Spiralblog 84 - Calle Fuhrs Spannungstheater
Heldenreisen der Erkenntnis
14. Juni 2025. Was das Theater von Calle Fuhr so besonders macht. Und nein, es sind nicht die Inhalte.
Von Christian Rakow
Calle Fuhr in "Monopoly. Eine tagesaktuelle Besteigung des deutschen Schuldenbergs" © Dorothea Tuch
14. Juni 2025. Es gibt kaum Trockeneres als Staatsschulden, und wenig so kunstferne Worte wie "Schuldenbremse". Es sei denn, Calle Fuhr nimmt sie in den Mund.
Der Polittheatermacher und Lecture-Performer Calle Fuhr ist so etwas wie der Mann der Stunde. Er wird demnächst Hausautor am Schauspiel Köln und hat gerade bei den Autor*innentheatertage am Deutschen Theater Berlin den Freitagabend im Alleingang bestritten: mit seinem (fürs OSTEN-Festival entstandenen) Solo "Monopoly. Eine tagesaktuelle Besteigung des deutschen Schuldenbergs". Siebzig Minuten eine behutsame Wanderung durch die volkswirtschaftliche Theorie der Staatsverschuldung. Und ein Krimi par excellence.
Natürlich sagen viele: Das hat doch was von Selbstläufer! Calle Fuhr ist Inhalt pur. Finanzskandale, Hinterzimmerpolitiken – alles leitartikelfähig. Und wenn sich diese Kunst dann noch mit cutting edge Investigativmedien (correctiv, Dossier) verschwistert, dann geht's kaum stromlinienförmiger. Kunst goes Politik, im Windkanal der wehrhaften Demokratie.
Aber tatsächlich und vor allem ist Fuhr ein verdammt guter Erzähler. Ich schaue berufsbedingt recht viel neue Dramatik. Und die ist eigentlich immer nah an den Problemlagen unserer Zeit, und steht auch in Sachen Faktenfestigkeit keineswegs hinten an (hier ein kleiner Text zur "heteronomen Ästhetik" im Gegenwartsdrama). Aber was mir in neuen Dramen zumeist begegnet, sind eigentümlich fertige Texte. Die Recherche ist abgeschlossen, jetzt wird sie ausgebreitet, Aussagesatz um Aussagesatz, Beschreibung um Beschreibung, apodiktisch, ganz auf die Sprecherposition zentriert. Als Zuschauer laufe ich wie angeleint hinterher. Kein Miterkunden des Wegs, keine Probleme und Konsequenzen voraus. Nur eine beliebig lange, offene Folge von wechselnden Situationen (hier ein Essay zum Thema).
Anders bei Fuhr. Ich habe jetzt drei Abende von ihm gesehen: über die Machenschaften der LEAG im ostdeutschen Tagebau, über den "Galeria Kaufhof"-Pleitier René Benko und eben über die deutsche Schuldenpolitik. Und jedes Mal sind es Heldenreisen der Erkenntnis. Calle Fuhr oder seine Protagonist*innen starten in allen Stücken beim initialen Unwissen, das sich dann für sie und für uns als Mitgrübelnde Schritt für Schritt lichtet. Sie nehmen uns mit in den Prozess, werfen Fragen auf, die sich auf ihrer Suche ergeben, führen uns zu Gesprächspartner*innen, die weiterhelfen (und die in den Solo-Abenden im Stile des Kabaretts in breiten Dialekten anzitiert werden). Und damit schafft Fuhr etwas, das selten geworden ist: Er zeigt uns Theater voller Spannung auf das Wie-weiter.
Selbst als Solos sind diese Stücke durch und durch dialogisch, wissen jederzeit, wo das Publikum gedanklich steht und wohin man es von dort aus bewegen kann. Es sind Abende voller Antizipation. Fuhrs Theater lädt uns ein, mit ihm an einem Mosaik zu bauen, Baustein für Baustein ein Bild (ein Thema) zu vervollkommnen. Während anderes Theater zu behaupten scheint: Das Bild kennt Ihr doch schon, genießt die Teilchen, die ich Euch so schön einzeln herzeige. Aber ein zerlegtes Bild ist mitunter einfach nur ein öder Scherbenhaufen. An dem es nichts zu puzzeln gibt.
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Im Januar, als die Nation gerade aus der Weihnachtspause aufwachte und in einen kurzen, von Asyl-Streit überschatteten Winter-Wahlkampf startete, war Fuhr mit „Monopoly – Eine Besteigung des deutschen Schuldenbergs“ schon einmal in Berlin zu Gast: im Neuen Haus des Berliner Ensembles, das eng mit dem Wiener Volkstheater, der Homebase von Fuhr, kooperiert.
In der Zwischenzeit ist viel passiert: Friedrich Merz und seine CDU/CSU legten in rekordverdächtiger Zeit eine 180 Grad-Kehrtwende hin. Was Grüne und SPD schon lange predigten, wurde noch vor seiner Kanzlerwahl mit der nötigen 2/3-Mehrheit beschlossen. Die Schuldenbremse wird zumindest aufgeweicht.
Aus dem Anlass gab es beim Autor*innentheatertage-Gastspiel am Deutschen Theater Berlin ein Update: ein Freiwilliger aus dem Publikum durfte vorlesen, wie sich Merz durch eine Rechtfertigung stammelte. Die Gründe für den rapiden Kurswechsel werden in dieser Polit-Comedy-Performance allerdings arg verkürzt wiedergegeben.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/14/monopoly-eine-besteigung-des-deutschen-schuldenbergs-att-kritik/