Die Übernahme - Theater Krefeld-Mönchengladbach
Gute Laune mit Goebbels
16. November 2024. Wie sähe die politische Landschaft und die Kunst unter einer AfD-Regierung aus? Das Schauspielteam um Clemens Bechtel spielt das Szenario der rechten Machtübernahme durch. Präzise und erschreckend auf den Punkt.
Von Dorothea Marcus
"Die Übernahme" von Clemens Bechtel & Ensemble in Mönchengladbach © Matthias Stutte
16. November 2024. Dass Joseph Goebbels, Hitlers Kultur- und Propagandaminister, in Rheydt am Theater Dramaturg werden wollte – ist ein Gerücht. Belegt ist es nicht, auch wenn er sich zwischen 1920 und 1924 an mancher Institution vergeblich als Dramaturg, Journalist oder Verlagsmitarbeiter bewarb.
Dass er an der dortigen Oberrealschule (heute Hugo-Junkers-Gymnasium), fußläufig vom Mönchengladbacher Premierenort entfernt, Theater spielte und im Jahr 1915 in der Inszenierung "Die Quitzows" mit Gitarre auf der Bühne stand, ist allerdings auf einem Foto zu sehen, dass das Ensemble im Stadtarchiv gefunden hat. Ein Zufallsfund bei der Suche nach Spuren von Hitlers Propagandaminister, der in der westdeutschen Kleinstadt Rheydt, Einzugsgebiet Krefeld-Mönchengladbach, geboren ist – steht im Programmheft.
Der verhinderte Dramaturg und seine Erben
Kein Wunder, dass Schauspieler Bruno Winzen als Goebbels' Wiedergänger in Ledermantel und Pelzkragen immer wieder mit dem dicken Wälzer "Goebbels Tagebücher" herumläuft und ergriffen daraus zitiert: "Ich muss mir die Bitterkeit vom Herzen schreiben".
Was wäre, wenn "Die Übernahme" der Rechten heute wirklich passieren würde? Die AfD etwa 41 Prozent erringt, an die Regierung kommt mit einem Juniorpartner CDU? Ganz unwahrscheinlich scheint es nicht?
In einer kollektiven Simulation hat das Schauspielensemble des Zwillingstheaters Krefeld-Mönchengladbach, das in diesem Jahr sein 75-jähriges Jubiläum feiert, die Extreme eines realen Rechtsrucks durchgespielt, sich zusammen für den Regisseur Clemens Bechtel entschieden, gemeinsam Material gesammelt, geschrieben – und schließlich das Stück selbst inszeniert. Bühnenbildner Till Kuhnert hat das Geschehen in eine Art Theaterfundus versetzt: riesige Regalwände mit Requisiten und lange Garderobenreihen mit Hemden sowie ein wandgroßer Spiegel, der das Publikum mit erfasst – hier geht es um uns alle.
Freude auf "Abschiebungen im allergrößten Stil": das Ensemble spielt die Machtübernahme der AfD und ihre Konsequenzen durch © Matthias Stutte
Eins ist wohl klar: Es wäre heute anders als einst, 1933. Wie zwingend, verlockend, bestürzend eine Machtübernahme der Rechten sein könnte, zeigt sich da vor allem in Gestalt der netten neuen Kulturministerin (Carolin Schupa) mit langen Haaren, elegantem Blazer und einem Amt mit wahrer Gestaltungskraft: Endlich interessiert sich da jemand fürs Theater. Sie kommt zu jeder Premiere, schwärmt – wie seinerzeit Goebbels – von der "Freiheit der Kunst", schüttelt den Schauspielern die Hand und bedankt sich nebenbei lieb, dass die Stücke, die gegen die Partei Stimmung machen, vom Theater artig vom Spielplan genommen wurden. Wie vielleicht Goebbels wollte sie auch mal Dramaturgin werden – vielleicht ist ihr freundlicher Feldzug auch eine Racheaktion. Tapfer verweigert der linke Intendant (Christoph Homann) noch den Handschlag, wird Protest organisiert, das Stück über Flüchtlinge trotzdem weitergespielt. Doch flugs ist er erst mit Theaterschließung erpresst und dann endlich losgeworden, schnell ein rechter Parteitag vor Ort organisiert, ein "fröhliches Fest für die Familie".
Bröckelnder Widerstand
Fröhlich stoßen die erfolgreichen Wahlsieger mit Hellblau-Hemden und Streifenkrawatten an, freuen sich auf "Abschiebungen im allergrößten Stil", Nationalhymne, Bürgerwehren, umfängliche Selbstbewaffnung. Währenddessen gibt Schauspieler "Dennis" (David Kösters) in Boxershorts eine Siegfried-Performance zum Besten: Blut, Verrat, Sieg und Kampf, deklamiert er schwertfuchtelnd: das Theater der Zukunft.
Auch Schauspieler "Fabian" (Cornelius Gebert) hat auf einmal 2000 Euro angenommen für einen Job für die Rechten. Geld, für das er sich mit lahmen Ausreden rechtfertigt: Besser er bekommt es als ein echter Nazi. "Ich bin nicht käuflich – ich brauche das Geld". Und so findet die "Übernahme" schleichend auch im eigenen Ensemble statt, bröckelt der ohnehin schwache Widerstand dahin. Denn wie viel einfacher ist es doch, mit dem Strom der Zeit zu schwimmen.
So geht er, der gewöhnliche Faschismus
Spannend, wie hier das Ensemble gearbeitet hat, wie jeder und jede sich einbringt mit Ängsten und Horrorvisionen, wie auch immer wieder die Diskussionen im Ensemble selbst nachgespielt werden ("das kann man doch nicht vergleichen“). In eine furiose Wutrede bricht die Schauspielerin "Elisa" (Helena Gossmann) aus, gibt versuchsweise der "Wokeness-Ideologie" oder TikTok die Schuld, die den Rechten "die Bälle sauber zugepasst haben", sucht auf der Bühne eine "Mitte", die sich immer mehr nach rechts verschiebt. Wir sind viele? Nein, "ich bin allein!", ruft sie.
Im Fundus gestöbert: das Ensemble im Bühnen- und Kostümbild von Till Kuhnert © Matthias Stutte
Die ukrainische Schauspielerin Kateryna Nazemtseva erzählt von ihren Freunden, die von einem Autokraten in den Krieg gezwungen wurden und jetzt nicht weiter wissen, Carolin Schupa taucht immer wieder als rot gepolsterter "Kummerhummer" auf und performt fantastische Lieder. Dann wieder werden Witze erzählt, die neue Bühnenharmlosigkeit eben.
Das ist an manchen Stellen vielleicht ein wenig zu bunt und beliebig geraten. Und dennoch: "So geht er, der gewöhnliche Faschismus. Er tut nicht weh, man spürt ihn gar nicht, man kann sich ihn sehr schön reden", sagt Christoph Hohmann einmal. Das ist präzise und erschreckend auf den Punkt gebracht und an diesem energiegeladenen, sehenswerten Abend fantastisch vorgespielt.
Die Übernahme
Eine Stückentwicklung zum Rechtsruck von Clemens Bechtel und dem Schauspielensemble
Bühne und Kostüme: Till Kuhnert.
Mit: Cornelius Gebert, Helena Gossmann, Christoph Hohmann, David Kösters, Kateryna Nazemtseva, Carolin Schupa, Bruno Winzen.
Premiere am 15. November 2024 in Mönchengladbach
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, eine Pause
theater-kr-mg.de
Kritikenrundschau
"Clemens Bechtels (...) vielschichtig und packend gestaltete Inszenierung lässt das Publikum aufgewühlt und nachdenklich zurück." Die Ensemblemitglieder agierten "expressiv und wandlungsfähig". Insgesamt eine "überzeugende Gesamtleistung", befindet in der in der Rheinischen Post (18.11.2024) Angela Wilms-Adrians.
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