Die Kippa als Dornenkrone

2. Juni 2024. Ein Regisseur probt mit seinem Assistenten Goldberg und Schauspieler*innen Szenen aus der Bibel – von der Schöpfung bis zur Kreuzigung ist alles dabei. Wie Gott hat der Regisseur sieben Tage Zeit bis zur Premiere. Malte Kreutzfeld hat jetzt George Tabori berühmtestes Stück in Chemnitz inszeniert.

Von Tobias Prüwer

"Die Goldberg-Variationen" von George Tabori am Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

2. Juni 2024. Platsch! Die Sintflut misslingt. Die Scheinwerfer erlöschen, als am Anfang Licht sein soll. Ins Dunkel donnert der "Radetzky-Marsch" als falsche Ouvertüre. Auch der brennende Dornbusch kann nicht überzeugen: "Ich spiele aus feuerpolizeilichen Gründen den Rauch." Alles geht schief in "Die Goldberg-Variationen". Die streikende Technikmaschinerie nutzt Malte Kreutzfeldt am Schauspiel Chemnitz, um George Taboris Stück als bunte Farce zu eröffnen, die in eine dunkle Tragödie taumelt.

Die Bibel als Stückentwicklung

In Jerusalem soll die Bibel aufgeführt werden, von der Schöpfung bis nach Golgatha. Vom roten Ledersofa in Reihe sechs der Zuschauertribüne aus lenkt ein Regisseur namens Mr. Jay das Bühnengeschehen. Er hat sieben Tage Zeit bis zur Premiere. Ihm zur Hand gehen sein Assistent Goldberg und einige Schauspieler. Entsprechend improvisiert wirkt der tiefe und flache, leicht nach vorn geneigte Bühnenraum. Weit hinten hängt ein kleiner roter Vorhang. Vorne zieht sich ein langer ovaler Podest entlang. Der Rest ist leer.

Mitunter bleibt der alte DDR-Kultursaal mit seinen Original-Leuchtern hell  – das Schauspiel Chemnitz residiert aktuell im Interim. Das unterstreicht den Charakter, einer Probe beizuwohnen. Theater auf dem Theater ist das plakative Thema. So geht es zunächst ums Scheitern und dessen Chance während einer Stückentwicklung. "Der Mensch ist das Theater, nicht die Technik." "Eine leere Bühne ist ein Ort der Schönheit." Die Darstellenden werden herumgeschubst, Theater-Dinge wie Me-too gestreift: "Als Schauspielerin ist es nicht deine Aufgabe, 'Nein' zu sagen." Das wird heiter und mit Timing gespielt, nur Assistent Goldberg bleibt seltsam ernst für diese Komödie.

Biblisches Personal: Andreas Manz-Kozár, Katka Kurze und Patrick Wudtke © Dieter Wuschanski

Katka Kurze spielt ein famos-exhaltiertes Ex-Erotik-Girl, das sich weigert, im Garten Eden nackt aufzutreten. Mit heiligem Ernst will sie Charakterdarstellerin sein, um dann später als quengeliger Isaak besetzt zu werden. Als Schauspieler, dem alle Rollen drei Nummern zu groß sind, besticht Patrick Wudtke. Die quietschige Garderobe (Sandra Maria Paluch) wie ein Schlangen-Bodysuit oder ein Eva-Kostüm mit erogenen Pailletten-Zonen unterstreicht den Klamauk. Mehr und mehr diabolische und manische Züge jedoch mischt Christian Schmidt seiner unsympathischen Regisseurtype bei. Bis man merkt, dass es um mehr geht als um eine Theaterklamotte oder Passionsparodie.

Kippa als Dornenkrone

Mr. Jay wird zum Schöpfer, der er seine Spieler aus dem Paradies verjagt. Mit Goldberg liefert er sich philosophisch-theologische Wortgefechte über Gnade und die Frage, warum Gott so viel Leid in der Welt zulässt. "Steht im Stück", lautet meist die knappe Antwort, also in der Bibel. Und natürlich bei George Tabori, der nicht Tabori wäre, würde nicht auch das eigentlich Undarstellbare, der Holocaust, seinen Platz in diesem Drama finden. Der Autor und Regisseur setzte sich in vielen Stücken mit dem Massenmord an den Juden auseinander – mit dem für ihn typischen schwarzen Humor.

Goldberg Variationen 2 CDieter Wuschanski u Christian Ruth als Goldberg, mit Susanne Stein  © Dieter Wuschanski

Hier geschieht das mal mit einem trockenen Satz, mal mit dem Hinweis auf die in Goldbergs Arm eintätowierte Nummer. Oder einer Kippa, die als Dornenkrone dient. Plötzlich sind Spiel und Darsteller nicht mehr lustig. Sie schaffen es, in solchen Momenten sofort, die witzige Atmosphäre einzufrieren. Und das Publikum mit Unbehagen in den Sitzen zurückzulassen. Etwa wenn nach dem Satz "Der Antisemitismus war erfunden" das Licht ausgeht und das Publikum zuerst nicht recht weiß, ob es klatschen soll, bevor es dann in die Pause entlassen wird.

Zweifler und Schmerzensmann

Der zweite Teil wird dichter und intensiver. Existenzielle Fragen begleiten die Kreuzigungsszene. Während alle Schauspieler zwischen ihrer Rolle als Chemnitzer Schauspieler und Schauspieler in Taboris Stück changieren, der Regisseur zum Gott mit Teufelsfuß wird, bleibt Assistent Goldberg stets er selbst. Alle können Rollen spielen, nur er hat diese Möglichkeit nicht. Christian Ruth gibt ihn bewegend als in die Welt – oder das Theater – Geworfenen, als Zweifler und Schmerzensmann zwischen Trotz und Zerbrechlichkeit. Er steht im Zentrum der Variationen von Schöpfung und Zerstörung, die Malte Kreuzfeld gekonnt balanciert arrangiert. Das berührt, nimmt mit. Wenn Goldberg mit den Worten endet: "Noch einmal von vorn", hallt es biblisch nach: "Siehe, der Mensch."

Die Goldberg-Variationen
von George Tabori
Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori
Regie und Bühne: Malte Kreutzfeldt Kostüme: Sandra Maria Paluch Dramaturgie: René R. Schmidt.
Mit: Christian Schmidt, Christian Ruth, Susanne Stein, Katka Kurze, Ulrike Euen, Patrick Wudtke, Andreas Manz-Kozár.
Premiere am 1. Juni 2024
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.theater-chemnitz.de

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