Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten - Schauspiel Bochum
Nicht auszuhalten!
15. Februar 2026. Um eine Familie mit antifaschistischer Tradition geht es in Tiago Rodrigues' Stück "Catarina oder von der Schönheit Faschisten zu töten". Aber der Faschist hat das letzte Wort. Bei der Premiere von Mateja Koležniks Inszenierung brach deshalb im Schauspielhaus Bochum ein Tumult aus.
Von Martin Krumbholz
"Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten" in Bochum © Armin Smailovic
15. Februar 2026. Diese Kritik war sicher anders geplant, vorausgesetzt, es hätte sich um eine normal ablaufende Premiere gehandelt, aber jetzt muss man mit dem Schluss anfangen. Am Schluss hat der "Faschist" das Wort, also der rechtsextreme Politiker, der bisher kein einziges Wort gesagt, nur auf seine Hinrichtung durch eine vielköpfige Familie aufrechter Antifaschisten gewartet hat, die aus solchen Aktionen seit 70 Jahren ein wiederkehrendes Ritual macht. Das Stück von Tiago Rodrigues endet also mit einem sehr langen Monolog, in dem der Gefangene das übliche Gewäsch von Vance, AfD und Co. zum Vortrag bringt, die nationale Mehrheit dürfe sich nicht von Minderheiten tyrannisieren lassen, etc. pp.
Und da geht es los. Im Publikum. Zuerst vereinzelte Pfiffe und Buhrufe, ist es Spaß? Nein. Bitterster Ernst. Eine Frau skandiert immer wieder "Aufhören", eine andere schmeißt eine Orange auf den Schauspieler Ole Lagerpusch, zwei Männer stürmen die Bühne, werden handgreiflich, versuchen den Spieler in die Kulisse zu zerren, es fehlt nicht viel, und sie würden ihm an die Gurgel gehen. Die Aufführung steht kurz vor dem Abbruch, aber der Schauspieler hält durch, bis zu seinem Schlusssatz: "Die Zukunft gehört uns."
Schwierige Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität
Die Dramaturgin Angela Obst kommt, einen Tick zu spät, auf die Bühne, um den Leuten zu erklären, dass es sich hier nicht um eine politische Kundgebung, sondern um eine Theateraufführung handele, und dass man doch bitte den Schauspieler Lagerpusch verschonen möge. Was für eine Blamage! Teile des Bochumer Publikums, das man fast für eins der theateraffinsten der Republik gehalten hätte, sind offenbar zu doof, man muss es einmal so krass sagen, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden; dabei offenbaren sie die stupende Selbstgerechtigkeit eines Milieus, das die eigene Meinung von vornherein für über jeden Zweifel erhaben hält.
Vor Gittern: Rainer Bock, Carla Richardsen, Alexander Wertmann, Ole Lagerpusch © Armin Smailovic
Im Stück ging es aber genau darum: Den Selbstzweifeln Gehör zu verschaffen. Immer zum Jahrestag der Ermordung der Landarbeiterin Catarina Eufémia am 19. Mai 1954 durch Schergen der Diktatur wird ein Faschist getötet. Stets beginnt der Tag als wohlgelaunte Familienfeier und endet mit der Erschießung eines Delinquenten. Hier wird anscheinend Unrecht gerächt. Doch diesen Sommer rumort es in der Familie. Die jüngste Generation stellt infrage, was seit drei Generationen zelebriert wird. Eine Tochter lehnt als Veganerin neuerdings das Festmahl (Schweinsfüße nach Familienrezept) ab, während die andere das Ritual der Erschießung verweigert und bezweifelt, ob Gewalt überhaupt ein legitimes Mittel zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie sein kann.
Text optisch in die Distanz gerückt
Teile des Publikums gehen nun auch einem Theatercoup auf den Leim, von dem man schon beim Lesen des Textes ahnt, dass er Probleme machen wird. Hätte Rodrigues den fatalen Monolog an den Anfang gestellt, würde es vielleicht anders ausgehen, man würde denken, was werden sie mit dem Kerl wohl anstellen, es wäre vielleicht weniger vieldeutig. Der Autor will, mit einem gewissen Recht, die Provokation; die großzügige Geste, der Gnadenakt soll nicht am Schluss stehen. Das ging, in Bochum jedenfalls, gründlich schief.
Ole Lagerpusch, Rainer Bock, Mona Vojacek Koper, Felix Knopp, Elsie de Brauw, Konstantin Bühler © Armin Smailovic
Die Inszenierung von Mateja Koležnik macht den Text letztlich besser, als er ist. Denn sie rückt ihn schon optisch in die Distanz. Das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt ist eine hohe Box mit jalousienartigen Wänden, deren Segmente sich drehen und isolieren lassen; so rücken immer unterschiedliche Personenfiguren in den Fokus. Und das Kostümbild von Ana Savic Gecan, schwarze Roben, Röcke, Hüte, gibt den Figuren die Anmutung einer religiösen Sekte, einer Art Amish People.
Frag wie, nicht warum!
Koležnik ist entschieden eine Schauspielerregisseurin. Niemand forciert hier unnötig, alles hat eine Beiläufigkeit, eine Lakonie, eine heruntergedimmte Temperatur, die dem Sujet den Furor nimmt, den dann die Bestie im Zuschauersaal entfacht. Die Figur von Rainer Bock etwa erklärt Sara den Unterschied zwischen Dilemma und Rätsel: das Dilemma kennt keine Lösung. Konstantin Bühler als Rui will dem Gefangenen mit makabrem Humor eine Falle stellen. Die Figur von Felix Knopp rät Sara, nicht nach dem "Warum", sondern nach dem "Wie" zu fragen; es handele sich bei dem Familientreffen hier um eine Methode, eine Tradition, ein Ritual.
Rainer Bock, Mona Vojacek Koper, Konstantin Bühler, Felix Knopp, Alexander Wertmann, Ole Lagerpusch © Armin Smailovic
Das Publikum indes weiß alles besser. Ole Lagerpusch hat seinen Vortrag nicht etwa Hitler- und auch nicht Höcke-förmig gehalten, mit Schaum vor dem Mund, sondern im sanftesten Lagerpusch-Sound. Am Ende hat das sogar alles schlimmer gemacht. Die Leute glaubten, geschickt verdeckte Inhalte zu enttarnen und wurden wütend. Vermutlich wird das Schauspielhaus der zweiten Vorstellung eine Triggerwarnung voranstellen. Es scheint unverzichtbar. Das Fiasko am Premierenabend jedoch wird in die Bochumer Theatergeschichte eingehen, auf andere Art als geplant.
Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten
von Tiago Rodrigues, aus dem Portugiesischen von Niki Graca
Deutsche Erstaufführung
Regie: Mateja Koležnik, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Mitarbeit Bühne: Isabela Voicu, Kostüm: Ana Savic Gecan, Choreografie: Magdalena Reiter, Video: Philipp Haupt, Lichtdesign: Bernd Felder, Komposition: Alen Sinkauz, Nenad Sinkauz, Dramaturgie: Dorothea Neweling.
Mit: Alexander Wertmann, Felix Knopp, Konstantin Bühler, Elsie de Brauw, Mona Vojacek Koper, Rainer Bock, Carla Richardsen, Ole Lagerpusch.
Premiere am 15. Februar 2026
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.schauspielhausbochum.de
Mehr dazu:
- Tiago Rodrigues' eigene Inszenierung des Stücks gastierte 2024 beim F.I.N.D. Festival an der Schaubühne Berlin.
- In der Presse tritt Bochums Vize-Intendantin Angela Obst dem Verdacht entgegen, der Premieren-Eklat könne inszeniert gewesen sein. Für kommende Vorstellungen werde es den Einsatz von Security geben sowie eine Einweisung des Publikums, dass die Bühne ein geschützter Raum sei. Von einer Anzeige gegen die Männer, die bei der Premiere die Bühne stürmten, wolle das Schauspielhaus absehen.
Kritikenrundschau
"Was Theater alles zu leisten imstande ist!" freut sich Sven Westernströer in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (15.2.2026) über die starken Publikumsreaktionen. Und schreibt: "'Catarina' ist (vom Finale einmal abgesehen) kein grelles Polit-Theater, sondern eine feingewirkte und dazu erstklassig gespielte Familientragödie. Und die subtile Regie von Mateja Koležnik führt das achtköpfige Ensemble behutsam durch eine Geschichte, die schauern lässt." Es sei "ein unlösbares Dilemma, das der Autor hier anspricht, und naturgemäß gibt es keine eindeutigen Antworten, wozu passt, dass die Familie im sehenswerten Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt wie abgeschottet wirkt."
Das Stück habe bereits bei seiner Uraufführung durch den Autor 2020 heftige Reaktionen in Publika ausgelöst, berichtet Stefan Keim im Deutschlandfunk Kultur (15.2.2026). Es sei "ein Debattenstück im Stil des französischen Gegenwartstheaters". In Mateja Kolezniks Inszenierung werde sehr psychologisch, "extrem genau" gespielt. "Man bleibt packend dran." Zum finalen Eklat bei der Bochumer Premiere sagt Keim: Es seien Leute auf die Bühne gelaufen, hätten mit ihren Handys gefilmt, "andere haben gerufen: 'Hört doch mal auf, lasst den armen Mann seinen Text zu Ende sagen.'" Man habe richtig gemerkt, was für ein Riss durch unsere Gesellschaft geht. "Man kann es anscheinend gar nicht mehr aushalten, sich 15 Minuten so eine faschistische Rede anzuhören", obwohl sie ja in die Stückhandlung eingebettet sei. Keim erklärt sich die Reaktion auch durch die "starke antifaschistische Szene" Bochums.
"Es ist ein außergewöhnlicher Abend im Schauspielhaus Bochum, so viel vorweg. Politisches Theater, das Fragen aufwirft, ein Dilemma benennt und das offensichtlich einen Nerv im Publikum trifft", schreibt Ronny Wangenheim in den Ruhr Nachrichten (16.2.2026), "Stark gespielt von dem Ensemble."
Mateja Koleznik inszeniere das lehrstückhafte Stück als psychologisches Kammerspiel, sagt Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (15.2.2026). Die Stars des Abends seien Elsie de Brauw als Mutter und das Bühnenbild. "Alles könnte ein hochqualitativer, gediegener Theaterabend sein, wenn nicht am Ende der Faschist stünde." In Marcus' Beitrag hört man Aufnahmen der Premierenproteste. "Ein kalkulierter Skandal", ordnet Marcus es ein. Der gleichwohl unter die Haut gehe: "So aufwühlend muss Theater sein in aufwühlenden Zeiten."
Mateja Koležnik habe das Stück "mit viel Feingefühl für Figurenpsychologie und das komplexe Zusammenspiel der Themen und Leitmotive" inszeniert, schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.2.2026). "Das Stück ist glänzend gebaut, die Charaktere sind facettenreich und abgründig, die Dialoge fein gezeichnet. Raimund Orfeo Voigt hat ein höchst variables und geradezu geniales Bühnenbild entworfen", so Spiegel weiter. "Bei der Inszenierung in Marseille stand eine ganze Mannschaft von zehn Sicherheitskräfte bereit. In Bochum muss die Dramaturgin Angela Obst das erregte Publikum nach etwa fünfzehn Minuten bitten, die Bühne als geschützten Raum zu respektieren und keine der per Mobiltelefon gemachten Videoaufnahmen von Ole Lagerpuschs Monolog ins Netz zu stellen", so Spiegel: "Tosender Beifall auch jener, die es noch zwei Minuten zuvor als angemessen und geradezu zwingend empfunden hatten, im Theatersessel kämpferisch gegen Rechtsextreme Stellung zu beziehen, obwohl vermutlich gar keine Rechtsextremen anwesend waren." Spiegels Fazit: "Ein grandioser Theaterabend also. Jetzt könnte man reden über Repräsentanz und Katharsis, die Rhetorik der Extremisten jeglicher Couleur, die Anziehungskräfte des Autoritären und die Ästhetiken des Widerstands."
"Man muss sich nicht wundern, wenn man provoziert, dass ein Publikum auch reagiert", sagt Christoph Ohrem im WDR (16.2.2026). Das Publikum habe auch an anderen Orten heftig auf das Stück reagiert, eine Bühnenstürmung wie in Bochum habe es allerdings zum ersten Mal gegeben. "Das geht zu weit, da ist die Verquickung von Realität und Fiktion zu stark." Vielleicht habe die Theaterleitung sich da auch verschätzt, "Aber noch einmal ein großes Kompliment an Ole Lagerpusch." Es sei ein Theaterabend, "bei dem man sich auch am Parkhausautomaten noch mit den anderen Zuschauern unterhält", so Ohrem: "Erstaunlich, dass im Jahr 2026 ein Theaterstück solche Reaktionen erzeugen kann."
Tiago Rodrigues' Stück sei "provokant, aber ziemlich originell gedacht", weiß Christiane Lutz von der Süddeutschen Zeitung (17.2.2026) und berichtet ihren Leser*innen über den "Tumult".
"Innerhalb von Minuten hat sich der Saal in eine Szenerie wie mit einem Pranger im Mittelalter verwandelt. (...) Die Differenz von Spiel und Wirklichkeit wird vom Rausch der lustvollen Enthemmung hinweggefegt", berichtet Jakob Hayner in der Welt (18.2.2026). "Einerseits wirkt der Tumult wie eine Live-Aufführung einer Social-Media-Dynamik. Der Mob stürzt sich auf einen Einzelnen, der symbolisch als Feind markiert ist. Einige Schreihälse machen Stimmung, in deren Schutz andere zur Attacke übergehen, während die Mehrheit schweigend zuschaut. Andererseits kann man das auch als Indiz nehmen, dass die heute so oft beschworene 'klare Kante gegen rechts' vor allem eine symbolische Revolte ist. Man tobt sich bevorzugt an Feindbildern aus, die nicht mehr als Repräsentation oder Symptom einer zugrundeliegenden Wirklichkeit begriffen werden. Wer stets nur gegen Zeichen kämpft, attackiert auch Zeichenträger – wie Schauspieler."
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Ich finde, der kluge Aufbau des Stücks führt dazu. Und dabei entlarvt sich noch etwas anderes: so lange innerhalb der Szenen besprochen wird, wie der faschistische Politiker umgebracht werden soll, schauen alle in Ruhe zu. Wenn er dann die vierte Wand durchbricht und das Publikum mit seiner fremdenfeindlichen, menschenfeindlichen populistischen Rede agitiert, kommt Protest.
Bei der Inszenierung von Rodrigues konnte man sich dann selbst fragen, ob man trotz der eigene Werte eigentlich recht einverstanden war, dass der Mord an dem Faschisten geplant wurde während seine Rede unerträglich war oder ob der erste Teil geschlossenes Theater und das öffnen der vierten Wand so triggerte.
Ich finde übrigens, es wurde viel über die Uraufführungsaufführung und ihre Gastspiele berichtet: bevor hier in der Rezension das nun zu einem krassen Bochum-Skandal hochgeschrieben wird, könnte man als Journalist und Redaktion schon kurz recherchieren, was sonst so passiert ist bei dem Stück. Zwei Minuten Internet hätten genügt. Das ist ein bedeutender Theatermacher. Nur über deutsches Theater Bescheid zu wissen, ist auch dürftig.
Auch wenn ich den Bochumer Abend nicht gesehen habe, kenne ich den Text und bin der Meinung, dass der genau dafür gedacht ist: Zivilcourage zu provozieren. Dumm ist hier niemand, es gibt nur Menschen, die einen solchen Text nicht umkommentiert auf einer Bühne reflektiert hören wollen. Wer da sitzen bleibt, den Mund hält und die Theaterregeln brav befolgt (denn man kann doch nicht einfach einen Monolog unterbrechen, das gehört sich nicht), darf sich hinterher die Frage gestellt haben, wie er sich im realen Leben verhalten würde.
Rechtslastigen Politiker:innen wird ohnehin oft genug die (Talkshow-)Bühne geboten, und genau darum geht es in diesem Stück auch. Natürlich ist es provokant, aber es darf uns nicht kalt lassen.
Ich werde auf jeden Fall nach Bochum fahren und mir die Inszenierung ansehen, bravo für den Mut, das Stück auszuwählen und für den Schauspieler, der sich mit dem Text auf die Bühne stellt, in der Antizipation, dass er ihn wahrscheinlich nicht zu Ende sprechen können wird.
Ich verstehe absolut den Impuls, protestieren zu wollen. Lautstarker Widerspruch, Zwischenrufe oder sogar das demonstrative Verlassen des Saals können legitime Formen der Auseinandersetzung sein (gerade wenn ein Text provoziert und bewusst an Grenzen geht). Darüber kann und soll man diskutieren.
Aber es ist ein fundamentaler Unterschied, ob man protestiert oder ob man Gegenstände auf die Bühne wirft, die Menschen verletzen können und es ist erst recht eine Grenze überschritten, wenn Personen die Bühne betreten und Schauspieler:innen direkt angreifen. Das ist kein Ausdruck von Zivilcourage mehr, sondern eine Gefährdung von Menschen.
Die Bühne muss ein geschützter Raum bleiben. Schauspieler:innen sind nicht mit den Figuren oder den Positionen gleichzusetzen, die sie darstellen. Sie verkörpern einen Text, sie vertreten ihn nicht zwangsläufig persönlich. Wenn wir anfangen, Darsteller:innen körperlich oder durch Bedrohung anzugreifen, verlassen wir den Raum der inhaltlichen Auseinandersetzung.
Protest darf unbequem sein. Kunst darf provozieren. Aber körperliche Übergriffe oder das bewusste Inkaufnehmen von Verletzungen gehen gar nicht. Wenn wir über Zivilcourage sprechen, dann gehört dazu auch, Grenzen zu wahren und die Sicherheit aller Beteiligten zu respektieren.
Eine Lehre also auch und vor allem für die sich wieder einmal überhaupt nicht verhalten haben - die schweigende Mehrheit.
Re: "denn interessanterweise war bei der Premiere nach zwanzig Minuten auch keine einzige Stimme aus dem erhabenen ach so klugen bildungsbürgerlichen Kulturpublikum zu hören, die meinte den Schauspieler in Schutz nehmen zu müssen..."
Ich war gestern nicht in Bochum, aber Stefan Keim stellt das im Deutschlandradiokultur anders dar
https://www.deutschlandfunkkultur.de/catarina-oder-von-der-schoenheit-faschisten-zu-toeten-in-bochum-100.html
Erinnert mich an das 'Invasion vom Mars Debakel', verursacht vom jungen Orson Wells.
Den Radio-Lauschenden sei als Entschuldigung zuzurechnen, dass Wells Inszenierung im Stil einer Reportage recht geeignet war, die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu verwischen.
Die Ausrede haben die Theater-Besuchenden nicht.
Tatsächlich gibt es keine Entschuldigung für so ein Verhalten. Es sei denn die Bühne-Stürmenden hätten alle gleichzeitig unter einer sehr spontanen 'psyschichen Ausnahmesituation' gelitten.
Möglicherweise IST das ja der Normalzustand dieser Besuchenden - jetzt wird es mir zuviel, ich bewundere die Schreibenden hier für ihre fanatische Geduld.
Der Autor und die Regisseurin haben doch nicht einen so langen und unerträglichen Faschovortrag in das Stück eingebaut, damit man besser die Rhetorik des neuen Faschismus versteht, nachvollziehen und evtl. entlarven kann. Im Gegenteil: Die Zuschauer*innenreaktion ist doch gerade intendiert. Es geht darum, auf die Probe zu stellen, wie man selbst angesichts eines faschistischen Propagandavortrags reagieren würde. Diejenigen, die gegen den Vortrag protestiert haben, haben also ganz richtig und in der Intention des Stücks gehandelt. Eine Triggerwarnung vorab wäre daher das Falscheste, was man machen kann.
Der Rezensent hingegen würde sich wahrscheinlich auch im echten Leben geduldig einen Vortrag von Protofaschisten wie Höcke anhören, um nicht „selbstgerecht“ zu wirken. Vielleicht hätte er lieber nach Hamburg fahren und sich zusammen mit Milo Rau in dieser tollen Strategie des „Redens mit Rechten“ einüben können.
Es kommt hingegen darauf an, die neuen Faschisten am Reden zu hindern – und genau darauf zielt das Stück in Bochum!
Zum ersten Mal fühle ich mich gedrängt, einen Kommentar zu einem Kommentar zu erfragen.
Alexander Schwab: Kein Fiasko? Die Reaktion war intendiert?
"Es kommt hingegen darauf an, die neuen Faschisten am Reden zu hindern..."?
Auch Schauspieler auf der Bühne?
Und es ist sowohl verständlich, NEIN geradezu erforderlich, solche Reden mit allen Mitteln zu verhindern?
Indem der aufrechte Demokrat was macht?
Auf die Bühne stürzt um dem Schauspieler die Worte abzuwürgen?
Im wahrsten Sinne des Wortes?
Das ist gelebte Demokratie!
Aber: Tätlichkeiten, bei denen jemand verletzt werden könnte, sind nicht ok. Ich wiederhole mich: ich hoffe, dass die Personen angezeigt werden. Eine Bühne muss ein Schutzraum bleiben.
Andererseits eventuell ein großartiger Moment, in dem sich das Theater seiner eigenen Nutzlosigkeit überführt hat.
Sensless stupid Art.
Es ist ihn keinster Weise gerechtfertigt, einen Schauspieler anzugehen, auch nicht wenn dieser einen faschistischen Agitator verkörpert.
Dass es darauf ankommt, Faschisten am Reden zu hindern, war auf den politischen Bereich und nicht auf den des Theater gemünzt. Im Theater kann man das aber einüben, etwa durch Zwischenrufe, Interventionen auf der Bühne, aber nur mit den Mitteln des Worts.
Es scheint mir hingegen ein naives Verständnis von Demokratie zu sein, wenn man demokratische Toleranz ausgerechnet gegenüber jenen einfordert, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln daran arbeiten, diese Demokratie abzuschaffen.
Das Bühnenbild und die Regie lassen die Schauspielerinnen und Schauspieler weit weg vom Publikum agieren, keine Mimik -bis auf ganz wenige Szenen- kann wahrgenommen werden , Distanz baut sich auf, noch verstärkt durch Mikrophone, welche die Stimmen verfälschen. Das für mich immer wieder ersehnte faszinierende Erlebnis, von einer Geschichte durch die Kunst der Schauspieler berührt und ergriffen zu sein, stellt sich bei mir aufgrund dieser, für die Akteure so ungünstigen Bedingungen nicht ein.
Auch das Bühnenbild lenkt ab, alles ist ständig in Bewegung, nichts ist statisch, es ist mehrheitlich eher dunkel, was ebenfalls die klare Wahrnehmung erschwert. Ständig öffnet sich ein Fenster, eine Tür, alles ist flexibel ... Das alles scheint mir - abgesehen von der Ablenkung der Geschehnisse - geradezu konträr - zum Stück: Starr und unnachgiebig sind die Rituale der Familie seit Generationen, da ist kein Platz für Abweichungen, kein Platz für neue Denkweisen, kein Platz für Flexibilität, dies müsste im Bühnenbild die visuelle Entsprechung finden, eben gerade NICHT die ständige Auflockerung und Veränderung! Das Gegenteil herrscht vor.
Die erste Zweiflerin nach Generationen : auch diese Tatsache hätte durch ein besonderes, hervorstechendes Aufbrechen der fest zementierten Rituale im Bühnenbild visuell packend umgesetzt werden können.
Und dann noch dieser unnötige, teure technische Aufwand!
Trotzdem ist es natürlich eine Inszenierung, die man sich wegen des Themas anschauen sollte, unbedingt auch mit Schulklassen.
Der "Clou" kommt am Schluss und ist absolut sehens- und hörenswert! Ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich mich als Statistin fürs Publikum bewerben sollte
Die AFD bekommt jetzt jedenfalls ganz bestimmt viel weniger Stimmen, weil die beiden mutigen Männer auf dem Bühne gestürmt und Ole Lagerpusch handgreiflich angegangen sind.
Geht’s noch?
Mehr kann Theater kaum erreichen, als so eine Kontroverse auszulösen!
Das Publikum in Bochum war schon immer besonders! Wesentliches Stück, tolles Ensemble und gute Inszenierung. War froh, dass mit zu
erleben. Am Ende wurde im Foyer noch das Grundgesetz an das Publikum verteilt…
Zum Protokoll zur zweiten Aufführung: Frau Obst bat das Publikum vor der Vorstellung im Saal - aufgrund des Premierenzwischenfalls - zu berücksichtigen, dass die Bühne ein Safe Space sein sollte für die Schauspieler … die Aufführung begann um 19:08, die Rede begann um 20:33, der erste Zwischenruf kam um 20:44, wenig Reaktion folgte, eher Unruhe, die Vorstellung endete um 20:48, danach „Standing Ovation“ wie immer …
Aber ich möchte allen Interessierten einen Film ans Herzen legen (wenn schon nicht gesehen …): Jafar Panahis aktuell im Kino laufender, sehr pessimistischer [auf jeden Fall sehenswerter] Film „Ein einfacher Unfall“ stellt im Prinzip eine ähnliche Frage wie im Stück - mit der analogen Entscheidung auf eine Entführung und wohl mit einer tödlichen Spätfolge … das geht unter die Haut. Schauen Sie sich bitte diesen Cannes-Gewinner-Film an - mit oder ohne „Catarina“ …
Die Kritik wirft dem Publikum oft vor, es könne Fiktion und Realität nicht unterscheiden, wenn es mit Protest reagiert. Besonders widersprüchlich ist dann der Hinweis von Seiten der Kritik und Intendanz, es handle sich „doch nur um ein Theaterstück“. Dieser Satz entlarvt die gesamte Inszenierung. Man kann nicht einerseits einen radikalen Reality-Check einfordern und das Publikum mit der ungeschönten Hässlichkeit der Realität konfrontieren wollen, sich aber im Moment des echten Protests auf die Sicherheit der Fiktion zurückziehen. Wer die Realität auf die Bühne holt, um zu provozieren, darf sich nicht beschweren, wenn das Publikum diese Provokation ernst nimmt (auch wenn körperliche Gewalt nicht gerechtfertigt werden kann). Den Rahmen des Theaters als Schutzschild zu benutzen, um 15 Minuten Hassrede unwidersprochen stehen zu lassen, ist keine Kunst, sondern eine ästhetische Entmündigung des Publikums.
Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Es ist die Frage, warum das Theater im Jahr 2026 glaubt, die reine Reproduktion rechter Rhetorik sei noch ein Erkenntnisgewinn oder Wake-Up-Call! Und hier liegt das Kernproblem der Inszenierung. Ein Reality-Check funktioniert nur, wenn er, im Brecht’schen Sinn, Distanz erzeugt und Strukturen sichtbar macht, statt sie bloß zu reproduzieren. Wenn er also etwas offenlegt, das wir sonst nicht sehen. Uns aber 15 Minuten lang mit Hassrede über die Unterwerfung von Frauen und völkisches Denken zu beschallen, liefert keine neue Einsicht. Es verdoppelt lediglich die Belastung der Realität, ohne eine Antwort darauf zu finden. Ohne Verfremdung bleibt Reproduktion bloße Affirmation und wenn das dass Ziel war, dann chapeau!
Wir sind im Alltag permanent mit diesen Diskursen konfrontiert. Rechte Ideologien nehmen sich tagtäglich den Raum in den sozialen Medien, in den Nachrichten und im öffentlichen Diskurs. Wenn das Theater diesen Raum nun eins zu eins spiegelt, ohne ihn künstlerisch zu brechen oder intellektuell zu durchdringen, wird es zur bloßen Echokammer.
Das Stück stellt die Frage nach Gewalt als Mittel gegen den Faschismus. Die Tochter verweigert sich der von der Familie geforderten Exekution des gefangenen Mannes, wodurch dieser erst frei kommt und dann eben sprechen kann…
In der Szene unmittelbar davor warnt die Mutter eindringlich vor eben diesem „Sprechen“ des Faschisten… wir sind als Publikum also genau vorbereitet auf diesen Sprechakt.
Eine kluge Konstruktion.
des Faschisten verschämt anzuhören und am Ende begeistert zu applaudieren? Ich denke dies wäre ein Skandal gewesen!
Entsprechend verhalten war der Applaus zunächst. Das Publikum schien befreit, als endlich alle Spielenden auf die Bühne kamen, um sich zu verbeugen. Endlich raus aus der unbequemen Situation und rein ins Gewohnte.
Das wär's doch!
"Wir sind im Alltag permanent mit diesen Diskursen konfrontiert. Rechte Ideologien nehmen sich tagtäglich den Raum in den sozialen Medien, in den Nachrichten und im öffentlichen Diskurs. Wenn das Theater diesen Raum nun eins zu eins spiegelt, ohne ihn künstlerisch zu brechen oder intellektuell zu durchdringen, wird es zur bloßen Echokammer."
Wen genau meinen Sie hier mit "das Theater"? Die Institution? Das Schauspiel Bochum? Die entsprechende Inszenierung?
Dies nicht genau wissend, nur ein allgemeiner Hinweis: "Das Theater" als Institution widmet sich dem Thema in sehr vielen verschiedenen Herangehensweise, auch alleine schon in NRW. "Das Theater" als Schauspiel Bochum besteht ja nicht nur aus einer Produktion, daher sehe ich persönlich eine einzelne Inszenierung oder die Künstlerische Handschrift eines Hauses immer im Kontext mit den anderen dort produzierten Inszenierungen. Und da gäbe es, auch nur bezogen auf das Schauspiel Bochum, sehr viel zu finden.
"Das Theater" als die bewusste Inszenierung - dazu kann ich leider noch keine eigenen Gedanken beisteuern, da ich die Inszenierung noch nicht gesehen habe.
Mir fällt da noch der Fußballer aus Kolumbien ein, der von einem empörten Fan wegen eines Eigentores bei einer WM erschossen worden ist.
Wenn man Theater also nicht als Theater begreift, wird man künftig um scharfe Einlass- und Personenkontrollen nicht herumkommen.
“ Wen genau meinen Sie hier mit "das Theater"? Die Institution? Das Schauspiel Bochum? Die entsprechende Inszenierung?”
Mit ‚dem Theater‘ meinte ich an dieser Stelle ausdrücklich nicht die Institution insgesamt und auch nicht das Schauspiel Bochum als Haus. Ich bezog mich ausschließlich auf die konkrete Inszenierung Catarina. Mir ist bewusst, dass Theater als Institution und auch Bochum im Besonderen sehr unterschiedliche und oft sehr überzeugende künstlerische Strategien im Umgang mit solchen Diskursen hervorbringen. Meine Argumentation richtet sich nicht gegen das Theater als Ganzes, sondern gegen die ästhetische Entscheidung dieser einzelnen Arbeit.
Wir sind im Theater: ein künstlich gesetzter Raum, in dem Sprache zugespitzt, Figuren überzeichnet und Zumutungen bewusst einkalkuliert werden. Gerade provokante Passagen sind oft so geschrieben, dass sie widerständig machen sollen. Mit diesem Wissen darf man von einem erwachsenen Publikum erwarten, dass es ein paar Minuten Unbehagen aushält: zuhört, einordnet, später diskutiert – statt die Aufführung durch Empörung zu sabotieren.
Wenn eine Rede als „Nazisprech“ empfunden wird und dadurch unerträglich erscheint: Gut. Genau diese Reibung ist intendiert. Das ist kein Freibrief für verbale Empörung, sondern eine Einladung zur Reflexion. Die spontane Moralinszenierung – „Schaut her, wie entsetzt ich bin“ – ersetzt zu oft das Denken durch Pose.
Eine Triggerwarnung kann sinnvoll sein. Aber der Zusatz „Bitte nicht die Bühne stürmen, das ist alles nicht echt“ ist grotesk. Als müsste man dem Publikum auch noch erklären, dass man zum Pinkeln bitte die Toilette benutzt.
Es gibt im Theater längst nicht mehr nur die eine Vereinbarung (das Publikum sitzt, schweigt und denkt nach); was „geht“ und was nicht, ist variabel.
Sollen die Reaktionen auf die Uraufführungsinszenierung dieses Stücks jedes Mal Blödheit oder einem Missverständnis geschuldet gewesen sein, an so vielen Tour-Orten?
Für den Monolog am Schluss (in beiden Inszenierungen) wird die vierte Wand quasi gebrochen, in starkem Kontrast zum restlichen Teil des Abends. Es wird eine Rede gehalten ins Publikum, die Reaktionen auslöst. Diese Reaktionen sind Teil des Theaters, der Kunst.
Gut, wenn inzwischen Sicherheitspersonal bei den Vorstellungen anwesend ist, für den Fall, dass tatsächlich jemand eine Grenze überschreitet (so zu lesen in der lokalen Presse).
Ich gehe davon aus, die Publikumsgespräche, die man nach diesem Abend führen kann, sind angeregt und relevant wie selten …
Glückwünsche ans Schauspielhaus Bochum