Großputz im Museum des Vergessens

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 6. Mai 2018. Blut rinnt über die weiß getünchte Wand. Es ist die Spur der 150 georgischen Künstler*innen und Intellektuellen, die 1937 in Tiflis auf Befehl des Georgiers Josef Stalin ermordet wurden. In gespenstischer Leere bereitet sich ein Schriftsteller auf seine Hinrichtung vor. Der junge Soldat (Alexander Küsters) zittert, als er ihm die Pistole an die Schläfe hält. Der Dichter (Timo Tank) führt ihm die Hand, beherzt und stark. Bis zuletzt behält er die Kontrolle über sein eigenes Leben, das längst verloren ist. Die Menschen hinter den "Säuberungen" der Stalinzeit hat der 36-jährige Autor Davit Gabunia im Blick.

Erinnerungsarbeit

Der sprachgewaltige Autor, dessen erster Roman "Farben der Nacht" im August bei Rowohlt in Berlin erscheint, hat für das Staatstheater Karlsruhe in Zusammenarbeit mit dem Royal District Theater in Tiflis ein Auftragswerk verfasst, das mehr als nur die Vergangenheit dokumentieren soll. Mit großer poetischer Kraft bricht der Autor das Schweigen derer, denen der brutale Diktator Stalin die Sprache, ihre künstlerische Ausdruckskraft, stahl. Das Aufarbeiten der Vergangenheit ist in Karlsruhe Programm. 2015 recherchierten die Theatermacher mit Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura in "Stolpersteine Staatstheater" die Vertreibung jüdischer Künstler von ihrer Bühne. Das Projekt war 2016 zum Theatertreffen eingeladen.

tiger2 560 FelixGruenschloss uVexierbild der Großen Säuberung: Antonia Mohr (Ehefrau), Sonja Viegener (Tochter), Gunnar
Schmidt (NKWD-Funktionär), Annagerlinde Dodenhoff (Anitschka), Alexander Küsters (Soldat)
© Felix Grünschloß

Nun setzt das Staatstheater den historischen Diskurs der Vergangenheitsbewältigung auf internationaler Ebene fort, diesmal aber mit fiktiven Charakteren. In quälender Langsamkeit bewegen sich die Figuren in Data Tavadzes dunkler Regiearbeit. Verzweifelt sucht die Ehefrau des Schriftstellers nach ihrem Mann. Antonia Mohrs Stimme stolpert und bricht, wenn sie über ihr Schicksal erzählt. "Ich stehe da mit gesenktem Blick, und das ist wahrscheinlich das Abbild dieser Zeit, die Frühjahrs-/Sommerkollektion 1937, er ist alles, was ich brauche, mehr nicht." Nichts bleibt ihr nach dem Verschwinden ihres Mannes, als dem bösartigen Funktionär zu folgen. Gunnar Schmidt zelebriert das Abhängigkeitsverhältnis mit der gedemütigten Frau. Schlafen kann sie mit ihm nur in der Dunkelheit, weil sie den Anblick des fremden Körpers nicht erträgt. Zuletzt heiratet er ihre Tochter, zerrt das Mädchen brutal zum Traualtar.

Im Haus des Mordens

Von der Fülle der historischen Fakten, die der Autor Gabunia einfließen lässt, befreit sich der Regisseur durch konzentriertes Schauspielertheater. Überlange, manchmal auch sperrige Erzählpassagen spitzen die Schauspieler so zu, dass die tragische Tiefe der Beziehungen zu Tage tritt. Betörend schön erzählt Sonja Viegener, was es bedeutet, die Tochter eines vermeintlichen Volksfeinds zu sein. Ihr Vater, der hingerichtete Schriftsteller, erscheint in ihren Träumen. Timo Tank steht hinter ihr, hält sie fest. Seine Blicke füllen die Leerstellen im Leben der jungen Frau. So gelingt es Tavadze mit dem Karlsruher Ensemble, die kraftvolle Erzählsprache Gabunias auch dramaturgisch stark auf die Bühne zu bringen.

Nika Pasuris sphärische Bühnenmusik öffnet Horizonte, die jenseits der Sprache liegen. Ernste Musik kombiniert der Komponist mit Anklängen an ein georgisches Volkslied und mit elektronischen Sounds. Sebastian Hannaks Bühne macht aus dem Haus der Schriftsteller-Gewerkschaft, in dem das Stück spielt, ein Gefängnis. Mit schwarzer Tinte beschmieren die Akteure die weiße Wand. Die Feder des Dichters, die nach den Worten des Funktionärs eine starke Waffe sein soll, wird zum Instrument ausgehöhlter Propaganda.

Die Zeugin

Zeugin des Suizids eines weiteren Schriftstellers werden nicht nur die ausgestopften Jagdtrophäen Tiger und Löwe, die bis heute im Haus der Schriftsteller zu sehen sind. Die Putzfrau Anitschka erlebt mit, wie ein von den Apparatschiks der Gewerkschaft in die Enge getriebener Dichter sich das Leben nimmt. Der Anitschka, tiefenscharf von Annagerlinde Dodenhoff interpretiert, verleiht Autor Davit Gabunia eine Schlüsselrolle in diesem "Museum des Vergessens". Sie soll das Blut, die Erinnerung an die Morde wegwischen. Das kann sie nicht. So suhlt sie sich in der schwarzen Tinte. Eine starke Frau, die an die grausamen Morde erinnert und den Opfern eine Stimme gibt.

 

Tiger und Löwe
von Davit Gabunia, deutsch von Rahel Gratzfeld
Uraufführung/Auftragswerk für das Staatstheater Ka
rlsruheKoproduktion mit dem Royal District Theater Tiflis
Regie: Data Tavadze, Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak, Musik: Nika Pasuri, Dramaturgie: Jan Linders und Marlies Link.
Mit: Annagerlinde Dodenhoff, Timo Tank, Antonia Mohr, Sonja Viegener, Gunnar Schmidt, Alexander Küsters.
Spieldauer: 1 Stunde 40 Minuten

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

Die Schicksale würden mehr nacherzählt als nachgespielt, so Marie-Dominique Wetzel im SWR2. "Manchmal wirkt das etwas sperrig, aber es schafft eine gute Distanz, die den Abend berührend macht, ohne melodramatisch zu werden."

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