Ein dickes "Wow"

von Steffen Becker

Mannheim, 12. Juni 2015. Zum Auftakt der Schillertage mit der Premiere von "Die Räuber" begrüßt das Nationaltheater Mannheim seine Besucher mit der Optik eines Möbeldiscounters. Farbflächen, auf denen einem in Form von Schnäppchen-Schildern unzählige "Wow" und "Amazing" entgegenspringen. Dass es auch im Theater knallig werden wird, dafür trägt Regie-Enfant terrible Calixto Bieito Sorge.

Übervater als hilfloser Mann

In Mannheim verzichtet er auf das von ihm bekannte Sensationsgeheische, stattdessen geht er unter die Pathologen. Seine "Räuber" entkleidet er ihres gesellschaftspolitischen Fleisches. "Ich wollte sie nicht auf die Straße stellen und fragen, für welche Revolution sie heute stehen", schreibt er im Programmheft. Stattdessen stellt er die Knochen eines Familiendramas auf die Bühne.  Ihn interessiert der zeitlose Terror des Zwischenmenschlichen. Die Geflechte von Hingabe, Zurückweisung, Begierde und Rache legt er mit Schauspielern bloß, denen es gelingt, im Karacho der stark gerafften Fassung die Vielschichtigkeit ihrer Rollen zu zeigen. Alle haben legitime Wünsche, keiner ist nur Held oder böse. Bieito stellt das deutlich heraus. Die Schauspieler bleiben so realistisch, dass man unwillkürlich in den eigenen Familiengeschichten nach Entsprechungen sucht. "Familien, auch wenn sie nicht mehr dieselben sind wie im im 19. Jahrhundert, verändern sich nicht so enorm", sagt Bieito. Stimmt. Diese Interpretation der Räuber macht er mit starken Bildern deutlich.

Der Vater ist ein Koloss von Mann, der auf einer großen Bühne (Kathrin Younes) in einem engen Käfig hockt und aus den Konventionen seines Denkens nicht auszubrechen vermag. Jacques Malan zeigt in der Gestalt eines Übervaters einen hilflosen Mann. Herrschaft markierende Präsenz, aber nur bekleidet mit Unterhemd. Ein Vater, der seine Kinder in eine bestimmte Richtung lenken will - und sie dadurch aus der Bahn wirft. Wie nebenbei verprügelt er seinen ungeliebten Sohn Franz mit einem Gürtel. Der wird dadurch nicht besser, nur bösartiger. Seinen Liebling Karl verstößt er, weil er den Familiennamen beschmutzt sieht. Der ist zum Schluss dahin. Malans Vater verfällt darüber, sein Scheitern drückt ihn buchstäblich auf den Bühnenboden.

die raeuber1 560 Hans Joerg Michel hBemitleidenswerter Wicht Franz mit Schönheit Amalia und gräflichem Übervater: Katharina Hauter, Sascha Tuxhorn, Jacques Malan  © Hans Jörg Michel 

Schönheit mit Cello

Auch Amalia, die Liebe von Karl Moor, wird von Regisseur Bieito optisch klar geführt. Zu Anfang sitzt sie im rosa Kleid mit einem Cello auf einer ansonsten monochrom gehaltenen Bühne. Eine Schönheit, deren naiv-bunte Träume nicht in eine graue Welt passen. Wie auch der Vater wird auch sie Opfer ihrer starren Vorstellung vom Leben an der Seite Karls. Katharina Hauter zeichnet sie ambivalent. Einerseits erfüllt von großen Gefühlen, auf der anderen Seite sehr auf Distinktion bedacht. Die Zurückweisung von Karls Bruder Franz unter der Regendusche fällt besonders demütigend aus - nach dem Motto 'warum sich auch mit einem Wicht abgeben, wenn man den Überflieger bereits sicher hat'.

Im Schatten des andern

Sascha Tuxhorns Franz löst hingegen phasenweise Empathie aus. Er bewegt sich in der Habacht-Stellung eines Menschen, auf dem immer schon herumgehackt wurde. Auf der Bühne steht er permanent unter Spannung. Seine Franz ist nicht kalt berechnend, sondern hin- und hergeworfen zwischen der ohnmächtigen Wut auf die Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt und dem Drang, es einmal allen zu zeigen. Gefühle, die jeder nachvollziehen kann, der oder die sich schon mal von einem überstrahlenden Vorbild herabsetzen lassen musste. Tuxhorn schafft es, dabei nicht zu überzeichnen. Sein Franz ist durch das Nachfühlen, das dadurch möglich wird, die größte Überraschung der Inszenierung. Und auch die optisch wandelbarste Erscheinung – Bieito kleidet ihn als Intrigant, der sich in einer zu großen Jacke versteckt. Dann nahezu nackt, entblößt, aber auch ohne moralischen Ballast während seiner Machtübernahme. Schließlich streift er sich den Herren im Rollkragen-Leibchen und Anzug über.

Trotz anstelle von Rebellion

David Müller als Karl gibt hingegen anfangs den zotteligen Checker mit Zigarre, bevor er als Räuber-Hauptmann zum Höhlenmenschen mutiert. Die klebrige Schlammschicht, die ihn überzieht, scheint Schuld und Abhängigkeit von seiner Horde zu symbolisieren. Bei Bieito erscheint die Hinwendung zum Raubrittertum allerdings nicht als Rebellion gegen das System. Eher wie eine Trotzreaktion, weil man nicht mehr Teil desselben sein darf. Bei den Räuberszenen hat er mit Blick auf seine Familienaufstellung allerdings stark gekürzt. Lediglich Julius Forster als Räuber und irrer Mord-Nerd und Boris Koneczny als Spiegelberg dürfen in diesem Handlungsstrang ein paar skrupellose Akzente setzen. Letzterer wirkt dabei so, als wäre das Koks seiner Figur keine Requisite.

David Müllers Karl wirkt dagegen wie ein Getriebener, der sehenden Auges in den moralischen Abgrund rutscht. Bei Bieito ist der noch tiefer als im Original. Bevor Karl Amalia tötet, weil er als Marodeur nicht zu ihr zurückkann und sie darob nicht weiterleben möchte, gibt er sie zur Vergewaltigung durch seine Horde frei. Man hat eine Schuld zu begleichen. Müllers Karl wirkt dabei weniger vom Gewissen gemartert als verärgert, dass alles anders gekommen ist als geplant.

Realität des Lebens

Das korrespondiert auch mit einer Videoprojektion, die sich als roter Faden durch die Inszenierung zieht. Zu Beginn sieht man ein Reh, bei dem man erst beim zweiten Hinsehen Blutstropfen erkennt. Karl redet dazu im Eifer und der Theorie vom Kastratenjahrhundert, das keine aufgeschnittene Kehle mehr sehen kann. Später wird dieses Reh in Großaufnahme ausgenommen. Die Gedärme springen einen an und verdrängen die Romantik des Waldlebens so schlagartig wie im Stück die Realität des Lebens die Vorstellungen der Figuren davon. Wie alles in der Inszenierung Bieitos ist auch das überdeutlich – und knallt rein. Hat sich ein dickes "Wow" der Schillertage verdient.

 

Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie: Calixto Bieito, Bühne: Kathrin Younes, Kostüme: Rebekka Zimlich, Video: Sarah Derendinger, Dramaturgie: Ingoh Brux.
Mit: Katharina Hauter, Julius Forster, Boris Koneczny, Jacques Malan, David Müller, Sascha Tuxhorn. Zwei Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Bieitos "Räuber" seien "kein großes Gesellschafts- und Freiheitsdrama, sondern eine düstere Familienhorrortragödie nach dem spanischen Hofzeremoniell", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (15.6.2015). Bieito habe aus dem Stück "ein 'poetisches Oratorium' machen" wollen, "und manchmal findet er tatsächlich große, schöne Bilder. Aber er hat keine Idee, was Freiheit jenseits der geschlossenen Gesellschaft Kleinfamilie bedeuten könnte, und so ist sein sonst so brachial emotionales Körpertheater diesmal nur eine zähe Abfolge von Frontal-Monologen und Bubenstücken im Halbdunkel." Halters Fazit: "'Räuber' ohne Räuber: Das ist Schiller-Pathos ohne Schillers Feuer, hohles Deklamieren."

In mancher Hinsicht seien Calixto Bieitos "Räuber" "eine Operninszenierung", meint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (15.6.2015). "Offensives Rampensprechen, gut ausgeleuchtete, statische Statistenschar, und es ist schon naheliegend von dem Rehbild auf Christoph Schlingensiefs verwesenden Bayreuther 'Parsifal'-Hasen zu kommen." Bieito präsentiere "zwei pausenlose, intensive Stunden lang das letzte Kapitel des Niedergangs einer Familie." Die Figur der Amalie rücke durch Bieitos Konzeption "vom anrührenden Rand ins Zentrum des Geschehens. Die Zermalmung ihrer Unschuld (...) ist praktisch das letzte, was noch zu tun blieb." Hoffnung gebe es hier keine. Bei aller Intensität hat Judith von Sternburg aber auch ab und an eine "Routine der Theaterbildfindung" gesehen.

Bieitos Inszenierung überzeuge "in ihrer neuen Sicht auf die Vater-Söhne-Konstellation des Dramas ebenso wie durch deren eindrucksvolle Umsetzung in starke Bilder", meint Monika Frank in der Rhein Neckar Zeitung (15.6.2015). "Von Vorteil für den spanischen Regisseur (...) war es, dass er Schillers genialisches Erstlingswerk viel unbefangener als deutsche Interpreten lesen konnte." Bieito habe "die im Text angelegte, bis in die Nebenrollen reichende Komplexität fast aller Charaktere in Schillers Stücken" erkannt und genutzt. "Ungewöhnlich auch, wie er und das von ihm hervorragend geführte Mannheimer Ensemble sich völlig frei von Ironie und ohne Scheu vor Leidenschaft, Pathos und überschießendem Sentiment auf die Sprache des Dichters einlassen, was hier keineswegs zum Rückfall in Opas steifes Deklamiertheater führt."

"'Die Räuber', frei von Sturm und Drang, Politik, Weltanschauung, gescheitertem Idealismus als schlichtes und doch sehr blutiges Familiendrama mit nur sechs Personen", das und mehr nicht habe es zu sehen gegeben, schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (15.6.2015): "Eine traurige Angelegenheit also." Das Konzept des Familiendramas verpuffe "Szene für Szene im Nebel. Zigarren, Wälder und Regen machen ihn wirkmächtiger als den Dunstkreis von Schillers Worten." Die "anfänglich starke Familienaufstellung" sei nur noch "irgendwie zu Ende inszeniert" worden. Langhals weiß aber auch Abhilfe: "Nähme Bieito im Jahr fünf Regieaufträge weniger an, könnte hier und da Großes entstehen."

 

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