Trommeln in der Nacht - Schauspielhaus Bochum
Das Schwein geht allein heim
12. April 2025. In heutigem Ambiente spielt Felicitas Bruckers Inszenierung von Brechts "Trommeln in der Nacht". Brucker lässt dem Stück die heiße Luft ab, reichert es um Texte von Şeyda Kurt an und verrückt den Fokus. Am Ende steht auf einmal eine Utopie.
Von Gerhard Preußer
Bertolt Brechts "Trommeln in der Nacht" am Schauspielhaus Bochum © Jörg Brüggemann / Ostkreuz
12. April 2025. Das "zwieschlächtigste" seiner frühen Stücke sei "Trommeln in der Nacht", meinte der alte Bertolt Brecht. Und deshalb wird es heute gerne gespielt. Man liebt den Zwiespalt. Man kann ihn vereindeutigen oder man kann ihn feiern. Ein Stück, das während einer der größten Umwälzungen der deutschen Geschichte spielt – Ende des ersten Weltkrieges, Novemberrevolution 1918, Spartakusaufstand Januar 1919 – geschrieben noch während der Münchner Räterepublik 1919: Und der Held ist doch kein Revolutionär.
Der verschollene, schon totgesagte Kriegsheimkehrer Kragler wendet der Revolution den Rücken zu und geht heim zu seiner Braut, die inzwischen einen anderen hatte. Das sei die "schäbigste" aller möglichen Lösungen, meinte der reuige Stückeschreiber mit der revolutionären Gesinnung im Rückblick 1954. Christopher Rüping hat 2017 in München den Zwiespalt des Stücks explizit gemacht. An einem Abend wurde die "schäbige" Lösung des Rückzugs ins Private gespielt, am nächsten die revolutionäre, zurück auf die Barrikaden. Felicitas Bruckers Bochumer Inszenierung wählt nun in Bochum den Weg der Vereindeutigung, auf eine überraschende Weise.
Geschichte gegen Gegenwart
Zeithistorisches Kolorit gibt es nicht. Die Gegenwart ist Thema. Das Bühnenbild, weiße Wände, eine abgeschrägte Spielfläche, wird erst zusammengebaut. Brecht meinte entschuldigend, er habe damals den Verfremdungseffekt noch nicht beherrscht. Felicitas Brucker dagegen beherrscht eindrucksvoll alle Weiterentwicklungen dieser Technik. Brechts berühmter Spruch "Glotzt nicht so romantisch" steht groß auf einer Bühnenwand. Die Gefahr ist gering. Schon Familie Balicke ist nicht, was sie scheint. Die Geschlechter sind getauscht. Jele Brückner spielt Vater Balicke, Oliver Möller die Mutter. Hier wird vieles getauscht. Geschichte gegen Gegenwart, Aktivität gegen Passivität.
Anna als neues Zentrum des Stücks
Aus Brechts Stück wird fast alle sprachliche heiße Luft abgelassen, es wird von aller Rimbaud- und Verlaine-Imitation befreit, auf den Handlungsstrang reduziert und dann mit zusätzlichen Texten von Șeyda Kurt wieder aufgeblasen. In der Mitte des Abends wird eine Videosequenz gezeigt, in der migrantische Sprecher eine zusammenhanglose Mischung von Zitaten und Parolen, die uns gegenwärtig durch die Köpfe rauschen ("deutsche Staatsraison", "westliche Werte") vortragen. Jakob Schmidt als rasender Reporter Babusch umkreist und kommentiert die Liebes- wie die Revolutionsgeschichte mit der Handkamera. So gespiegelt, bleibt dem Publikum wenig Möglichkeit zum romantischen Glotzen.
Unvorteilhaftes Licht gegen das romantische Glotzen: Oliver Möller, Jakob Schmidt, Jele Brückner, Vincent Redetzki, Linde Dercon,Stefan Hunstein © Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Ziel der Bearbeitung ist die Aufwertung der Rolle Anna Balickes, der untreuen und dann doch wieder treuen, vom Zwischendurchliebhaber Murk geschwängerte Braut Kraglers. Sie darf, wie fast alle stumm gehaltenen Frauen in solchen inszenatorischen Umwertungen von patriarchalisch durchseuchten Standardstücken, einen Monolog donnern: "Jetzt rede ich. Bin ich ein Mensch? Ich könnte ein guter Mensch sein, wenn man mich lässt." Linde Dercon ist als Anna hier das Zentrum des Stücks. Wenn sie sich von Kragler lossagt, weil sie sich gerade mit Murk (Vincent Redetzki) verlobt hat und von ihm schwanger ist, hält sie Kragler zugleich mit Blicken fest. Wenn sie später auch Murk zurückweist, weil Kragler, der aus Frust zu den Revolutionären übergangen ist, einen "Sog" bei ihr hinterlassen hat, spricht sie aus der Distanz zu Murk, aber der windet sich, fällt und torkelt, als ob er heftig verprügelt würde. Erst als er am Boden liegt, geht sie zu ihm und tritt ihm ins Gesicht.
Feministischer neuer Schluss
Stefan Hunstein als Kragler ist in allem ein Fremdkörper, zu groß, zu alt, im falschen Anzug, die Maske hat ihm eine grässliche Brandwunde in die linke Gesichtshälfte operiert. Anna liebt nur den Revolutionär in ihm. Doch der verschwindet. Kragler türmt über die Stuhlreihen des Zuschauerraums ans Ende des Saals. Er will sich nicht noch einmal für eine Idee opfern, nicht mal eine revolutionäre. Er will nach Hause. "Ich bin ein Schwein und das Schwein geht heim", ist die illusionslose Bilanz seiner Selbstanalyse. Eigentlich geht Anna bei Brecht mit ihm heim ins "große, weiße Bett". Aber doch nicht diese Anna! Das ist der neue feministische Schluss. Sie lässt sich nicht auf die Rolle der Gebärerin oder der Betthäsin herunterdefinieren. Sie steigert mitleidlos Kraglers Selbsterniedrigung: "Ja, du bist ein Schwein. Du bist kein Mensch mehr". Kragler sucht das Weite, die Revolutionäre werden erschossen, Anna geht nach hinten und legt sich zu den Erschossenen.
Neue Hauptfigur in der Mitte: Jakob Schmidt, Linde Dercon, Stefan Hunstein © Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Um aus dem Stück eine Tragödie zu machen, die den gescheiterten Spartakusaufstand rechtfertigt, ist das zu wenig. Auch der aktivierten Anna bleibt keine Handlungsmöglichkeit. Übrig bleiben nur die "Geister" zweier Frauen, Anna und Marie, die Prostituierte. Sie dürfen noch ihre Utopie formulieren: "Verbundenheit ohne Unterwerfung". Dann "Und jetzt gehen wir nach dem Mond". Sie gehen sicher nicht auf den Mond. Es ist nur die Bestätigung ihrer Weiblichkeit. Eine schlüssige Umdeutung des Stücks ist dieser vereinseitigende Schluss jedenfalls nicht. Die Schlacht ist noch nicht geschlagen. Die Zwieschlacht bleibt.
Trommeln in der Nacht
nach Bertolt Brecht, mit zusätzlichen Texten von Şeyda Kurt
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Viva Schudt, Kostüm: Henriette Müller, Musik: Daniel Murena, Video: Lion Bischof, Dramaturgie: Leonie Ute Maria Adam.
Mit: Stefan Hunstein, Linde Dercon, Vincent Redetzki, Jele Brückner, Oliver Möller, Jakob Schmidt.
Premiere 11. April 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.schauspielhausbochum.de
Kritikenrundschau
Brucker mute den Zuschauern einiges zu, findet Sven Westernströer in der WAZ (14.4.2025): "Die langen Szenen im Café Vaterland, in denen sich Kragler und Murk an die Gurgel gehen, sind top gespielt, aber hart anzusehen." Danke eines "großartig aufspielenden Ensembles und einiger mutiger Regieideen wird daraus ein Abend, der noch lange nachhallt", so Westernströer.
"Regisseurin Felicitas Brucker hat Bertolt Brechts 'Trommeln in der Nacht' in die Gegenwart verlegt, mit Texten von Seyda Kurt versetzt und dem Stück so ein feministisches Ende beschert", schreibt Britta Helmbold in den Ruhr Nachrichten (14.4.2025): "Die spannende, 90-minütige Inszenierung" sei vom Premienpublikum "bejubelt" worden.
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