Totentanz kopfüber am Seil

26. Januar 2025. Regisseurin Ariane Kareev hat Roland Schimmelpfennigs Bearbeitung des antiken "Antigone"-Stoffs am Schauspiel Dortmund eingedampft und mit Zirkusartistik und Technosound versehen. Der Generation TikTok könnte das gefallen – aber nicht nur der.

Von Max Florian Kühlem

"Antigone" von Ariane Kareev am Theater Dortmund inszeniert © Birgit Hupfeld

26. Januar 2025. Viele Schauspielerinnen müssen im Stadttheaterbetrieb immer wieder mit einem gewissen Widerstand arbeiten, weil es im klassischen Repertoire nur so von überkommenen Frauenfiguren wimmelt: Frauen, die ihren Männern dienen, die sich in ihr Schicksal fügen, passiv reagieren und nicht aktiv agieren. Aber dann gibt es ja Antigone. Allen Widerständen, vor allem auch der Todesdrohung zum Trotz geht sie ihren Weg. So felsenfest, so klar, von so wenig Angst und Zweifel geplagt wie jetzt am Schauspiel Dortmund hat man sie selten gesehen.

Der neue Herrscher Kreon hat gerade ein bisschen Ordnung in die Stadt Theben gebracht, die immer wieder vom Schicksal seiner eigenen Familie ins Chaos gestürzt wurde (hat man ja alles schonmal gehört: Ödipus und so). Angeblich zur Sicherung seiner politischen, also einer vernunftsmäßig begründeten Ordnung erlässt er das Gebot, dass sein verstorbener Neffe Polyneikes, der sich mit seinem Heer gegen die Stadt gewandt hat, nicht begraben werden darf, sondern vor den Toren verrotten und von den Vögeln gefressen wird.

Furchtlos in jeder Hinsicht

Das muss man sich mal vorstellen: Antigone übergeht dieses Gebot, auf dessen Zuwiderhandlung der Tod steht, nicht nur. Als sie gefangen genommen wird und dem König vorgeführt, strotzt sie nur so vor Selbstbewusstsein und geht ihn sogar körperlich an.

Antigone Foto Hupfeld 4107Vorne Akasha Daley als Teiresias, Minna Marjamäki als Spiegelantigone, Anne Marjamäki als Polyneikes © Birgit Hupfeld

Das ist eine tolle Szene, wenn Linda Elsner als Antigone Ekkehard Freye als Kreon gegenübersteht. Die junge Frau im weiß-grünen Hosenanzug gebärdet sich als wolle sie den grauen Herrn, ihren Onkel vom Thron stoßen. Und im Prinzip tut sie das ja auch, indem sie ihrem Herzen, ihrem Gewissen und ihren Überzeugungen folgt. Das Recht der Familie, der Götter, der Toten steht für sie über dem Recht der Politik, die immer von den Menschen abhängt, die sie machen. Kreon jedenfalls wirkt seit diesem Auftritt seiner Nichte nicht mehr besonders stark, sondern eher wie ein trotziges Kind. Gegen den Rat seines Sohnes, seiner Frau und schließlich ganz Thebens will er sein Gesetz nicht aufweichen oder: seinen Stiefel durchziehen.

Die Bürger von Theben, die Stimmen der Toten, der chorische Kommentar zum Stück – das alles verkörpert in der Inszenierung von Ariane Kareev sehr eindrucksvoll der gut 30 Menschen starke Sprechchor Dortmund erst aus dem Zuschauerraum und später auf der Bühne. Und das ist längst nicht der einzige Regiekniff, der diesen Abend äußerst kurzweilig und packend und auch cool macht.

Besondere Sphäre

Die 30-jährige Ariane Kareev, die mit "Antigone" am Theater Dortmund debütiert, hat selbst eine erstaunliche Biografie: Mit elf Jahren spielte sie als klassische Klaviersolistin auf Bühnen in Deutschland und Bulgarien. Noch als Schülerin ging sie dann aber einen anderen Weg und wirkte am kleinen Rottstr5-Theater in Bochum, machte eine Tanzausbildung und schloss schließlich das Regiestudium an der "Ernst Busch" in Berlin mit Auszeichnung ab.

Antigone Foto Hupfeld 4551Der Sprechchor Dortmund als Bürger von Theben und Stimme der Toten in "Antigone" © Birgit Hupfeld

Vielleicht kann man aus so einem Werdegang auch eine gewisse Antigone-artige Furchtlosigkeit ableiten. Die Inszenierung spräche dafür: Roland Schimmelpfennigs Textfassung nach Sophokles hat Kareev mit ihrer Dramaturgin Marie Senf auf 30 Seiten zusammengedampft. Deshalb gibt es selbst in den knackigen knapp 90 Minuten des Abends Zeit für etwas anderes, nämlich Zirkusnummern. Die Artistinnen Minna und Anne Marjamäki sind im Programmheft als "Spiegelantigone" und Polyneikes vermerkt, verkörpern also die Sphäre der Toten – und die ist somit in der tollen Bühnenarchitektur aus Treppen, Stegen und roten Tuchfahnen sehr agil.

Die Artistinnen tanzen, springen und hangeln sich durch eine beeindruckende, manchmal auch synchronisierte Choreografie am Boden oder kopfüber am Seil. Und irgendwann meint man, hier vielleicht eine Blaupause für ein Theater der Zukunft zu sehen: Kurze, aber intensive Sprechszenen, ein sich durch den Raum arbeitender Chor und dann Zirkusartistik zu düsterem Technosound, bei der man das alles andere verarbeiten kann.

Tausend Pfeile

Zwischendurch gibt es auch noch eine wilde Szene mit Akasha Daley als Seherin Teiresias, die in einem schnell gesprochenen Deutsch-Englisch-Gemisch auf Kreon einredet, als würde sie tausend Pfeile auf ihn abschießen. Diese Dramaturgie kommt offenbar nicht nur bei einer Generation mit der vermeintlich kurzen Aufmerksamkeitsspanne gut an. Auch ältere Menschen spenden am Ende Standing Ovations. Tatsächlich hat man nicht das Gefühl, dieser "Antigone" habe irgendetwas gefehlt, sondern vielmehr, dass man noch etwas extra bekommen hat.

Antigone
von Roland Schimmelpfennig nach Sophokles
Regie: Ariane Kareev, Bühne: Nicole Marianna Wytyczak, Kostüm: Petra Schnakenberg, Musik und Sounddesign: Yotam Schlezinger, Choreografie Artistik: Josa Kölbel, Dramaturgie: Marie Senf, Viktoria Göke.
Mit: Linda Elsner, Ekkehard Freye, Antje Prust, Alexander Darkow, Viet Anh Alexander Tran, Akasha Daley, Sarah Quarshie, Anne Marjamäki, Minna Marjamäki, Sprechchor Dortmund.
Premiere am 25. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

theaterdo.de

Kritikenrundschau

"Mit Standing Ovations hat das Publikum den Mut belohnt, das Theaterstück 'Antigone' so ganz anders zu spielen", berichtet Bettina Jäger in den Ruhrnachrichten (28.1.2025). Ariane Kareev "beamte" das Stück in unsere Zeit und sorgte dafür, dass es bei allem politischen Gewicht "spannend" bleibt.

"Intensiv, kurzweilig und effektvoll", so wirkte der Abend auf Pedro Obiera von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (27.1.2025). "Insgesamt eine zeitgemäße, theaterwirksame Produktion mit Tiefgang und dezentem Unterhaltungswert."

Kommentar schreiben