Hafenstraße - Theater Lübeck
Kein Täter verurteilt
6. April 2024. Helge Schmidt hat sich mit erhellenden Dokumentartheaterarbeiten einen Namen gemacht. Im Auftrag des Theaters Lübeck recherchierte er jetzt zum Brandanschlag auf ein Lübecker Asylbewerber*innenhaus in der Hafenstraße im Januar 1996. Und schuf einen Abend, der unter die Haut geht.
Von Katrin Ullmann
Das Rechercheprojekt "Hafenstraße" von Helge Schmidt in Lübeck © Isabel Machado Rios
6. April 2024. Lübeck, Stadt der Hanse. Stadt des Marzipans. Lübeck, Stadt des Brandanschlags auf ein Asylbewerber*innenhaus in der Hafenstraße 52. Am 18. Januar 1996. Zehn Menschen starben, sieben davon Kinder und Jugendliche, drei Erwachsene. Menschen aus Zaire, Togo, Angola und dem Libanon. Bis heute wurde für diesen zehnfachen Mord kein Täter verurteilt. Der ungelöste rassistische Anschlag ist bis heute die offene Wunde der Stadt.
Zahlreiche Ungereimtheiten, unzulängliche Brandgutachten, der vorschnell verdächtigte Libanese Safwan E., vier Tatverdächtige aus Grevesmühlen mit "wasserdichtem Alibi", verschwundene Haarproben und Sicherheitsbehörden, die die vier Tatverdächtigen – und später Geständigen – offenbar schützen wollten.
1998 schrieben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel mit "Brandmal" über die Ereignisse ein fiktionales, bisher nicht verfilmtes Drehbuch, 2003 schufen Katharina Geinitz und Lottie Marsau den Dokumentarfilm "Tot in Lübeck". Seit Jahrzehnten engagieren sich zahlreiche Bürger*innen der Stadt für die Aufklärung, haben sich um die Opfer gekümmert, sind auf die Straße gegangen. Und dennoch: Bis heute wurde kein Täter verurteilt. Lübeck, Stadt der Hanse. Stadt des Marzipans.
Schrecken und Versäumnisse
Der Regisseur Helge Schmidt hat nun am Theater Lübeck einen Abend über den Anschlag gemacht, keine vier Kilometer Luftlinie entfernt von dem Tatort. Unter "Schauspiel" ist der Abend angekündigt und ja, es stehen mit Jan Bvl, Sonja Cariaso, Lilly Gropper, Sven Simon und Vincenz Türpe fünf Schauspieler*innen auf der Bühne der Kammerspiele.
Doch tatsächlich ist es ein Dokumentartheaterabend. Einer dieser Art Abende, für die Helge Schmidt mittlerweile bekannt ist. Denkt man etwa an Cum-Ex Papers – Eine Recherche zum entfesselten Finanzwesen (2018), Die Krebsmafia (2022) und Wem gehört das Land? – Eine Recherche zum bodenlosen Handel mit Ackerflächen (2024), die er am Lichthof Theater in Hamburg realisierte oder an seine Stadtteilrecherche "Wildes Land – der Große Dreesch" (2019) am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, aufgeführt in leerstehenden Plattenbauten.
Lilly Gropper, Sonja Cariaso und Sven Simon © Isabel Machado Rios
Im Vergleich zu seinem aktuellen Projekt, das auf Wunsch des Lübecker Theaterensembles entstanden ist, wirken die vorherigen Theaterarbeiten fast harmlos. Denn das, was an diesem Abend auf der Bühne wiedergegeben wird, lässt sich kaum in Worte fassen. Der rassistische Anschlag, die Schrecken, die Versäumnisse, die Fragezeichen, die von der Staatsanwaltschaft fallengelassenen Zeugenaussagen, die Fahrlässigkeiten seitens der ermittelnden Behörden. Nein, Lübeck ist doch nicht Mölln. Lübeck ist auch nicht Solingen. Und Lübeck ist schon gar nicht Rostock-Lichtenhagen. Lübeck, Stadt der Hanse. Stadt des Marzipans.
Raus aus dem Wohnzimmer der Bürgerlichkeit
Eine extrem dichte Materialsammlung tragen die fünf Spieler*innen an diesem Abend in kompakten eineinhalb Stunden vor. Und sind sich, wie sie eingangs klarstellen, dabei sehr wohl bewusst, dass sie und die Zuschauer*innen sich für diese Zeit im "Wohnzimmer der Bürgerlichkeit" befinden. Eine Rekonstruktion der Brandnacht ist ihr Anliegen und auch der Blick zurück in die deutsche Geschichte, zur von der CDU forcierten Einschränkung des Asylrechts und zur Erinnerungskultur anhand von Stolpersteinen. Und ihr Anliegen ist selbstredend auch ein Blick auf die Gegenwart.
Neben den Spieler*innen kommen zahlreiche Interviewpartner*innen zu Wort. Auf sieben unterschiedlich große Jalousien werden immer wieder Videoaufnahmen von ihnen projiziert. Dann sind erschütternde Aussagen zu hören etwa von Michael Bouteiller, dem damaligen Bürgermeister der Stadt, von der Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, die mit der Vertretung des zunächst Verdächtigten Safwan E. beauftragt war, von Ebrahim Baddour, der sich in der Initiative Hafenstraße '96 engagiert und von Esperanca Bunga, die bei dem rassistischen Brandanschlag ihre Mutter und ihre Schwester verlor. Lübeck, Stadt der Hanse. Stadt des Marzipans.
Analytische Klarheit
Das Atelier Lanika (Lani Tran-Duc, Anika Marquardt) hat eine schwarze, kahle Bühne entworfen. Darauf steht lediglich ein flaches, nierenförmiges Wasserbassin – ein Löschteich vielleicht – in das mal der Wind peitscht, mal Theaterregen regnet. Davor befindet sich ein langer Holztisch. Mit Zeitungsausschnitten, Büchern, Bildern, Grundrissen und Texten bepackt, bildet er das Archiv des Abends. Immer wieder legen die Spieler*innen einzelne Stücke daraus unter eine Live-Kamera, bauen Collagen, stellen mit einem Matchbox-Auto Fahrtwege nach, ziehen mit einen roten Stift Linien durch den Lübecker Stadtplan. Nüchtern und analytisch versuchen sie währenddessen zu verstehen, warum so viel Offenkundiges bis heute nicht offenkundig, oder besser: aktenkundig, geworden ist.
Zwischen diesen dichten, trockenen und naturgemäß wenig bühnentauglichen Fakten, zitieren sie aus Max Czolleks "Versöhnungstheater" oder aus May Ayims "Blues in schwarz und weiß". Diese erklärenden, fast belehrenden Zufügungen hätte der Abend nicht gebraucht, genauso wenig wie die Bilder vom Kniefall Willy Brandts in Warschau. Die Wucht des vor Ort recherchierten Materials ist erschütternd genug und leistet aus sich selbst heraus den Bezug zu deutscher Geschichte und Gegenwart. Weit über Lübeck hinaus. Lübeck, Stadt der Hanse? Stadt des Marzipans? Lübeck, Stadt des Brandanschlags auf ein Asylbewerber*innenhaus in der Hafenstraße 52. Am 18. Januar 1996.
Hafenstraße
von Helge Schmidt
Inszenierung & Fassung: Helge Schmidt, Bühne & Kostüme: Atelier Lanika (Lani Tran-Duc, Anika Marquardt), Video: Jonas Link, Jonas Plümke, Licht: Daniel Thulke, Dramaturgie: Oliver Held, Knut Winkmann, Interviews: Helge Schmidt, Jonas Link.
Mit: Jan Byl, Sonja Cariaso, Lilly Gropper, Sven Simon, Vincenz Türpe.
Premiere am 5. April 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Mit Dank an die Interviewpartner:innen: Holger Bachmann-Wulf, Ebrahim Badour, Michael Bouteiller, Maria Brinkmann, Esperanca Bunga, Gabriele Heinecke, Karina Lück, Abdulla Mehmud, Jana Schneider.
www.theaterluebeck.de
Kritikenrundschau
Ein Erinnern, das "unter die Haut geht", und im Ganzen ein "Ereignis von hoher ästhetischer und gesellschaftlicher Relevanz" hat Detlef Brandenburg für Deutsche Bühne online (6.4.2024) in Lübeck erlebt. "Helge Schmidt und sein famoses Schauspielerensemble mit dem charismatischen Jan Byl, der empathischen Sonja Cariaso, der herben Lilly Gropper, dem spröden Sven Simon und dem schillernden Vincenz Türpe schaffen eine geradezu virtuose Balance zwischen faktenorientierter Sachlichkeit und ästhetischer Haltung."
"Dieser Abend erhebt Anklage gegen die damals (nicht) Anklagenden; er macht die Perspektive von Opfern und Angehörigen stark und ihre Zweifel am für einzig wahr erklärten Tathergang; er fordert, die Sache neu aufzurollen, juristisch, aber auch politisch", schreibt Alexander Diehl in der taz (8.4.2024).
- Im NDR (9.4.2024) berichtet Linda Ebener über den Abendberichtet Linda Ebener über den Abend.
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Kammerspiele) seine Wiederaufnahme. Da am 4.10.2025 die mehr als nur gespürt damit zusammenhängende Regienachfolgearbeit Helge Schmidts am Theater Lübeck "Das beispielhafte Leben des Samuel W" (in einer von Lukas Rietzschel für das Theater Lübeck "überarbeiteten" Fassung) -ebenfalls um 20 Uhr in den Kammerspielen- statthaben soll, besteht meineserachtens eine vorzügliche Gelegenheit, den Einheits-Feiertag theatral zu flankieren. Empfehlenswert sind beide Abende allemal für sich genommen: in "Das beispielhafte Leben des Samuel W." vereinigen sich aber die Vorzüge sowohl des Rietzschel-Textes als auch der Regiehandschrift Helge Schmidts, die ja auf nachtkritik de. gut nachzeichenbar vorliegt, zu einem spielfreudig Ambivalenzen herausarbeitenden Abend, der eine gewisse Akzentverschiebung bzw. Akzentkonkretisierung etwa der Frage vornimmt, warum man sich heutzutage das ehrenamtliche Arbeiten, das sooft der Anfeindung ausgesetzt ist, in der Kommunalpolitik noch geben sollte. Erst vor wenigen Tagen ist dazu die traurige Gewalttatenbilanz gegenüber KommunalpolitikerInnen durch die Gazetten gegangen. Mit Hagen, Duisburg und Gelsenkirchen standen gestern drei NRW-Städte bei einer Bürgermeisterstichwahl vor einem vergleichbaren Szenarium wie anno 2019 in Görlitz bzw. im Rietzschelstück !! Und leider ist auch "Hafenstraße" noch hochaktuell: ein Verbrechen, das noch nicht aufgeklärt ist !!! Lübeck zeigt einen sehr strukturierten und stringenten Spielzeitstart sowohl mit dem Krug als auch mit dem Samuel W., befragt die Macht und die Ohnmacht der Gewohnheit und entlarvt ua. den Handelsware-Begriff der "Politikverdrossenheit" als das, was meineserachtens eigentlich zu diskutieren wäre: eine Beteiligungskrise.
Die Angabe zu den Folgeabenden bezüglich "Das beispielhafte Leben des Samuel W.", welche sich im Hamburger Abendblatt befindet, bedarf zudem einer Korrektur, denn auch am 10.10. soll das Rietzschel-Stück (um 20 Uhr in den Kammerspielen, Stückvorstellung um 19:30 Uhr im Foyer) laufen und zwar, und darauf kommt es mir dabei an, weil es hier ja um Helge Schmidt und seine Inszenierungen ging und geht, gefolgt von einer Nachbesprechung mit dem Regisseur..