Im Bademantel nach Kiew? 

25. Mai 2025. Wie hälst Du es mit der Gewaltlosigkeit? In Zeiten wie diesen, wo plötzlich eher Gründe für den Krieg als für den Frieden gesucht werden und Worte wie "wehrfähig" Karriere machen, keine ganz unverfängliche Frage. Das gefeierte niederländische Kollektiv De Warme Winkel sucht nach Krieg und Frieden in uns selbst: Gandhi? Gun? Gundhi! 

Von Sarah Heppekausen

"Gundhi" von De Warme Winkel am Schauspielhaus Bochum © Lalo Jodlbauerr

25. Mai 2025. Los geht’s schon im Foyer der Kammerspiele. Einer grölt – nach Shakespeares Titus Andronicus – von Rache: "Aus euren Köpfen mache ich Pasteten…Eure Mutter wird ihre eigenen Söhne essen" usw. Andere laufen durchs wartende Publikum, wettern dagegen, werfen der Kunst zu viel Liebe zu Konflikt und Kriegen vor. Einer fragt direkt mal nach: "Wenn du die Möglichkeit hättest, Putin zu töten – tötest du ihn?" Die Zuschauerin antwortet mit "Ja". Darüber lässt sich reden. Also geht’s für sie und weitere vier Zuschauende mit auf die Bühne, die anderen nehmen Platz im Saal.

Das niederländische Theaterkollektiv De Warme Winkel ist nach seiner (auch zum Berliner Theatertreffen eingeladenen) Inszenierung "Der Bus nach Dachau" von 2022 zurück am Bochumer Schauspielhaus. Nach ihrer überfordernd-berührenden Auseinandersetzung mit dem Holocaust geht’s nun um Krieg und Pazifismus. Vincent Rietveld und Ward Weemhoff scheuen keine großen Themen. Ihre Kunst ist der offene Blick, der sich in alle möglichen Ecken bohrt, nur um sich schnell weiterzudrehen und auch hinter die nächste Tür zu schauen. Ihr Theater ist ein Angebot.

Überkreuz im Deepfake

Und immer auch ein Risiko. Nicht nur für die fünf aus dem Publikum, die ausgewählte Friedensarmee, die solche Fragen beantworten darf wie "Vor welchem Politiker hast du Angst?" oder "Was würdest du Putin sagen, wenn ihr euch jetzt gegenüberstehen würdet?". Sie sitzen auf Bällen in Planeten-Farben, in einem charmefreien Studio mit schwarz-grauen Teppichfließen, Vorhängen rundum und Akustikdecke (Bühne Theun Mosk). Auf einem Bildschirm leuchtet eine Lotusblume – oder die live gefilmten Gesichter der Darsteller*innen, auch mal mit Snapchat per Deepfake-Feature zu Elon Musk oder Trump verwandelt.

Oder zu Gandhi. Nach einer energetischen Massage und stärkenden Mutter-Vibes (Gandhi sah in der Mutterfigur die Verkörperung des Pazifismus, hören wir) gehen die Mitspieler*innen zurück ins Publikum und die Bühne wird zum Ausstellungsraum. Gandhis Schlafraum, Gandhis Wohnraum, Gandhis Gehstock. In weißen Bademänteln (als Dhoti) und mit runden Brillengläsern schickt Kostümbildnerin Ginta Tine Vasermane die Gandhi-Darsteller*innen durch den eigentlich leeren Raum. Er wird zur Filmszenerie für Ben Kingsley, der 1982 den Freiheitskämpfer spielte. Geschickt überkreuzen sich hier Film- und Theaterdarsteller*innen im Deepfake-Video, alles wird zur Ansichtssache.

Nicht machtlos zuschauen

Im anschließenden Interview konfrontiert eine Journalistin Gandhi mit seinen Briefen an Hitler und seinem Aufsatz aus dem Jahr 1938, in dem er den Juden die Unfähigkeit vorwarf, keinen gewaltlosen Widerstand gegen das Nazi-Regime zu leisten. Oder mit der Beziehung zu seiner 16-jährigen Nichte, die er nackt neben sich im Bett schlafen ließ, um seine zölibatäre Selbstkontrolle zu beweisen. Diese auch kritische Betrachtung der Ikone wird dann gleich wieder aus dem Publikum heraus hinterfragt.

Es ist der Performer Vincent Rietfeld, der da wütend auf die Bühne stürmt. Gandhi hätte wenigstens eine Alternative gezeigt, während wir heute machtlos dabei zuschauten, wie die Oligarchen die Welt unter sich aufteilten. Mit engagierter Unterstützung der Soufflage schwingt er sich auf zur euphorischen Brandrede für eine Wanderbewegung im Bademantel bis nach Kiew – für die Ursula von der Leyen Lunchpakete aus dem 800-Milliarden-Paket für Aufrüstung und Verteidigung finanziert.

Willst Du keinen Krieg, dann bereite den Frieden vor:  Jing Xiang, Ward Weemhoff, Marieke de Zwaan, Jasper Middendorf, Lukas von der Lühe, Alexander Wertmann, Vincent Rietveld © Lalo Jodlbauer

Es ist wie ein Baukasten der guten Ideen, der wunden Punkte und der verschiedenen Performance-Formate, aus dem sich De Warme Winkel bedient. Das ist lustig, ohne lächerlich zu sein. Und das ist beunruhigend, ohne bedrohlich zu sein. Alles im steten Wechsel. Wenn Marieke de Zwaan uns mit sanfter Stimme zu einer Friedensmediation geleitet, uns erst Kind sein lässt, das Gewalt am eigenen Vater mitansieht, dann Erwachsene, vor dem das Kind des Feindes steht. Und uns dann nach unserer Bereitschaft zur Gewaltlosigkeit fragt, während der Raum im Dunkeln liegt und Entspannungsmusik läuft – dann ist das so absurd wie bewegend.

Lachyoga und Waffenchoreografie

Das Ensemble (Rietveld, Weemhoff, de Zwaan mit Jasper Middendorf und Lukas von der Lühe, Alexander Wertmann und Jing Xiang aus dem Bochumer Team) testen einiges aus, vom Lach-Yoga über eine Waffen-Choreografie mit knallpinken oder bunt glitzernden Maschinenpistolen bis zum abschließenden, unglaublich fröhlich stimmenden Friedenssong. Ein Mantra folgt dem nächsten, jeder Frage eine Gegenfrage. "Können wir lernen, den Frieden zu lieben, so wie wir gelernt haben, den Krieg zu lieben?" Beim Wort Frieden gerät die Schauspielerin ins Stocken. Ein kleiner, feiner Stich. Möglicherweise ein Angebot, sich der Widersprüchlichkeit des Menschen zu stellen.

Gundhi
(Zusammensetzung aus dem englischen Wort für "Pistole" [Gun] und dem Nachnamen der indischen Friedensikone [Gandhi])
von De Warme Winkel
Regie: Vincent Rietveld, Ward Weemhoff, Marieke de Zwaan; Endregie: Vincent Riebeek; Bühne: Theun Mosk; Kostüm: Ginta Tine Vasermane; Sounddesign: Lysa da Silva; Lichtdesign: Sirko Lamprecht; Dramaturgie: Moritz Hannemann.
Mit: Lukas von der Lühe, Jasper Middendorf, Vincent Rietveld, Waard Weemhoff, Alexander Wertmann, Jing Xiang, Marieke de Zwaan.
Premiere am 24. Mai 2025
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

dewarmewinkel.nl
www.schauspielhausbochum.de

Kritikenrundschau

"Wie manipulativ eine noch so ethische Massenbewegung wird, auch das zelebriert 'Gundhi' eine (etwas zu lange) Weile sehr anschaulich. Die weitgehend überflüssige, videotechnisch allerdings sehr sehenswerte Befragung von sechs Menschen aus dem Publikum auf der Bühne atmet genauso anarchischen Performance-Reiz wie der Auftakt im Foyer der am Abend des DFB-Pokalfinales alles andere als ausverkauften Kammerspiele", berichtet Jens Dirksen für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (26.5.2025) aus Bochum.

Kommentare  
Gundhi, Bochum: Gewaltfreier Widerstand!
Überschrift: Theater in Kriegszeiten für gewaltfreien Widerstand!
Wir sind alle ausgelaugt von dem absurden Theater, das die Wirklichkeit philosophisch widerspiegeln will, ohne Hoffnung -in keiner Beziehung!
Nun kommt die niederländische Theatergruppe nach Bochum, und zeigt ein experimentelles Theater in Zeiten des Krieges - mit dem zentralen Thema des gewaltfreien Widerstands- garniert mit KI-Video-Sequenzen von Merz und Putin!
Und hier beginnt für mich das Problem: KI-Spektakel bis zum "Erbrechen" für den Pazifismus- eine Forderung zum "ewigen Frieden" (Kant) - ein Versuch, eine mittlere Position einzunehmen, Soldaten, Arbeiter, und die herrschende Bourgoisie miteinander zu versöhnen! Diese Inszenierung der holländischen Truppe erscheint mir aber wie eine kinder/-erwachsenen psychodelische Show ("Darf ich dich anfassen?"), und mittels KI erscheint Gandhi, der am 23.Juli 1939 Hitler einen Brief schrieb- mit der Anrede: "Dear Friend"- Gandhi die Inkarnation des gewaltfreien Widerstands!!
Dies alles (inkl. das "Vorspiel" im Voyer- mit Videoaufnahmen) zeichnet sich durch eine süßliche Naivität aus, die bei einem Kind rührend wäre, die aber vollkommen unpolitisch ist bei Schauspielerinnen und Schauspielern, denen man die humorvolle Frage stellen könnte: WAS raucht ihr eigentlich?" Denn: Mit der "Schlafmütze" auf dem Kopf sind politische Zusammenhänge, z.B.der Ukrainekrieg - für den Zuschauer nicht zu erkennen, welche Rolle spielt auch z.B. Selensky?
Fazit: Einen politischen Geländegewinn hat diese Inszenierung "Gundhi" nicht erzielt- nämlich dass der Pazifismus Kriege nicht verhindern und beenden kann!
Somit "erschlägt" dieser geschichtslose Objektivismus das zu emanzipierende Subjekt!!
Gundhi, Bochum: Kirchentagsgesang
Es ist eine Produktion einer freien Gruppe: selbst Gedanken machen über Pazifismus, es könnte etwas werden … aber stattdessen: eine Ideenszene nach dem anderen. Keine Geschichte. Beliebigkeit … Unsägliche Lachszene, einfach blöd … auch ein männliches Genital gesehen (gab ja nicht umsonst eine Triggerwahrnung). … so langweilig … es überzeugt nicht. Was meint Ihr bezüglich Ukraine? „Passiver“ Widerstand? Sich Putin ergeben? Mich hat diese naive „Diskussion“ abgestoßen. Endet mit banalem Kirchentagsgesang … 80 Zuschauer an einem Sonntag (die parallele Vorstellung im Schauspielhaus [Frankenstein] fiel aus, aber wohl keine Zuschauer, die stattdessen Gundhi gehen wollten) … der Stadttheateralltag, keine Standing Ovation …
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