Gulliver im Land der Riesen - Neues Theater Halle
Beweise für die Realität
20. Juni 2024. Das Puppentheater Halle gibt es seit 70 Jahren. In der Festwoche laufen gleich mehrere Gulliver-Inszenierungen. Regisseur Ronny Jakubaschk hat zusammen mit dem Puppentheater den zweiten Teil von Gullivers Reisen erarbeitet, mit einem geschrumpften Gulliver und mit Erzählungen über die Strapazen der Abenteuer-Seefahrt.
Von Karolin Berg
Jonathan Swifts "Gulliver im Land der Riesen" von Ronny Jakubaschk open air inszeniert am Neuen Theater Halle © Falk Wenzel
20. Juni 2024. "Wo ist meine Haarbürste?" Schiffskapitänin Strongmere blickt ihre beiden Offiziere mit verkniffener Miene scharf prüfend an. Tja, keine Ahnung, wo die hin ist… Doch der Schiffbrüchige namens Gulliver, den sie aufgegabelt haben und der äußerst merkwürdige Dinge faselt, hätte da noch eine, die er der Kapitänin borgen könnte. Eine überdimensionierte Bürste. Aber warum zum Teufel trägt jemand auf hoher See so eine riesige Haarbürste mit sich herum? Das Puppentheater Halle feiert mit der "Gulliver"-Festwoche sein 70. Jubiläum. Anlässlich dessen zeigen das Puppentheater, Schauspiel, Ballett und die Staatskapelle jeweils eine Inszenierung der vier Gulliver-Geschichten von Jonathan Swift open air im halleschen Stadtraum.
Jene Bürstenfrage bildet den roten Faden, an dem Regisseur Ronny Jakubaschk seine Inszenierung von "Gulliver im Land der Riesen" am Neuen Theater Halle entlang erzählt. Wobei Jakubaschk, zuletzt am Staatstheater Karlsruhe mit der Bühnenadaption des 900-Seiten dicken Familienepos "Effingers" betraut, seine eigene, mit dem Musiker Jörg Kunze erstellte Spielfassung des zweiten Teils von Gullivers Reisen auf die Bühne bringt.
Was im Land der Riesen geschah
Im Vergleich zu Swifts Romanvorlage erzählt Jakubaschk die Geschichte nicht chronologisch bis ins kleinste Detail, sondern beginnt auf dem Schiff der Kapitänin Strongmere und ihrer sich nicht allzu grünen Crew. Franziska Hayner verleiht dieser Kapitänin etwas herrlich gouvernantenhaftes, unter dem doch ein weicher Kern hervorblitzt.
Erzählung in Rückblenden: "Gulliver im Land der Riesen" im Lindenhof der Frankeschen Stiftungen in Halle © Falk Wenzel
Der Schiffsbesatzung kommt dieser Gulliver, der aussieht wie ein pinker, irrer Modezar, völlig gaga vor. Nicht nur, dass er mit jemanden redet, den sie nicht sehen, sondern auch was er von sich gibt, erscheint den dreien äußerst unglaubwürdig. Vielleicht sollte man ihn doch lieber über Bord schmeißen. Doch ausgerechnet diese real existierende riesige Haarbürste ist für Gulliver der Beweis, dass er nicht spinnt, träumt oder seine Fantasie durchgebrannt ist. In Rückblenden berichtet er, wie es ihm in Brobdignac, im Land der Riesen, ergangen ist. Wie der Großbauer und Frikbor – das große Geld vor Augen – den kleinen Gulliver als tanzendes Showobjekt über Wochen bis zur Erschöpfung auf Tour schicken. Wie die Amme Glumdalklitsch zu Gullivers Gefährtin wird und ihn sogar an den königlichen Hof begleitet.
Maß der Dinge
Das hochgeschachtelte Bühnenbild von Angela Baumgart, das das weiße Fachwerkmuster des umgebenden Gebäudes der Franckeschen Stiftungen fortsetzt, bietet dabei clevere Möglichkeiten, die extremen Größendimensionen und -unterschiede der Figuren in Brobdignac darzustellen. So nimmt es der kleine Gulliver, bewaffnet mit seinem Hirschfänger, mit einer Riesenratte auf. Zu sehen ist hinter den untersten Kisten nur der dicke Schwanz des Tieres, auf das sich der kleine Gulliver samt seiner Puppenspielerin Louise Nowitzki und des großen Gullivers (Lars Frank) todesmutig stürzen. Actionreiches Handgemenge, dann ist der Kopf der Ratte abgetrennt. Eine Gefahr gebannt – auf zum nächsten Schlamassel.
Gedoppelter Gulliver © Falk Wenzel
Wirklich zauberhaft ist hier das Puppenspiel von Louise Nowitzki und Lars Frank. So lässt sich das Jubiläum des halleschen Puppentheaters feiern. Ob es sich in Groß und Klein um zwei Egos von Gulliver handelt, erschließt sich nicht ganz, nimmt man aber in dieser fantastischen Welt einfach hin, wie die anderen obskuren und rätselhaften Begebenheiten. So versucht die Inszenierung das Puppenspiel nicht zu verstecken, sondern lässt die Puppenspielerin Louise Nowitzki mitkommentieren.
Großer Mann, kleiner Mann
Zugleich wirkt dieser Mini-Gulliver so lebendig und präsent durch sehr feine Gesten und Blicke, hat einen ganz eigenen Charakter, ist pfiffig und vorlaut, dass es irrsinnig Spaß macht, ihm zuzugucken. Ganz berührend, wenn er völlig entkräftet vom Singen und Tanzen mit gebrochener, zitternder Stimme nochmal ansetzt: "Das tosende Meer fordert manchen Tribut, doch wer liebt kommt nach Hause zurück", um dann in sich zusammenzusinken. "Ich kann nicht mehr." Ja, die Abenteuer von Gulliver sind nicht nur horizonterweiternde Entdeckungen, sondern auch Ungewisses, Strapazen und Qual.
Wer die Geschichten rund um den Abenteurer und Wundarzt Lemuel Gulliver nicht kennt, mag streckenweise verwirrt und überfordert sein qua der Sprünge innerhalb der Handlung und des Tempos, samt den wie Kippschalter umgelegten Rollenwechseln. Nichtsdestotrotz bringen Jakubaschk und das sehr harmonisch zusammenspielende Ensemble einen kurzweiligen und unterhaltsamen Abend in den regennassen Lindenhof der Franckeschen Stiftungen.
Gulliver im Land der Riesen
von Jonathan Swift, in einer Theaterfassung von Jörg Kunze
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne & Kostüme: Angela Baumgart, Musik: Jörg Kunze
Mit: Franziska Hayner, Erik Born, Enrico Petters, Louise Nowitzki, Lars Frank.
Premiere am 19. Juni 2024 im Lindenhof der Franckeschen Stiftungen
Dauer: ca. 50 Minuten, keine Pause
www.buehnen-halle.de
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