was auf das Publikum zukommt. Und doch ist die völlige Dunkelheit im Saal für Großstadtmenschen, die auch nachts dem ständigen Lichtsmog einer Industrie- und Digitalgesellschaft ausgesetzt sind, eine ungewohnte Erfahrung. „Société Anonyme“, von Stefan Kaegi/Rimini Protokoll im vergangenen Herbst für den Malersaal im Schauspielhaus Hamburg konzipiert, wird zum Stresstest, den einige Zuschauer*innen abbrechen, indem sie mit einem Knicklicht den Abenddienst auf sich aufmerksam machen.

Ganz still wird es in der völligen Dunkelheit allerdings nie. Kommt mal keine Musik vom Band, meldet sich eine der neun anonymen Stimmen aus dem Off. Wie von Rimini Protokoll gewohnt, wurden diese Stimmen zu einem anregenden Mosaik von Expert*innen für Randzonen unserer Gesellschaft kompiliert: ein illegaler Migrant, der im Hamburger Hafen schuftet, und ständig fürchten muss, in eine Polizeikontrolle zu geraten, ein Darkroom-Besucher, ein Steuerberater, der Konzernen dabei hilft, Gewinnne kreativ vor dem Finanzamt in Offshore-Oasen zu verstecken plaudern aus ihrem Alltag. Beklemmender sind die Berichte einer schizophrenen Frau und eines Missbrauchsopfers, das als Kind von einem älteren Freund über Jahre gequält wurde. So unterschiedlich ist die Fallhöhe der Geschichten, die von Zwischenmoderationen von Gül Pridat und etwas bemüht wirkenden Mitmach-Lockerungs-Übungen wie Luftballon-Aufblasen und Keks-unter-dem-Stuhl-Suchen reichen. Letztere wären gar nicht nötig gewesen, da sie von dem eindrucksvollen Dunkelheits-Erlebnis nur ablenken.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/06/09/societe-anonyme-schauspielhaus-hamburg-kritik/
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