Dreckstyp mit Sex Appeal

22. Februar 2025. Ein Provinz-Schürzenjäger, anstrengende Frauen und eine wodkaselige Dorf-Hautevolée bevölkern Anton Tschechows frühes Drama. Der legendäre Bühnenbildner Johannes Schütz inszeniert "Platonow (Die Vaterlosen)" in Schwerin. Mit Sinn für unterspielte Komik.

Von Falk Schreiber

Johannes Schütz inszeniert Tschechows "Platonow (Die Vaterlosen)" in Schwerin © Silke Winkler

22. Februar 2025. "Andere Leute haben existenzielle Probleme, ich habe eine Frau!", jammert Platonow (Jonas Steglich). "Mein ganzes Leben besteht nur aus Frauen!" Da hat er recht – Platonow ist ein Frauentyp. Aber was für nervtötende Frauen das sind, die den Dorflehrer in Anton Tschechows frühem Stück umschwirren: die eigene Gattin Sascha ist bei Annika Gräslund ein verschüchtertes Leidenswesen. Die Ex-Geliebte Sofia: bei Julia Keiling eine Schreckensfigur von schnepfenhafter Souveränität. Das Mauerblümchen Marja: bei Wassilissa List ein hochneurotisches Wesen, das immer kurz vor dem nächsten Tränenausbruch steht. Als halbwegs interessant taucht nur Generalswitwe Anna Petrowna auf, der Astrid Meyerfeldt eine fatalistische Sinnlichkeit verleiht, immer bereit, in eine kumpelige Paarungsbereitschaft zu rutschen. Aber ausnahmslos alle wollen sie: Platonow.

Komödie beim Dorflehrer

In der Regel nehmen heutige Regiepositionen die Gattungsbezeichnung bei Anton Tschechows Stücken wörtlich: Der Autor wollte seine Texte als Komödien verstanden wissen, entsprechend werden sie auf den Witz hin inszeniert. Auch das Frühwerk "Platonow" hat komische Elemente, die die persönliche Tragik der Figuren überstrahlen: Der Titelheld etwa ist ein scharfsinniger Intellektueller, dem seine Intelligenz die wissenschaftliche Karriere verbaute, weswegen er als Lehrer in der hintersten Provinz vegetiert und dieses Schicksal mit bösem Spott kommentiert. Das ließe sich trefflich in Schenkelklopfer verwandeln, und es ist eine große Qualität, dass der legendäre Bühnenbildner Johannes Schütz jegliches Lustiglustig bei seiner Inszenierung am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin verweigert. Schütz nimmt die Figuren zunächst einmal ernst, in ihren Begierden, ihren Wünschen und ihren Sehnsüchten. Komisch wird das dann schon von ganz alleine.

Platonow1 Astrid Meyerfeldt Jonas Steglich Foto Silke WinklerKerl zum Anlehnen gesucht: Astrid Meyerfeldt als Anna Petrowna an der Schulter von Jonas Steglich als Platonow © Silke Winkler

Auftritt: die dörfliche Hautevolée. Hübsch, wie beiläufig Schütz sein Figurentableau inszeniert, als Gesellschaft bei der Petrowna, auf der nach und nach die Gäste einlaufen, Kaufmann Bugrow (mit aasigem Geschäftssinn: Frank Wiegand), Gutsbesitzer Glagoljew (mit freundlicher Naivität: Sebastian Reck), Arzt Trilezkij (eine Witzfigur, die die eigene Lächerlichkeit zum Markenzeichen gemacht hat: Marko Dyrlich). Und die Gastgeberin wirbelt zwischen den Figuren umher, barfuß, lässig, stylish (Kostüme: Wicke Naujoks).

Dazu baut Schütz als sein eigener Bühnenbildner eine erwartbar stimmige Ausstattung: Gespielt wird ausschließlich auf der Vorderbühne, vor einer riesigen schwarzgrauen Tafel. Und während das eigentliche Bühnenbild in seiner Abstraktion die Beziehungen der Figuren untereinander betont, schaffen winzige Details konkrete Verankerungen in einer sozialen Situation: ein Schachbrett, tatsächlich auch ein Samowar, soviel Russland-Klischee muss sein.

Kontrolliert entgleisen

Es wird also geflirtet, es wird geplaudert, es werden Geschäfte gemacht, und nach einer Weile schauen auch noch die Kinder vorbei, unzufrieden mit der elterlichen Unambitioniertheit: ein Generationenkonflikt, der den etwas unklaren Untertitel "Die Vaterlosen" erklärt. Da spürt man, dass in diesem Dorf Verwerfungen versteckt sind, die womöglich tiefer gehen als das Gefrotzel, mit dem sich die Figuren ankeksen, und als etwas später auch noch der Kleinkriminelle Ossip (Vincent Brusdeylins) auftaucht, ist da auch eine Ahnung von echter Gewalt.

Platonow3 Annika Graslund Vincent Brusdeylins Foto Silke WinklerPlaudern, Flirten und Leiden auf dem Lande: Annika Gräslund als Sascha und Vincent Brusdeylins als Ossip im Bühnenbild von Johannes Schütz © Silke Winkler

Das ist alles nicht so harmlos wie es auf den ersten Blick scheint, aber weil die Partygesellschaft in der Folge kontrolliert entgleist, sprich: im Wodkarausch versinkt, ist eine echte Bedrohung trotzdem gebannt. Zumal die angedeuteten wirtschaftlichen Probleme schnell weggevögelt werden: Das einzige Thema, das diese Gestalten wirklich umtreibt, ist, wer mit wem schläft. Heißt: wer mit Platonow schläft.

Steglich gibt diese Figur des Platonow vorlagengetreu als reizenden Jammerlappen, der selbst nicht so wirklich kapiert, weswegen die gesamte Weiblichkeit auf ihn steht: "Man behandelt sie wie Dreck, und sie werfen sich einem trotzdem an den Hals!" Weil dabei die Frauen durch die Bank eher öde Figuren sind, übernimmt die Inszenierung zwar die Perspektive Platonows, ist aber nicht ganz fair. Man schaut eben einem provinziellen Schürzenjäger zu, wie er seine Mitmenschen ins Unglück stürzt, aber was diese Figuren bewegt, bleibt im Ungefähren.

Sterben vor Langeweile

Ein wenig ist der Fortgang der Geschichte also eine Enttäuschung: Platonow lässt sich auf eine Affäre mit Sofia ein, verstolpert die Flucht aus der verfahrenen Situation und wird schließlich von der Geliebten erschossen. Da schlägt dann ein Moralismus durch, der dem Abend nicht nur gut tut, weil er die ziellose Beiläufigkeit des Beginns ein Stück weit verrät. Diese Ziellosigkeit ist anstrengend, zweifellos: "Ich sterbe vor Langweile!", ruft Anna Petrowna einmal aus, und tatsächlich zieht sich der Abend da ein bisschen (und man weiß, dass er noch ungefähr dreieinhalb Stunden dauern wird). Aber ist dieses Sterben vor Langweile vielleicht das, was an "Platonow" interessanter ist als das tatsächliche Schicksal des Protagonisten?

Was als klug arrangiertes Ensemblestück begann, wird am Ende also zur erwarteten Denunziation eines im Grunde lächerlichen Menschen. Das ist ein bisschen unbefriedigend, weil "Platonow" mehr beinhaltet als nur den Niedergang seines Titelhelden und der Schießbudenfiguren um ihn herum. Auf der anderen Seite sind diese Figuren dann doch die knapp vier Stunden Stückdauer in der Lage, Aussagen zu formulieren, die sie interessanter machen als gedacht. Weil in ihnen eine Sehnsucht steckt, die allgemeingültig bleibt: "Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten?", heißt es an einer Stelle, und eine Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich deutlich spannender als eine Frau, die enttäuscht auf ihren mehr oder weniger stumpfen Liebhaber schießt.

Platonow (Die Vaterlosen)
von Anton Tschechow
Deutsch von Ulrike Zemme
Regie und Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Wicke Naujoks, Musik, Arrangements und musikalische Einstudierung: Konstantin Schimanowski, Dramaturgie: Juliane Hendes.
Mit: Astrid Meyerfeldt, Christoph Götz, Julia Keiling, Katrin Heinrich, Jonas Steglich, Annika Gräslund, Jochen Fahr, Marko Dyrlich, Wassilissa List, Vincent Brusdeylins, Sebastian Reck, Till Timmermann, Frank Wiegard, Johann Born.
Premiere am 21. Februar 2025
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.mecklenburgisches-staatstheater.de

 Kritikenrundschau

"Die Regie bedarf keiner modischen Action-Kopfstände," schreibt Manfred Zelt im Nordkurier (22.2.2025). "Hin und wider ein Glockenschlag und ein seltsames Dröhnen in der Luft. Mal ein Song zwischendurch, ein bisschen Lokomotivendampf, für den Zug, unter den sich Platonows Frau werfen möchte. Hier pulsiert das Theater der Schauspieler, denen nach einem berühmten Regisseur-Wort das Theater eigentlich gehört. Es blitzt und leuchtet, wie Astrid Meyerfeldt als Gutsherrin lebenshungrig und liebesdurstig durch die Konflikte ihrer Gäste wirbelt bis im Suff ihr seelischer Kummer ausbricht." Das Stück aus dem 19. Jahrhundert habe auch heute noch viel zu erzählen. 

Kommentare  
Die Vaterlosen, Schwerin: Triumphe von Johannes Schütz
Die Kritik konnte das noch nicht würdigen, da Nachtkritik seine Top 100 noch nicht geschaltet hatte; aber im Grunde sind zwei Gratulationen fällig ( mindestens) Johannes Schütz betreffend: Zunächst ist er am 12.2. 75 Jahre alt geworden, und nun ist er in der besagten Top 100-Liste als Bühnenbildner allein drei Male in den Top 10 (Plätze 7, 6 und 2). Die Plätze 7 und 2 zudem zu Tschechow ! Eigentlich müßte sogar noch eine dritte Gratulation folgen, nämlich für die ausgesprochen strukturierte Internetseite von Herrn Schütz; da findet sich eine über 300 Werke zählende Liste, die vermutlich schwerlich eine andere Liste fürchten braucht, und die Positionen 127 und 172 dort weisen zudem aus, daß Johannes Schütz sich hier nicht zum ersten Mal mit dem „Platonow“ bzw. den „Vaterlosen“ beschäftigt ! Gutes W-LAN beim Bäcker im Kaufland in der Hamburger Allee...; das sage ich auch, weil es für mich ein Erlebnis ist, vom Mueßer Plattenpark als „Kinderloser“ die drei Stadtteile Mueßer Holz, Neu Zippendorf und Großer Dreesch (dort spielt das Peschelstück) zu durchmessen auf die „Vaterlosen“ zu; das fühlt sich ua. so an wie meine Vogelstangerkundungen rundum die Installation (SIGNA) „Das Heuvolk“ im Jahr 2017 in Mannheim, schlicht eine glückliche Zeit und eine Art Plädoyer für „ganze Theatertage“, also Tage, die gleichsam wie ein Spaziergang, eine eigene Installation fast bezüglich eines Theaterabends funktionieren..
Platonow, Schwerin und Kiel: Die Grundzüge
Anmerkungen und Beistriche zu „Platonow“ (Schauspielhaus Kiel, Premiere 28.3.2025, Regie: Daniel Karasek) und „Die Vaterlosen“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, Premiere 21.2.2025, Regie: Johannes Schütz), teilweise vergleichend

Innerhalb von zwei Wochen sah ich nun zwei Inszenierungen des Erstlings und gleichzeitig irgendwie auch Spätwerks Anton Tschechows, eine in Kiel, die grob gesagt den „Platonow und die Frauen“-Aspekt fokussierte, ohne, mir jedenfalls, auch nur einen Deut des Neugesehen zumindestens in diesem konzentrierten Rahmen anzubieten, abgesehen vom Spielort des letzten Aktes, der in,die Turnhalle jener Schule, die Turnhalle als Liebesnest weckt immerhin nicht ganz so unspannende Assoziationen, verlegt wurde, an der Platonow als Dorfschullehrer agiert -wie sehr anders erging es mir dagegen zuletzt mit Dürrenmatt in Kiel und auch mit jungen Stücken wie „Burn Baby Burn“ , mit den
Mermates natürlich !-, und gestern jene in Schwerin, die sich über eine Stunde mehr Zeit nimmt als in Kiel und über 4 Stunden beansprucht; in den wesentlichen Zügen kann ich hierbei der Kritik von Falk Schreiber folgen, wenngleich ich gerade den Teil vor der Pause akzentuiert und kontrastreich genug fand, um die Personage eben gerade nicht bis nicht mehr als „Schießbudenfiguren“ empfinden zu können; nicht umsonst hat der Arzt Trilezkij das letzte Wort vor dem Off „Die Toten begraben und die Lebendigen zusammenflicken.“; in Kiel wäre es schon ein Gewinn gewesen, zumindestens die Schießbudenfiguren zu sehen, aber Auf- und Abgänge, auch von kurz zuvor Humpelnden bzw. betrunken Torkelnden fanden betont verhuscht statt, wie um das Gemachte des Spieles besonders zu betonen; nur läuft das ähnlich leer wie die Stilisierung des (in meinen Augen ziemlich fehlbesetzten) Ossip zum Alter Ego des Platonow mit geradezu an „Elexiere des Teufels“ gemahnender Kampfszene
(man schaue sich bei Gelegenheit einmal den grandiosen Ossip in Karin Henkels Stuttgarter Inszenierung an !; da gibt es für Platonow nicht viel zu kämpfen).
Das Menschlich-Allzumenschliche wird in Schwerin zunächst gut getroffen, um dann menschlich-allzumenschlich dann doch mehr und mehr an den Rand des Plakativen (der Verlauf der Versteigerungsgeschichte etcpp. im Hintergrund wird eher infusionsartig in den Mahlstrom der vier Frauengeschchten Platonows eingespeist als in fruchtbare, will auch sagen: treibende Dynamik zu münden, wie es Karin Henkel gelang) und sogar des Slapsticks zu geraten; die „Nummern“ vor allem der Astrid Meyerfeldt als Generalswitwe sind phantastisch dabei, teilweise halsbrecherisch (Stuhlszene, Stöckelschuhe), allein schon sehenswert - und gewiß im Sinne von Herbert Fritsch auch „Schauspielerinnen-Emanzipation“, aber das gilt nicht für alle Nummern; gerade dem Bugrow, der in Schwerin für sich und den ausgesparten Abram Abramowitsch Wengerowitsch spielen muß mitsamt Sohn, der ansonsten der Wengerowitsch-Sproß ist (zumeist), nimmt der Dauersuff auf hohem Spiegel jede ernsthafte Bedrohlichkeit, für die dann wohl die Gaulandsche Hundekrawatte herhalten muß (wurde diese in der Premiere nicht getragen). Dennoch empfehle ich allemal den Vergleich und die Vergleichserfahrung Kiel/Schwerin; allein die beiden Generalswitwen Astrid Meyerfeldt und Agnes Richter lohnen bereits, und es scheint so, als ob sich in fast jedem Ensemble eine treffliche Generalin finden läßt (man blicke nur einmal darauf, wer diese schon so gespielt hat !; Ähnliches gilt auch von dem Platonow: Felix Goeser ist seinerzeit zum Schauspieler des Jahres gekürt worden, zurecht, währenddessen Harzer im Thalia mich seinerzeit nicht überzeugte; leider trifft die damalige Briegleb-Kritik an ihm und den letzten Akt meineserachtens auch Marko Gebbert aktuell in Kiel, nicht aber so sehr Jonas Steglich in Schwerin).
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