Krieg und Frieden - Theater Magdeburg
Plötzlich bricht der Krieg aus
31. Mai 2025. Nebel wabert und Lichter zucken, die Opulenz der Kostüme kennt kaum Grenzen: blind taumelt hier eine lebensmüde Welt in den Abgrund. Der Schauspieler Charly Hübner gibt sein Regiedebüt mit einer wuchtigen Adaption von "Krieg und Frieden". Dabei beginnt alles erst mal unerwartet.
Von Vincent Koch
"Krieg und Frieden" von Roland Schimmelpfennig nach Tolstoi am Theater Magdeburg © Kerstin Schomburg
31. Mai 2025. Wachstuchtischdecken verheißen selten Gutes. So auch in dieser Magdeburger Familie, die sich Zugang zu Mariannes Wohnung verschafft, um sie zum Achtzigsten zu überraschen. Die erschrickt auf ihrer geblümten Couch fast zu Tode, als ihre Rasselbande plötzlich mit russischem Zupfkuchen und Katzenzungen aufwartet.
Die feierliche Harmonie ist schnell verflogen, weil sich die Familie ordentlich in die Haare kriegt. Der eine Sohn schickt seine Frau notorisch in die Küche und präsentiert stolz seinen bereits uniformierten Sohn, ready für den Wehrdienst. Der wird dafür von "der Neuen" des anderen Sohns, Typ linker Macker, runtergemacht. Da schallt es auch schon zurück: "Tatütata, die Antifa ist da". Und weil das Wort "Nazifotze" wirklich antifeministisch ist, schlagen sie sich schließlich mit Blumensträußen die Köpfe ein. Aus der Kaffeetafel wird im Handumdrehen ein Schlachtfeld der Vorwürfe.
Komplexe Verstrickungen
Und dann fahren die Wände des ostdeutschen Kleinods (Bühne: Alexandre Corazzola) auch schon in die Lüfte, Nebel wabert, Lichter zucken. Denn dieses überzeichnete Mini-Volksstück bildet nur den Rahmen für Charly Hübners Version von "Krieg und Frieden" nach einer Fassung aus Roland Schimmelpfennigs Schublade. Der gab dem Regieteam den Freifahrtschein, seine Bearbeitung umzuwerfen. Bevor wir die Familie wiedersehen, werden fast vier Stunden vergehen, denn Hübner debütiert mit einem sehr langen Abend als Regisseur. Wie auch anders, angesichts dieses Zweitausend-Seiten-Kloppers von Lew N. Tolstoi, der damit 1867 ein historisches Dokument von beispielloser Dichte und Qualität vorlegte und gleichzeitig die Mittel der epischen Erzählung neu definierte.
Ciao, Naturalismus!
Im Mittelpunkt stehen dabei die komplexen Verstrickungen und Ansichten zweier russischer Adelsfamilien im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege, die die Karten in Europa neu mischten. Oma Marianne wird in die illustre Sankt Petersburger "High Society" (z.B. kein Schimmelpfennig) um 1805 geschleudert, als hätte sie sich in ein lebendiges Museum verirrt. Die Alltagsklamotte ist historischen Kleidern, zahlreichen Lockenperücken und Koteletten sowie roten Livreen gewichen. Und da ahnt man noch gar nicht, was Clemens Leander und Rahel Künzi noch alles auffahren werden. Ihr wilder Kostüm-Mix ist definitiv die halbe Miete an diesem Abend. Auf leerer Bühne vor einem leuchtenden Vorhang lässt Hübner sein Ensemble länger satirisch mit dem Stoff umgehen. Ciao, Naturalismus!
Historische Opulenz meets Satire: Marie Joelle Blazejewski, Nora Buzalka und Isabel Will © Kerstin Schomburg
Die zehn Spieler*innen tänzeln in geführten Bewegungen über den Boden, während sie ihre Floskeln über den Krieg ventilieren. Das braucht eine Weile, um Rhythmus zu finden, entpuppt sich dann aber als kurzweilig. Mal gespielt in Kaffeeklatsch-Manier an der Rampe, mal als Schreckschusspistolen-Duell unter Zweien. Eine clevere Übertragung für die Dekadenz und Nervosität, mit der diese Gesellschaft von Soiree zu Ball taumelt, während sich draußen der Krieg anbahnt.
Turbulenzen im Assoziationsraum
Und plötzlich bricht der Krieg herein. Unter dröhnenden Sounds wird eine Ebene mit drei Metallstreben auf die Bühne gehievt. Darauf das Ensemble in schwarzen Ledermänteln. Mit brachialer Gewalt in der Stimme schreien sie einem mehrere Chöre entgegen. Es sind Schimmelpfennig-Texte, die mit messerscharfer Sprache die Sinnlosigkeit des Blutvergießens beschreiben. "Disziplin, Müßiggang, Grausamkeit, Suff. Wer am meisten Menschen tötet, wird befördert." Diese dunklen Szenen geben der Inszenierung nochmal einen sehr anderen Ton. Frieden ist nur eine Pause zwischen zwei Kriegen.
Warum das alles, fragt jemand. Viel öfter wiederholt er die Antwort: für Russlands Ruhm. Es ist der stärkste Moment des Abends. Man kommt nicht umhin, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine mitzudenken, auch wenn der hier nicht konkret adressiert wird. Aber eben: Allmachtsfantasien, Männlichkeit, Tüchtigkeit. Und ganz subtil scheinen in der russischen Gesellschaft immer wieder Verhaltensweisen und Beziehungsmuster auch der Familie aus dem Jahr 2025 durch, die zu Beginn auf der Bühne stand.
Brachialer Chor in Ledermänteln: Anton Andreew, Rainer Frank, Michael Ruchter, Philipp Kronenberg © Kerstin Schomburg
Das ist das, was man Charly Hübner zugutehalten kann: dass er mit "Krieg und Frieden" einen gewaltigen Assoziationsraum öffnet. Man merkt dem turbulenten Abend trotz vieler starker Bildern an, dass Hübner noch nach einer Formsprache sucht: irgendwo zwischen Komik und Punk. Aber das Experiment, diesen unbezwingbaren Roman im historisch aufgeladenen Magdeburg nach seiner Aktualität abzuklopfen und sich dabei sehr unterschiedlicher Ästhetiken zu bedienen, quasi all in zu gehen, entfaltet seinen überfordernden Reiz.
Nur: wo ist der Rap? Schließlich sind hier Hendrik Bolz und Johannes Aue als Sounddesigner am Werk. Als sich am Ende des wuchtigen Abends die Familie zur zweiten Geburtstagssause einfindet, geht’s endlich ab. Und was soll man sagen: allein dafür sind es die vier Stunden wert. Da steht dieses abgerackerte, fantastische Ensemble und fackelt halb zwölf erstmal noch mit zwei Rapsongs die Hütte ab. Es ist ein optimistisches Zeichen, kraftvoll in die Nacht gesendet: "Ständig Palaver / Zwänge und Drama / Gewinner Versager / Lass alles los".
Krieg und Frieden
von Roland Schimmelpfennig nach Lew Nikolajewitsch Tolstoi
mit Texten von Bastian Lomsché und Charly Hübner
Uraufführung
Regie: Charly Hübner, Bühne: Alexandre Corazzola, Kostüm: Clemens Leander, Co-Kostümbild: Rahel Künzi, Musik: Hendrik Bolz, Johannes Aue, Dramaturgie: Bastian Lomsché.
Mit: Iris Albrecht, Anton Andreew, Marie-Joelle Blazejewski, Nora Buzalka, Rainer Frank, Niklas Hummel, Philipp Kronenberg, Michael Ruchter, Bettina Schneider, Isabel Will.
Premiere am Mai 2025
Dauer: 4 Stunden, eine Pause
www.theater-magdeburg.de
Kritikenrundschau
"Man muss in der schwungvoll-verspielten Inszenierung von Charly Hübner nicht jede Volte von Tolstois Roman kennen, man kriegt ihn trotzdem mit", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.6.2025). Hübner inszeniere "mit Geduld, Ernst und Gespür" und "kondensiere" die Vorlage "mit wenig Ausstattung und viel Spielfreude des famosen Ensembles", zeigt sich die Kritikerin angetan.
Trotz "mancher Längen in den historischen Familienpolitiken" wachse der Abend "gerade in seinen dunklen Momenten zu echter Größe heran und kommt dabei der Gegenwart verdammt nahe", meint Torben Ibs in der taz (2.6.2025). Der Abend zeige "chorische Passagen, Düsteres und Krachendes, aber auch satirische Leichtigkeit, etwa bei einer Duellszene". Besonders "Nora Buzalka als einzige Hosenrolle Pierre" halte die "philosophischen Fäden in der Hand", so Ibs.
"Charly Hübners Theaterregiedebüt ist wüst, überbordend, grandios", schreibt Egberth Tholl in der Süddeutschen Zeitung (2.6.2025). "Kein Historiendrama, nein, sondern eine krachende, am Ende tröstliche Theaterexplosion für den Frieden." Hübner braucht aus Sich des Kritiker, "bis auf eine kleine Helmut-Kohl-Parodienummer, keine ostentativen Bezüge ins Heute, die Assoziationen kommen von allein."
So gut wie alles richtig gemacht hat Charly Hübner aus Sicht von Joachim Lange in der Mitteldeutschen Zeitung (3.6.2025). "Wenn nach vier atemberaubenden Stunden entfesselten Schauspielertheaters mit einer faszinierenden Melange vieler Stilmittel von ironischem Witz, über martialische Chöre bis hin zum Vollenden der Biografien aus der Distanz, wieder die Familie von heute zum Grillen übergeht, kann man zwar den hingerappten Schlussgesang für entbehrlich halten. Nicht aber die Erkenntnis, dass alles, was ist und sein kann, eine Vorgeschichte hat, in der wir so oder so mittendrin stecken."
"Ein kluger, ein gewichtiger, ein großer Abend für das Theater Magdeburg und darüber hinaus", schreibt Jakob Hayner in der Welt (3.6.2025). "Es ist, als würde Hübner das großartige Ensemble durch die Stoffmassen tanzen lassen, so leichtfüßig ist die Inszenierung bei allem inhaltlichen Gewicht gelungen. Nach knapp über vier Stunden dürfen sich die zehn Schauspieler für ihren Kraftakt vom Publikum feiern lassen."
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Berichte, die von anfänglicher Begeisterung des jungen Tolstoi zum Grauen vor dem Krieg und seinen Gräueln sich entwickelten und wohl auch die Grundlage dazu lieferten, wie sich schließlich Pierre Besuchow in „Krieg und Frieden“ analog dazu entwickeln sollte: zum Kriegshasser nämlich. Allerdings ist, denke ich, historisch eher davon abzuraten, Putins Angriffskrieg mit den Strebungen und Wirren 1855/1856 gleichzusetzen; eine ( mithin einseitige ) Lesart irgendeines „russischen Dauerbegehrens“ verführt geradezu dazu, die Rollen Englands und Frankreichs vor allem im sogenannten Krimkrieg zu befragen (was auch in anderen Zusammenhängen geschehen muß und geschehen ist) : das rückt schnell in die Nähe des NATO-Osterweiterungsvorwandes des Kremls: dabei geht es heuer vor allem schlicht um einen Völkerrechtsbruch , oder !?