Käsch und Naziss - Saarländisches Staatstheater Saarbrücken
Rehvolution mit scharfem Geweih
21. September 2025. Wie autoritäre Kräfte die politische Macht übernehmen, führen Ulf Schmidt und Volker Lösch in ihrer neuen Zusammenarbeit vor – "Käsch und Naziss" ist Satire, politische Bildung und Agitation in einem. Mutig und kraftvoll.
Von Uwe Loebens
"Käsch und Naziss" in Saarbrücken © Pedro Malinowski
21. September 2025. Was, wenn die Vergangenheit das Zukunftsversprechen sein soll? Und was, wenn Freiheit in Freiheit zum Gehorsam umgedeutet wird? Wir schreiben das Jahr 2025. Rechtspopulistin Naziss (Laura Sundermann) will an die Macht in Diesland. Sie ist eine blonde Tusnelda mit sadomasochistischem Einschlag, die aus der verstaubten Inszenierung einer Wagner-Oper entsprungen zu sein scheint. Um ihr Ziel zu erreichen, ist ihr jedes Mittel recht.
Sie steigt nicht nur metaphorisch mit dem golfspielenden Milliardär Käsch (Raimund Widra) ins Bett, der über die sozialmediale Dreifaltigkeit "Buy-Control-Command" verfügt. Eine Supermaschine, mit der sich jeder herumirrlichternde Kopf "umhirnen" lässt. Mit einem Programm der Abschaffung des Sozialstaats und der Diversität (hier: "Es gibt nur große und kleine Menschen" und nichts dazwischen), der Pressefreiheit, der Ausweisung aller "Andersartigen" und der Durchsetzung des Rechts des Stärkeren machen sie sich daran, wortwörtlich an der alten Macht zu sägen.
Frösche und Freigeister
Regisseur Volker Lösch inszeniert diesen ersten "Akt" des dreiteiligen Stückes "Käsch und Naziss" von Ulf Schmidt, Autor und seit dieser Spielzeit neuer Chefdramaturg am Saarländischen Staatstheater, als eine komplett überrissene, temporeiche Groteske, die hin und wieder in eine Nummernrevue abgleitet. In eine riesige als feister, Buddha-gleicher König aufgestellte Wand (Bühne Carola Reuther) ist eine Guckkastenbühne eingelassen, auf der die politischen Perfidien stattfinden. Auf den Brettern davor geht es handfest zur Sache. Dort treibt ein sich selbst als "Freigeister" bezeichnender Schlägertrupp in blutverschmiertem Dress (Kostüme Carola Reuther und Chiara Schmidt) sein Unwesen. Er bringt die Schar der Wutbürger und Querdenker auf Linie und mischt die sogenannten Frösche auf, die für den Niedergang der alten Republik verantwortlich gemacht werden. Die besondere Vorliebe des Schlägertrupps gilt aber der Jagd auf Rehe, die zu gefährlichen, mit messerscharfen Geweihen bewaffnete Raubtieren und zur Gefahr für die Öffentlichkeit umgedeutet werden.
Käsch (Raimund Widra) und Naziss (Laura Sundermann) © Pedro Malinowski
Diese streckenweise witzige Groteske ist auf beinahe altmeisterliche Art präzise in Szene gesetzt. Ein außerordentlich spielfreudiges Ensemble, aus dem man niemanden hervorheben möchte, bewältigt den unablässigen Rollen- und Kostümwechsel souverän. Die Soundeffekte sitzen. Aber – die Inszenierung scheut auch weder Plattheiten noch Kalauer wie beispielweise Reh-migration, Reh-publik und Reh-volution.
Handapparat zur Groteske
Völlig anders ist dagegen die Tonlage im zweiten Teil der Inszenierung. Vier Jahre später, 2029, hat die hier eindeutig benannte AfD die Macht im Bund und in den Ländern erlangt. Vor einer schwarzen Wand stellen frischgewählte Regierungsvertreter ihren Aktionsplan vor, eine Aushöhlung des Rechtstaats. Dieser drastische Vortrag erinnert an einen Politikleistungskurs der gymnasialen Oberstufe und wirkt wie der gespielte Handapparat zur vorangegangenen Groteske. Der Text fußt auf genau recherchiertem Quellenmaterial und bereits in Ungarn, Polen oder Italien erprobten Maßnahmen. Spätestens jetzt fährt dem geneigten Zuschauer der Schreck gehörig in die Glieder.
Das virtuose Ensemble: Martina Struppek (vorne links), Gregor Trakis, Raimund Widra (Mitte), Ingo Tomi © Pedro Malinowski
Im Prinzip wird hier die Handlungsanweisung für die Umwandlung eines demokratischen Staates in einen autoritären Überwachungsstaat heruntergebetet. Und schlimmer noch, gesetzliche Maßnahmen demokratischer Vorgängerregierungen bahnten dafür wissentlich oder unwissentlich den Weg. Eine politische Lehrstunde darüber, wie weit der autoritäre Geist bereits in die bundesrepublikanische Wirklichkeit vorgedrungen ist.
Arsch hoch!
Im dritten als "Jetzt" bezeichneten Teil tritt aus der Tiefe der leeren Bühne der Bürger:innenchor für die Bewahrung der Demokratie auf. Er spricht das Publikum direkt an und fordert es auf, die "AfD auf den Müllhaufen der Geschichte" zu werfen, sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen zu engagieren und/oder zu spenden. Die Botschaft ist eindeutig: "Arsch hoch – jetzt!"
So deutlich hat sich das Saarländische Staatstheater, ironischerweise ehedem ein Geschenk Adolf Hitlers für die Saarabstimmung 1935, schon lange nicht mehr positioniert. Eine mutige und durchaus kraftvolle Inszenierung zur rechten Zeit, der man um der Thematik willen die eine oder andere Schwäche nachsieht, keine Frage. Und doch bleibt ein Störgefühl. Diejenigen, die dieser Theaterabend erreichend müsste, wird er nicht erreichen. Alle anderen haben eifrig applaudiert.
Käsch und Naziss
von Ulf Schmidt
Regie: Volker Lösch, Bühne: Carola Reuther, Kostüme: Carola Reuther, Chiara Schmidt, Leitung Bürger:innenchor: Volker Lösch, Luca Pauer, Licht: Björn Schöck, Sound: Kriton Klinger-Ioannides, Video: Olaf Franz, Musik: Nicolai Gonther, Dramaturgie: Dr. Ulf Schmidt.
Mit: Nicolai Gonther, Anna Jörgens, John Armin Sander, Martina Struppek, Laura Sundermann, Ingo Tomi, Gregor Trakis, Laura Trapp, Raimund Widra, Laura Sundermann, Chor der Saarländischen Bürger:innen: Albert, Alex, Amine, Andrea, Anja, Bärbel, Beate, Beate, Bernd, Bettina, Brigitte, Christian, Daniel, Daniela, Eberhard, Elisabet, Evelina, Evelyne, Gaby, Gürsu, Heike, Hildegard, Ina, Inga, Isabelle, Jeannette, Johann, Johannes, Jörg, Karin, Karin, Karoline, Katha, Katharina Andrea, Kerstin, Kizil, Laura, Lavinia, Lee, Lena, Linda, Liv, Lukas, Lukas, Mareike, Markus, Martina, Oleksandra, Pia, Rebecca, Rita, Rune, Ruth, Sabine, Sabine, Sascha, Silke, Skyler, Stefan, Steffi, Susanne, Sven, Tanja, Thomas, Tobias, Tobias, Tom, Ulrike, Uschi, Verena, Viktoria, Walter.
Uraufführung: 20.9.2025
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
https://www.staatstheater.saarland
Kritikenrundschau
Barbara Grech von SR Kultur (22.9.2025) konstatiert bei dieser Groteske "zu viel des Guten". "Nach spätestens einer Stunde würde auch dem letzten heimlichen AfD-Anhänger klar, dass da etwas aus dem Ruder läuft. Aber erstens: Die sitzen nicht im Zuschauersaal. Und zweitens: Die Groteske dauert eineinhalb Stunden." So manche wirklich brillante Pointe gehe in dem ganzen Geschrei und Getobe unter.
"‘Käsch und Naziss‘ ist jetzt bereits ein Saisonhighlight. Lösch inszeniert anfangs schrill, überzogen und lustig", so Oliver Sandmeyer auf saartext.de.
"Von Ulf Schmidt sauber ausrecherchiert und sprachlich verdichtet, von Lösch und seinem fabelhaften Ensemble auch im Spiel auf den Punkt gebracht – inklusive minutenlanger, kaum auszuhaltender Denunzierungen in Richtung Publikum – fährt einem all das (…) in Mark und Bein. Das Lachen, aus dem man noch im ersten Teil des Stücks kaum mehr rauskam, bleibt einem regelrecht im Halse stecken", schreibt Isabell Schirra von der Saarbrücker Zeitung (21.9.2025). Jedoch: "Trotz des Tempos, trotz der bis ins Groteske getriebenen Überhöhung, mit der Volker Lösch 'Käsch und Naziss' inszeniert hat, erschöpft sich die Komik auf lange Sicht. Wird fad, redundant. Dass man trotz dem x-ten Kalauer nicht entnervt im Sitz zurückfällt, hat das Stück den Höchstleistungen des Ensembles zu verdanken."
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dass „die AfD nicht wählbar ist", scheint einigen Menschen gar nicht so eindeutig zu sein. Woher kommen sonst die Wahlergebnisse? Verstand sollte diese Menschen schon haben. Es braucht also sehr wohl eine Auseinandersetzung damit. Können Sie die „politisch linksgrüne Propaganda" am Theaterabend belegen?
Inwiefern war die „politische Bildung", die Sie dem Abend entnehmen denn nicht neutral?
Es gibt sicher einiges zu kritisieren, aber dass man sich entschieden gegen Rechtsextremismus auf einer deutschen Bühne äußert und auf eine Zukunft verweist, die so passieren könnte, eben weil schon heute der Weg dafür bereitet wird und die Vergangenheit ähnliches bereithielt, gehört nicht dazu. Das hat dann auch was mit Rechten und Freiheiten zu tun, die in Anspruch genommen werden.
Leider konzentrieren sich die guten Regieeinfälle nur auf den (auch wegen Dauer-Geschrei und Gepolter etwas länglichen) ersten Teil des Stücks. Wobei sich häufige Besucher des Staatstheaters fragen dürfte, ob Trakis und Widra sich wirklich in jedem Stück ausziehen müssen und ob dies schon ein Running Gag ist.
Der zweite Teil wirkte weitestgehend wie ein vorgelesener Wikipedia-Eintrag zum Thema "Rechtspopulismus". Ja, sicherlich minutiös recherchiert, man hätte es aber auch anders, eben nicht als Frontal-Unterricht umsetzen können. Und wer sich nur ansatzweise mit dem Erstarken des Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren befasst hat, dürfte hier auch nicht mehr wirklich geschockt sein.
Der Bürgerchor ist dritten Teil erinnerte stark an die Theater AG der Oberstufe, wenn sie mal was "Engagiertes" spielen will. Zumal man auch fragen muss, wie repräsentativ der Chor ist, wenn dort teils auch Landtagsabgeordnete mitskandieren.
Alles in allem sicherlich ein Theaterabend, der einen nicht ohne Meinung zurücklässt - immerhin.