Straße der Verachtung

25. Mai 2025. Ein Frau muss die Wohnung verlassen, in der sie ihr Leben verbrachte. Ein Mann, der auf der Straße lebt, saugt Wärme durch Fensterscheiben. Das neue Stück von Maria Milisavljević richtet den Blick auf Menschen, die alles verloren haben. Anna Stiepani inszeniert die Uraufführung.

Von Marlene Drexler

"Es war Sommer ..." von Maria Milisavljević am Staatstheater Meiningen © Marie Liebig

25. Mai 2025. Herr Hübsch ist Spezialist darin, Lichtstimmungen zuzuordnen. Stolz trägt der Mann mit dem großen Rucksack auf dem Rücken sein Wissen vor: Wenn es hinter einem Fenster lau-grün flackert, läuft gerade ein Actionfilm. Videospiellicht ist dunkel-braun. Rosa und hüpfend verrät: Da wird gerade eine Vorabendserie geguckt. Am liebsten aber mag Herr Hübsch das Licht über dem Abendessenstisch. Auch wenn er bei keiner dieser wohligen Szenen, die sich zumindest in der Fantasie auf kuscheligen Couches und in einladenden Küchen abspielen, je dabei ist, dienen sie ihm dazu: sich "Wärme durch die Fensterscheiben zu saugen", wie er sagt.

Herr Hübsch ist obdachlos. Ein Mann mittleren Alters: die Haare zwar ungewaschen, dafür trägt er aber einen Anzug. Ein Weg, der gesellschaftlichen Verachtung ein Mindestmaß an Selbstachtung entgegenzusetzen. Wie er auf der Straße gelandet ist? "Eine viel zu einfache Geschichte. Geradezu plump", behauptet er – tatsächlich sind die Umstände doch etwas komplizierter.

Schmutzecken der Gesellschaft

Das Staatstheater Meiningen hat sich mit "Es war Sommer. Und weil Sommer war, war es warm" zum zweiten Mal eine Uraufführung von Maria Milisavljević (die, mit ihrem Gesellschaftspsychogramm "Staubfrau" über Gewalt an Frauen, Chancen auf den diesjährigen Mülheimer Dramatikpreis hat) gesichert. Ein ums andere Mal richtet die Autorin einen Lichtkegel auf moralisch fragwürdige Schmutzecken der Gesellschaft und nimmt dabei gezielt die Perspektive der Betroffenen ein. Die Handlung hat zwei Stränge, die – wie sich herausstellt – auf tragische Weise miteinander verbunden sind.

Neben dem redseligen Herrn Hübsch (von Gunnar Blume als sympathischen Überlebenskünstler gespielt) gibt es die Figur Angela. Ihr Schicksal liefert den ganz harten Tobak: In einem erweiterten Suizid tötete ihr Ehemann die gemeinsame 8-jährige Tochter, schoss auch auf Angela, sie überlebte jedoch. Der heute obdachlose Herr Hübsch war damals der Polizist, der den Tatort sicherte, infolgedessen offenbar mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen hatte und schließlich arbeitsunfähig wurde.

"Alles was es noch zu räumen gibt, bin ich."

Etwa 30 Jahre nach dem Mord steckt Angela mitten in einer Zwangsräumung – ein desperater und erniedrigender Moment, dessen Zeuge das Publikum wird. Eine anfänglich überaus gefühlskalte Gerichtsvollzieherin (Ulrike Knobloch) taucht auf und mahnt und meckert: Bitte die Wohnung jetzt verlassen! Und Sie haben sie hoffentlich in besenreinen Zustand gebracht!?

Christine Zart spielt Angela als tapfere, aber auch resignierte Frau, die versucht, die Demütigung mit Scherzen für sich ertragbar zu machen: "Alles was es noch zu räumen gibt, bin ich. Traurig, was?". Sie weiß schlicht nicht, wo sie hin soll. Und: sträubt sich auch deshalb, die Wohnung zu verlassen, weil sie hier in diesen Wänden noch ihre verstorbene Tochter Kati spürt. Tatsächlich ist Katis Geist fast ständig anwesend. Neomi Clerc spielt ihn als optimistisch und kindlich-naiven Gegenpol zu ihrer Mutter.

Die Geister der Lebenden und der Toten: Paul Maximilian Schulze, Noemi Clerc, Gunnar Blume © Marie Liebig

Mit Mitteln der Verfremdung innerhalb einer naturalistischen Erzählung aufzuwarten – für Maria Milisavljević typisch. Zwischen den Szenen wird auch immer wieder ein Gedicht des polnischen Schriftstellers Henryk Bereska zitiert. Ein Ich-Erzähler beschreibt, wie er in einer Holzhütte sitzt, ein Feuer im Kamin angezündet hat und dieser Ort einen tiefen inneren Frieden in ihm stiftet: ihm das Gefühl von Zuhause gibt. Ein Wert, der in seiner Ursprünglichkeit erst in seiner Abwesenheit spürbar wird.

Visuelle Schichten

Regisseurin Anna Stiepani, die schon mehrere Stücke von Maria Milisavljević uraufgeführt hat, findet für diese Einschübe eine Formsprache, die Gefühls- und Gedankenräume weitet. Mehrmals werden die poetischen Zeilen von einer allegorischen Figur, halb Baum, halb ältere Dame (verkörpert von Paul Maximilian Schulze) wiedergegeben. Das sind die starken Momente des Abends; zumal Thurid Peine es auch schafft, die kontrastierenden Erzählebenen in einem Bühnenbild aus sich überlagernden visuellen Schichten einzufangen.

Gleichwohl gelingt es ansonsten kaum, Spannung zu erzeugen. Der etappenweise stark berichtende Ton des Textes zwingt das Ensemble in eine Passivität und lässt die Szenen merkwürdig blutarm wirken. Insgesamt tut sich der Abend schwer, aus der Behauptung herauszukommen. Zu holzschnittartig und allgemein streift etwa Herr Hübsch in seinem Text die Probleme von Obdachlosen: ständig Gewalt, Krankheiten und tödlicher Kälte ausgesetzt zu sein.

Ostdeutsche Nachwendebiografie

Indes wird die Familiengeschichte mit brutalem Ausgang in nur einer Szene übers Knie gebrochen. Für Paul Maximilian Schulze als Vater ist es eine schier nicht zu bewältigende Aufgabe, innerhalb weniger Minuten zum kaltblütigen Killer zu werden. Und auch, dass das berufliche Scheitern des Vaters (letztlich Auslöser des entsetzlichen Gewaltaktes) in eine ostdeutsche Nachwende-Biografie gepresst wird, wirkt in diesem groben Anriss etwas seltsam. Insgesamt ein Betroffenendrama, das erstaunlicherweise kaum Mitgefühl erzeugen kann.

Es war Sommer. Und weil Sommer war, war es warm
von Maria Milisavljević
Uraufführung
Regie: Anna Stiepani Bühne, Kostüme: Thurid Peine Dramaturgie: Katja Stoppa
Mit: Christine Zart, Noemi Clerc, Paul Maximilian Schulze, Ulrike Knobloch, Gunnar Blume.
Premiere am 24. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-meiningen.de

Kritikenrundschau

Peter Lauterbach zeigt sich im Meininger Tagblatt (26.5.2025) unzufrieden mit diesem Auftragswerk von Maria Milisavljević: "Der Text, der sinnlich scheint, und manchmal so leicht ist wie der Sommer, klebt Befindlichkeitsschnipsel aus dem Osten zusammen, die die Autorin wahllos aufgelesen hat. Man kann damit vielleicht über den Osten erzählen. Aber nicht von ihm. Weil der Osten und das untergegangene Land eine kollektive Erfahrung war und ist. Die Sehnsucht danach ist eine Sehnsucht nach Identität, die verloren scheint. Nur derjenige kann sie hegen, der diese Lücke spürt."

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