Sauber, süß und schickmicki

von Elena Philipp

Berlin, 25. Oktober 2009. DOLCE steht über dem mit Sperrholz vernagelten Bühnenportal. Davor schwappt knöcheltief das Wasser, Wellenrauschen aus den Lautsprechern. Venedig! Zwar fehlt "Gabbana" für den wahren Luxus, "La Vita" für das süße Leben – doch der Zuckerguss verklebt die Gesellschaft, die Armin Petras in seinem "Kaufmann von Venedig" zeigt: eine Schickimickimeute, die über ihre Verhältnisse lebt. In golden schimmernden Roben, Pelzen und gediegenen Anzügen, ein Glas Sekt in der Hand, von der Rampe ins Publikum grienend – ein Tableau selbstzufriedener Geldverbrenner, die sich mit einem Feuerwerk selbst feiern.

Der Kaufmann Antonio (Cristin König), blass im grauen Kostüm mit Herrenhut, Thatcher-Handtasche und strengen Schnürstiefeln, passt nicht in dieses Gruppenbild: "Fürwahr, ich weiß nicht, was mich traurig macht", grübelt er. "Eur Sinn treibt auf dem Ozean umher, / Wo Eure Galeonen, stolz besegelt, / vorbeiziehn mit gewebten Schwingen", versichert Graziano (Ronald Kukulies). Vielleicht liegt es auch an der Liebe zu Bassiano (Michael Klammer), einem verschuldeten Stenz, der sich von seinem vermögenden Gönner Geld leihen möchte, um in Belmont die reiche Erbin Porzia (Sabine Waibel) zu umwerben.

Der Inszenierungsfalle entwischt

Antonio verpfändet ein Pfund seines eigenen Fleisches an den jüdischen Geldverleiher Shylock (Regine Zimmermann). Der wird bei Antonios drohendem Bankrott auf der Einlösung der Schuld bestehen, auf Rache am Christen, dessen zinslose Darlehen seine Lebensgrundlage bedrohen, an einem Mitbürger, der ihn anspuckt, tritt und einen Hund nennt. Ob Shylock Täter oder Opfer ist, Shakespeares Stück antisemitisch oder nicht – diese Fragen prägen die Rezeptionsgeschichte der zwischen 1596 und 1598 entstandenen 'Komödie'.

Mit einem Kunstgriff lenkt nun Armin Petras überraschend erfolgreich von der Fokussierung auf die Figur des Shylock ab: "Der Jude" ist eine Frau, "der Kaufmann" auch. Die beiden Darstellerinnen agieren unterspannt und oft beinahe puppenhaft mechanisch – ein weiterer Kniff, der Inszenierungsfalle zu entgehen, die in der Aufführungsgeschichte immer wieder zuschnappte, indem Shylock entweder als edles Opfer oder hassverzehrtes Judenklischee emotionalisiert wurde.

Aufstieg zum Bunny-Playmate

Petras interessieren die gesellschaftlichen Vorgänge rund um die Figuren: Assimilierung und Integration. So rückt er zwei Nebenfiguren ins Zentrum: Shylocks Tochter Jessica (Julischka Eichel) und den Diener Lanzelot (Peter Jordan). "Ich will kein Opfer mehr sein", schreit Jessica in einem wütenden Monolog auf ihren Vater ein. Seine Lebensweise, seine Werte sind für sie, die der zweiten Generation angehört, nur hinderlich.

Mit Shylocks Dukaten und Juwelen kauft sie sich von ihrem Judendasein frei: Im durchsichtigen Hemdchen in einem Teppichserail ausgestellt, als ein mit Goldketten behängtes Schaustück, dient sie sich sanft säuselnd ihrem Liebhaber Lorenzo (Andreas Leupold) an. Die "allerschönste Heidin" darf konvertieren, in einer brutalen Wassertaufe taucht Lorenzo die keuchende Jessica wieder und wieder unter. Anschließend geht's mit seinem neuen Spielzeug in die Disco, zu den Bunny-Playmates und Türstehertypen mit Eselsköpfen. Jessica gehört jetzt dazu.

Venezia gluck gluck

Lanzelot spiegelt Jessicas Integration und ihre Ablehnung des Jüdischseins auf der komischen Ebene. Als illegaler Immigrant (ein deutscher Gastarbeiter in Italien!) glänzt Peter Jordan mit deutsch-italienischem Kauderwelsch: "Klimawandel – Venezia gluck gluck", "Antonio depressissimo". Eine Münze klingelt, von Antonio nachlässig geschnippt. "Grazie." Lanzelot verstummt. Aus Shylocks Diensten – "ich will ein Jude sein, wenn ich bei dem Juden länger diene" – wechselt er zu Bassiano und darf erst eine Pagenlivree tragen, dann gar einen Anzug. Auch ein Aufstieg.

In einer glücklichen, leichten Szene malen die beiden einen Fernsehapparat auf das Sperrholz, Jessica zappt sich durch Programme wie MTV und RAI 2 (Berlusconis Italien steht Pate für manchen Inszenierungseinfall), und Lanzelot spielt romantische Filmpaare von "King Kong" bis "Titanic" für sie nach. Beim munteren Filmeraten planscht sie im seichten Wasser, ganz kindlich, während er zugleich Beschützer und Spielkamerad, Vertrauter und Geliebter ist. Bruchlos wechselt Jordan zwischen den Filmszenen und lässt zugleich die unterschiedlichen Bindungsweisen an Jessica aufscheinen – grandios! Auch Julischka Eichel ist eine Schau: vom verschmitzten Mädchen über die aufbegehrende und doch verzweifelt um das Leben ihres Vaters bittende Tochter bis zur gediegenen Bussibussi-Gattin reicht ihr Repertoire.

Gewehrsalven im Feuerwerk

Jessica und Lanzelot, die beiden könnten einander lieben, wäre Jessica nicht so fest zum gesellschaftlichen Aufstieg entschlossen. Der Anpassungsdruck ist hoch in dieser gleich geschalteten venezianischen Gesellschaft, die Andersartiges assimiliert oder es aussondert.

Petras' "Kaufmann von Venedig"-Inszenierung ist ein kluger Kommentar zum Stück, und sie ist bis zu den beinahe durchgängigen Anspielungen auf Berlusconis Italien stimmig. Trotzdem wirken die zweieinhalb Stunden disparat: Der Abend im Ganzen ist weniger unterhaltsam als einzelne Szenen, das Material scheint nicht völlig durchgearbeitet. Einige Szenen sind bis zur plattesten Verständlichkeit ausgewalzt, mancher monoton gesprochene Monolog geht unter, und während im ersten Teil die Spieleinfälle dominieren, arbeitet man sich nach der Pause oft zäh an Shakespeares Text ab.

Eine Szene gemahnt an die Shoah: Das Feuerwerk der Anfangsszene klingt nach Gewehrsalven, Regine Zimmermann zuckt wie von Kugeln durchsiebt. Auch ein Filmzitat: Der Pate, hingerichtet. Shylock wird am Ende sozial vernichtet – er soll sein Vermögen abtreten und zum Christentum konvertieren. Die bessere Gesellschaft posiert wie zu Beginn an der Rampe, die alten Männer mit ihren jungen Frauen im Arm, in fröhlichem Bäumchenwechseldich. Zimmermann schmiert sich Blut um den Hals, ein Transparent rauscht vor ihrem Teppichkabuff herab. Darauf eine luxuriöse Ladenfront, Edeltaschen in den Schaufenstern. Statt DOLCE liest man jetzt LINDO (italienisch: 'rein') über dem Eingang – echt sauber, diese Mehrheitsgesellschaft.

Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare
Deutsch von August Wilhelm Schlegel
Regie: Armin Petras, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüm: Aino Laberenz, Licht: Norman Plathe, Dramaturgie: Carmen Wolfram. Mit: Ronald Kukulies, Cristin König, Michael Klammer, Regine Zimmermann, Julischka Eichel, Andreas Leupold, Peter Jordan, Sabine Waibel, Sarah Franke, Julia Karner, Julia-Regina Rappenecker, Marie-Theres Hölig.

www.gorki.de

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=Yse4_cKqPs0}

 

Mehr darüber lesen, wie andere Regisseure mit Shakespeares Kaufmann von Venedig umgingen? Im September 2007 gönnte Wolfgang Engel sich in Leipzig durchaus auch Klamauk, im Februar 2008 machte Stefan Pucher in Zürich große Show, und Elmar Goerden ließ im Oktober 2008 in Bochum den Shylock ebenfalls von einer Frau spielen.

 

Kritikenrundschau

Die Theaterwissenschaftler machen ein libidinöses Motiv dafür verantwortlich, dass Antonio, der Kaufmann von Venedig, bereit ist, dem Freund Bassiano sein Fleisch und sein Leben zu opfern: Antonio liebt den Bassiano, zu seinem Leidwesen nur "platonisch", über alle Maßen, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (29.10.). "In Petras' Inszenierung wird die Sphäre der Latenz und der Andeutung verlassen. Wenn Antonio nun mit dem Bassiano allein ist, wird im Gorki Theater gleich ein Zungenkuss oder ein präkoitaler Schoßritt draus." Nichts sei mehr Andeutung, "alles ist vordergründiger Vollzug". Ein wenig wirke Petras' Inszenierung "wie eine besonders ambitionierte Folge der TV-Comedy-Serie Schillerstraße, worin Komiker über Kopfhörer von einem Spielleiter Darstellungs- und Improvisationsbefehle erhalten (...) Bei den Petras-Spielern sieht man zwar keinen Knopf im Ohr, aber sie haben einen, da bin ich sicher." Fazit: "Die Aufführung wirkt hohl. Die weibliche Besetzung der innigen Feinde Antonio und Shylock hat keinen höheren Effekt als den, den die Schillerstraße anzielt: das Staunen darüber, dass jeder alles spielen (alles sein) kann."

Keine Venezianer, sondern "aufgedonnerte Neureiche aus dem Zonenrandgebiet, die sich während der Gondel-Wochen im kreisstädtischen Modekaufhaus Magnet mit Hauptsache-teuer-Markenware eingedeckt haben", sah Ulrich Seidler (Berliner Zeitung, 27.10.). Es überrasche jedenfalls nicht, dass bei Armin Petras auch dann "ein tragikomisches Provinzdrama" herauskomme, wenn er sich Shakespeare vornimmt. "Der Kaufmann von Venedig" sei daher "eine ideenreiche, etwas hastige, zwischenzeitlich herrlich komödiantische, aber zunehmend lustlos absolvierte kleinstädtische Mafia-Schmonzette geworden, in der ein paar Loser dem Geld und der Liebe nachjagen". Zwei Gestalten fallen aber "aus der Mode": Antonio und Shylock. Und "während sich die schlecht gelaunten Frauen in Männersachen eine ideologisch-moralisch verbrämte Schlacht liefern", so Seidler, "nehmen wir gern das einzige ernst gemeinte Identifizierungsangebot an und wenden uns der nächsten Generation zu, in die Armin Petras all seine Hoffnung setzt, bevor er sie platzen lässt". Ja, es gebe sie, die von ökonomischen Interessen und Machtspielen unangefochtene Liebe, bei Jessica und Lanzelot. "Richtig interessiert" zeige sich die Inszenierung nur ab der "Petras-typischen Coming-of-age-Geschichte, die das Stück offenbar auch hergibt".

Patrick Wildermann (Der Tagesspiegel, 27.10.) hingegen sah einen Shakespeare, den die Wirtschaftskrise erwischt hat. Vorbei sei in Venedig der "Börsen-Karneval", und zurück aber bleibt "eine Society, die weiter high sein und sich das Feiern nicht verbieten lassen will". Petras habe jedenfalls einen "Kommentar zum verlorenen Kreditvertrauen" inszeniert. Die venezianische Oberschicht erscheine hier als "geldgeile Modemeute, die zwar im Wasser watet, aber nicht mehr flüssig ist". Die "Antisemitismusdebatte" will Petras nicht führen. Er entrücke die Geschichte "in ein mafiöses Berlusconi-Italien": "Hier gelten die Ressentiments allen Außenseitern gleichermaßen". Am Ende bleibe hier nur "die Gretchen-Frage: Wie hältst du's mit dem Gelde? Um die zu stellen, hätte Petras sich auch irgendein anderes Stück nehmen und aus sicherer ironischer Distanz umgehen können".

Peter Hans Göpfert (Berliner Morgenpost, 27.10.) hat die Ankündigung des Maxim-Gorki-Theaters gelesen. Das Stück, las er dort, lege den "Finger auf die Wunden der neuzeitlichen Welt", auf "Migration und Fremdenhass, globalen Handel, Finanzspekulation und die Konflikte zwischen den Religionen", und mit der Frage nach dem Antisemitismus wachse ihm "weitere Brisanz" zu. Doch von der "angekündigten Brisanz und den Wunden" sei hier "herzlich wenig zu spüren". Petras' Großeinfall erschöpfe sich darin, "die beiden männlichen Hauptrollen mit Frauen zu besetzen – und wird gedanklich wie darstellerisch ein Doppel-Fiasko". Man sehe eine "Lagunen-Society", den Hintergrund bilde "eine Boutiquen-Fassade mit Mussolini-Appeal". Armin Petras "verjokelt den großen Stoff mit einer trivialen, auch sprachlich nachlässigen Inszenierung". Sie sei "so oberflächlich wie leichtfertig selbst in der Spaßgesellschaft angekommen, die Petras auf dem Rialto entlarven möchte".

"Armin Petras hat deutlich und unübersehbar den innerfamiliären Konflikt im Hause Shylock ins Zentrum gerückt", meint Michael Laages auf Deutschlandradio Kultur (25.10.). Und den Fundamentalismus. "Im Programmheft finde sich "ein kluges Gedankenspiel darüber, dass schon Shakespeare mit dem Juden Shylock eben nicht nur das ewige Model für den ja bis heute wirkenden Antisemitismus kreierte, sondern womöglich auch den wachsenden Puritanismus seiner Zeit kommentierte; also den christlichen Fundamentalismus früherer Spielart". Die Klammer sei in jedem Fall das Geld, "die neue Über-Macht der Epoche". Auch Antonio (oder Antonia) sei ja aufgestiegen und zu Ansehen gekommen in einer Stadt, "deren alter Kern der Adel war, deren Zukunft aber die multikulturelle Offenheit sein wird für jede Art von Geschäft, unabhängig von Fremdsein oder Hautfarbe der Geschäftemacher. So gehören Kaufmann wie Geldverleiher auf verschiedene Weise nicht wirklich dazu." Deshalb, so Laages, "vielleicht stehen die Frauen im Zentrum, deshalb vielleicht Petras' Rückzug ins Familiäre". Reichlich Stoff zum Nachdenken biete diese Inszenierung also, "verpackt jedoch ist sie in eine Menge Zeug und Kram und Firlefanz".

Anne Peter dachte im Redaktionsblog auf nachtkritik.de (27.10.) über Aspekte der Inszenierung nach.

 

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