Hinterlassene Spuren

von Jürgen Reuß 

Freiburg, 15. März 2008. Als Steine aus einem Mosaik, das einmal die Geschichte des 20. Jahrhunderts ergeben soll, beschreibt Regisseur Jarg Pataki seine drei biographischen Versuche, die am Samstag unter dem Titel "Fremdwerden I-III" in der Kammerbühne des Theater Freiburg Premiere hatten. In drei verschiedenen Darstellungsformen werden drei sehr unterschiedliche Formen des Fremdwerdens vorgestellt.

Dazu ist die übliche Aufteilung in Bühne und Publikum aufgehoben. Die Zuschauer drängen sich an eine der Längsseiten des Raums. Vielleicht sollen sie der Randposition in der Gesellschaft ein räumliches Pendant geben, von den aus die folgenden Geschichten erzählt werden. Auf Höhe der Bühne steht ein Stuhl, auf Höhe der Sitzstufen werden Videos projiziert.

Drei Biographien, drei Monologe

Den Anfang macht Aharon Appelfeld, verkörpert von Julius Vollmer, der sich in schneeweißem Anzug auf den Stuhl setzt und seine Lebensgeschichte erzählt. Von der Kindheit in der Nähe von Czernowitz, seinem Judentum zwischen streng gläubigen Großeltern, assimilierten Eltern und kommunistischen Onkeln. Von der Ermordung der Mutter, dem Transport ins KZ, der Flucht in die Wälder, das Überleben als völlig auf sich gestellter 9 bis 12-jähriger. Vom Übersiedeln nach Palästina, dem Studium in Jerusalem, dem Werdegang als Schriftsteller und Literaturprofessor.

Unterstützt wird der Schauspielermonolog von einem Video mit einem Interview, das das Regieteam mit Appelfeld in Jerusalem geführt hat, und Stimmungsbildern aus der Stadt. So glaubwürdig Vollmer den Appelfeld spielt, erweckt diese Mischung aus Doku und Schauspiel doch das Bedürfnis nach mehr Authentizität, und das kann der echte Appelfeld einfach besser erfüllen als ein Schauspieler.

Zwischen Schauspiel und Doku

Die zweite Biographie ist eigentlich keine Biographie. Nicht Albert Camus steht im Zentrum, sondern seine Romanfigur, der Fremde. Florian Schmidt-Gahlen schlüpft in seine Rolle und erzählt mal mehr, mal weniger dicht die Geschichte des Fremden, der gekommen ist, um seine Mutter zu beerdigen, einen Araber tötet und zum Tode verurteilt wird. Dazu filmt er sich und das Publikum mit einer Webcam. Dieser Teil hat es schwer. Er fällt aus dem biographischen Rahmen und bleibt blass. Zwar greift er das Thema Fremdwerden frontal auf, aber das Nacherzählen eines Romans wirkt im Rahmen so facettenreicher Lebensgeschichten blutarm, zumal Camus Leben sicher mehr zu bieten gehabt hätte.

Den Abschluss des biographischen Reigens macht Petra Kelly, der Höhepunkt des Abends. In diesem Teil klappt alles, was in den vorangegangenen nur angedeutet war. Der Einsatz von Video und das beeindruckende Spiel von Uta Krause erzeugen endlich dieses Quäntchen mehr, auf das man im Theater immer hofft. Die Videoeinspielungen kleben nicht am Biographischen wie bei Appelfeld. Der Einstieg erfolgt von außen über eine Tagung zum 60. Geburtstag von Kelly, die letzten November stattfand. Dort erfährt man, dass ihre Parteigenossen sie lebend nicht ertrugen, sie als Tote möglicherweise aber als Gründungsmythos und Parteiikone für vermarktbar halten. So spielt sie Uta Krause als Frau, die ständig gehetzt ist von unerfüllbaren Ansprüchen, die andere und vor allem sie selbst stellen.

Gefühl bekommen für den Sog der Geschichte

Auf geradezu beängstigende Weise steigert sich die Schauspielerin parallel zu Originalvideoeinspielungen in diese Rolle hinein, dass man als Zuschauer ein Gefühl dafür bekommt, in welchen Sog Kelly geraten ist und auch ihre Umgebung versetzt haben muss. Allein wegen dieses dritten Teils lohnt der Besuch dieser Inszenierung, die ihren Zuschauern mit einer Länge von vier Stunden schon einiges abverlangt.

Zu erwähnen ist noch, dass der lobenswerte Versuch des Theater Freiburg, sich in alle Teile des Stadtlebens zu verästeln, auch für diese Premiere weitergetrieben wurde. In den Pausen standen ein Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde und eine lokale Grünenpolitikerin zum Podiumsgespräch zur Verfügung. Allerdings fiel das eher in die Kategorie gut gemeint als gut gemacht.

  

Fremdwerden I-III
Regie: Jarg Pataki, Raum- und Videokonzept: Doris Dziersk, Dramaturgie: Arved Schultze. Mit: Uta Krause, Florian Schmidt-Gahlen, Julius Vollmer.

www.theater.freiburg.de

 

Mehr am Theater Freiburg in der laufenden Saison: Berge versetzen – eine theatrale Expedition für Sinnsucher, Die Nibelungen und Popeye, der Theatercomic.

 
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