22 Bahnen - Volkstheater Rostock
Einfach mal abtauchen
26. Januar 2025. Sie schwimmt um ihr Leben: In Caroline Wahls Bestseller versenkt eine junge Frau die Härten von Suchtkrankheit und Vorstadt-Tristesse im blauen Wasser des Freibads. Regisseurin Konstanze Kappenstein hat den Stoff nun atmosphärisch verdichtet zur Uraufführung gebracht.
Von Juliane Fladung
"22 Bahnen" am Volkstheater Rostock © Thomas Mandt
26. Januar 2025. Tilda, Ida, Marlene und Viktor und 22 Bahnen, die Tilda manchmal im Schwimmbad schwimmt. Eigentlich sogar ziemlich oft und eigentlich sind es auch manchmal 23 Bahnen. Damit schafft sich die junge Tilda, die gerade ihrer Masterarbeit in Mathematik schreiben will und ihr Studium mit einem Supermaktjob finanziert, Ausgleich. Und dann ist da auch noch Tildas jüngere Schwester Ida. Gemeinsam pflegen sie in einer Vorstadt ihre alkoholkranke Mutter. Die ganze Familie leidet unter dem Weggang des Vaters, während Tilda nichts schöner findet, als ihren schweren Alltag mit kühlem Wasser auf der Haut und der wärmenden Sonne aufzufrischen und auszuhalten.
Der kühle Freibad-Kopf
Das Abtauchen und kontinuierliche Schwimmen beruhigen ihren Geist und die Sorge um ihrer kleine Schwester (Marie-Luise Kuntze). Und es gibt noch einen zweiten Schicksalsgeschlagenen: Viktor (Ben Gebel), der seine ganze Familie bei einem Autounfall verlor, und seitdem mystisch und schweigend mal in der Vorstadt zu sehen ist, mal in Hamburg seinem IT- Job nachgeht. Tilda sieht ihn hin und wieder im Schwimmbad: Abtauchen. Sie kannte seinen verstorbenen Bruder Ivan, der mit ihr und Marlene (Tildas bester Jugendfreundin) Rave, pubertäre Fluchtgefühle und jegliche Art von Drogen ausprobierte. Viel Stoff für einen schmalen Theaterabend. Wie will man Tildas kühlen Freibad-Kopf nach jedem anstrengenden Tag ihres Lebens inszenieren – einen klaren Kopf, den sie als verantwortungsbewusste, junge Frau gegenüber der Alkoholsucht ihrer Mutter stetig bewahren muss?
Konstanze Kappensteins Inszenierung des Bestsellers am Volkstheater Rostock verspricht im kleinen Ateliertheater mit wenig Raum viel Freiheit. Bühne und Kostüme kommen von Isabelle Wibbeke: Durchsichtige Duschvorhänge hängen meterlang herab, der Boden ist mit hellblauer Folie ausgelegt und im Hintergrund eine Leinwand, auf welcher die Wolken, leere Häuser der Vorstadt oder Tildas Fiebertraum projiziert werden. Alles ist weißblau, auch Tildas T-Shirt und die kurze Hose Viktors. Das Schwimmbad wird plastischer denn je, erst recht wenn Tilda auf dem Rücken über den Boden zieht und das 'Piep' des Kassengeräuschs nachahmt: schwimmend und arbeitend zugleich.
Blaue Träume, harte Wirklichkeit: Ellen Neuser © Thomas Mandt
Ellen Neuser spielt Tilda und wechselt als Einzige nicht die Rolle: Immer wieder kommuniziert sie schlagartig und mit hoher Sprechgeschindigkeit mit dem Publikum und zeigt eine schauspielerische Meisterleistung. Wir erfahren durch sie alles: das zermürbende, armselige Bild ihrer eigenen Mutter (die niemals auftaucht) und die zehrenden, zerreißend-liebevollen Gefühle ihrer kleinen Schwester gegenüber. Während die Spieler*innen sich immer wieder in die Duschvorhänge einrollen, isoliert und schutzbedürftig zugleich, fragt man sich, warum eigentlich nicht ein bisschen mehr Stille gewagt wird: Ist es nicht ein Buch über Sprachlosigkeit? Ein bisschen viel 'stream of consciousness' für 1 Stunde und 25 Minuten? Definitiv. Doch im Fokus bleibt zum Glück die zärtliche, intakte Beziehung der beiden Schwestern.
Beats im Körper
Das Ateliertheater umfasst gerade einmal 78 Sitzplätze und dennoch wird echte Freibad-Atmosphäre mittels Regentropfen-Sounds und Wasserspiegelprojektionen übertragen. Die Musik übernimmt dabei Übergänge, die der Stille folgen. Rave-Beats gehen direkt über in die Körper der Schauspieler:innen, während einige melancholische Klavierstück zu viel Drama betonen und schnell kitschig wirken. Manchmal würde der ein oder andere wohl lieber gerne selbst sinnieren oder dem träumenden Blick von Ellen Neuser folgen. Oft erscheint zudem das Zugewandte der Erzählerstimme absurd und ein wenig befremdlich, aber es erzeugt ebenso Leichtigkeit. Auch Ida kommt uns immer wieder nahe und erzählt ihre Gedanken und Gefühle, aber nie ohne wieder zurück ins Geschehen zu gleiten.
Wie erzählt man Schweigen und Sprachlosigkeit über eine Alkoholerkrankung auf der Bühne? Dem Stück hätten einige andere, kreative Impulse zur Umsetzung gut getan, statt sich so auf einen theatertauglichen Zusammenschnitt einiger Schlüsselpassagen des Romans zu konzentrieren. Vieles wirkt so schlicht verdoppelt. Wenn kurz geschwiegen wird, sagt Tilda: Schweigen. Die Zuschauer:innen können das sehen und bekommen es gleichzeitig erzählt.
Fühlen, sehen, still sein
Es gibt in der ganzen Inszenierung nur einen massiven Lichtwechsel: Wenn Tilda nach Hause kommt und ihre bewusstlose Mutter findet, wird schrilles Rosa auf die Duschvorhänge projiziert. In diesen Momenten ist man dankbar für den rasant erzählten Text und spürt die Panik, die die Szene beherrscht. Doch das ist eher die Ausnahme. Während nämlich das Bühnenbild und die klug gewählten Kostüme hervorstechend bleiben, hätte an anderer Stelle mehr gewagt werden können: Mehr fürs Fühlen, Sehen und Stillsein.
22 Bahnen
nach dem Roman von Caroline Wahl
Uraufführung
Regie: Konstanze Kappenstein, Bühne und Kostüme: Isabell Wibbeke, Dramaturgie: Sophia Lungwitz, Regieassistenz und Inspizienz: Josefine-Netami Keßling.
Mit: Ellen Neuser, Marie-Luise Kuntze, Ben Gebel.
Premiere am 25. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
www.volkstheater-rostock.de
Kritikenrundschau
Eine "gelungene" Romanadaption sah Gabriele Struck für die Ostseezeitung (26.1.2025) und stellt die Darsteller*innen ins Zentrum ihrer Besprechung: "Ellen Neuser spielt die Rolle der Tilda mit großer Intensität. Mit ihren langen inneren Monologen nimmt sie das Publikum mit in ihre Gedankenwelt. Die Dialoge hingegen kommen mit wenigen Worten aus. Neuser spielt Stärke und Verletzlichkeit so glaubwürdig, echt und sympathisch, dass man ihr alles Glück dieser Welt wünschen möchte und auf Erlösung hofft."
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