Magister Ludi im Zeitalter des 3D-Spektakels

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 21. September 2014. Erdrückt vom Ballast seiner Bildung treibt es den Magister Josef Knecht in Hermann Hesses "Das Glasperlenspiel" ins Leben hinaus. Hesse hat sein unter dem Eindruck der Krise der Weimarer Republik und Nazi-Deutschlands entstandenes Spätwerk 1943 nach zwölf Jahren Arbeit veröffentlicht. Er geißelt darin den Geist des "feuilletonistischen Zeitalters", das von Zerstreuung und Massenkultur geprägt war. Das geistige Universum Hesses, der zwischen Pietismus und den Lehren des Hinduismus seine Mitte suchte, spiegelt der Regisseur Martin Nimz nun am Staatstheater Karlsruhe in einem Total-Theater, wie es der Bühnenerneuerer Erwin Piscator in den 1920er-Jahren entwickelte.

Das Publikum sitzt im siebeneckigen weißen Bühnenkonstrukt. Es wird von Videobildern Thorsten Hallscheidts eingesogen. Wie ein See, in dem Eisschollen treiben, hat Bühnenbildner Sebastian Hannak den nach unten spitz zulaufenden Raum konzipiert. Clemens Rynkowskis assoziative Musik durchbricht die Stille. Das Panoramaband über den Köpfen der Zuschauer wird von Filmbildern überspült: Großstadtvisionen, Kriegsszenen und Ornamente schwirren um sie herum. Mit diesem 3D-Theater überschreitet Nimz Grenzen. Die Produktionssoftware hat Bernd Lintermann entwickelt, der mit seinen filmtechnischen Innovationen 2015 für einen Oscar nominiert ist.

Bühnenfassung mit Fingerspitzengefühl

Die technische Experimentierfreude des Regieteams, das vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie unterstützt wird, ist in der dreistündigen Inszenierung kaum zu bremsen. Zuweilen wirkt das allerdings aufgesetzt. Wenn Nimz mit Medienbildern von Obama bis Putin nach Aktualität heischt, ist das zu dick aufgetragen – das spielintensive Karlsruher Ensemble schafft den Spagat zwischen den Epochen auch so. Denn in der Bühnenfassung, die Martin Nimz und Konstantin Küspert mit Fingerspitzengefühl auf der Basis von Hesses Text geschrieben haben, ist alles Wesentliche enthalten. Schön offenbart sie das geistige Universum des späteren Nobelpreisträgers, der selbst in seinem Schweizer Exil vor der Wirklichkeit floh.glasperlenspiel1 560 felixgruenschloss ujpgGlasperlende Mandelbrot-Mengen umwabern André Wagner © Felix Grünschloss

Wütend, ungestüm und wild zeigt Jonathan Bruckmeier als junger Josef Knecht, wie die totale Bildung seine Seele auffrisst. Der spätere Meister des Glasperlenspiels – Sinnbild für eine geistige Emigration – windet sich auf dem Boden. Er leidet und schreit, weil er am weltfremden System scheitert. Jahrzehnte später beißt sich der erwachsene Josef Knecht, inzwischen Magister Ludi und in der Hierarchie des Ordens ganz oben angekommen, angstvoll auf die Lippen. Der Eliteschüler zerbricht an der Flucht vor dem Leben.

Stumme Zimmerschlachten

Das will ihm Plinio Designori zurückgeben. Der Sohn einer Patrizierfamilie ringt mit Knecht um Werte. Maximilian Grünewald ist mehr als ein lauter Halbstarker: Er steht für das Ja zur realen Welt, die Knecht verdrängt. Jahrzehnte später zeigt ihn Frank Wiegard als einen frustrierten Ehemann, den sein eigener Pragmatismus zu Tode quält. Stumme Zimmerschlachten mit seiner Frau, die Ute Baggeröhr mit Blicken und Gesten meisterhaft spiegelt, zermürben ihn. Sein Sohn, den die zarte Veronika Bachfischer mit weiblicher Erotik ausstattet, reißt Knecht aus der Langeweile in den Tod.glasperlenspiel2 560 felixgruenschloss uUnterm Panoramaband: Jonathan Bruckmeier © Felix Grünschloss

Nimz und die überzeugenden Schauspieler denken sich sensibel in die geistige Welt Hesses hinein. Die ehrliche Liebe des Musikmeisters zu seinem Fach vermittelt Hannes Fischer weise. Herrschsucht und sexuelle Gelüste spürt Thomas Meinhardt in der zwielichtigen Gestalt des Benediktinerpaters Jakobus auf. Konsequent hinterfragt der Schauspieler damit Schein und Sein. Ralf Wegner als Knechts Freund Tegularius, später der sogenannte Schatten des Magisters, ist ein Abziehbild bildungsbürgerlicher Werte.

Aufgebrochene epische Schwere

Leider schwächt der Regisseur die solcherart gelingenden Charakterstudien immer wieder mit plumpem Humor. Die Selbstbespiegelung der streitbaren Freunde Knecht und Designori, die ihre jugendlichen Ebenbilder bespötteln, gehören ebenso dazu wie flapsig gestrickte Interviewsequenzen, mit denen Nimz und Küspert versuchen, die epische Schwere des Stoffs aufzubrechen. Solche Gimmicks hätte der Abend, der das Publikum seiner Tiefe wegen fesselt, nicht gebraucht.

 

Das Glasperlenspiel
von Hermann Hesse
Für die Bühne bearbeitet von Martin Nimz und Konstantin Küspert
Regie: Martin Nimz, Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak, Video: Thorsten Hallscheidt, Musik: Clemens Rynkowski, Licht: Christoph Pöschko, Produktionssoftware für die Panorama-Projektion: Bernd Lintermann, Dramaturgie: Konstantin Küspert.
Mit: Jonathan Bruckmeier, André Wagner, Maximilian Grünewald, Frank Wiegard, Hannes Fischer, Berthold Toetzke, Gunnar Schmidt, Ralf Wegner, Ute Baggeröhr, Veronika Bachfischer, Thomas Meinhardt, Luis Quintana, Ronald Funke.
Spieldauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

Thomas Weiss schreibt im Badischen Tagblatt (23.9.2014) zwar bleibe der Gehalt des "komplexen utopischen Romans" "seltsam blass", doch seien die "knappen Szenen" ausdrucksstark. Nach einer ausgiebigen Beschreibung der einzelnen Figurendarstellungen kommt Weiss zum Fazit: letztlich entstehe der Eindruck, dass "trotz manch gelungenem Detail und ansprechender darstellerischer Leistungen" das Ganze "nicht mehr als die Summe seiner Teile" darstelle.

In den Badischen Neuesten Nachrichten (23.9.2014) schreibt Andreas Jüttner: es habe etwas Programmatisches, wenn das Theater zum Saisonstart Hesses Roman adaptiere, dessen Protagonisten die Sorge plage, in einem "gesellschaftlich irrelevanten Elfenbeinturm" zu leben. Die "Idee des Glasperlenspiels" spiegele sich in der "multimedialen Aufführung, die szenisches Schauspiel mit TV-Formaten und höchst eindrucksvollen, assoziationsreichen Panorama-Projektionen verbinde". Im ersten Teil sei "das Ringen" zwischen "dem Begehren und dem Bewahren" der körperlichen Distanz "mitunter schmerzhaft spürbar". Die "diskursive Ebene" des Romans komme zu kurz, anders im zweiten Teil, mit seinen von den älteren Schauspielern gestalteten "konzentrierten langen Textpassagen"; wieder sinnlich werde es am Ende. Die schauspielerischen Leistungen scheinen Jüttner über offene Fragen hinweggeholfen zu haben.

Ein anonymer Autor im SWR 2 schreibt "spektakulär" sei das Bühnenbild, in dem die Adaption von Hesses Roman spiele. Die Szene ein "Elite-Internat", Vorbild die Odenwald-Schule, ein Reich des Geistes, mit allerlei Sprengstoff einer homoerotischen Sexualität aufgeladen. Die "konsequent homoerotische Lesart des eigentlich auf pure Geistigkeit angelegten Entwicklungsromans" sei "durchaus stimmig". Leider aber bestehe "der Großteil der dreistündigen Inszenierung" aus "länglichem, pathetischem Deklamations-Theater". Die Inszenierung vernichte das "eh schon geschwätzige Hesse-Buch" durch das "Herunterbeten von Text". Nervend vor allem der "bedeutungsschwangere Märchenton", insgesamt sei die Aufführung ein "Laufsteg für Pseudophilosophen".

 

 
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