Pidor und der Wolf - Schauspiel Dortmund
Wolfswucht
1. Februar 2026. Es wird eine schier albtraumhafte Realität verhandelt: Im Regierungsauftrag werden homosexuelle Männer entführt, um sie zu foltern und zu ermorden. Sam Max verwebt in seinem Stück schockierende Fakten mit Märchen- und Traumbildern. Jessica Weisskirchens bildmächtige Uraufführung ist packende Analyse und Anklage zugleich.
Von Sascha Westphal
"Pidor und der Wolf" von Sam Max am Theater Dortmund (Uraufführung: Jessica Weisskirchen) © Birgit Hupfeld
1. Februar 2026. Zwei mit zahlreichen Leuchtstoffröhren versehene Gitterwände, die nicht zufällig an Zäune von Gefängnissen oder Lagern erinnern, bilden einen schmalen Gang. Zwischen ihnen stehen zwei Männer, Peter und Ilya. Vor langer Zeit waren sie einmal Schulfreunde. Vielleicht wären sie auch mehr geworden. Die Sehnsucht danach brannte in beiden. Doch das Leben hat ihre Wege getrennt.
Nun begegnen sie sich nach Jahrzehnten wieder, ausgerechnet in einer Hölle auf Erden. Einem Gefängnis oder eben Lager irgendwo in Tschetschenien, in dem Homosexuelle interniert, gefoltert und nicht selten auch ermordet werden. Aber für ein paar märchenhafte Momente fällt die grausige Realität ihrer Gefangenschaft von den von Luis Quintana und Ekkehard Freye gespielten Männern ab. Ihr Wiedersehen löst Erinnerungen aus, die sie zurück in ihre Jugend transportieren, und lässt sie eine Liebe empfinden, "von der man in Büchern las".
Zerstörerische Macht der Liebe
Dieser kurze Satz aus Sam Max' Stück "Pidor und der Wolf" stammt dabei aus einer ganz anderen Szene. Einer Szene, in der einer der beiden Männer, Luis Quintanas vor Kälte und noch mehr vor Aufregung zitternder Peter, auf ein Taxi wartet, das ihn zu einem Treffen mit einem Fremden, dem von Lukas Beeler gespielten Wolf, bringen wird. Eben diese Begegnung, von der er Begehren und Nähe erhofft, wird sein Schicksal besiegeln. Statt eines Menschen, der wie er seine Sehnsüchte nur im Geheimen auslebt, trifft er auf einen Agenten des Staates, der ihm eine Falle stellt und ihn schließlich ins Lager bringen wird.
In Jessica Weisskirchens Uraufführung von diesem "wahren Schauermärchen", wie das Stück im Untertitel nun genannt wird, bleibt diese Liebe, "von der man in Büchern las", trotz allem immer präsent. Sie zeigt sich auch in dem Moment, in dem Antje Prust als Peters Frau nach acht Jahren ihren Ex-Mann wiedertrifft und ihm voller zu Hass gewordener Liebe verkündet, dass sie ihn damals an den Wolf verraten hat, mit dem sie nun verheiratet ist. Diese Liebe "wie aus Büchern" ist damit ein überaus zweischneidiges Schwert. Sie kann Peter und Ilya einen erlösenden Moment schenken, sie kann aber auch zur zerstörerischen Kraft werden.
Der verdoppelte Sohn
"Und wenn Peter den Wolf nicht gefangen hätte, wie es da wohl ausgegangen wäre?" Diese Frage, die in Sergej Prokofjews "Peter und der Wolf" am Ende Peters Großvater aufwirft, hat Sam Max seinem um die brutale und mörderische Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien kreisenden Stück vorangestellt. Und er beantwortet sie zugleich, indem er statt Peter dessen Sohn ins Zentrum von "Pidor und der Wolf" stellt, der gleich zweimal in Erscheinung tritt.
Einmal in Gestalt des Kindes, eines in der Premiere von Malik Aybey extrem souverän und intensiv verkörperten Jungen, der am Vorabend seines achten Geburtstages miterleben muss, wie sein Vater aus seinem Leben verschwindet. Und einmal in Gestalt von "Peter Sohn", der nun der Sohn des Wolfs ist und seinen 16. Geburtstag mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in einer Taverne feiert.
Terror und Orgie: Antje Prust, Lukas Beeler, Luis Quintana, Ekkehard Freye, Viet Anh Alexander Tran und der Wolfschor © Birgit Hupfeld
Dieser zweite Sohn, den Viet Anh Alexander Tran mal als ewigen Beobachter, mal als eine Art Regisseur und Puppenspieler und dann wieder als verunsicherten, mit sich und seinen in tiefste Verwirrung geratenen Gefühlen ringenden Jugendlichen verkörpert, geistert als Erzähler durch das ganze "Schauermärchen". Er streicht im längeren ersten Teil der Inszenierung immer wieder um das angedeutete 'Märchenhaus', das die Ausstatterin Wanda Traub auf die Bühne des Dortmunder Schauspielhauses gestellt hat.
Albtraumsequenzen
Auch die Szenen, in denen Peter zunächst auf den Wolf und später im Lager auf Ilya trifft, entspringen letztlich der Imagination von Peters Sohn. Diesen Aspekt des Stücks betont Weisskirchen durch Vorausdeutungen. So wird etwa aus dem Taxifahrer, der Peter zum Wolf bringt, ein ganzer Wolfschor, eine achtköpfige Gruppe von Menschen, die Wolfsmasken tragen und später die übrigen Besucherinnen und Besucher der Taverne sein werden, in der Peters Sohn seinen Geburtstag feiert. Und es sind auch diese acht Schergen eines faschistischen und oppressiven Systems, die Ekkehard Freyes Ilya in einer stilisierten Szene brutal zusammenschlagen. Diese von Weisskirchen ersonnene Traumsequenz ist zugleich eine Vorahnung und ein überaus eindringliches Bild für das System, das Sam Max und die Inszenierung nachzeichnen.
Im zweiten Teil des Abends wird Weisskirchen dann noch expliziter in ihrer Anklage. Die Geburtstagsfeier in der Taverne wird zu einer an Luchino Viscontis "Die Verdammten" erinnernden Orgie, in der faschistische Gewalt und Sex, jede Form von Gier und Missbrauch praktisch verschmelzen. Nun tragen Peters Sohn und das noch einmal auftretende Kind ebenso wie zuvor schon der Wolfschor Variationen einer schwarzen Uniform, die mit ihrer Koppel deutlich auf die Uniformen von Mussolinis Faschisten verweist und sie zugleich ironisch bricht.
Eindringliche Studie
Die kurzen Hosen, die das Kind und Peters Sohn tragen, mögen noch von den Uniformen entsprechender faschistischer Jugendorganisationen geprägt sein. Aber die schwarzen Röcke des Chors, mit denen Wanda Traub die Männer genauso wie die Frauen und im ersten Teil den Wolf ausgestattet, verweisen sehr deutlich auf die unterdrückte Homoerotik, die in faschistischen Bünden mitschwingt und sich gerade in einem Hass auf Homosexuelle entlädt. So interpretiert Jessica Weisskirchen Sam Max' Stück kongenial aus dem Geist von Klaus Theweleits berühmtem Buch "Männerfantasien" und verwandelt dieses viel zu wahre Schauermärchen in ein überaus eindringliches Porträt faschistischer Systeme, das hier ein Kind gegen all seinen Willen und seine Anlagen in ein weiteres Rädchen seiner Maschinerie verwandelt. Damit beantwortet sich auch die Frage des Großvaters aus Prokofjews Märchen. Wenn Peter den Wolf nicht fängt, übernehmen schließlich die Wölfe die Welt.
Pidor und der Wolf
von Sam Max
Deutsch von Robin Detje
Uraufführung
Regie: Jessica Samantha Starr Weisskirchen, Ausstattung: Wanda Traub, Choreografie: Hannes-Michael Bronczkowski, Musik: Chiara Strickland, Dramaturgie: Sabrina Toyen.
Mit: Luis Quintana, Lukas Beeler, Antje Prust / Beatrice Masala, Viet Anh Alexander Tran, Ekkehard Freye, Leonie Schraven / Malik Aybey / Josua Rieger, Tobias Sykora (Cellist) Wolfschor: Assiba Akoho, Umut Can-Cansit, Jörg Karweick, Billa Malz, Sylvia Reusse, Christian Scheid, Alexander Siemens, Roman von Götz.
Premiere am 31. Januar 2026
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause
www.theaterdo.de
Kritikenrundschau
Dem Stück bescheinigt Wolfgang Platzeck in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (2.2.2026) "universellen Märchencharakter". "Die Inszenierung, deren märchenhafter Charakter durch Wanda Traubs fantasievolle Ausstattung enorm verstärkt wird, arbeitet fernab politischer Kommentierung vor allem die emotionale Tiefe aller betroffenen Figuren heraus", so Platzeck.
"Bildermächtig" sei die Inszenierung, schreibt Britta Helmbold in den Ruhr Nachrichten (2.2.2026). "Zwar belässt die Regie die Geschichte über homophobes Verhalten in Tschetschenien, und die Wolfsmasken unterstreichen den Märchencharakter dieses albtraumhaften Spiels. Doch da Wanda Traub die Mimen in schwarze, an faschistische Regime erinnernde Uniformen gesteckt hat, wird deutlich, dass es natürlich um autoritäre Systeme weltweit geht." Dass die Protagonisten im ersten Teil in der dritten Person von sich selbst berichteten, mache das Geschehen "zum Teil recht redundant".
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