Gottesdienst des Christus-Teufels

von Valeria Heintges

Bern, 1. April 2015. Feierlich ziehen die Priester zur Messe ein. Vorne die Messdiener, auf Knien rutschend kommen sie nur langsam vorwärts. Gemessenen Schrittes dahinter der Priester. "Wahrlich, ich sage euch, wer keinen Sinn für Humor hat, versteht nichts vom Leben." Eine Messe der sehr speziellen Art feiert das Theater Bern in den Vidmarhallen mit Rodrigo Garcías "Picknick auf Golgatha". Der Priester ist Christus und der gefallene Engel, also der Teufel, in einer Person. "Chaos säen kann ich nicht, das habt ihr schon getan", sagt er.

Mit Schaum vor dem Mund

Was soll ein Teufel drohen, wenn die Menschen auch ohne ihn alle Gräueltaten begehen? Kinder ficken, durch Hunger töten, Städte von der Landkarte ausradieren – für all das brauchen sie ihn nicht mehr. "Nehmt voreinander Reißaus", fordert dieser Priesterteufel. "Rette sich wer kann", sagt er, den Zuschauer die Hände schüttelnd, statt des üblichen: "Der Friede ist mit dir." Und er predigt: Christus ist grausam, ein Irrer. Also keine Hoffnung, nirgends. Das Baumaterial der Vergangenheit ist das der Gegenwart, ist das der Zukunft: recycelte Sauereien. Damit lebt das Böse immer fort.

Picknick auf Golgatha 560 Philipp Zinniker uGefallener Engel mit Begleitern:  Pascal Goffin, Julia Gräfner und Stéphane Maeder 
© Philipp Zinniker
 

Mit reichlich Schaum vor dem Mund und Wut im Bauch hat der spanisch-argentinische Autor Rodrigo García sein Stück verfasst, das in Bern – ausgerechnet am Vorabend von Gründonnerstag – seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte. García ist Spezialist fürs Schäumen: gegen Kapitalismus, gegen religiösen Fundamentalismus und die Verlogenheit der westlichen Welt. In Polen durfte seine eigene Inszenierung "Picknick auf Golgatha" nicht aufgeführt werden – aus Sicherheitsgründen wurde ein Gastspiel nach heftigen Protesten aus christlichen und fundamentalistischer Kreisen abgesagt.

Abendmahl auf zertrümmerter Motorhaube

Regisseurin Claudia Bossard hat für ihre Messfeier den erratischen Text auf drei Personen aufgeteilt: Julia Gräfner gibt die Christus-Teufel-Engel-Dreifachbesetzung, ein jüngerer Mann, Pascal Goffin, und ein älterer, Stéphane Maeder, geben ihre wortkargeren Begleiter. Wenig überzeugend bezeichnet das Programm die Frau als Nuria und die Männer als religiöse beziehungsweise historische Zeugen. Bossard stellt eine kurze Szene ins Zentrum, in der sich der Teufel-Christus, begleitet von Bachs Matthäus-Passion, im rasenden Auto auf die Betonwand krachen lässt, um die Musik mal so richtig geniessen zu können.

Darum hat Konstantina Dacheva Autotrümmer auf der Bühne verteilt, drei Türen, eine Motorhaube, einen Sitz. Der Sitz wird später den perfekten Kreuzigungsort abgeben. Die Motorhaube wird als Picknickplatz fürs gemeinsame (Abend-)Mahl dienen. Es gibt eine Erdnussorgie – ist ja eh bloss alles 'Peanuts' – mit Tomatensauce als Blut- oder Weinersatz. Fauchend und furios spiesst García alles auf: Jesus' grausame Botschaften, die Ungerechtigkeiten dieser Welt, den Konsumterror, der Ersatzreligion geworden ist. Da predigt Christus dann: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich", da bleibt von der Bedeutung der grossen Helden nur das zweckfreie Selfie mit dem Unbekannten auf dem Denkmal, und da löst für ein paar Euros "das iPhone mit googlemaps" alle Probleme. Eine Geschichte gibt es nicht, lediglich Motive, die sich wiederholen, darunter der Humor und das Lachen, ohne das man das Leben nicht verstehe.

Todesträume in der Grabesgruft

Viel zu lachen gibt es für die Zuschauer allerdings nicht. Lediglich Pascal Goffin lässt in seinem Spiel immer wieder so etwas wie Spott oder Hohn durchblitzen. Manches versinkt in dem Furor, der keinen doppelten Boden zulässt. Texte wie diese sind rar geworden auf den Bühnen, zuweilen hört man sie gern, weil die Verhältnisse ja immer noch so sind, so beklagenswert und so zum Verzweifeln.

Erst gegen Ende holt der Abend noch einmal tief Luft. Nach Picknick, Todesträumen in der Grabesgrube, Lichterreihen und kleinem Gitarren-Geigenkonzert mit Musiker Moritz Achermann verbschieden sich die Herren türenknallend, und Julia Gräfner bleibt allein übrig. Furios greift sich der böse Teufelsengel einen Zuschauer, der passenderweise Raphael heisst, und startet mit seiner Hassrede gegen die Reichen. Wuchtig setzt Gräfner dabei ihren ganzen Körper ein und hebt die Inszenierung mit Hilfe von Discokugel, Grossgesang und seelischer Erbauung endgültig aus dem Jammertal, in das sie mit soviel Gewüte beinahe gesunken wäre.

 

Picknick auf Golgatha
von Rodrigo García
Regie: Claudia Bossard, Bühne: Konstantina Dacheva, Kostüme: Anne-Sophie Raemy, Musikkomposition: Moritz Achermann, Dramaturgie: Sabrina Hofer.
Mit: Julia Gräfner, Pascal Goffin, Stéphane Maeder.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.konzerttheaterbern.ch

 

Kritikenrundschau

García wisse, dass seine Brandrede den Lauf der Welt nicht ändern werde, bereits Jesus musste diesbezüglich seine Erfahrungen machen, schreibt Brigitta Niederhauser im Bund (5.4.2015). Claudia Bossard verteile Garcías 70-minütigen Monolog auf drei SchauspielerInnen, lasse sie in ganz unterschiedlichen Figuren auftreten, jede bleibe allein und in Garcías Gedanken gefangen. "In Bossards Inszenierung werde allerdings die Wucht des Textes mit zu viel Aktionismus und Ironie abgefedert." "Wahrlich ich sage euch, wer keinen Humor hat, versteht nichts vom Leben", heißt es zwar auch bei García, doch zu viel Spott bekommt seinem Text nicht, weil er in seiner ganzen verzweifelten Dringlichkeit gehört werden will.

 

 

 
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