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Per Anhalter durch die Marktwirtschaft

von Andreas Schnell

Wilhelmshaven, 29. Oktober 2011. "Verkäufer": Der Titel des Werks von Edoardo Erba steht in seiner Abstraktion für die kapitalistische Durchdringung aller gesellschaftlichen Regungen in der modernen westlichen Gesellschaft. Auch wenn an manchen Stellen spezifisch Italienisches anklingen mag, ist die Story ohne Umstände auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Und sie traf offenbar direkt den Nerv des Premierenpublikums, das Ensemble und Regie begeistert feierte.

Die Bedeutung von Lavendel-Kuschelbär
"Verkäufer" erzählt die Geschichte von Brigo (Sven Brormann), der Weichspüler verkauft und sein "Target", sein Verkaufsziel, erreichen muss. Beim Einkäufer Monti (Johannes Simons) beißt er allerdings auf Granit, so sehr er auch "die Bedeutung von Lavendel-Kuschelbär im europäischen Kontext" herauszuarbeiten versucht. Ein abgekartetes Spiel, wie sich bald herausstellt. Denn Brigos Vorgesetzter Cozza (Gernot Schmidt), hat die Käufer angewiesen, Brigo und einer Reihe seiner Kollegen nichts mehr abzukaufen, damit er sie unter dem Vorwand unzureichender Leistung entlassen kann – was wiederum Voraussetzung für die Fusion seines Unternehmens mit einer deutschen Firma ist. Brigo, der sich nicht nur mit dem Verlust seines Jobs herumschlagen muss, sondern auch mit seiner Frau (Wibke Quast), die er sexuell nicht mehr befriedigen kann, nimmt eine Anhalterin (Amélie Miloy) mit, als er den Firmenwagen in die Garage zurückbringen will. Seine Annäherungsversuche werden mit einer soliden Ladung Spucke mitten ins Gesicht quittiert. Als die Anhalterin fort ist, findet Brigo in der Handtasche, die sie vergessen hat, eine Dose mit Pillen – und schluckt sie. Hier kippt das Spiel in einen surrealen Trip, in dessen Verlauf der zynische Cozza von dem deutschen Shon (Aom Flury) gefeuert wird, Brigo sich selbst kennen lernt und schließlich in Unterwäsche dasteht, bar jeglicher sozialer Kenntlichkeit, genauso wie das übrige Personal.

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Ein gestresster homo oeconomicus, © Volker Beinhorn

Die Geschichte selbst ist zunächst nicht weiter überraschend. Sie lebt zum einen davon, dass Erba den Jargon der wunderbaren Welt des freien Handelssehr genau kennt und ihm in schön pointierten Szenen die Luft herauslässt. Zum anderen gelingt es ihm auch und gerade im psychedelisch verzerrten zweiten Teil, mehr als nur eine Ahnung davon zu vermitteln, wie verheerend es ist, Tauschwert und Konkurrenz in die Privatsphäre, das vermeintliche Reich der Freiheit, zu verlängern.

Der Markt: emotional oder rational?
Jan Steinbach und Frank Albert haben das Stück mit hervorragendem Timing und einem durchweg sehr spielfreudigen Ensemble auf die Bühne gebracht. Die oft drehbuchartigen Regieanweisungen und der schnelle Wechsel der Szenerien dürften eine Herausforderung gewesen sein. Mit einer Gazewand, die als Projektionsfläche wie Rückwand dient, und wenigen Requisiten gelang es ihnen dabei, daraus noch ein paar zusätzliche Pointen zu schlagen. Vor allem der zweite Teil, überschrieben "Der Markt ist emotional" (nachdem der erste Teil behauptet hatte: "Der Markt ist rational"), für den aus einer Reihe unterschiedlich langer Quader eine verschachtelte Kletterlandschaft entsteht, bebildert kongenial die zerklüftete Seele des Protagonisten.

Auch wenn "Verkäufer" sich in einer Art Happy End auflöst, bei dem das Ensemble ausgelassen die sozialen Hierarchien abschüttelt, kommt der Abend wohltuend undidaktisch und moralfrei daher, bleibt im Kern eine gelungene Satire auf den homo oeconomicus in der freien und Marktwirtschaft. Der Applaus war verdient.

Verkäufer (DEA)
von Edoardo Erba
Regie: Jan Steinbach, Bühne und Kostüme: Frank Albert, Dramaturgie: Annabelle Schäll.
Mit: Sven Brormann, Johannes Simons, Gernot Schmidt, Amélie Miloy, Aom Flury, Wibke Quast.

www.landesbuehne-nord.de


Kritikenrundschau

Das Bühnenbild sei genial. Die Regie ebenso, beginnt Norbert Czyzin in der Wilhelmshavener Zeitung (31.10.2011) seine Eloge auf Jan Steinbachs DEA der Wirtschaftssatire von Edoardo Erba. In knapp 100 Minuten werde den Zuschauern "die Perversion des Konsumterrors" vor Augen gehalten. Steinbachs Glanzlistung bestehe darin, dass er für die zwei sehr verschiedenen Teile des Stücks jeweils eine eigene sinnfällige Bildsprache gefunden habe: Im ersten Teil würden gängige Rituale mit kabarettistischen Mitteln als hohle Phrasen entlarvt. Und im zweiten Teil lasse der Regisseur seinen Protagonisten gezielt gegen den Text handeln. Steinbach lasse alle Szenen auf der Vorbühne spielen, als wolle er sie unters Brennglas legen. Die Wirkung sei umso effektvoller, als die Schauspieler das Typische ihrer Rollen ohne Ausnahme glänzend zur Geltung brächten.

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