Trotz allem

von Dirk Pilz

Hamburg, 12. Februar 2015. "Weite versengte Grasebene, in der Mitte ein kleiner Hügel. Größte Einfachheit und Symmetrie. Grelles Licht." So steht es in Samuel Becketts Regieanweisung für "Glückliche Tage". Das grelle, heiße Licht gibt es in Hamburg, sonst will diese Bühne nichts von den Setzungen der Vorlage wissen. Kein Hügel, keine Einfachheit, sondern eine Wohnung, betont gewöhnlich. Eine Küchenzeile, ein Sofa, Bücher im Regal, ein Schirm auf dem Tisch. Rückseitig eine Tür, ein großes Fenster, dahinter drei blattlose Bäume, weiter Himmel, frisches Gras. Aber alles in einer blickdichten, braunen Brühe.

In der Mitte Winnie, hüfthoch im Wasser. Man weiß nicht, warum sie nicht aufsteht und davonläuft, man muss es auch nicht wissen. Sie kann nicht. Hockt da im schwarzen Unterkleid, kramt aus ihrer Tasche einen Spiegel hervor, eine Zahnbürste, die Brille, eine Lupe, um lesen zu können, was auf der Zahnbürste geschrieben steht: "Voll garantierte ... echte reine ... Barchborsten." Willie, der in ein Wandloch kriecht und sich vors Fenster schleppt, wird ihr später erklären, was das ist, ein Barch ("kastriertes männliches Schwein. Zum Schlachten gemästet."). Und Winnie sagt, was sie immer sagt: "Dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein."

Eine Beckett-Befreiung

Abgesehen von "Endspiel" und "Warten auf Godot" ist "Glückliche Tage" dasjenige Stück von Samuel Beckett, das die meisten großspurigen Deutungen ertragen musste, die Beckett in der Regel entweder verachtete oder nicht verstand oder vorgab nicht zu verstehen. "Glückliche Tage": ein Drama aus der Postapokalypse, die Tragödie des enthimmelten Menschen, eine Komödie vom Überleben. Solche Sachen. Dabei ist es kein abstraktes Rätselwerk, es beschreibt vielmehr eine überaus konkrete, auch sinnlich sehr genau fassbare Situation von einem Menschen (Winnie), der feststeckt, "eingebettet" ist und von seinem Nächsten (Willie) weder lassen noch ihn halten kann. Insofern ist diese Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus eine Beckett-Befreiung. Sie holt den Text aus dem Interpretationshimmel in die harte, konkrete Alltagswelt – und lässt ihn umso schärfer, grotesker, zugleich aber lebensweltlich dichter erscheinen.

gluecklichetage2 560 klauslefebvre uWenn die Brühe bis zum Hals steht: Julia Wieninger (Winnie) und Paul Herwig (Willie)
© Klaus Lefebvre

Deshalb die Bühnenwohnung. Deshalb aber vor allem das Wasser. Denn Winnie ist an diesem Abend keine bloße Symbolfigur, keine Chiffre für Daseinsverzweiflung, Weltausweglosigkeit. Im zweiten Akt erhebt sich nur noch der Kopf aus der Brühe, und das will diese Inszenierung wörtlich verstanden wissen: Ihr steht das Wasser bis zum Hals. Sie ist eine, die wie bei Beckett in ihrem Leben, ihren Erinnerungen, Gewohnheiten, Hoffnungen, Ängsten feststeckt. Sie ist eine Allerweltsfigur. Eine, die immer weiter macht, obwohl sie längst weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Die in Erinnerungen wegrutscht, die Nägel feilt, den Kamm sucht, Willie beschimpft. Die immer neue Techniken erfindet sich einzureden, dass sie "trotz allem" glückliche Tage hat, obwohl sie jedem Glück spotten. Winnie: eine Figur, die zur direkten, geradlinigen Identifikation einlädt, weil sie unsere Zeitgenossin ist.

Mittelton mit Kassandra-Note

Deshalb auch spricht Julia Wieninger immer im Mittelton, weder hochtrabend klagend noch hintersinnig doppeldeutelnd. Mitunter schieben sich leise weinerliche Töne dazwischen, nie aber sind sie tragisch umwölkt, nie kokettieren sie mit dem bloß Komischen. Es klingt immer, als spräche da eine von nebenan. Im zweiten Akt dann, wenn die Wohnung schräg hängt, das Wasser gestiegen ist und auch hinter dem Fenster vorbeirauscht, wird sie zuweilen von Panik befallen, spricht sie mit brüchiger, manchmal hektischer Stimme wie Menschen sprechen, die das Herannahen einer Gefahr wittern, aber nicht wahrhaben wollen, oder können. Das ist die Kassandra-Note dieser Inszenierung – sie deutet eine kommende Katastrophe an, nicht eine überstandene. Auch das im Sinne einer Re-Konkretisierung dieses vor 54 Jahren uraufgeführten Stückes.

Ja, das ist ein starker, packender Regiezugriff, den Katie Mitchell gefunden hat: ein scharf konturiertes Standbild-Theater, denkbar weit von jener Live-Kino-Ästhetik entfernt, die Mitchell berühmt und umstritten gemacht hat. Der Text wurde eingestrichen, die Willie-Figur aufgewertet und von Paul Herwig zur stoisch-störrischen Statue aufgerichtet, die Szenerie klar umrissen, ohne jedoch alle Zweit- und Drittbedeutungslinien zu kappen: Die Uhr an der Wand ist stehen geblieben (bei fünf Minuten nach Zwei), von den Plätschergeräuschen weiß man nie, woher sie kommen – der Realismus der Spiel- und Bühnensituation ist von Wirklichkeitseinsprengseln durchsetzt, die sich jeder planen Alltagslogik widersetzen. Gerade das lässt diesen Abend wirken, als sei er der Abdruck unserer Gegenwart: Wir stecken alle fest und machen weiter, trotz allem.


Glückliche Tage
von Samuel Beckett
Aus dem Englischen von Erika und Elmar Tophoven
Regie: Katie Mitchell, Regie-Mitarbeit: Lily McLeish, Bühne und Kostüme: Alex Eales, Dramaturgie: Rita Thiele.
Mit: Julia Wieninger und Paul Herwig.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de


Dieser Beckett ist zum Berliner Theatertreffen 2015 eingeladen: Warten auf Godot vom Deutschen Theater Berlin. An der Berliner Staatsoper widmete sich Katie Mitchell 2014 dem späten Beckett: Footfalls / Neither.

 

Kritikenrundschau

"Schlicht großartig" findet Armgard Seegers diesen Beckett-Abend und schreibt in der Welt und im Hamburger Abendblatt (14.2.2015): Katie Mitchell habe ein "umwerfendes Bild vom unausweichlichen Ende gefunden, das eigentlich schon stattgefunden hat". "Wie weit kann man sich anpassen, wenn einem das Wasser bis zum Halse steht (…)? Kann man dem Chaos durch einen Kodex feststehender Gewohnheiten entkommen? Trösten Worte über Klage, Liebe, Hoffnung gegen die Angst?" All diese Fragen stelle Mitchell mit ihrer bannenden Inszenierung. "Und Julia Wieninger als Winnie, mit dem weitgehend stummen Paul Herwig als ihr rest-munterer Gefährte Willie geben uns durch ihr großartiges Spiel eine Antwort: Weiter machen. Immer weiter und sei die Situation auch noch so ausweglos."

"Paul Herwig und Julia Wieninger spielen dieses eigentlich noch sehr lebendige, ungewöhnliche jugendliche Paar ganz so, als gäbe es noch die Option zu überleben", findet Michael Laages im Deutschlandradio Fazit (12.2.2015, schriftliche Fassung online am 15.2.2015). Sie beglaubigten so das Denk-Modell, das Becketts "Endgames" zu Grunde liege, "diesen 'Endspielen', die mitten im kältesten Krieg Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre entstanden, unter der stetigen Bedrohung durch die von beiden politischen Weltmächten strategisch positionierte Atombombe zur gegenseitigen Vernichtung per Erst- und Zweitschlag". "Endspiel", das berühmtere, und "Glückliche Tage", weniger häufig im Spielplan, seien "Texte vor der finalen Apokalypse" – die aber nur zeigten, "dass sie schon eingetreten ist", so Laages: "Ganz praktisch und fundamental hat Katie Mitchell sie kenntlich gemacht auf der Bühne: als letzte große Flut."

"Mit rührendem Trotz und resoluter Abwehr aller Tragik spielt Wieninger die Winnie als zeitlose Todgeweihte, die die Augen vor den Tatsachen verschließt", so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (19.2.2015). Der eigentliche Star der Aufführung aber sei ihr Flüssiggrab – mehr Aktualisierung tue nicht not. So könne Mitchells Inszenierung ganz traditionell Becketts Drama spielen: "Das Bild von Julia Wieninger, der das Wasser bis zum Hals steht, ist ein genau so starkes Logo für die moderne Hybris wie einst Buñuels vergrabene Gestalten und Becketts Grabhügel."

"Glückliche Tage" spiele "vor einem Publikum, das kollektiv wieder ein wenig tiefer in seinen Sandhaufen beziehungsweise seine eigene Flutwelle gerutscht ist", beschreibt Peter Kümmel in der Zeit (19.2.2015) den Abend. Bei Mitchell feiere Winnie "den Umstand, dass ihre Nase noch so weit von der Oberfläche der Flut entfernt ist, in der sie ertrinken wird. Das, sagt Beckett, ist die Situation des Menschen." Winnie habe die Flut offensichtlich selbst erzeugt: "Sie versinkt in der selbst verschuldeten Katastrophe."

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