Sankt Falstaff - Schauspiel Bonn
Pessimismus, mal heiter
18. Oktober 2025. Ewald Palmetshofers Überschreibung von Shakespeares "Henry IV" wurde von Alexander Eisenach am Münchner Residenztheater uraufgeführt. Nun hat Tilmann Köhler sich das Stück in Bonn vorgenommen und bringt die Sprachkunst in einem gelben Bretterkasten zum Klingen.
Von Gerhard Preußer
"Sankt Falstaff" in Bonn © Matthias Jung
18. Oktober 2025. Autokraten heute überall, hier und da und werden immer mehr. Da kann man sich schon mal fragen, wie das kommt, und nachschlagen bei Shakespeare und seinen Königsdramen. Da war die Macht noch fest an des Königs Körper angeklebt. Edward Palmetshofer hat sich nach "Richard II" nun Shakespeares interessantestes Königsdrama vorgenommen: Henry IV. In keinem seiner Dramen sind oben und unten, flach und tief, Pathos und Komik so elegant gemischt, sind Machtverehrung und Machtkritik so eng verwoben. Das liegt an der Erfindung der Figur des Ritters Falstaff. Ein Genießer, Säufer, Dickwanst, überquellend von Sprüchen, Witzen, Weisheiten und Lügen - Shakespeares auf den Bühnen der Welt beliebteste Figur. Ihn erklärt Palmetshofer nun zum Heiligen, zum großen Liebenden, zum Gegenpol der Mächtigen, die ganz von Heute sind.
Alte Sprachkunst mischt sich mit neuestem Jargon
Tilmann Köhler hat nach der Uraufführung im Residenztheater München in Bonn nun die zweite Aufführung von Palmetshofers großem Werk inszeniert. Dazu hat er sich von Bühnenbildner Karoly Risz eine große gelbe Bühnenkiste bauen lassen. Schmal ist die Spielfläche und oben und unten eingekastelt. Nur in der rückwärtigen Bretterwand öffnen sich hin und wieder Tore. So ist kein szenisches Spektakel hier zu erwarten. Nur direktes Spiel, schnell, ohne großen Aufwand und mit viel Witz. Und Sprache. Die Holzkiste ist auch ein Resonanzboden. Palmetshofer hat versucht Shakespeares mit Metaphern sich überschlagende Sprache in ein heutiges Idiom zu übersetzen, oft in Jamben, Wortstellung verdreht. Es ist ein rasantes Gemisch von alter Sprachkunst und neuestem Jargon, das in der Bonner Bretterbude fetzig und präzise hörbar klingt.
Sören Wunderlich (John Falstaf), Daniel Stock (Das Hirn), Paul Michael Stiehler (Harri), Jacob Z. Eckstein (Das Mundwerk), Imke Siebert (Puppe) © Matthias Jung
Am Anfang liegt nur ein Haufen bunter Kostüme auf der Bühne. Die Schauspieler:innen kommen und probieren aus, was ihnen passt, und das sind für die acht Schauspieler:innen mindestens je zwei Rollen. Dann rollt die Geschichte von der Krise des Fortbestands der Autokratie ab. Palmetshofer hat sich nur ein paar Figuren und einige Motive aus Shakespeares "Henry IV" ausgeliehen. Falstaff findet Harri (Paul Michael Stiehler), den Sohn des Herrschers Heinz (Wilhelm Eilers), bewusstlos auf dem Klo des Clubs von Frau Flott (Sophie Basse). Die Liebe zwischen beiden ist ein Auf und Ab. Falstaff ist nicht schön, nicht reich, nicht jung, er kommt von unten. "Das nämlich ist die Würde, die mir bleibt aus Unterlegenheit, Verzweiflung auch, durch Übertreibung, Spiel, durch Witz, Humor, durch Fantasie zu brechen aus mit Worten frei erfunden, ja!"
Quasi-König auf Nachfolgersuche
Sören Wunderlich spielt ihn, ein sonst eher kühler Schauspieler, kein geborener Falstaff der wohlbeleibten Tradition von Heinrich George. Der Fatsuit, den er umschnallt, ist grotesk, silbern wie eine Rüstung. Im Haus der Macht sitzt der alte, kranke Heinz, nur Quasi-König: "Nun sind wir selbstverständlich Demokraten noch, wenn auch auf unsere Art." John Falstaff durchschaut die Strategien: "Hast einen Dauerkrisenzustand ausgerufen und dich selbst als einzge Lösung dessen dargestellt, schon viele haben’s vorgemacht." Doch hat Heinz das Problem, das alle Alleinherrscher haben müssen: die Nachfolge. Zum einen kommt da Percy Hitzkopf (Riccardo Ferreira), bisher der Mann fürs Grobe in der Provinz, in Frage, und dann auch Sohn Harri, der sich aber eben ganz unroyal in Frau Flotts Club die Zeit vertreibt. Palmetshofer weitet Shakespeares Gadshill-Episode, in der Prince Harry seinen Freund Falstaff in eine Falle lockt, um ihn lächerlich zu machen, aus und entwickelt daraus den finalen Showdown von Hitzkopf und Harri. Dass Harri gewinnt und Hitzkopf nach grandios choreographiertem Zweikampf niedersticht, ist das Ende der Liebe zwischen ihm und Falstaff. Denn nun sitzt Harri - probeweise - auf dem Thron des Vaters Heinz.
Maskierte Einsamkeit
Um Falstaff geht es eigentlich, und Sören Wunderlich führt ihn mit allen emotionalen Facetten vor. Es gibt die rührend vorsichtige Annäherung zwischen dem Oberklassenprinz und dem Unterschichtmonstrum, es gibt das ungestüme erotische Zupacken zwischen beiden. Und schließlich muss die verwickelte Vierecksgeschichte zwischen Harri, Hitzkopf, Heinz und Falstaff ein Ende finden. Das ist bei Shakespeare die Schlacht bei Shrewsbury, in der King Henry IV und Prince Harry die Rebellen und Harry Percy genannt Hotspur besiegen. Hier ist’s Falstaff, der den neuen Thronfolger Harri auf dem Thron erstickt.
Sören Wunderlich (John Falstaf), Paul Michael Stiehler (Harri) © Matthias Jung
Heinz stirbt ganz allein und Falstaff bringt sich um. Alle tot, das Haus der Macht, der ganze gelbe Kasten wird aufgebrochen, die Bühne ist nun weit und leer. Aber Falstaff bekommt noch eine kleine Auferstehung: "Ich bin maskierte Einsamkeit. Was mir mein Herz tatsächlich bricht, ist vielmehr das: wie hoffnungslos, gewaltsam, toxisch, düster ist geworden hier das Land und wir." Diese pessimistische Gegenwarts- und Selbstanalyse kommt so heiter und quer verkantet in den Zuschauerkopf, dass man auch noch nach dreieinhalb Stunden gerne, wie Falstaff sagt, "ein Denken in sich rumbewegt".
Sankt Falstaff
von Ewald Palmetshofer frei nach Shakespeares King Henry IV
Regie: Tilmann Köhler, Musikalische Leitung: Matthias Krieg, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Video: Lars Figge, Licht: Ansgar Evers, Dramaturgie: Nadja Groß, Kampfchoreografie: Atef Vogel.
Mit: Sören Wunderlich, Paul Michael Stiehler, Wilhelm Eilers, Sophie Basse, Jacob Z. Eckstein, Daniel Stock, Riccardo Ferreira, Imke Siebert.
Premiere am 17. Oktober 2025
Dauer: 3 Stunden 35 Minuten, eine Pause
www.theater-bonn.de
Kritikenrundschau
"Dieser 'Sankt Falstaff' ist anstrengend und anregend zugleich", schreibt Dietmar Kanthak im General-Anzeiger Bonn (20.10.2025). "Was den Abend immer wieder rettet, ist die Intensität des Ensembles. Acht Schauspieler arbeiten körperlich und sprachlich im Hochleistungsmodus."
Sören Wunderlich spiele den feisten Trinker Falstaff hervorragend und gebe ihm bei aller Lächerlichkeit auch Verletzlichkeit, so Christoph Ohrem in der Sendung Westart im WDR (20.10.2025). Im ersten Teil gebe es viel derben Wortwitz, Slapstick-Elemente und Komödie. Der Abend habe von allem etwas, am Ende werde es ernster.
Der Abend lebt von Humoreffekten, er mache es dem Publikum aber auch nicht leicht, so Dietmar Kanthak in der Kölnischen Rundschau (21.10.2025). Wer das Original nicht präsent habe, "dem fällt es schwer, den Übermalungen des Autors, seiner Verortung des Stoffes in der Gegenwart sowie den parodistischen und neu hinzuerfundenen Elementen zu folgen." Was den Abend immer wieder rette, sei die Intensität des Ensembles. Acht Schauspieler arbeiten körperlich und sprachlich im Hochleistungsmodus. Fazit: "Anstrengend und anregend zugleich."
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