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Das Käthchen von hinterm Mond

von Christoph Fellmann

Zürich, 10. März 2011. Es ist Lust, und es ist "in den Tod gehende Betrübnis". Tänzerisch leicht will Friedrich Wetter, Graf von Strahl, durch beides hindurch, von beidem will er sich seine Seele bezaubern lassen in diesem Stück von Heinrich von Kleist. Wie Frank Seppeler diese Sätze beim Wort nimmt schon in der ersten halben Stunde dieses "Käthchens", das ist schlechthin aufregend: Er gibt seinen Grafen von Strahl als überlegenen Trickster und suizidalen Borderliner, der auch vor Gericht bruchlos vom Charme zur Gewalt übergeht (und hey, damit auch durchkommt).

Auch dank dem ebenso fabelhaften Manfred Zapatka, der als Käthchens Vater dagegen hält, hat man sich schnell auf einen Theaterabend eingestellt, in dem die präzis reduzierte Regie (und Bühne) des Tschechen Dušan David Pařízek den Rahmen vorgibt für eine umso drängendere Schauspielerei. Und man freut sich schon sehr auf ein ähnlich stark gezeichnetes Gegenüber für den Grafen.

Farbloses Mädchen, linkischer Graf

Doch das Käthchen, das dann mit Lilith Stangenberg auf die Bühne kommt, bremst den Abend im Nu aus. Sie ist ein retardiertes Mädchen, das sich drei Stunden lang auf die Füße starrt. Mag ja sein, dass es dem Grafen, dem es verfallen ist, willenlos folgt. Aber willenlos aus Debilität? Falls Pařízek einen guten Grund gehabt haben sollte, seine Hauptfigur so anzulegen, ist davon in der dreistündigen Inszenierung nichts zu sehen. Was man hingegen sehen kann, ist, wie neben diesem farblosen und tumben Käthchen augenblicklich auch die anderen Schauspieler zu zunehmend verzweifelten Exekutoren eines wenig wahrscheinlichen Plots werden.

Auch Frank Seppeler geht als Graf von Strahl bald durchs Stück wie Hugh Grant durch eine romantische Komödie – im besten Fall noch leicht linkisch. Aber was soll er auch spielen, so jeden plausiblen Antriebs beraubt. Denn die Plausibilität, die liegt in diesem Stück ja gerade nicht in der durch eine Kette von Zufällen vorangetriebenen Handlung, sondern im Irrationalen; in den Träumen und den Gefühlen. Bloß, dass ihre Todessehnsucht dieses Käthchen und diesen Grafen von Strahl verbinden soll, das wird nicht glaubhafter, nur weil es die Regie in einem neuen Schluss nochmals ganz fest behauptet.

Ein Lacher aus der 11. Reihe

Immerhin dürfen zu diesem späten Zeitpunkt des Stücks die Schauspieler ihre Figuren nochmals ernst nehmen. Denn mit den Ritterszenen des mittleren Teils kann Dušan David Pařízek offenbar so wenig anfangen, dass er sie zu einem salopp-ironischen Kasperletheater zusammenrafft. Es erreicht seinen mühseligen Höhepunkt im Auftritt eines schwäbelnden Rheingrafen vom Stein (Gabor Biedermann), der in der elften Reihe dann aber doch einen Zuschauer zum Lachen bringt, als er aus der Ritterrüstung ein Handy zückt.

Anderes – wie die Feuerprobe, immerhin eine Schlüsselszene – wird ohne viel Regieaufwand deklamiert und abgehakt. Und so bleibt in diesem "Käthchen" nach dem groben und wunderbar aufdringlichen Beginn bald nur noch Stückwerk aus womöglich interessanten Ansätzen, die nicht zu Ende gedacht und gespielt sind: Käthchen verwandelt sich in ein Double des Grafen von Strahl? Sieht man nur am Kostüm. Helena – von Strahls Mutter (Isabelle Menke) – reizt ihren Sohn erotisch? Bleibt ebenso ohne Grund und Folge wie die männliche Besetzung von Kunigunde (Patrick Güldenberg). Käthchen tanzt zu Leonard Cohen, und Käthchen brabbelt Unverständliches auf Video? Kann man natürlich auch noch machen, wenn Lust und Betrübnis keine Rolle mehr spielen.

 

Das Käthchen von Heilbronn
von Heinrich von Kleist
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polivkova, Musik: Roman Zach, Licht: Ginster Eheberg, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Lilith Stangenberg, Manfred Zapatka, Frank Seppeler, Isabelle Menke, Aurel Manthei, Patrick Güldenberg, Gabor Biedermann.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu Dušan David Pařízek: wir besprachen seine Inszenierungen von Götz von Berlichingen und Dantons Tod, die jeweils am Deutschen Schauspielhaus Hamburg entstanden.

Mehr Käthchen: Hier geht's zu Inszenierungen der letzten zwölf Monate aus: München (Dieter Dorn), Freiburg (Karin Hentschel und Das Helmi), Dresden (Julia Hölscher), Heilbronn (Alejandro Quintana) und Berlin (Simone Blattner).

 

Kritikenrundschau

Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (12.3.2011) hat einen Abend gesehen, an dem "manches arg aus dem Gleichgewicht" gerät. "Der Anfang raubt den Atem", der Käthchen-Vater trage seinen Fall keinem Femgericht, "sondern uns, dem Publikum" vor. Das Käthchen sei hier das "Alter Ego des Grafen und sein Seelenspiegel". Lilith Stangenberg gebe "das verstockte, verstörte Kind wie eine Irre. Scheinwerfer von unten tun den Rest, um die Gesichter wüst zu verzerren. Schrecklich, grossartig." Aber "die zum Zerreissen gespannte Atmosphäre" halte leider nicht an. Sepplers Graf trage "sie in sich und übersetzt sie in Körper und Wort: Sein Liebesmonolog stellt Kleists krasse Sprachbilder aus wie leuchtende Preziosen. Die Dichtung übermannt ihn mit ihrer fast brutalen Gewalt – messerscharf und butterweich der Klang." Die Inszenierung rutsche jedoch "oft gefährlich" aus; Pařízeks Regie bleibe "in wiederholten Ansätzen stecken. Steil ausgelotete Emotionen weichen flacher Comedy (...), tollkühne Bildfindungen kippen in billige Halblösungen." Am Ende besiegelten zwei Schüsse hinter der Bühne das "Unhappy End".

Diese Liebenden seien "aus der Zeit gefallen, und uns stockt der Atem", schreibt Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (12.3.2011). Am Ende springe schalte Inszenierung das Drama mit dem Selbstmord von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel parallel. Ende und Anfang böten "eine konsequente und kraftvolle Lektüre vom Sprachspiel bis zum sprachlosen Spiel". Die drei Stunden seien allerdings "zu lang, um das hohe Niveau die ganze Zeit zu halten. Teilweise scheint der dirigierende Arm des Regisseurs ermattet in die Niederungen des kruden Klamauks herunterzusinken." Doch trotz dieser und jener Schwäche gelinge es Pařízek, "Kleists kompliziertes Räderwerk aus romantischem Ritterschauspiel und hinterrücks reflexivem Denkstück am Laufen zu halten". In der Gerichtsszene gehe es "nicht um den Plot", sondern "ums Geplänkel: Da braucht es keinen Hofstaat, keine Häscher, sondern eine flotte Zunge und ein Faible für die Stand-up-Comedy. Ironie bricht jeden Aufruhr". Stangenbergs spiele das Käthchens als "etwas Kratziges, etwas Inkommensurables (...). Diese Katharina gleicht einem Kaspar Hauser oder einem lichtscheuen Tier" – "eine Karikatur der Verstörung". Das "wirklich Wunderbare" sei jedoch, "dass aus all diesen Kasperlefiguren (...) immer wieder Suchende und Sehnsüchtige herausschauen, Zweifelnde und Glaubende, Rasende und Liebende, bis hin zum filigranen Finale".

Neben dem "Dreieck bürgerlicher Vater - geheimnisumwitterte Tochter - Muttersöhnchen Graf", auf den diese Inszenierung ausgerichtet sei,  kommen die übrigen Figuren kaum über den Status der "Zudienenden" hinaus, wie Roger Cahn auf DeutschlandradioKultur (10.3.2011) findet. "Dafür inszeniert Parisek Wesentliches aus der Biografie des Dichters in seine Interpretation des Stoffes: das Hin-und-Hergerissensein zwischen Traum und Wirklichkeit, das ewige Scheitern und schließlich - als Höhepunkt der Inszenierung - den Selbstmord der beiden Liebenden. Das sind Momente großen Theaters." Viel Unterhaltung und wenig Gehalt, befindet Cahn dennoch. Sein Fazit: "Keine schlüssige Interpretation, kein Wurf eines großen Regisseurs, aber viele spannende Ansätze - und ein zu Herzen gehendes Käthchen."

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