Leonce und Lena und Lenz - Theater Münster
Spiel der Häutungen
2. Juni 2024. Wie geht das zusammen, die Komödie "Leonce und Lena" mit der Erzählung "Lenz" und Briefen von Georg Büchner? In Münster hat Elsa-Sophie Jach sie ineinander verschachtelt und auf einer spektakulären Bühne einen dichten Abend gemacht.
Von Kai Bremer
"Leonce und Lena und Lenz" in Münster © Sandra Then
2. Juni 2024. Die Schichten der Zwiebel sind ja eine beliebte literarische Metapher. In Georg Büchners "Leonce und Lena" ist es Valerio, der sie bemüht: "Das ist ein Land wie eine Zwiebel: nichts als Schalen, oder wie ineinandergesteckte Schachteln: in der größten sind nichts als Schachteln und in der kleinsten ist gar nichts." Gestern hatte am Theater Münster ein Büchner-Abend Premiere, der den Zwiebel-Vergleich in vielfältiger Weise aufgenommen hat und immer wieder neue Häutungen und Schichten zeigte.
Eine Text-Zwiebel
Regisseurin Elsa-Sophie Jach geht von einigen Briefen Büchners aus, liefert anschließend präzise zusammengestrichen Büchners "Lenz" und "Leonce und Lena", ehe sie schließlich erneut aus Briefen Büchners sowie einigen Äußerungen über ihn zitiert. Eine Text-Zwiebel also – was freilich die Frage nach dem Kern des Ganzen wie selbstverständlich aufwirft.
Jach hat Büchners Erzählung über den der Welt abhanden kommenden Dichter Lenz gewissermaßen filetiert und präsentiert sie Schicht für Schicht im steten Wechsel mit den wichtigsten Szenen aus Büchners so melancholischer wie politischer Komödie über ein Königskinderpaar, das nicht zusammenkommen will und sich gerade deshalb findet. Das Wechselspiel gelingt beeindruckend gut.
Lenz vierfach im Gebirge: Julius Janosch Schulte, Clara Kroneck, Katharina Brenner, Nadine Quittner © Sandra Then
Die "Leonce und Lena"-Partien folgen den vorgegebenen Rollen. Katharina Brenner spielt die Gouvernante und König Peter, Clara Kroneck Lena, Nadine Quittner Valerio und Julius Janosch Schulte Leonce. Büchners Erzählung wird hingegen ohne klare Zuordnung von den vier Darsteller:innen wiedergegeben. Durch Lichtwechsel bleibt trotz der zahlreichen Häutungen immer klar, welche der beiden Handlungen gerade erzählt wird. Auch die Kostüme von Johanna Stenzel, die wie schon in Jachs Inszenierung der Orestie in Münster zu Beginn der letzten Spielzeit auf poppige Puffärmel setzt, signalisieren recht zuverlässig, wann "Lenz" dran ist – nämlich immer dann, wenn die vier ein grünes Cape gegen die Kälte im Gebirg' überwerfen.
Büchner als Rokoko-Elfe
Außerdem tritt eine Tänzerin des Ensembles (gestern Aline Serrano, an anderen Abenden wird es Charlotte Petersen sein) als "Büchner" auf. Zu sehr unterschiedlichen Klängen von klassisch anmutenden Streicherharmonien über Songs wie "Fool on the Hill" von den Beatles bis zu arhythmischem Geprassel (Musik: Johannes Hofmann) bewegt sie sich über die Bühne. Gekleidet ist sie weniger wie ein Vormärz-Revolutionär, sondern wie eine Rokoko-Elfe. So ist auch ihr Tanz: zelebriertes Mit-Leiden mit Lenz und heimliches Umschleichen der einander immer näher kommenden Königskinder.
Doch auch wenn die "Büchner"-Figur vielleicht die eine Schicht zu viel ist, die Jach hier anbringt: Insgesamt führt das In- und Miteinander von "Lenz" und "Leonce und Lena" zu produktiven Reibungen und dazu, dass sich beide Texte gegenseitig kommentieren. Dass während der niemals langweiligen zwei Stunden mehrere Zuschauer:innen gegangen sind, war unverhältnismäßig, hat aber zum Glück das ungemein präzise Spiel der Darsteller:innen nicht beeinflusst.
Perspektiven-Kaleidoskop der Bühne
Dass dieses Verhalten hier überhaupt erwähnt wird, ist aber noch einem anderen Umstand geschuldet. Der eigentliche Star des Abends ist nämlich nicht Jachs Textcollage, sondern Bettina Pommers Bühne. Zu Beginn wird die Bühne von einem zum Publikum offenen Halbrund eingenommen, das mit Spiegeln ausgekleidet ist und zum Bühnenboden trichterförmig zuläuft. Darüber befindet sich ein Laufsteg, den die Darsteller:innen erklimmen, um die Spiegelwände hinabzugleiten und erneut hochzukrabbeln. Die gerundete wie schräge Spiegelwand erlaubt permanent neue und vor allem gleichzeitig mehrere Perspektiven auf die Darsteller:innen.
In der Spiegel-Zersplitterung von Bettina Pommers Bühne: Katharina Brenner © Sandra Then
Später zeigt sich, dass der Spiegeltrichter nicht ein mächtiges Halbrund ist, sondern aus verschiedenen Teilen besteht. Sie werden im Laufe des Abends voneinander getrennt und neu positioniert. Die Bühne wird so zum Ausdruck der kaleidoskophaften Persönlichkeiten von Lenz. Gleichzeitig bringt sie Büchners Changieren zwischen romantischer Idylle und Gesellschaftssatire in "Leonce und Lena" auf beeindruckende Weise zum Ausdruck. So überzeugend also die Textschichten sind, die Jachs zwiebelhafte Inszenierung anhäuft und miteinander verbindet: Ihr Kern ist das Spiegelspiel auf der Bühne.
Leonce und Lena und Lenz
von Georg Büchner
Inszenierung: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Bettina Pommer, Kostüme: Johanna Stenzel, Musik: Johannes Hofmann; Dramaturgie: Remsi Al Khalisi.
Darsteller:innen: Katharina Brenner, Clara Kroneck, Nadine Quittner, Julius Janosch Schulte, Aline Serrano.
Premiere am 1. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.theater-muenster.com
Kritikenrundschau
Jachs Text-Kreuzung funktioniert auch für Helmut Jasny von den Westfälischen Nachrichten (3.6.2024). Er zählt einander entsprechende Motive aus beiden Büchner-Werken auf: Leonce wie Lenz wollen sich auf den Kopf stellen, um die Welt anders zu sehen – beim einen ist's spielerisches Ideal, beim anderen ein dem Wahnsinn nahes Weltverzweifeln. Wie eine an Drähten gezogene Puppe fühlt sich Lenz, während Leonce und Lena als Automaten verkleidet heiraten: So verzahne Jach in ihrer gelungenen Inszenierung die Handlungsstränge "zunehmend kleinteiliger, bis sie beinahe parallel ablaufen", so Jasny, der ebenfalls die "fast schon geniale Bühne" von Bettina Pommer hervorhebt. Und die Schauspieler*innen lobt: "Nadine Quittner überzeugt als Diener Valerio, der seinen Herrn immer wieder zur Räson bringen muss. Julius Janosch Schulte als Leonce und Clara Kroneck als Lena verleihen ihren Figuren das passende Maß an melancholischem Müßiggang, während Katharina Brenner sowohl als König wie auch als Gouvernante für Komik sorgt."
Traumwandlerisch sicher tauschten die Schauspieler*innen ihre Rollen (und das Stück), schreibt Andrea Kutzendörfer in der Glocke (3.6.2024). Wortwitz und spielerische Einlagen auch mit dem Publikum machten die Komödie perfekt. In beiden Büchner-Texten gehe es um "Wirklichkeit, die den Menschen abhanden gekommen ist", und für Kutzendörfer die Tänzerin Alice Serrano, die ausdrucksstark durch die Aufführung tanze und Büchners Gedankenwelt so untermauert, "das i-Tüpfelchen auf dem gelungenen Abend".
"Die eigentliche Attraktion des Abends ist die Bühne", so Martin Burkert im WDR (3.6.2024). Das Spiel auf dieser schiefen, vieldeutigen Ebene sei sehr dynamisch inszeniert. Insgesamt gebe es zu viel "Lenz" und zu wenig Lustspiel. Aber die Bühne, ein gut aufgelegtes Ensemble und eine ganze Menge guter Regieideen machten den Abend dann doch interessant.
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